Ausflug ins Insektarium – Red Angel (J 1966)

Schwarz-Weiß können die Bilder kaum genannt werden. Schwarz-Dunkelgrau trifft es eher. Selbst wenn in Red Angel die Sonne scheint, ist die Leinwand wie von Schmutzrückständen bedeckt. Lediglich die weißen Verbände oder Ärztekittel leuchten aus der Düsternis der Bilder. Der Blick auf den japanisch-chinesischen Krieg ist der Blick in einen Abgrund, in einen dunklen, enigmatischen Krater. Mit stöhnenden und schreienden Körpern überfüllte Krankhäuser und Lazarette bilden den ständigen Hintergrund des Geschehens. Das schummrige Licht gibt einem gerade so viel zu erkennen, dass dieses verworrene, undurchdringliche Regen der Glieder von einem Loch voller Insekten unterschieden werden kann. Der siebente Kreis der Hölle scheint um die Ecke zu liegen.

Krankenschwester Nishi Sakura (Wakao Ayako) wird 1939 an diesen verdammten Platz versetzt. Oder vielmehr sind es zwei Plätze: das Armeekrankenhaus weit hinter der Front und ein Feldlazarett direkt hinter der Linie. Während das Grauen in Ersterem eher dezent und unterschwellig daherkommt, ist es im Zweiten unerträglich in seiner Deutlichkeit. Regisseur Masumura Yasuzō lässt seine Hauptdarstellerin zwischen diesen beiden Polen pendeln. Immer wieder erhält sie die Möglichkeit, sich von der Front zu erholen. Immer wieder sucht sie nach Wegen, das Erlebte geistig gesund zu überstehen. Einen Sinn scheint sie nur in hingebungsvoller, selbstverleugnender Hilfe zu finden. Sie wird zum titelgebenden roten Engel. (Akai tenshi, so der Titel im Original, wurde im Österreichischen Filmmuseum als „Der rote Engel“ gezeigt, aber da es bisher zu keiner deutschen Veröffentlichung kam, verwende ich weiter den englischen Titel „Red Angel“)

Für die Soldaten im Krankenhaus ist sie nur ein Stück Fleisch, ein Objekt für ihren irren, verzweifelten Eros. Die Berichte von chronischen Dauererektionen in den Lazaretten der Weltkriege macht Masumura zur fürchterlichen Realität. Gleich zu Beginn wird Nishi vergewaltigt … ohne Konsequenzen für den Täter. Womit soll dieser auch noch bestraft werden? Doch sie akzeptiert die Umstände.  Durch den Schmerz der Anderen verliert sie den Blick auf sich selbst. Oder kann sie ihre Identität nur durch Helfen und Vergeben retten, durch das Hintenanstellen der eigenen Empfindungen? Jedenfalls versucht sie diesen erbärmlichen Teufeln etwas Erlösung zu verschaffen, physisch und metaphysisch. Aber retten kann sie niemanden, die einen sterben, die anderen dürfen nicht nach Hause zurück, weil Krüppel, die Kriegsmoral untergraben würden. Die Welt (des Krieges) widersteht Nishis Rettungsversuchen. Die Welt (des Krieges) schaut auf alle herab und zerdrückt sie wie Insekten zwischen den Fingern.

Doch das wahre Grauen wartet an der Front. Dort liegen Unmengen an Verwundeten einfach rum, Unmengen werden unaufhörlich angeliefert und da keine Zeit und keine Medizin vorhanden sind, wird schlicht und einfach amputiert. Unaufhörlich amputiert. Die Gliedermasen stapeln sich schon in überfüllten Fässern. Doch Masumura braucht keine Bilder, um den Schrecken einzufangen. Sein Sounddesigner Tobita Kimio unterlegt alles mit markerschütternden Stöhnen, Schreien, Ächzen, Schluchzen, Knacken und Sägen. Das, was die elegisch dahin schwelgenden Bilder an Explizität doch noch vermeiden, das bringt der Ton um so deutlicher ins Bewusstsein. Statt zu zeigen, lässt Red Angel die Phantasie walten. Und das nicht zu knapp.

Entmenschlichter und aufreibender wurde Krieg vielleicht nie dargestellt. Das Würgen der Cholera-Infizierten, die Schreie des unfassbaren Schmerzes, die Verrohung des Menschen, das magische Schwarz des Blutes (wie lächerlich würde rot an dieser Stelle wirken). Und trotzdem ist Red Angel wunderschön. Masumura erhebt nie den Finger. Er zeigt das persönliche Leiden Nishi Sakuras in einem enigmatischen Kunstwerk, das alle Grenzen des gezeigten hinter sich lässt. Es geht nicht darum zu zeigen, das Krieg fürchterlich ist. Es wird nach Erklärungen gesucht, wie Menschen unter solchen Bedingungen existieren können, wie sie weiterhin Glück empfinden können, wie sie vor der sie umgebenden Hölle bestehen können. Er zeigt eine Frau auf der Suche nach Rettung … für sich und alle anderen. Eine Hölle, in der sich Nishi in einen morphiumsüchtigen Arzt verliebt. Einen Arzt, der ihr Hoffnung, verzweifelte, unerreichbare Hoffnung schenkt. Wenn sie ihn trifft ist die Szenerie von getragener barocker Musik untermalt. In dieser Musik liegt alles, was den Film ausmacht: Schönheit, Geborgenheit, Resignation und Tod.

Robert Wagner (35) redet nicht viel. Geht es um Filme, kann man ihn aber kaum stoppen... das Krümelmonster des Films. Statt weiter die Krümel der Filmgeschichte auf seinem Pulli zu lassen, teilt er sie nun mit euch.

