Public Enemies (USA 2009)

Jede Zeit bekommt die Gangsterfilme, die sie verdient. Als Kulturpessimist müsste man spätestens nach Sichtung von Michael Manns Public Enemies zu dieser Erkenntnis gelangen. Amerikanische Gangster, das waren einmal die verzehrten Schatten der sozialen Mobilität, welche die nicht mehr ganz so Neue Welt ihren harmloseren Mitbürgern versprach. Ins Lächerliche zog der Lebensstil dieser Einwandererkinder das Ideal der calvinistischen Erwerbsethik der puritanischen Siedler einer nun zur Weltmacht mutierenden Heimat. Ihre meist gewaltsam abgebrochenen Biografien bildeten noch den Stoff für Geschichten. Mythen des gesellschaftlichen Erfolges mit allen Mitteln und wenn nötig auch über Leichen hinweg. Es war der Aufstieg in der Parallelwelt eines Syndikats, mit dem Wissen ständig im Hinterkopf, dass ihr Leben kurz, die Rückkehr in die bürgerliche Gesellschaft aussichtslos sein würde. Gangster. Einst gaben die eingeschlagenen Wege ihrer Narrationen Auskunft über die Beliebtheit von Wirtschaft, Finanzwelt und Regierung in der von großen und kleinen Depressionen geplagten amerikanischen Bevölkerung. Mit einem allumfassenden Gefühl, betrogen worden zu sein und dem Wunsch nach Schuldigen im Bauch, sieht man einen Helden, der dem System seinen Mittelfinger zeigt, mit ganz anderen Augen. Gangster waren Psychopathen, Kleingeister mit den falschen Freunden oder coole Actionhelden, die auch noch dem grausamsten Blutbad mit Popkulturdialogen im Munde entstiegen. Sie waren stilisierte Ikonen oder Ansporn realistischer Charakterisierungen.

Michael Mann hat sie in “Public Enemies” auf substanzlose Bilder reduziert. Es sind Bilder der Sterbenden und ihrer verlöschenden Augen. Ihr einziger Daseinsgrund besteht darin, den Schusswunden zu erliegen und uns Betrachter zum Zeugen ihres hochaufgelösten Todes werden zu lassen. In “Public Enemies” ist das Genre nur noch soviel Wert, wie es die zur Dominanz gebrachte Visualität seines Mediums erlaubt. Es gibt keinen Aufstieg und keinen Abstieg des John Dillinger (Johnny Depp), denn er ist nicht mehr und nicht weniger als das Fahndungsfoto, das er kurz vor Schluss betrachtet. Der Unterschied zwischen Dasein und Vergehen, das sind höchstens ein paar Buchstaben. Ein richtiges Leben kann man dieser Figur im Grunde nicht zuschreiben. Dillinger ist hier nicht einmal der Versuch eines Menschen aus Fleisch und Blut. Ebenso liegt die damalige Lebenswelt, ein auf dem Tiefpunkt angelangtes Amerika nach dem Börsencrash und vor dem New Deal, die historische Authentizität an sich, nicht im Interesse des Films. Eingefroren durch die dezidierte  High Definition-Sichtweise aus der Gegenwart, gestattet der Regisseur seiner Figur selbst einen Blick auf die eigene Zukunft-im-Film. Es ist natürlich der Blick auf einen Leinwand-Gangster. Nicht die Ironie der Geschichte findet man im verfilmten letzten Kinobesuch des Bankräubers, sondern dessen Selbstbestätigung.

Wie auch Soderberghs Che – Revolución verlässt sich “Public Enemies” auf seinen Hauptdarsteller, um zumindest die grundsätzliche Möglichkeit der Unterhaltung zu gewährleisten. Zwar spricht Dillinger im Gegensatz zu dem argentinischen Revolutionär primär durch seine Taten, doch gerade diese Herausforderung meistert Depp souveräner, als so manch andere, mit Charaktereigenschaften versehene Rolle. Depps Charisma und seine in diesem Film perfekt integrierte physische Präsenz gelingt das, worin Christian Bale als sein Gegenspieler Melvin Purvis  kläglich scheitert. Purvis ist nicht einmal ein Bild, auch nicht der mit Unsichtbarkeit geschlagene Beamte, allerhöchstens ein Neutrum, dem jeder durch das Drehbuch aufgezwungene Charakterzug ein störender Fremdkörper zu sein scheint.

Manns Stolperstein in diesem, erst am Ende zu seiner Größe findenden Versuch einer Bilderflut, mag im fehlenden Mut, kommerziellen Erwägungen oder der nicht abzuschüttelnden Gewohnheit, zu erzählen, liegen. Wo auch immer der Grund zu finden ist, Public Enemies bleibt Ausdruck eines fundamentalen Problems: Michael Mann hat “Heat” längst hinter sich gelassen, doch vom unbeirrten Avantgardismus eines Steven Soderbergh ist er zur Zeit ebenso weit entfernt. “Public Enemies” ist das Schwanken am Scheideweg. Ein Film, der sich in purer Visualität ergeben könnte oder in Erzählung, aber beidem unschlüssig gegenüber steht und deshalb dem Bild Dillingers mit Marion Cotillards Gangsterbraut inkonsequent einen Menschen mit Gefühlen und Eigenschaften an die Seite stellt. Den einzigen nennenswerten Charakter im ganzen Film.

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Jenny Jecke (28) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

15 comments to Public Enemies (USA 2009)

  • Jede Zeit bekommt die Gangsterfilme, die sie verdient.

