Das wiedergefundene Kino – Il Cinema Ritrovato – XXVI edizione 2012

Und nun … Trommelwirbel … das filmische Resümee. Ich habe letztes Jahr 17 Filme gesehen bis ich gehen musste. Diesmal waren es 26 und wieder musste ich vorzeitig die Zelte abbrechen. Und auch wenn vielleicht eine ultimative Offenbarung wie Am blausten aller Meere aus dem letztes Jahr fehlte, war dieses Jahr nochmal großartiger. „You have a beautiful town. And one of the best festivals in the world” sagte John Boorman dem Publikum auf der Piazza und hatte mehr als Recht. Was gab es also? Hier eine Top Eleven und der Rest:

11. Der Dieb von Bagdad (USA/1924)

Wie letztes Jahr wird die Top Liste vom Thief of Bagdad eröffnet. Und auch wenn gerade Powell das Remake von 1940 mit großartigen Bildern in mein Gehirn zu brennen wusste, so ist das Original von und mit Douglas Fairbanks vielleicht die bessere Version, wenn auch knapp. Gerade Fairbanks, der in den Jahren davor in den Rollen von Zorro, D‘Artagnan und Robin Hood zu Hollywoods bedeutendsten Abenteuerhelden aufstieg, macht riesig Spaß. Der zum Entstehungszeitpunkt des Filmes schon 40-41-jährige Schlingel brennt förmlich. Mit jugendlichem Übermut springt er akrobatisch durch den Film und macht ca. 435 Zwischentitel überflüssig, weil er den Begriff overacting ad absurdem führt. Das geklaute Essen schmeckt ihm, also reibt er sich mit der Hand in riesigen Kreisen über den Bauch und grinst genussvoll. In einer besseren Welt würden wir alle so reden. Aber auch Regisseur Raoul Walsh, der ziemlich spät zu diesem Projekt stieß, lässt sein Talent an allen Ecken aufblitzen. Naives Abenteuer at its best.

10. Der merkwürdige Monsieur Victor (F 1937)

Gerade Langs Noir Filme (Fury und mit Abstrichen Mabuse und M) dienen oft als Referenz für diesen Krimi von Jean Grémillon über Schuld und die Abgründe hinter einer ehrenwerten Fassade. Doch für mich (und vll. auch die Chefin) wird er auf ewig eine Vorwegnahme von Citizen Kane sein. Donald Richie hat mal erzählt, dass er, als er Letzteren zum ersten Mal sah, dachte, der Vorführer sei betrunken und würde die Rollen in komplett falscher Reinfolge abspielen. Ich weiß nicht ob der Vorführer in Bologna betrunken war, tatsächlich spielte er aber die vierte vor der dritten Rolle. Dadurch, dass die Geschehnisse vor dem 7 jährigen Zeitsprung in der Geschichte fehlten, entwickelte L’étrange monsieur Victor zusätzlich Spannung. Eine aufregende Ellipse entstand, die erst aufgelöst wurde, als der Zuschauer schon ahnte, was passiert war. Ein äußerst gelungener Fehler.

9. Leuchtturmwärter (F 1929)

Leider habe ich viel davon verschlafen. Vielleicht ein Drittel des Films. Gardiens de phare (so der Originaltitel) basiert auf einem Theaterstück, aber Drehbuchautor Jacques Feyder übersetzte das ganze Stück in Film. Für ihn bedeutete das, fast alle Dialoge rauszuschmeißen und alles in die Hände der Bilder zu legen. Der letzte Stummfilm von Jean Grémillon ist deshalb visuell beindruckend, aber auch reduziert und karg. Ich habe aber auch große Teile der Traumsequenz in der Mitte verpasst, die alles andere als karg erschien. Was ich sah, lies aber auf Großes schließen … auch außerhalb dieser Szene. Ein Leuchtturm, ein Sturm, die Abgeschlossenheit, zwei Wärter, die ausbrechende Tollwut bei einem der beiden und Liebe sind die Elemente dieses Films, den ich hoffentlich nochmal ganz sehen werde.

8. Der große Treck (USA 1930)

Mehr oder weniger der Eröffnungsfilm für Jenny und mich, der nach der bitteren Enttäuschung am Tag vorher auf der Piazza (Once Upon a Time in America), für vieles entschädigte. Raoul Walsh wurde von Fox engagiert um diesen Western zu drehen, wodurch er die neue 70mm Technik des Studios ausprobieren durfte. Es ist beeindruckend wie er instinktiv weniger schneidet und mit der neuen Schärfe innerhalb der Bilder die Aufmerksamkeit verschiebt. Er macht all das, was erst Jahrzehnte später im großen Stil möglich und verfeinert wurde. Aber The Big Trail hat noch viel mehr zu bieten. Allein die Szene mit den unzähligen Kutschen, die real an Seilen und Holzgerüsten einen steilen Hang herabgelassen werden, hat eine existenzielle Stärke, die dem Schiffswahnsinn von Fitzcarraldo nur in wenig nachsteht. Neben all der rohen Kraft, mit der der Treck durch ein entbehrungsreiches Land zieht, ist The Big Trail aber auch ein riesiger Spaß. Comic-relief ohne Ende. Leichtfüßig tänzelt er dahin und nirgendwo ist zu merken, dass Walsh gleichzeitig die Schirmherrschaft über die französische, spanische und deutsche Versionen hatte, die gleichzeitig gedreht wurden. Zu guter Letzt gab Walsh dem unbekannten Marion Morrison die Hauptrolle und gleich einen Künstlernamen dazu: John Wayne. Unfassbar, dass dieser Film floppte.

