Fast & Furious Five (USA 2011)

Welches Franchise erreicht erst beim fünften Teil seinen Höhepunkt? Die “Fast and Furious”-Reihe zeigt uns, wie genau das gemacht wird. Nach den erfolgreichen Anfängen von Rob Cohen und John Singleton schien sie tot zu sein und niemand war in Trauerstimmung. Vin Diesel, der große Star der Serie – das macht uns auch Fast & Furious Five klar – war viel zu sehr damit beschäftigt, seine drei potenziellen Franchises in den Boden zu rammen (Riddick, F&F, xXx). Allein mit Paul Walker hätte die Reihe ebenso gut ins Direct to DVD-Land verschwinden können. Dann war da “Tokyo Drift”, der, mal abgesehen von einem Cameo, ohne die Stars der Vorgänger auskam. “Toyko Drift”, inszeniert von einem Indie-Regisseur namens Justin Lin, reduzierte die Serie auf ihren größten Schauwert (die Autos) und zeigte den untreuen Stars mit dem sich anschließenden Einspielergebnis einen deutlich sichtbaren Mittelfinger. Selbst ohne zugkräftige oder auch nur charismatische Hauptdarsteller rettete der Film sein Studio Universal davor, in den roten Zahlen zu landen. Driftende Autos an exotischen Schauplätzen hieß die Devise und sie ging so erfolgreich auf, dass die beiden verlorenen Söhne Paul Walker und Vin Diesel für den vierten Teil “Fast & Furious” zurückkehrten. Deswegen ist “Fast & Furious Five” eigentlich der rechtmäßig dritte Teil in einem Franchise, das zwischendurch sein vermeintliches Zentrum verloren hat. Andererseits kann man sagen, Fast & Furious Five sei der dritte Teil einer Reihe, die erst bei “Tokyo Drift” und unter der Regie von Justin Lin richtig an Fahrt aufgenommen hat. Mir gefällt letztere Deutung am besten, Fans der Figuren werden es wohl anders sehen.

Wie auch immer, der faktisch fünfte Auftritt der Autofetischshow ist der ultimative Fast & Furious-Film, der alle möglichen Teilnehmer der vorherigen Beiträge wieder vor der Kamera vereint sowie alles zuvor gesehene durch seinen unglaublichen Klimax in den Schatten stellt. Doch erst einmal zu den Formalitäten: Dominic (Vin Diesel) und Brian (Paul Walker) landen in Rio de Janeiro, wo sie die Einwohner der örtlichen Favelas von einem total fiesen Geschäftsmann befreien und dabei einen Haufen Kohle machen wollen. Doch der Special-Irgendwas Hobbs (Dwayne ‘The Rock’ Johnson) hat etwas dagegen und will Dom einbuchten. Dazwischen: Pläne, die Ocean’s Eleven alle Ehre machen würden, coole Sprüche von The Rock und Autos, Autos, Autos. In Sachen Objektliebe im Actionkino wandelt die ganze Reihe auf Pfaden des B-Films der 70er Jahre, in Sachen Körperlichkeit wehen die 80er durch die Wellblechhütten. Muskelbepackte Helden, wo man nur hinschaut und wem Vin Diesels Bizeps schon immer zu klein war, der bekommt diesmal Dwayne Johnson im Muskelshirt mit seinen ebenfalls aufgepumpten Kollegen von der amerikanischen Ordnungsmacht zu sehen. Vierrädrige Prachtkarren und eine altmodische Hypermaskulinität sind das Motto von Fast & Furious Five, der sich wie ein pickeliger Teenager einen Spaß daraus macht, dass ein wichtiger Handabdruck der Zielperson auf einem Bikinislip zu finden ist. Wie ist der da bloß hingekommen?

