2010: Odyssee durch ein Filmjahr

Es ist wieder soweit. Ein Jahr ist zu Ende gegangen, teils wehmütig, teils enttäuscht blickt man bei so einem Anlass zurück auf die vergangenen zwölf Monate und deren filmische Perlen und Langweiler. 2010 habe ich wie immer viel zu wenig neue Filme gesehen, was hauptsächlich an zwei großen Buchstaben lag: Einem M und einem A. Der folgende Rückblick ist deshalb wieder höchst subjektiv. Wie in den vergangenen Jahren auch, werden nur Filme berücksichtigt, die 2010 ihre Kino- oder DVD-Premiere in Deutschland gefeiert haben.


Meine 7 Lieblingsszenen 2010:

Lauter schwarz gekleidete Killer liefern sich in “Vengeance” im Mondlicht eine Schießerei, während Blätter auf sie herabregnen.

Harry und Hermine tanzen in einem ungewöhnlich erwachsenen Moment zu Nick Caves “O’Children” in “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1″.

Drei Männer treffen sich in einer Kirche in “The Expendables”.

Hanzo liefert sich in “Predators” einen Schwertkampf mit einem ebenbürtigen Gegner.

Will schließt die Verbindung zwischen Verfolgerlok und Güterzug in “Unstoppable”, während ihm kiloweise Getreide um die Ohren fliegt.

Die japanischen Soldaten feiern die brutale Eroberung Nanjings mit einer Parade in “City of Life and Death”.

Die OPEC-Geiseln erwachen im Flugzeug und merken, dass die Terroristen verschwunden sind, während Carlos in einer Limousine aus der Stadt kutschiert wird.

Die 5 besten Filme, die ich 2010 zum ersten Mal gesehen habe:

Accident

Syndromes and a Century

Seven Men From Now

Die Werkmeisterschen Harmonien

Stagecoach

Meine Entdeckung des Jahres:

Budd Boetticher

Meine Wiederentdeckung des Jahres:

Tony Scott

Der Trailer des Jahres:

Inception/The Tree of Life

Die Enttäuschung des Jahres:

Inception/Die Jenaer Kinolandschaft

Meine persönliche Top Ten des Jahres 2010:

10 Humpday

Dieser Independentfilm hätte ein größere Kinoauswertung verdient. Eine lebensnahe und erwachsene Komödie über eine Bromance ist “Humpday” und nicht nur ein Film über zwei Kumpels, die einen schwulen Pornofilm drehen wollen. Von der Prämisse sollte sich niemand abschrecken lassen. Mehr von mir dazu hier.

09 Unstoppable

“Unstoppable” ist ein schlanker, astreiner Actionfilm. Tony Scott beweist in einem seiner besten Werke der letzten Jahre, dass man für ein tagesaktuelles Spektakel nur drei Zutaten braucht: Einen Neuling, einen alten Hasen und einen außer Kontrolle geratenen Zug. Ein Schlag ins Gesicht der sterilen C.G.I.-Fraktion. (Kritik)

08 Mother

“Mother” ist vielleicht nicht der beste Film von Bong Joon-ho (“The Host”). Dass das Psychodrama um eine Mutter, die um jeden Preis ihren geistig behinderten Sohn vor dem Gefängnis bewahren will, trotzdem in dieser Liste landet, sagt einiges aus über die Qualität des Regisseurs aus. Dessen bester bleibt “Memories of Murder”. (Kritik)

07 Mary und Max

Dass Knetmasse zu Tränen rühren kann, konnte man schon nach Ansicht des tollen Kurzfilms Harvie Krumpet ahnen. Mit seinem ersten Spielfilm hat Adam Elliot nun all das war gemacht, was “Harvie Krumpet” versprochen hatte. Ein rührender Trickfilm, der sich vor den Realitäten des Lebens nicht scheut.

06 Ein Prophet

“Knallhart” ist das richtige Wort für diesen Gefängnisfilm, in dem aus dem jungen und unerfahrenen Malik durch die Parallelgesellschaft des Gefängnisses ein brutaler Krimineller geformt wird. Ob man den Film nun als Kommentar über das Einwandererland Frankreich liest oder nicht: “Ein Prophet” ist ein verdammt guter Genrefilm.