7. Preis der Schönheit (F 1930)

Filme mit Louise Brooks können per Definition nicht schlecht sein. Wenn das Drehbuch dann auch noch von Georg Wilhelm Pabst und René Clair stammt, dann kann eigentlich aber auch nichts schief gehen. Lulu (wer anderes als Brooks) nimmt trotz der Vorbehalte ihres eifersüchtigen Freundes an einem Schönheitswettbewerb teil. Prompt gewinnt sie und wird zu Miss Europe gewählt. Nun muss sie sich zwischen ihrer Liebe zu ihrem Freund und einer Karriere entscheiden. Und genau so unsicher wie sie ist, so unsicher torkelt die Dramaturgie des Films. Prix de beauté hat schweren Seegang. Immer wieder entscheiden sich Lulu und die Geschichte um, ohne dass sie etwas Greifbares finden würden. Überall findet sich Schönheit und Ernüchterung. Der Moment indem sie sich entscheidet, indem die Widersprüche aufhören, in dem endet auch ihr Leben. Wie aus dem Nichts endet alles in Raserei und Verblendung.

6. Lola (F 1961)

Wer Nouvelle Vague hört, der denkt meist an künstlerisch anspruchsvolle, anstrengende Filme. Das mag zum einen an Godards Sperrigkeit und lächerlicher politischer Sphinxhaftigkeit liegen, die er nach „One plus One“ vollends kultivierte, sowie an der Assoziation von Resnais mit dieser neuen Welle. Auch Truffauts Entwicklung zum biederen Langweiler mag dazu beigetragen haben. Aber was die Nouvelle Vague zu Beginn ausmachte, war die Frische und lockere Lebenslust in den Filmen. Das hattne sie alle gemeinsam … selbst Chabrol. Und genau dieses lockere Tänzeln ist es auch, was Lola zu einem solchen Vergnügen macht. Jacques Demy, der ja im Grunde nicht zum Kern der Nouvelle Vague gehörte, schafft es einen Film aus den Ärmel zu schütteln, der dem Frühwerk von Truffaut und Godard in nichts nachsteht. Leichtfüßig, ohne Schwere bewegt sich Lola durch die Geschichte über unerwiderter Liebe, Sex, Striptease, Würde, Suchen nach einem Lebensinhalt und die Verstrickung des Roland in eine Schmuggelgeschichte. Ein erhebender Genuss.

5. Me and My Gal (USA 1932)

Bei vielen Thrillern, Krimis und Actionfilmen ist es so, dass Witz und eine Liebesgeschichte benutzt werden, um die Stimmung aufzulockern. Bei Me and My Gal ist es genau umgedreht. Es ist eine Liebeskomödie, in die sich immer wieder Gangster verirren. Komplett unausgeglichen steht beides nebeneinander. Drehbuchautor Arthur Kober und Regisseur Raoul Walsh wollen sich nicht entscheiden und tun dem Film einen riesen Gefallen. Perfektion ist ihnen total egal, sie wollen unterhalten. Dabei sind sie aber zu keiner Zeit dümmlich. Sie erhalten sich so eine rotzige Kraft, die bei jedem Sehen nicht langweilig sein wird. Spencer Tracy und Joan Bennett tun den Rest. Sie sind eines der großartigsten Paare der Filmgeschichte. Sie zicken sich in bester Screwballmanier an und lassen Cary Grant und Katherine Hepburn recht alt aussehen … und das sage ich als Fan der letzten beiden. Leider aber einer der wenigen Filme von Walsh in Bologna, in dem es keinen Tiergeräuschimitator gab. (Von den Gesehenen musste nur noch The Thief of Bagdad auf einen solchen verzichten. Aber wenn er Ton gehabt hätte, hätte Fairbanks sein fliegendes Pferd auch mit Wiehern anlocken müssen. Ich bin mir sicher.)

4. Point Blank (USA 1967)

Als er auf der Piazza lief, wurde der Ton voll aufgedreht. Ich habe keine Ahnung, was die Anwohner dachten, aber die Schreie, das Ankeifen und die Schüsse müssen durch die ganze Stadt geschallt sein. Walkers (Lee Marvin) ewig wiederkehrenden Erinnerungsfetzen, die ihn nicht schlafen lassen, die seine Realitätswahrnehmung zerreißen und sie gleichzeitig konstituieren, fetzten über die Leinwand. Bevor der Film begann, erzählte John Boorman wiedermal seine klassischen Geschichten zum Film. Cutterin Magaret Booth, bekannt dafür, Filme nach den Vorstellungen der Bosse in Hollywood umzuschneiden, sagte, dass nur über ihren toten Körper ein Bild aus dem Film genommen werden würde. Lee Marvin habe gesagt, dass er den Film nur unter einer Voraussetzung machen würde, worauf er das Drehbuch aus dem Fenster warf. All diese Geschichten aus dem Mund des Regisseurs machten nochmal Lust und unterstrichen die altbekannte Wildheit und Kompromisslosigkeit eines Films, der keine Gefangenen nimmt.

3. Die Teufelsbrigade (USA 1951)

Distant Drums ist ein wenig wie die kunterbunte Version von Apocalypse Now in den Everglades der 1840er Jahre. Gary Cooper spielt Captain Quincy Wyatt, die brave Version von Colonel Kurtz: „soldier, swamp man, gentleman, savage“. Von Seminolen, die aussehen wie kurzberockte, psychedelische Pakistanis, also im Film und in Wirklichkeit, wird er mit seiner Kompanie und befreiten Gefangenen durch einen riesigen, menschenfeindlichen Sumpf gejagt. Doch er reist nicht in das Herz der Finsternis, sondern in das Herz von edler Männlichkeit à la Hollywood. Die Szene, in der sich Cooper mit einem riesigen Messer (kurz vor Machete) trocken rasiert, in der der Ton aus ohrenbetäubenden Geräuschen eines Messers besteht, das über Sandpapier gezogen wird, und in der alle nur ungläubig auf Wyatt gucken, ist eine der größten Szenen aller Zeiten. Sie ist zum Tränenlachen witzig, bewundernswert und entlarvend. Der Ich-Erzähler des Films starrt ungläubig, weil er nicht glauben kann, dass das wirklich passiert, und weil er so sein möchte wie Cooper. Die befreite Judy guckt und ihre Welt bricht zusammen, denn das ist alles lächerlich, beeindruckend und erotisch. Diese ganze Szene ist irreal bis zum geht nicht mehr, niemand kann so sein, und doch ist Captain Wyatt darin das Vorbild und Begehren aller, die ihm zuschauen. Distant Drums ist ein naiver Abenteuerfilm, ein witziger Western und zeigt Raoul Walsh auf einem seiner Höhepunkte.