Der Multi-Kulti-Ocean’s Fourteen ist eine einzige Absage an alles, was im Mainstream-Kino ernst und nur irgendwie eines Subtextes verdächtig erscheint. Es ist der Jason Statham-Film, den Jason Statham nie gedreht hat. Das Spektakel sind die Körper und die Autos, keine gebrochene Seele, nirgends. Justin Lin ist der richtige Mann, um die Zuschauer mit den dürftigen Zutaten zu fesseln. Mit einem weniger kompetenten Regisseur hinter der Kamera, einem vielleicht, der noch mehr aus der Story (who cares?) herausholen wollte als notwendig, wäre Fast & Furious Five wahrscheinlich zum überladenen Langweiler geworden. Stattdessen weiß Justin Lin ganz genau, worauf es ankommt. Er wusste das schon zu “Tokyo Drift”-Zeiten: Set Pieces zusammengehalten durch Hubschrauber-Aufnahmen von Großstädten und amüsanten, aber bloß nicht zu gehaltvollen Dialogen. Die Stars, die ganze Meta-Explosion allein bei der Idee, das Vin Diesel gegen The Rock antritt, sind hübsche Beilagen, welche die Pausen zwischen den Actionszenen erträglich bis unterhaltsam machen. Um Schauspielerei ging es hier noch nie. Doch das Zugpferd bleiben die Schrottberge. Und was für Schrottberge türmt Justin Lin im Laufe des Films auf! Von der ersten Actionsequenz an lautet der stete Untertitel von “Fast & Furious Five”: Yeah, we’re really doing this! Ein Zwinkern angesichts der technischen Großmannssucht ist immer dabei, wenn ein paar Autos aus einem rasenden Zug geklaut oder das Finanzdistrikt von Rio de Janeiro für einen Heist in Schuttberge verwandelt wird. Das Zwinkern ist gerechtfertigt.

Auch wenn die ersten Absätze dieser Kritik es anders erscheinen lassen: Justin Lin hat die Franchise nicht vereinnahmt. Zumindest in seinen Studiofilmen lässt er nicht den Anschein eines Stils erkennen. Einige seiner visuellen Motive könnten ebenso gut aus CSI: Miami stammen. Mehr als das, was gerade im Frame zu sehen ist, sucht man vergeblich. Aber eben diese Frames, die auf einfachste Inhalte reduziert sind – Leute, die reden; Autos, die fahren – werden mit einer filmemacherischen Kompetenz zusammengefügt, die im modernen Actionfilm aus Hollywood Seltenheitswert besitzt. Vor zwanzig Jahren wäre er vielleicht einer von vielen Handwerkern gewesen. In Zeiten von CGI und shaky cams scheint der handfeste Ansatz von Lin und seinem Studio Universal als erfrischende Abwechslung. Fast & Furious Five, so generisch seine Struktur auch ist, hat atemberaubende Set Pieces zu bieten, die uns zur Abwechslung mal nicht in close-ups präsentiert werden. Nicht nur seinen direkten Vorgänger “Fast & Furious” lässt er damit weit hinter sich.


Zum Weiterlesen:

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Jenny Jecke (28) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

18 comments to Fast & Furious Five (USA 2011)

  • Dann guck dir lieber Fast Five an, sofern du Actionfilme magst. Über den kommt hier noch ein Text, der alle Welt schockieren wird.^^

    Bin schockiert uns schau ihn mir an. ;)

    Wenn ich mir allerdings deine herzerfrischende Begeisterung für zu Schrott gefahrene Autos durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, ob es klug wäre, dir jemals ein Auto “mal kurz” zu leihen ;)

  • Du bist doch irre! Hast du eigentlich Death Race gesehen, als den Statham?

  • avatar jenny

    @Sieben Berge: Da ich keinen Führerschein habe, wäre das tatsächlich keine gute Idee. ;)

    @JMK: Death Race hab ich gesehen, fand ich nicht so doll. Fast Five ist besser inszeniert. Da kommt Paul W.S. Anderson nicht ran.

  • okay, dann guck ich mir den vielleicht auch mal an.
    Wobei DR schon sehr gut mit Videospiel-Elemnten spielt

  • avatar vannorden

    Stand heute vor der DVD von “Domino” und habe mich gefragt, wen soll hier noch irgendwas schockieren. (;
    Vor allem wenn es um muskulöse Sprücherreiser geht, die Auto schrotten … wem Läuft da nicht der Speichel das Kinn runter.

  • avatar jenny

    Mit der Tony Scott-Leidenschaft habe ich offensichtlich meinen street cred verspielt. Sabber!

  • avatar vannorden

    Ich dachte mit nem eigenen Block kann man auf der Straße punkten. :P

    Außerdem denk ich, jetzt Tony Scott cool zu finden, ist irgendwie wie wenn man sagen kann: Edgar G. Ulmer … och, den fand ich schon immer knorke.

  • avatar jenny

    @vannorden: Mensch, ich muss endlich mal Detour gucken.

  • avatar vannorden

    Oh ja, geiles TEil. Wie in der Ulmerdoku gesagt wird, danach fühlt man sich richtig dreckig. Großartig.

  • avatar jenny

    @vannorden: Von ihm kenne ich nur Menschen am Sonntag, aber da haben noch andere mitgewerkelt.

