How about a catch-44? – Ein paar Gedanken zu Veep von Armando Iannucci

Julia Louis-Dreyfus in VeepEs gäbe ein faszinierendes Triple Feature, wenn einer es wagen würde, The West Wing, Battlestar Galactica und Veep hintereinander zu schauen. Es gäbe wohl auch Grund zum Besuch beim Psychiater oder zum Verfassen einer Dissertation über die Darstellung politischer Prozesse in US-Serien seit der Jahrtausendwende. Was das schlimmere Schicksal wäre, darf sich jeder selbst aussuchen. Ist The West Wing eine Serie über politische Wunschträume und BSG eine über deren Hindernislauf in der Realität, dann beobachtet Veep das Leben nach dem Zerschellen derselben auf dem Boden der Tatsachen.

Es fängt schon an beim Titel der Serie. Veep (Vice President) ist das Gegenstück zu POTUS (President of the United States) und bezeichnet die Position von Selina Meyer (Julia Louis-Dreyfus), die eigentlich vielmehr wollte, aber aus nicht ausgeführten Gründen mit der Position des Vize abgespeist wird (es ist ja, wie vieles in der Serie, eigentlich egal). Veep und POTUS und all die anderen Fachbegriffe bedeuten in Veep gar nichts mehr. Sie werden ebenso achtlos herumgeworfen wie die Fucks, weswegen der ewig protzende Jonah, der jedes Mal, wenn er ans Telefon geht, ein “Jonah, West Wing” in die Leitung posaunt, eine solch lächerliche Figur ist. Nicht, weil sein übersteuertes Ego nur von seiner an die nicht vollendete Pubertät gemahnenden schlacksigen Statur überboten wird, sondern weil dem, worauf er sich soviel einbildet, längst keine Bedeutung mehr innewohnt.

Das Leben in einem postidealistischen Zeitalter verfolgt Veep aus der Sicht eines modernen Sisyphos mit Namen Selina. Ihre Parteizugehörigkeit wird nie ausgesprochen, weil Politik in Veep nicht mehr ist als die ziellose Reaktion auf andere ziellose Reaktionen. Über acht Episoden hinweg verfolgen wir, wie Selinas Clean Jobs Initiative, ihr politisches Erbe um des Erbes willen, bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert wird, um durchgesetzt zu werden, was die Verantwortliche wenig bestürzt, denn um Inhalte geht es hier schon lange nicht mehr. So ist das der Willkür von POTUS anzulastende Scheitern der Initiative weniger eine Niederlage, weil Monate der Arbeit verschwendet wurden. Der Ersatz (eine Initiative gegen Fettleibigkeit) ist ihr auf Grund ihrer früheren Gewichtsprobleme schlicht unangenehm (“You don’t masturbate in the subway, do you?”).

Die eintönigen Zimmer des Büros der Vizepräsidentin bilden die Kulisse einer Serie über die Zwecklosigkeit allen Strebens nach Veränderung (No, we can’t!), über lauter Fremde, die sich ihrer absurden Situation nicht bewusst sind, weil sie das Streben nach Sinn vor langer Zeit aufgegeben bzw. nicht gelernt haben.

Veep ist aber auch eine neue Generation der Office Comedy, in der David Brent nie zu sehen ist. Das Warten auf Godot, der Running Gag der Show (“Did the president call?”), scheint die einzige Daseinsberechtigung des Veeps. Das, was die Serie trotz all ihrer Komik (und es gab selten eine Show, die soviel so unterhaltsam und nuanciert in so kurzer Zeit erzählt hat) derart bitter erscheinen lässt, ist die Gewissheit, dass Selina, sollte sie einmal die Abkürzung wechseln, ihren Veep ebenso wenig anrufen würde. Und alles ginge wieder von vorne los.

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Jenny Jecke (28) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

2 comments to How about a catch-44? – Ein paar Gedanken zu Veep von Armando Iannucci

  • Jop, schöne Serie. Und schön, mal wieder was von dir zu lesen. Bis auf vannorden war es ja zuletzt sehr still hier.

  • Leider wird’s hier ganz schön ruhig, da sich die Texte auf mp und agm verteilen. Ich versuche aber, dem mit ein paar kleineren bzw. frei geschriebenen Posts (wie oben) entgegen zu wirken.

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