2. Ein Schloß in New York (USA 1933)

Hervé Dumont, ehemaliger Direktor der Cinémathèque suisse und Autor von „Frank Borzage: Life and Films of a Hollywood Romantic“, gab eine wundervolle Einleitung. In ihr erzählte er, dass vor Drehbeginn schon 23 Szenen aus dem Drehbuch von Man’s Castle entfernt wurden, weil sie zu heikel waren. Bei der Premiere verursachte Borzages Film einen riesen Skandal und wurde der erste in den USA verbotene Film. 23 Szenen wurden abermals entfernt, worauf er in die Kinos kam und total floppte. Mit kindlicher Freude las Dumont eine Liste vor, gegen welche „Bestimmungen“ des gerade sich im Entstehen befindlichen Hays-Codes Man’s Castle verstieß: Fluchen, Nacktszenen, vorehelicher Sex, Verhöhnung von Geistlichkeit und Kirche, ungeahndete Straftaten, versuchte Vergewaltigung und und und. Dumonts Kopf wurde dabei ganz rot vor diebischer Freude und Scham. Selbst als Spencer Tracy den Oscar für sein Lebenswerk erhielt, wurde der Film gezeigt und umgeschnitten. Die Eheschließung wurde vor den Sex gepackt, damit dieser gerechtfertigt sei. Kurz, Frank Borzage hatte einen Film gegen den guten Geschmack gemacht. Da war es den Offiziellen egal, mit wie viel zauberhafter Romantik der Film das Leben zweier ungewöhnlicher Menschen am Rande der Gesellschaft darstellte. Sicherlich ist er auch düster, wodurch die Romantik nicht zu süßlich wird, aber vor allem war er eine wunderbare Liebeserklärung an das unangepasste Leben. Und das war es vielleicht, was so schockierte. Spencer Tracy legte zudem im Vergleich zu My and My Gal auch noch mal eine Schippe Schnoddrigkeit drauf. Naiv, herzlich und rotzfrech macht er aus diesem Film, der für mich im Grunde nur ein Lückenfüller im Programm war, eine große Surprise.

1. Das Schiff der verlorenen Frauen (I 1954)

Raffaello Matarazzos Schmuckstück lief im Rahmen der jährlich wiederkehrenden Reihe „Die Farben des Tonfilms“ und außerdem anlässlich des 60sten Geburtstags von Positif. Die Kritiker des großen Widersachers der cahiers du cinema hatten La nave delle donne maledette immer verteidigt und gelobt. Gerade als die cahiers in den Siebzigern antibourgeoise Kunstfilme verlangte, wurde bei Postif auf das Recht und die Schönheit eines Films gepocht, der so gar nicht dem guten Geschmack entsprach und statt auf avantgardistische Kunst, auf exploitative Räusche im Gewand einer Groschenheftsgeschichte setzte. Es beginnt als campy Kostümdrama, in dem eine unschuldige Frau zu 10 Jahren Strafarbeit in den Kolonien verurteilt wird. Sie hielt, durch falsche Versprechungen verleitet, ihren Kopf als Sündenbock hin, um einen Skandal von ihrer Familie abzuhalten. Doch die Schiffsreise über den Atlantik eskaliert. Die Sadismusschraube an Bord zieht ständig an, bis die Frauen, die unter Deck in einem Käfig festgehalten werden, sich befreien und alle Spannungen sich in etwas entladen, was wohl am ehesten als eine Mischung aus Kampf, Orgie und Abwerfen der zivilisatorischen Ketten beschrieben werden kann. Sessel und Kino waren ziemlich schnell vergessen. Zurück blieb ein ungläubiger, gebannter Blick. Welch ein Fest.

Und zu guter Letzt für Komplettisten, der ganze Rest, der mir vor die Augen kam, in chronologischer Folge der Sichtung:

Es war einmal in Amerika (USA/I 1984) – Riesen Dreck. Den mochte ich mal. Scham. Wer mehr wissen möchte, auf moviepilot.de habe ich mich ausgelassen.

Gosudarstvennyj činovnik [The civil servant] (UdSSR 1931) – Pyrjew wurde als wilder Chaot, der sich was traut angekündigt, fand ich aber nur nett. Zuviel Propaganda. Auch wenn der offene Umgang mit den Säuberungen schon interessant war.

After the Verdict (GB/D 1929) – Warum nur wurde alles unfassbar Tolle für die letzten Sekunden aufgehoben.

Chushingura (J 1910-12) – Die Geschichte der 40 Ronin aus Sicht des sehr frühen japanischen Kinos. … hm … naja auch mal interessant sowas zu sehen.

Why Worry? (USA 1923) – Nicht einfach nur der Harold Lloyd Klassiker, sondern mit japanischen voice over. Es waren nur 29 Minuten erhalten, aber die Erklärungen für das japanische Publikum, damit sie diesen seltsamen westlichen Kram auch verstehen, waren sehr witzig.

Dai Chushingura (J 1932) – Kurz nach der Version von 1912 kam diese Version. Verständlicher und nachvollziehbarer, aber da sind einfach nur Dinge passiert, die scheinbar zu den 40 Ronin gehören, aber dramaturgisch nicht verbunden waren.

David Golder (F 1931) – Verfilmung des Romans von Irène Némirovsky. Nett.

Il richiamo [The Call from the Past] (I 1921) – Sicherlich sehr vorhersehbar. Aber verdrängter Inzestdrang ist immer ein tolles Thema.