05 Der Räuber

Wo wir schon bei Genrefilmen sind: “Der Räuber” von Benjamin Heisenberg strotzt vor Energie und zeichnet das Bild eines Mannes, der von genau dieser bis in den drohenden Untergang getrieben wird. Visuell und v.a. auditiv ein echtes Erlebnis. (Kritik)

04 A Single Man

Colin Firth in der Rolle seines Lebens. Vielleicht bekommt er seinen verdienten Oscar für “The King’s Speech”, aber “A Single Man” ist und bleibt sein Film. Daran kann auch die um Aufmerksamkeit heischende Inszenierung von Tom Ford nichts ändern. Ob der Film, so gut er auch aussehen mag, ohne Colin Firth funktioniert hätte, ist fraglich. Die tolle Julianne Moore darf an dieser Stelle aber auch nicht vergessen werden.

03 Carlos

In 330 schnell vorüber fliegenden Minuten zeichnet Olivier Assayas die Wandlung eines Idealisten (war er je einer?) in einen Berufsterroristen, der in erster Linie eines sucht: Das Rampenlicht. Statt  nur von Lebensstation zu Lebensstation zu springen, gestaltet sich “Carlos” als eine Serie von set pieces, welche die Degeneration des selbstverliebten Schakals ohne viel Schickschnack darstellen. Edgar Ramirez (“Domino”) erweist sich als eine der schauspielerischen Entdeckungen des Jahres.

02 City of Life and Death

Lu Chuans grandiose und erschütternde Skizze des Massakers von Nanjing kam im Oktober heimlich, still und leise in Deutschland auf DVD und BluRay. Das qualifiziert den bei internationalen Festivals meist übersehenen Film zum Glück für diese Liste. Dass Lu diesen chinesischen Film aus Sicht eines japanischen Soldaten erzählt, ist nur eine der erstaunlichen Qualitäten von “City of Life and Death”.

01 The Social Network

Überraschung! Überraschung! Nach meiner Kritik sollte die Platzierung von David Finchers aktuellem Film niemanden mehr wundern. Zweimal habe ich ihn im Kino gesehen, zweimal haben Aaron Sorkins Dialoge, David Finchers souverän zurückgenommene Regie und die treibende Musik von Trent Reznor und Atticus Ross mich umgehauen. Kino, wie es sein sollte.

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Jenny Jecke (28) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

9 comments to 2010: Odyssee durch ein Filmjahr

  • Immerhin drei Übereinstimmungen mit mir, wer hätte das nach dieser epochalen Differenz beim Facebook-Film erwartet. Allerdings fand ich den Harry-Hermine-Tanz ziemlich panne und deplatziert. Viel Glück dann in der neuen Heimat Berlin!

  • avatar jenny

    Danke! ;)
    Mir hat der neue Potter mit Abstrichen gefallen und diese Szene hat ihn für mich auf eine andere Ebene gehoben. Es wurde ja bei jedem Teil gesagt “jetzt werden sie erwachsen usw.”, aber dieser typisch Yates’sche Realismus hat bisher noch gefehlt.
    Deine Nr. 1 habe ich übrigens noch nicht gesehen (wie so vieles), aber ich bin auch über die Überschneidungen schockiert. ;)

  • Bei “Humpday” fehlt das Wort “lassen” am Ende. Und streng genommen hast du den auch nicht 2010 gesehen ;-)…

    “Der Räuber” fand ich jetzt auditiv nicht so überwältigend, da ziemlich leise. Zumindest nicht abseits der tollen und mit Filmmusik versehenen Laufszenen.

  • avatar jenny

    Ups, wurde verbessert.
    Wann ich die Filme gesehen habe, ist eigentlich egal. City of Life and Death hab ich auch vor Ewigkeiten angeguckt. Hätte ich letztes Jahr eine Liste gemacht, hätten sich die Filme wegen ihrer fehlenden Kino/DVD-Starts trotzdem nicht qualifizieren können.

    Zum Räuber: Manchmal ist auch Stille ein auditives Erlebnis.

  • Deine Nummer 1 ist wohlwollend und zustimmend zur Kenntnis genommen; die Nummer 2 merke ich mir.

  • Zum “Räuber”: Naja, das ist dann wieder dieser Hyperrealismus der Berliner Schule, den Oskar Roehler so scheiße findet ;-). Meine Kritik kommt demnächst beim Manifest online – du darfst gespannt sein.

  • avatar jenny

    Das Hyperrealismus-Argument greift für mich bei Der Räuber nicht. Der ist pures Kino.

  • Berlin? Hab ich Berlin gehört? :)

  • avatar jenny

    Ja, hast du! Mach ein Praktikum bei den moviepiloten und wohn’ da. Idealerweise wird’s ein Dauerzustand. ;)

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