7 Antworten auf „Ausflug ins Insektarium – Red Angel (J 1966)“

  1. He, he! Also wurdest auch du von der japanischen Mafia gezwungen, einen Masumura zu besprechen. :) Und wie ich einen mit Ayako Wakao,unter deren Wesen der Regisseur Höllenqualen litt. – Interessant: Meiner stammt aus dem Jahre 1965, und ich hechelte in meiner Besprechung sogar nach „Akai tenshi“. Eigentlich nicht sehr nett von der Mafia, dass sie dieses Mal dich berücksichtigt hat – wo doch auch ich den Regisseur in höchsten Tönen lobte.

    Mit anderen Worten: Cheers, Mate! :) Spannende Besprechung, die hoffentlich dafür sorgt, dass Masumura noch bekannter wird.

  2. Ich bin vor vielen Jahren der Japan-Mafia beigetreten, weshalb ich eher andere zu ihrem Glück zwinge. (Ich würde gern noch mehr über japanische Filme schreiben, aber es ist so schwer den Zauber und die Beklopptheit dieser Filme einzufangen)
    Deinem Text damals verdanke ich übrigens die Erkenntnis, dass Masumura nicht noch so ein Pink-Regisseur war (hatte bis dahin „Blind Beast“ und „Irezumi“ gesehen und wußte noch nicht so richtig, was ich mit ihm anfangen sollte). Leider habe ich „Seisaku’s Wife“ noch nicht gesehen, wieder mal bist du mir durch deinen virtuosen Kenntnisse der französischen Sprache vorraus (nehme ich mal an). Welche Vertreter der Mafia zwangen dich eigentlich, wollte ich schon immer mal wissen? Denen tute ich dann mal, dass du wieder etwas Daumenschraub…Aufmerksamkeit brauchst.

  3. Sie wollen nicht genannt sein, die Mafiosi, und ich könnte ihre Namen auch nicht aussprechen (Izomagasaki, Berlusconi etc.). Versuch doch mal herauszufinden, ob „Seisaku’s Wife“ nicht auch mit englischen Untertiteln zu finden ist. Er dürfte sich ähnlich wie „Red Angel“ lohnen: Ist das gleiche Jahrzehnt, und wir haben es ebenfalls mit einem Historienfilm zu tun – Auf jeden Fall finde ich es schön, dass Masumura mehr und mehr entdeckt wird, obwohl ich eigentlich kein Japan-Kenner bin.

  4. Hach, ich würde so gern mehr von diesen Filmen sehen, aber man braucht immer eine gewisse Grundkondition dafür. Und die herrscht in mir leider in letzter Zeit so selten vor. Es warten noch so viele vielversprechende Titel auf dem Guck-Mich-Stapel. *schnief*
    Habt ihr da einfach mehr Bock drauf als ich, oder habt ihr beruflich nicht so viel mit dem Kopf zu tun?

  5. Naja, das Letzte ist etwas schwierig, aber meine Erfahrung ist eher, wenn ich von körperlicher Arbeit nach Hause komme, bin ich k.o. und kann keinen Film mehr sehen, während geistige Arbeit/Streß mir eher Lust macht, einen zu schauen.
    Zum Ersten (Bock) muss ich sagen, dass ich gerade recht obsessiv meine Liste abbaue. Hab vor nem halben Jahr „I Fidanzati“ gesehen und seit dem bin ich vom Medium Film mehr begeistert denn je. Was diverse Gründe hat, aber habe gerade einen unstillbaren Durst. Heute ist auch Melodramen-Tag auf 3 Sat und gerade läuft „Verdammt sind sie alle“ (der erste den ich kenne, weshalb ich gerade Pause mache) und es ist seit um 8Uhr der Erste den ich nicht anschaue.
    Neu DVDs lasse ich auch im meinen Regal etwas weiter rausragen als die anderen, was mich auch so sehr stört, dass ich sie so schnell wie möglich gucken möchte (:

  6. Und noch ein wunderschöner Text zu einem tollen Filmemacher. Ich hatte ja mit Akain tenshi so meine Schwierigkeiten, weil mir beim Sichten der Film einfach nicht dreckig genug war (und sich mir das ästhetisieren in diesem Kontext nicht ganz erschloß). So wie du das beschreibst, macht es aber alles sinn (und seeehr viel Lust den Film nocheinmal zu gucken). Da ich dieses Semester ein Seminar zum japanischen Film der 60er besuche, und noch ca. 50 ungesehene Japaner aus dieser Zeit gucken möchte die bei mir herumschwirren, werde ich mir diesen Masumura vielleicht auch nochmal genehmigen. Ich glaube, nachdem ich KISSES gesehen hatte, konnte mich von Masumura danach (verständlicherweise) nichts mehr so völlig umhauen.
    Aber wenn ich jetzt den Film mit deinem text vor meinem geistigen (und körperlichen) Auge nocheinmal durchgehe und wirken lasse, scheint vielleicht doch ein neuer Lieblingsfilm auf eine Zweitsichtung zu warten. Danke dafür.

  7. Den KISSES habe ich noch gar nicht gesehen. Der hat sich etwas wie CRUEL STORY OF YOUTH bzw. NAKED YOUTH (wie auch immer) von Oshima angehört und der ist gut, aber noch nicht so umwerfend wie seine Filme nach. Da es KISSES aber gerade für 6£ bei amazon gibt, werde ich den wohl nachholen. Der Text aus dem Heft des Wiener Filmmuseums zur Masumura läßt auch großes erwarten. Ich bin gespannt.
    „ein Seminar zum japanischen Film der 60er“, ich bin ja so voller Neid. Obwohl, vll ist das dann ja trist. Aber troztdem.

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