Mein Name ist Spiesecke (D 1914) – Mein Name ist Ichlach Michtot. Komplett absurd und bescheuert. Auf die schlechte Weise.

Fujiwara Yoshie no furusato [Hometown] (J 1930)- Die Comic-relief-Momente sind toll. Sonst hat Mizoguchi deutlichst Besseres gemacht.

Komedi om Geld (NL 1936) – Max Ophüls übt ein klein wenig für Lola Montez. Ganz nett, aber auch er hat Besseres gemacht.

Gueule d’amour [Ladykiller] (D/F 1937) – Der Uninteressanteste der Grémillions, vor allem weil ich amour fous nicht mehr sehen kann.

Mary (D/GB 1930) – Deutsche Version von Murder. Ebenfalls von Hitchcock gedreht. Da hatte ich nach der Ankündigung im Katalog mehr Frauenkleidungsfetischismus des Mörders erwartet und war enttäuscht. Sicherlich auch keines von Hitchcocks Meisterwerken.

Tess (F/GB 1979) – Wie schon erwähnt: bewegte Postkarte. Hat seine Momente, aber ist nicht meins.

Wild Girl (USA 1932) – Der einzige Raoul Walsh, der es nicht in die Liste geschafft hat. Ein Luxus bei der Qualität des Films.

Ehrbarkeit und Schund im wiedergefundenen Kino – Il Cinema Ritrovato 2012

Vom 23. bis zum 30. Juni veranstaltete die Cineteca Bologna wieder das Il Cinema Ritrovato. Wieder liefen zehn Uhr abends restaurierte Klassiker für jeden kostenlos auf der Piazza Maggiore, einem Platz umgeben von wunderschönen Renaissancegebäuden. Wieder liefen Highlights und unbekanntere Filme eines klassischen Hollywoodfilmmachers. Dieses Jahr war es Raoul Walsh. Wieder liefen verschüttete Perlen aus der Zeit des frühen Tonfilms und des Stummfilms aus aller Herren Länder. Aber auch Filme, die weniger wegen ihrer Qualität, sondern wegen des Spiels der Farben gezeigt werden, Farben die durch den langsamen Zerfall des Materials wunderschöne oder interessante Effekte entwickelten. Spezielle Leckerbissen für die speziellen Fans in einem eh schon speziellen Festival.

Beim 26. Il Cinema Ritrovato wurden frühe Tonfilme aus Japan gezeigt, Filme von Jean Grémillon, Iwan Pyrjew, Lois Weber und Alma Reville, Filme über die große Depression, die auf den Schwarzen Freitag folgend die 30er Jahre bestimmte, und vieles mehr. Raoul Walsh war aber für mich die größte Entdeckung dieses Jahr. War es letztes Jahr Boris Barnet, den ich ins Herz schloss, war es diesmal dieser Gott der Bilder und des ungehemmten Comic-Relief-Einsatzes. Dieser Regisseur, der sich scheinbar nie für Perfektion und ernsthaftes Filmemachen erwärmen konnte, der offene, warme und tänzelnde Filme voller herausragender und –fordernder Bilder machte.

Die Ausrichtung des Cinema Ritrovato ist dabei nicht nur reizvoll, weil sie einfach Filme zeigen, an die sonst schwer heranzukommen ist, sondern auch weil sie zu inneren Spannungen führt. Spannungen im Programm und Spannungen in der Wahrnehmung, was einen guten Film ausmacht. Der Ansatz stellt sich gegen eine eng begrenzte Kanonisierung und steht eher für enthusiastischen Komplettismus. Aber meist gibt es Gründe, dass Filme vergessen wurden. Sie passten nicht in Entwicklung zur modernen, angesehenen Kunst. Es sind die Schmuddelkinder, die hier oft gezeigt werden. Deshalb kann es passieren, dass der geneigte Zuschauer plötzlich in einem glühenden Kostümmelodram (La nave delle donne maledette) sitzt, das in der Mitte in eine Orgie umschlägt. Hemmungslos fallen Bootsmannschaft und gefangene Frauen übereinander her. Die Szenerie geht in Weinfontänen, die auf nacktes Fleisch klatschen, auf. Rauschhaft werden Kleider zerrissen, Menschen gepeitscht, alle Zügel der Zivilisation abgeworfen. Lust und Raserei herrschen. Mit gutem Geschmack, mit einem bürgerlichen Kunstverständnis hat das nichts zu tun. Und auch wenn das nur ein Extrembeispiel ist, die Filme, die in Bologna zu sehen sind, haben selten Perfektion auf ihre Fahnen geschrieben. Wie bei Raoul Walsh und selbst Mizoguchi Kenji tummeln sich Comic-Relief-Kasper, die auch die epischste oder tragischste Geschichte in den Sumpf der sündhaften Populärkultur ziehen.