  • avatar vannorden

    Ich hab mich auch mit Guido Kirsten aus der Jury vom cellu l’art unterhalten und da sind wir auch bei Ulmer und “Menschen am Sonntag” gelandet. Und während ich ihm Ulmer ans Herz legte, hat er mir wärmstens Siodmak empfohlen (sein Tipp: “The Killers” besonders, aber eigentlich alles aus der Zeit), von dem ich bisher noch gar nichts sah. Hab mir jetzt “The Dark Mirror” angesehen und das ist ziemlich geil. “Menschen am Sonntag” war echt mit talentierten Leuten überfüllt. Muss man mal sagen.

  • avatar jenny

    The Killers ist ganz groß und besser als das Remake mit Lee Marvin. (die beiden gibt’s in der Thulb als DoppelDVD) Von The Dark Mirror war ich dagegen latent enttäuscht, was aber eher an der böser Zwilling-Handlung lag.

  • @vannorden: Is’ jetzt fürchterlich off-topic! “The Dark Mirror” habe ich in einem früheren Leben mal besprochen, weil ich zeigen wollte, wie sich die brave Melanie aus GWTW entwickelte. Vielleicht revidiere ich das Ding bei Gelegenheit für mein Blog. – Wenn ich dir aber einen von Siodmak’s dunklen Thrillern aus tiefster Seele empfehlen kann, dann ist es “The Spiral Staircase” (1945). Solltest du (:schmunzel:) auch nur halb so sensibel wie jenny sein, wirst du zwei Nächte lang unter Albträumen leiden – bei einem derart alten Film!

  • avatar vannorden

    @Jenny: Leider kann ich ja nichts mehr in der Thulb leihen, muss ich mal sehen, wen ich hinschicke für mich. Und die Zwillinge fand ich sogar gut gelöst. Also auf Seiten der Handlung waren die Zwillinge schon kurz vor lächerlich (ihre Aussagen bei den Rorschach-Test,ihr Verhalten gegenüber dem Psychologen usf., aber von der Inszenierung war das toll gemacht. Alleine die Namensschilder … der Hammer.

    @WoKnows: Ob ich das meiner labilen Seele antue? Sicher! Und ich mag ja tatsächlich Alpträume. Das DVD-Cover der us-amerikanischen DVD ist auch mal seeeehr vielversprechend. Guck mir mal an.

  • Justin Lin, der Indie-Regisseur? Hab ich was verpasst?

    Ansonsten bin ich, wie immer scheinbar, weniger euphorisch als du (obschon mich der Film gut unterhalten hat). Mir gefiel das Zusammenspiel dieser vielen Figuren, die eine Chemie erzeugen, von der sich all die Brad Pitts und George Clooneys in ihren sterilen OCEANS-Filmen eine Scheibe abschneiden können. Allerdings ist der Film in meinen Augen eindeutig zu lang geraten, diese exaltierte Mise en scene der Action-Szenen, die wirklich so lange gemelkt werden, bis das größer, höher, weiter in der Stratosphäre angelangt ist (allein das Finale dauert ewig an, ohne einen Wechsel in seiner Stuktur zu produzieren). Im Grunde lässt sich das über jedes der Action-Sets sagen (wobei in der Tat erfreulich ist, dass diese auf die CGI-Lastigkeit eines A-TEAM verzichten).

    Ich mag die Reihe sehr gerne, erachte den 4. Teil insgesamt jedoch als homogener als es der 5. nun ist. Von einem meilenweiten Abstand zwischen den jüngsten beiden Sequels würde ich selbst folglich Abstand nehmen. Scheinbar ist der Film, den wir zwei mal gleich sehen/einschätzen, wohl immer noch in der Pre-Production :-)

  • avatar jenny

    Justin Lin hat mit einem Indie-Film (Better Luck Tomorrow) angefangen, was im Actiongenre heutzutage nicht selbstverständlich ist und auch nach Tokyo Drift noch einen gedreht (Finishing the Game).

    Mir hat im übrigen gerade die exaltierte Mise en Scene der Actionszenen gefallen. Natürlich ginge es gerade beim Finale noch abwechslungsreicher, aber gelangweilt habe ich mich nicht. Zu lang ist der Film trotzdem, da hast du recht. Vin Diesels love interest hätten sie ebenso gut rausschneiden können, da Letty sowieso unersetzbar ist. (was man auch im Abspann merkt)

    Ich mochte die Reihe vorher überhaupt nicht und war vom Vorgänger dann auch enttäuscht, als ich ihn nach der PV angeschaut habe.

    P.S.: Konsens ist laaaaaangweilig. ;)

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