    Nice! Für mich der Satz der Rezension. Eigentlich hättest du die Besprechung da schon beenden können, so viel steckt in diesen wenigen Worten über den Film drin. Der trifft es genau auf den Punkt. Warum ist der mir nicht eingefallen? ;-)

  • Ein wenig Optimismus für unsere Zeit und besonders die Zukunft des amerikanischen Gangsterfilms hege ich ja noch. Aber danke für das Lob!^^

  • Jede Zeit bekommt die Gangsterfilme, die sie verdient.

    Frei nach Romeros “Jede Generation bekommt die Zombiefilme, die sie verdient…”?^^

  • Den kenn’ ich noch gar nicht. Bin leider nicht gerade eine Romero-Expertin. Auf welche Filme hat er den Satz denn bezogen? Seine eigenen?

    …liest eigentlich jemand auch den Rest der Kritik?^^…

  • Ja, aber ich hebe mir den Film ja für die DVD Auswertung auf.;)

    Hat Romero mal in einem nettem Interview erzählt (Quelle mal wieder nicht mehr von mir auffindbar. Inakzeptabel, ich weiß.) Es ging natürlich um die neuen Zombiefilme, die er gar nicht so schlecht fand, auch wenn es für ihn nur Actionfilme sind. Nur die rennenden Zombies findet er albern.;)

  • Das ist ja geradezu traurig, dass wir die Zack Snyderitis verdient haben. :(

  • @ tumulder:
    Das Romero-Zitat kann man ja auch auf die gesellschaftlichen Allegorien in Romeros Zombiefilmen anwenden. Von Vietnamkrieg (“Night of the Living Dead”) über Konsumwahn (“Dawn of the Dead”) und Imperialismus/Klassengesellschaft (“Land of the Dead”) war alles dabei.

    @ Jenny:
    Zum Rest deiner Kritik ;-):
    Ich stimme dir bei deiner finalen Ansicht, dass sich Mann weder auf das Ausschlachten der Optik noch der Erzählung fokussiert, vorbehaltlos zu. Allein das stilisierte, ganz ordentliche Finale vorm Kino wäre richtig toll geworden, wenn man dabei optisch auf die Genrevorbilder geschielt hätte. So wirkt es wie eine Möchtegern-Nachahmung ohne Mehrwert.

  • “Allein das stilisierte, ganz ordentliche Finale vorm Kino wäre richtig toll geworden, wenn man dabei optisch auf die Genrevorbilder geschielt hätte. So wirkt es wie eine Möchtegern-Nachahmung ohne Mehrwert.”

    Wie meinst du das? Welche optischen Genre-Elemente haben dir denn gefehlt? Oder war’s wieder die Wackelkamera? An der hatte ich ausgerechnet im Finale gar nichts auszusetzen. Da hat sich Mann auch zurückgehalten.

  • Auch das Finale war noch leicht verwackelt und die Stilisierung mit der Zeitlupe und pathetischer Musik hätte eben auf “konventionellem” Filmmaterial richtig toll gewirkt. In “Public Enemies” wirkte das aber wie gewollt und nicht gekonnt. So wirkt es eben trotz allem immer noch billig. Wie die Fingerübung eines ambitionierten Filmstudenten, der durchaus Talent besitzt und viele Filme kennt, dem jedoch die allumfassenden technischen Möglichkeiten oder die Kenntnis, wann man sie einsetzen sollte und wann nicht, fehlen.

  • Nachtrag:
    Vielleicht ist das, was “Public Enemies” durch seine Digital-Optik von anderen Gangsterfilmen unterscheidet, in erster Linie nicht der neuartige Bildertypus selbst, sondern die mangelnde Möglichkeit zur Kontemplation, sich als Zuschauer in einer stilisierten Szene verlieren zu können. Und das funktioniert mit ruhigen, langsamen Einstellungen “großer” Kameras, aber nicht mit digitalem Filmmaterial und Handkamera.

  • Zur Kontemplation lädt der Film tatsächlich nur in bestimmten Momenten ein (z.B. bei den Sterbeszenen), aber das ist ein Problem von Kameraführung und Montage. Die Verhinderung der Kontemplation im Gangsterfilm selbst ist, denke ich, auch nicht neu. Seit den 90ern wurde das nur eben mehr über den Schnitt gemacht. Siehe Guy Ritchie und generell die Tarantino-Klone mit ihrer ADS-Erzählweise. Neulich bei Lucky Number Slevin habe ich das nach zehn Minuten nicht mehr ausgehalten.

    Ich würde mal behaupten, dass die HD-Optik selbst der Kontemplation nicht im Wege steht. Siehe Collateral.

  • Mich als wenig technisch bewanderten Menschen würde es mal interessieren, ob bei “Public Enemies” und “Collateral” nicht 2 verschiedene Verfahren zum Einsatz kamen. Aber auch daran würde ich es nicht festmachen. Wackeln = keine Kontemplation – Punkt! Oder standest du schon einmal vor einem Gemälde (ja, immer dieser bemühte Vergleich, ich weiß) und hast dann mit dem Kopf hin- und hergewackelt, als du dir es 2 Minuten lang angesehen und gedeutet hast? Wohl kaum.

  • HD und Wackeln gehören aber nicht zwangsläufig zusammen.
    (es gibt ja noch Stative. Die sind aber mittlerweile ein Geheimtipp, denke ich)

    Ich weiß nur, dass sowohl bei Collateral als auch bei PE HD-Kameras eingesetzt wurden. Soweit ich weiß, handelt es sich höchstens um unterschiedliche Modelle.

  • Echt schade! Das ist nun der x-te Film mit Christian Bale, der schlecht ist…

  • Ich mag den Bale überhaupt nicht und bei PE ist er fehl am Platz. So schlecht wie manch anderer denkt, ist der Film imo nicht, aber wohl kaum einer von Manns besten. So oder so leider enttäuschend. :(

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