Gleichzeitig befindet sich Il Cinema Ritrovato aber genau in diesem Kunstbetrieb, den sie nur bedingt bedienen können. Ohne ihre Filme auf ein Kinderschuh-Niveau entwerten zu lassen, stehen sie vor einem Dilemma, wie man zum eigenen Programm steht. Die Texte des Kataloges gehen jedenfalls recht unterschiedlich damit um. So schreibt Paola Cristalli an einer Stelle: „Me and My Gal is the perfect title for this fresh, asymmetric film, so vivid and unbalanced, one of the rarities that our retrospective is proposing, almost unknown to audiences outside the States and deeply admired by the most influential critics“. Das Ende ist fast schon eine Erpressung, ihr zu glauben, dass ein unausgewogener Film tatsächlich gut sein kann. Die einflussreichen Kritiker mögen ihn ja sehr. Sicherlich ist das nur eine kleine Stelle, die nicht überbewertet werden sollte, aber solch kleine Stellen sind immer wieder zu finden. Der Auszug aus „Amour – Erotisme & cinéma“ von Ado Kyrou, der als Text für La nave delle donne maledette dient, schlägt in eine andere Kerbe, aber das Problem bleibt das gleiche. So führt er aus: „In this film – which I find amusing like many awful melodramas, almost Dadaist for their lack of narrative construction and directing precision – elements like religion, women‘s magazines, and big sentiments are all piled on without any harmony”. Der Dada-Bezug ist wie die intellektuelle Erlaubnis, diesen Film auszulachen, der in den Augen von Kyrou so misslungen ist. Ich habe leider noch keinen Film von ihm gesehen, aber sein Verlangen nach perfekt konstruierten Geschichten setzt ihm anscheinend Scheuklappen auf. Sicherlich ist Raffaello Matarazzos Film nicht perfekt konstruiert und sicherlich bedient er sich ordentlich bei Groschenromanen und den entsprechenden Filmen. Deshalb ist der Film aber nicht lächerlich. La nave delle donne maledette gleicht einem rauschhaften Traum, der seiner eigenen Logik folgt. Kein Körnchen Realismus trübt den tosenden Verlauf dieses eskalierenden Traumes. Und unter uns (hier in der weiten Welt des Internets), er gleicht wie kein anderer einigen Träumen und Phantasien, die mich seit meiner Kindheit begleiten. Etwas so irreales festzuhalten, dass ist eine Kunst für sich. Und so mitreißend der Rest von Kyrous-Text ist, ist diese Rechtfertigung geradezu beleidigend für La nave delle donne maledette … jaja und mich.

Bei Programmleiter Peter von Bagh sieht das ganz anders aus. „Samson and Delilah stands as an outrageous homage that reflects an understanding of why the Bible remained at the crossroads forever. Whatever the religious point of view, it’s all about spectacle, veiled obscenity, vulgar piety, sadism, bad taste, divine miracles, consumer gadgets and wild animals. Above all it is a masterpiece of second-degree eroticism, or as Simon Louvish writes: ‚Though claiming to find his inspiration in the great art of Michelangelo, Rubens und Gustave Doré, it clearly was a great sex and tough-guy story at its root, however the Spirit of the Lord might have shaped it‛. Ein Loblied auf die Berechtigung und Schönheit von Schund.

Sicherlich ist Bologna kein Ort, in dem es um Schund geht, aber er hat seinen Platz. Er ist da, auch wenn sich manch jemand noch ein bisschen dafür schämen mag. Neben anerkannten Klassikern, die manchmal schon zu geleckt sind (die bewegte Postkarte Tess von Polanski zum Beispiel), stehen die unfertigen, unausgeglichenen, auch naiven oder schmierigen Unbekannten. Und das ist es, was Bologna ausmacht, das Suchen zwischen Kunst und Schund. Gelöst ist dort nichts. Diese Spannung im Programm bleibt erhalten und macht den Charme, neben dem wunderbaren Bologna und den unfassbaren Pizzen, von Il Cinema Ritrovato aus.

So, damit die Spannung ins unermessliche steigt, gibt es jetzt hier einen cut. Das filmische Resümee wird bald nachgereicht. Sehr bald.

Kino von gestern – Il Cinema Ritrovato – XXV edizione 2011

Diesen Samstag endete in Bologna die 25. Ausgabe des Cinema Ritrovato. Für die Leser, welche sich für alte Schinken interessieren, hat mich die liebe Jenny nach Italien geschickt, um die Perlen des Festivals vor den Säuen zu retten und euch von diesen zu berichten. Deshalb hier die Top Five der Filme, die ich in den dreieinhalb Tagen meines Aufenthalts im Paradies sah, und der andere Kram.

5. Der Dieb von Bagdad (GB 1940)

Als Alexander Korda dieses Remake des Douglas Fairbanks Klassikers produzierte, stand er mit dem Rücken zur Wand. Es ging um nichts weniger als die Existenz des Denham Film Studios, welches er 1936 geöffnet hatte. Er schickte seine zwei Stars ins Rennen, Sabu und Conrad Veidt, doch fast alles ging schief. Der engagierte Ludwig Berger kam als Regisseur mit der riesigen Produktion nicht zurecht und wurde zwar am Filmset behalten, bekam aber keine Arbeit. Der junge Michael Powell und Tim Whelan wurden engagiert, aber auch die drei Korda Brüder mischten mit. Das Ergebnis ist dementsprechend fahrig und wirkt arg zusammengeschustert. Doch der Film hat zwei Dinge, die ihn zumindest auf einer großen Leinwand ungemein sehenswert machen: die dämonischen Augen Conrad Veidts (Michael Powell hat kein Mitleid mit dem Zuschauer und brennt sie ihm ins Gedächtnis) und, dämlich wie es klingen mag, das Schiff zu Beginn, das, in Technicolor-Weltklasse angemalt, dem Zuschauer heute noch nachfühlen lässt, dass Menschen mal vor projizierten Zügen geflohen sein sollen.

4. Addio, Kira (I 1942)

Die Verfilmung von Ayn Rands „We the Living“ war den Produzenten mit fast 4 Stunden zu lang, weshalb sie in zwei Teile getrennt wurde: Noi vivi und Addio, Kira. Zumindest Letzterer funktioniert auch als eigenständiger Film (hab ihn als solchen gesehen und erst dem Programm entnommen, dass da mehr war). Es geht um Kira, die Affären mit zwei Männern hat. Der eine ist Geschäftsmann und bereichert sich durch die Korruption des stalinistischen Staatsapparates. Der Andere ist der scheinbar einzige Mitarbeiter dieses Apparates, der noch seinen Idealen folgt. Kitsch und Klischees werden oft genug gerammt, aber irgendwie schafft es Addio, Kira immer wieder der Falle zu entgehen und wird so ein mitreißendes Stück Melodrama.

3. Die Maschine Bösetöter (I 1952)

Für alle die es nicht wussten, Roberto Rossellini kann auch beschwingt und witzig … La macchina ammazzacattivi beweist es eindrucksvoll. Ein Fotograf bekommt von einem alten Mann eine Kamera, die, wenn man ein Foto fotografiert, die abgebildeten Personen in der entsprechenden Pose einfriert. Mit diesem Werkzeug soll er das Dorf von allen bösen Menschen befreien. Stimmungsvoll und teilweise mit erstaunlich absurdem Witz bricht der Vorzeigeneorealist mit dem Klischee seinerselbst. (Er wurde übrigens dieses Jahr in Cannes gezeigt. Dort fragten die Verantwortlichen die Zuschauer, wer ihn schon mal gesehen hat. Nur ein Anwesender meldete sich und gab hinterher zu, dass er gelogen hatte.)

2. L’assassino (I 1961)

Der dt. Titel „Trauen Sie Alfredo einen Mord zu?“ steht unter dem Motto: „Trauen Sie den Filmverleihern einer anderen Nation noch dümmere Entstellungen zu?“. Doch Elio Petris Regiedebüt ist deutlich besser als dieser Titel erwarten lässt. Marcello Mastroianni spielt den Antiquitätenhändler Alfredo, der unter Mordverdacht verhaftet wird. Ein kafkaesker Strudel bricht über ihn herein, der ihn hilflos zu verschlingen droht. Doch das Gute an L’assassino ist vor allem, dass er nicht Täter und Opfer zeigt, dass er auf Schwarz-Weißmalerei verzichtet. In der Welt Petris ist niemand ohne Schuld und so ist im Grunde gleichgültig, ob der Verdächtigte der Mörder war oder nicht. Mit Ruhe und Präzision wird gezeigt, wie Alfredo durch eine weltliche Institution des Über-Ichs ein Spiegel vorgehalten bekommt, der ihm alle seine Schuld zeigt. Das Ergebnis ist eine Mischung aus „La dolce vita“ und „The Wrong Man“ mit einem Schuss Gaius Baltar … toll.

1. Am blauesten aller Meere (UdSSR 1935)

Ein Wunderwerk. Was soll man über diesen Film sagen, der sich nicht mit Worten erfassen lässt? Weder kann eine Wiedergabe des Inhalts noch eine Erklärung des Erlebten klar machen, was diesen Film ausmacht. Mit naiver Freude und tiefer Melancholie, voll Schönheit und Schmerz ist Boris Barnet ein traumhaftes Meisterwerk gelungen. Ein Meisterwerk, das nie unrealistisch erscheint, aber trotzdem irgendwie parallel zur Realität verläuft. Henri Langlois hat in der Cinémathèque française die vorrätigen Barnet Filme mindestens einmal im Jahr gespielt. Er wusste, was er an ihm hatte.

Was ich noch gesehen habe:

Die letzte Kompanie (D 1930) – ein potentieller Lieblingsfilm Josef Goebbels‘.

Das Leben gehört uns (F 1936) – ein essayistischer Propagandafilm für die KP. Jean Renoir und andere nehmen dabei Godards Stil aus den Siebzigern vorweg. Letzterer hat sich aber nie dermaßen zu einem Werkzeug der Verklärung machen lassen.

Nosferatu (D 1921) – mal wieder. Immer wieder gut.

Die Reise zum Mond (F 1902) – einmal mit Orchester, einmal mit Musik von Air. Das war derselbe Film?

Justin de Marseille (F 1935) – wunderschön fotografiert, aber dümmliche Geschichte. Trotzdem, Maurice Tourneur sollte man im Auge behalten.

Fig Leaves (USA 1926) – Howard Hawks liefert in den ersten 20 Minuten die Blaupause zur Familie Feuerstein. So wacht Adam durch einen Wecker auf, dessen Sanduhrmechanismus eine Kokosnuss auf seinen Kopf fallen lässt. Danach folgt viel Leerlauf.

Winstanley (GB 1976) – Kevin Brownlows Film über den Frühkommunisten Gerrard Winstanley äfft uninspiriert Straub/Huillet nach. Aber irgendwie trotzdem sehenswert. Hm.

Ballerine (I 1936) – Originalton ohne Untertitel, dafür mit Simultanübersetzerin… die nicht vorbereitet wurde und bei all dem Gerede nicht hinterher kam. Schien aber ein ganz netter Film zu sein. Tolles Ende.

Staryj Naezdnik (UdSSR 1940) – nochmal Barnet, doch wieder Simultansprecherin. Nach oben erwähntem Film wurde er von Mosfilm zu weniger Subjektivität angehalten. Der entstandenen Komödie über das Leben auf der Rennbahn fehlt deshalb das gewisse Etwas, auch wenn sie nicht schlecht ist.

The Look (D/F 2011) – Doku über Charlotte Rampling. Zu unterschiedlichen Themen spricht sie mit unterschiedlichen Freunden, zum Beispiel mit Fotograf Peter Lindbergh über „Exposure“. Gleichzeitig werden ihre Karriere und ihre Filme mit ihrer Persönlichkeit ins Verhältnis gesetzt. Ein faszinierender Blick auf eine große Künstlerin und eine spannende Person.

Der Konformist (I 1971) – toller Film über ein Leben unter der Herrschaft Mussolinis, der durch sein dummes Ende verdorben wird.

Fazil (USA 1928) –  Mit Ton hätte Howard Hawks vielmehr Anerkennung hierfür erhalten… verdientermaßen. Ohne ist es ein guter Stummfilm mit viel zu vielen Zwischentiteln. Übrigens ist „Hinter Haremsmauern“ der deutsche Titel.

Bologna '09: Tag 3

Als Versuch, die Erinnerungen an eine wunderbare Woche im sonnigen Bologna bis in die kalten Monate des ilmthüringischen Jahres zu retten, kann man diesen Beitrag lesen. Am 01. Juli jedenfalls hatte das Festival Il Cinema Ritrovato neben dem üblichen Verdächtigen (director in focus Frank Capra) zwei große Franzosen zu bieten: Jean-Luc Godard und Jacques Tati.

Ladies of Leisure (USA 1930)

Capras frühe Komödien sind überaus depressive Angelegenheiten, die an sich als Melodram problemlos funktionieren könnten, ins Korsett des Genres gezwungen, aber im schlimmsten Falle jede Homogenität vermissen lassen. Deswegen ist ein Stanwyck-Drama wie „Forbidden“ befriedigender als ein Hybrid wie „Ladies of Leisure“. Die Filmgöttin gibt hier das Partygirl, das sich in einen Künstler aus reichem Haus verliebt und so zwischen die Klassenfronten gerät. Was als Gesellschaftskomödie beginnt, entwickelt aus der Resignation über den unveränderbaren Status quo melodramatische Züge. Das eigentlich traurige an Capras Filmen aus dieser Zeit ist deshalb, dass man ihnen den Glaube an Besserung, an das Happy End, zu keiner Zeit abnimmt. Stanwycks Figur treibt ziel- und hoffnungslos durch den Moloch der Großstadt. Während der Maler Jerry (Ralph Graves) zunächst nicht mehr in ihr sieht als sein Modell, scheint ihre Liebe zu ihm ihr letzter Strohhalm zu sein. An der Härte der Umgebung – in diesem Fall der reichen Verwandtschaft Jerrys – laufen Capras Figuren Gefahr zu zerbrechen und das gilt im Besonderen für seine Filme mit Barbara Stanwyck. Doch wider jegliche Logik setzt der Drehbuch-Kitt sie am Ende wieder zusammen. Ein Schritt, der Stanwycks überragender Leistung keinesfalls gerecht wird.

Platinum Blonde (USA 1931)

Ein Sensationsjournalist bändelt mit einer verführerischen Dame aus reichem Haus (Jean Harlow) an und findet sich nach der Hochzeit in einem goldenen Käfig wieder. Vielleicht sein erster Klassiker ist Capra mit diesem einfachen Plot gelungen, der in Filmform als früher Vorläufer der Screwball-Komödien zu unterhalten weiß. Zu jeder Minute ist sich der Streifen bewusst, in welchem Genre er sich befindet und strebt zu keiner Zeit nach Höherem oder Dramatischerem und das ist gut so. Zwar gestaltet sich das Treiben daher als einigermaßen gehaltlos abseits einiger pessimistischer, aber nicht neuer, Erkenntnisse, dafür beweist „Platinum Blonde“ Capras Händchen für amüsante Wortgefechte und übersteigerte Figuren. Schließlich besteht diese Welt nur aus reichen Müttern, kauzigen Butlern und rasenden Reportern.

Elf Uhr nachts (F/I 1965)

Das hervorstechendste Merkmal an „Pierrot le fou“ (dt. Titel sinnigerweise „Elf Uhr nachts“) ist vielleicht darin zu sehen, dass nur einem einzigen Menschen die Verantwortung für seine Entstehung zugeschoben werden kann, dass nur ein Regisseur so einen Film drehen konnte und der trägt den Namen Jean-Luc Godard. Viele haben sich an der Dekonstruktion des Kinos versucht, sind mal gescheitert, mal siegreich vom Feld gezogen, doch nur einer kann so ein seltsames Potpourri, bestehend aus unzugänglichem Avantgardismus, aufblitzender Ironie und überwältigender Lebendigkeit, zu Stande bringen, wie es „Pierrot le fou“ in sich vereint. Godard baut das Erzählkino Hollywood’scher Prägung auseinander und arrangiert seine Elemente neu, so dass die Mechanismen seines vorgegaukelten reibungslosen Ablaufs – vom Genre bis zur Musik – entblößt werden. Unzählige Referenzen an Popkultur, Kunst- und Literaturgeschichte verwandeln den Film in eine stellenweise kryptische Reflexion, die sich in einem betont surrealistischen Zug kontinuierlich selbst beobachtet. Mit ihren vielen Improvisationen  bilden Jean-Paul Belmondo und Anna Karina das Herz eines Films, der in den Händen eines anderen Regisseurs im drögen Schematismus hätte ersticken können.

Die Ferien des Monsieur Hulot (F 1953)

Das einzige, was ich nach der Vorstellung von „Die Ferien des Monsieur Hulot“ auf der Piazza Maggiore in Bologna in meinem Notizbuch vermerkt habe, ist „Was soll man dazu noch sagen?“. Um diesen Satz nicht so einsam stehen zu lassen, wird an dieser Stelle noch für etwas Inhalt gesorgt. Bis in die späten Siebziger hat Jacques Tati immer wieder am ersten Auftritt seines von ihm selbst gespielten Monsieur Hulot herumgeschnitten und Szenen neu gedreht. Nun wurden die Ergebnisse der Restauration  der definitiven 88-minütigen Fassung von 1978 auf der großen Leinwand gezeigt und bewiesen erneut Tatis zeitlose Komik, die mit dem Begriff Slapstick nicht annähernd umschrieben wird. Tati war ein Perfektionist und so sind auch die Ferien seiner liebenswerten, aber etwas exzentrischen Schöpfung mit einer bemerkenswerten Detailverliebtheit ausgestattet. Jeder Gegenstand, jeder Laut, jede Geste unterliegt schärfster Planung. Im Zusammenwirken verwandeln sie wie präzise kombinierte Noten einer Sinfonie ihre Banalität in das brillante Material einer Komödie, welche die Meister der Stummfilmzeit nicht hätten besser machen können.

Bologna '09: Tag 2

Wiedereinmal ist es es Zeit, einen Blick zurück zu werfen auf das diesjährige Festival des wiedergefundenen Films in Bologna. Hier kann man alle Einträge darüber Revue passieren lassen.

The Bitter Tea of General Yen (USA 1933)

Frank Capras frühe Filme waren nicht gerade eine überwältigende Entdeckung beim Filmfestival in Bologna, ganz im Gegensatz zur Sternberg-Retrospektive im letzten Jahr. Selbst das Gefallen an Streifen, die weniger von den üblichen Capra-Mängeln befallen sind (man denke z.B. an schrecklich unglaubwürdige Happy Ends), wird häufig durch andere Störfaktoren vermindert. In „The Bitter Tea of General Yen“ ist es die einfache Tatsache, dass der titelgebende Teetrinker mit dem nicht wirklich angelsächsisch klingenden Namen von einem schwedischen Hünen namens Nils Asther gespielt wird. Mit reichlich Make-up versehen gibt er den chinesischen General, der in den Bürgerkriegswirren eine holde Missionarin in seine prunkvolle Unterkunft entführt. Anfänglich abgestoßen kann diese sich der erotischen Faszination des ebenso kultivierten wie hartherzigen Warlords nur noch schwerlich entziehen. Den beiden Hauptdarstellern und Capras Sinn für tragische Lebens- und Liebesgeschichten ist es zu verdanken, dass „Yen“ mehr ist als nur eine  (für die damalige Zeit) skandalträchtige Story mit einem ethnischen Handycap. Im Gegensatz zu ihrem Regisseur war Barbara Stanwyck die Entdeckung des Festivals. Die Spezialistin für gefallene Frauen meistert es mühelos, die widerstrebenden Gefühlswallungen in der zunächst prüden Frau glaubwürdig darzubieten. Asthers gefährlich anziehende Ausstrahlung lässt einen dann auch noch sein yellowface vergessen. Eindeutig einer der besten frühen Capra-Filme.

Abrechnung in Shanghai (USA 1941)

Fast alle Inhaltsstoffe sind zu finden: Geheimnisvolle Frauen, hysterische Frauen,  abgeklärte Frauenhelden, ein exotischer Schauplatz,  und kein einziges moralisches Vorbild weit und breit. Doch es fehlt etwas in diesem weniger bekannten Werk von Josef Von Sternberg. Die offensichtliche Wahl: Marlene Dietrich. Doch auch bevor diese zur Muse des Meisterregisseurs wurde, war sein Können in „The Docks of New York“ oder „Unterwelt“ voll und ganz zur Geltung gekommen. „Abrechnung in Shanghai“ mutet trotz aller technischen Finesse (die Casino-Szenen sind ein Augenschmaus) wie eine Auftragsarbeit nach einem Burnout an. Wahrscheinlich hat Sternberg seine thematischen Obsessionen in den Dietrich-Filmen bis zum extravaganten Fantasy-Abschluss („Die Scharlachrote Kaiserin“, 1935) schlicht an ihre Grenzen geführt. Vielleicht gab es nicht mehr zu erzählen. Wenig hilfreich ist es, dass außer Victor Mature (als Frauenheld natürlich) kein Mitglied der Darstellerriege irgendein Interesse an seiner gewissenlosen Figur zu beanspruchen in der Lage ist. Walter Huston (als Frauenheld) ist sogar eklatant fehlbesetzt. Die Dietrich hat sich von der langjährigen Zusammenarbeit künstlerisch offenbar besser erholt als ihr Entdecker.

Trommeln am Mohawk (USA 1939)

Classical Hollywood Cinema wie man es sich vorstellt: Zwei Stars (Henry Fonda, Claudette Colbert), aufwendige Kostüme, ein fabelhafter Regisseur (John Ford), Abenteuer, Liebe, lustige alte Damen und Herren mit lustigen Dialekten, Action, Tragik, amputierte Beine. Wer glaubt solch unterschiedliche Elemente würden kein homogenes Ganzes ergeben, hat noch nie ein Werk aus der Studiozeit gesehen. Ford gelingt es meisterhaft, eine geradlinige, einfache Story (ein frisch verheiratetes Paar zieht 1776 in die Wälder und wird von Indianern bedroht) mit einer mehr als nur patriotischen Bedeutungsebene zu untermauern (die kleine aus allerlei Nationalitäten bestehende Siedlergemeinde erwehrt sich gemeinsam gegen Eingeborene und Briten) und trotzdem große Unterhaltung abzuliefern. Fonda, der ein Großteil der Filmzeit damit verbringt, zu leiden, wirkt zwar ein bisschen blass. Als Entschädigung tritt jedoch Colbert auf. Immer wieder sieht sie ihre mühsam aufgebautes Heim in Flammen aufgehen, ihrem spirit tut dies aber keinen Abbruch. Sie ist das aussagekräftigste Gesicht in dieser idealisierten Kurzen Geschichte des Amerikanischen Gründungsmythos. Ziemlich reaktionär ist gerade der Umgang mit den „wilden“ Indianern, aber was verzeiht man nicht alles einem Könner wie John Ford…

Mensch der Masse – The Crowd (USA 1928)

Der große burner (ein Hoch auf die deutsche Sprache!) war der zweite Tag in Bologna nicht gerade, aber am Abend gab es dafür die absolute Krönung. Erstens: „The Crowd“ von King Vidor. Viel habe ich über diesen Stummfilm vorher gelesen. Kaum eine Darstellung der Kultur in den Roaring Twenties kommt ohne ihn aus. Doch kein Buch der Welt kann einem Film nahekommen, dem nicht mal Superlative und Ausrufezeichen gerecht werden. Ehe dieser Text in hilflose Aufzählungen von Adjektiven abgleitet, sei nur soviel angemerkt: „The Crowd“ zeigt alles, was wir uns unter der großstädtischen Massengesellschaft vorstellen, aber das ist eigentlich nebensächlich. King Vidors Epos eines Menschenlebens ist ein Meisterwerk. Das reicht. „The Crowd“ lief zweitens auf der stets überwältigenden Piazza Maggiore im Herzen Bolognas und drittens begleitet von einem Jazz Orchester. Der Mix aus Fusion, Soundeffekten und Songs aus den Zwanzigern ermöglichte ein einmaliges Stummfilmerlebnis, welches über die musikalische Untermalung durch Klavierspieler oder klassische Orchester hinausgeht, weil er wesentlich stärker Teil der Filmwelt selbst ist. Wunderbar.