Diary of the Dave #20 – Der Pate & Goodfellas

20. Juli 2011

„I believe in America.“

Es ist keine besonders einfache Sache, die Weltherrschaft zu erobern. Natürlich wird irgendeine militärische Strategie notwendig sein. Und das Internet sollte man vorher lahm legen (natürlich nicht durch eine Arschbombe auf einen Laptop!). Und propagandistische Mittel werden vonnöten sein. Ich werde sehr viele Leute über zahlreiche Sachen aufklären müssen und sie vieler vieler Dinge überzeugen müssen.

Deshalb lasst uns gleich mal frisch damit anfangen: „Der Pate“ ist ein wirklich ausgezeichneter Film, ohne Zögern fünf Sterne von fünf. „Der Pate Teil II“ ist auch ein sehr guter Film, jedoch nicht so gut wie der erste: schon hier muss ich, glaube ich, eine nicht unbeachtliche Zahl von Menschen überzeugen, die den zweiten Teil für den besseren halten. Der zweite Teil, den ich eben geschaut habe (ja, ich habe gerade 190 Minuten Film hinter mir), sticht durch die absolut großartigen Szenen um die Kindheit und den Karrierebeginn von Vito Corleone hervor. Robert DeNiro liefert hier eine wirklich absolut großartige Darstellung. Auch erschienen mir genau diese Momente stilistisch interessanter inszeniert zu sein als die Hauptstoryline mit Michael Corleone. Diese 55 Minuten Film sind so großartig, dass sie die restlichen 140 Minuten Film in den Schatten stellen, zumindest über weite Strecken. Die große Tragödie liegt darin, dass Vito Corleones Geschichte als eigenständiger Film kaum funktioniert hätte, da sie ihre Stärke sicherlich auch als „Flashback“-Sequenzen entwickelt. Die 140 Minuten mit Michael Corleone hätten ohne sie einen ganz passablen Film ergeben, dem man aber sein Status als „Sequel“ wohl zu sehr angemerkt hätte, um ihn als wirklich vollwertigen Film ernst zu nehmen. Sicher: einige sehr schöne Bilder und einige geniale Szenen. Jene, die mich nun am meisten berührt hat ob ihrer Schlichtheit, aber doch großen Effizienz ist der Dialog zwischen Tom Hagen und Frank Pentangeli am Schluss: Tom macht Frank kein Angebot, dass dieser nicht ablehnen kann, sondern Frank macht selbst implizit das Angebot, nämlich seinen Selbstmord für das Wohlergehen seiner Familie einzutauschen. Großartige Szene! Manchmal bemüht sich der Film aber doch zu sehr, ein gutes Sequel zu sein und das „Godfather-feeling“ vom ersten Teil zu wiederholen, angefangen mit der Kommunions-Sequenz am Beginn!

Also… die erste Losung haben nun alle verstanden: „Der Pate“ ist besser als sein Sequel. Darauf wollte ich aber gar nicht hinaus. Denn mit dieser Losung werde ich wahrscheinlich eine gerade noch überschaubare Zahl an Menschen überzeugen müssen. Viel wichtiger (und jetzt lassen wir mal „Der Pate Teil II“ „Der Pate Teil II“ sein!) ist, dass 1. „Der Pate“ nicht unbedingt unter den Top Ten der großartigsten Filme aller Zeiten gehört; 2. man ihn nicht als besten Mafia-Film aller Zeiten ansehen kann, da Martin Scorseses „Goodfellas“ diesen Platz einnimmt; 3. „Der Pate“ auch nicht Francis Ford Coppolas bester Film ist, da diesen Status ein kleiner „Independent“-Film beanspruchen kann, den Coppola quasi so „zwischendurch“ gemacht hat: „The Conversation“.

Worauf ich jetzt gerade Lust habe? Natürlich auf vieles, aber vor allem will ich schon einmal Punkt 2 näher beleuchten: „Goodfellas“ ist besser als „Der Pate“!!! JA!!! Meine Absicht ist rein kontextualisierend. Ich habe gestern „Der Pate“ geschaut und halte ihn für einen ausgezeichneten Film. Warum bin ich nicht bereit, das Wort „großartig“ zu nutzen? Noch mal: „Der Pate“ ist ein großartiger Film. Er hat ein großartiges Casting, eine großartige Musik, eine sehr gute Story, und einige regelrecht geniale Momente, die teils nur Sekundenblitzlichte sind (Michael stützt Apollonia, die wegen ihrer Absätze kurz auf einem holprigen Pfad in Sizilien ausgerutscht ist).

Aber um etwas weiter auszuholen: „Der Pate“ habe ich zuerst gesehen, im Alter von 14 Jahren. Er ist sofort zu einem meiner Lieblingsfilme geworden. Ja… ich habe ihn gleich geliebt! „Goodfellas“ habe ich im Alter von 16 oder vielleicht 17 gesehen, und er hat mich auf sehr verstörende Art enttäuscht… und nicht gefallen! Die ersten 15 Minuten fand ich großartig, aber dann hatte ich zu sehr das Gefühl, dass der Film sich in abgehackte Episoden verliert, überlagert von einer teils ohrenbetäubenden und merkwürdigen Untermalung mit der jeweils chronologisch passenden Popmusik. Nichts im Vergleich zu „Der Pate“ dachte ich damals… Ich habe weitere Filme von Scorsese gesehen, die mir nicht gefallen haben (z. B. „Taxi Driver“, „Mean Streets“). Nichtsdestotrotz hatte ich das Gefühl, dass bei all diesen Filmen mehr dahintersteckt! Nach der Sichtung von Scorseses Doku über den italienischen Film der 1940er und 1950er Jahre habe ich sehr viel mehr von Film im allgemeinen verstanden… mein Filmenthusiasmus war gestiegen… und ich nahm mir vor, irgendwann einmal auch die Filme von Scorsese erneut anzuschauen, die mir nicht gefallen hatten. Im März 2009 (und zwar am Dienstag den 3.) war „Goodfellas“ dran. „Taxi Driver“ und „Mean Streets“ hatte ich inzwischen schon zu schätzen gelernt! Ich war schlichtweg baff. Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt einen Film zu sehen. Dies liegt nicht zuletzt an der teils sehr extremen Inszenierung. Auch Hardcore-Liebhaber von „Der Pate“ werden mir recht geben müssen, dass die Inszenierung von „Goodfellas“ (die Schnitte, die Kamera, der Einsatz von Ton, Freeze-Frames und Voice-Overs, das Durchbrechen der vierten Wand etc.) besser ist bzw. enthusiastischer eingesetzt. „Goodfellas“ ist ein völlig entfesselter und durchgeknallter 140-Minuten-Amoklauf eines Filmfreaks, der wild dazu entschlossen ist, seine Liebe zum Medium Film mit dem Publikum zu teilen, und dies auch perfekt ausführt. Er ist aus cinephiler und cinematographischer Sicht sehr viel leidenschaftlicher als „Der Pate“!

Coppola ist oft vorgeworfen worden, die Mafia zu glorifizieren. Ein Kritiker bezeichnete „Der Pate“ sogar als bester Mafia-Werbefilm aller Zeiten. Tatsächlich wird die erste Gewalttat der Mafiosi erst bei etwa Minute 30 gezeigt (sie richtet sich zumindest physisch nicht einmal gegen einen Menschen), während „Goodfellas“ schon nach 100 Sekunden zeigt, dass die Hauptfiguren brutale Mörder sind. Ohne eine Gewaltkontroverse um die beiden Filme aufreissen zu wollen, so kann man doch sagen, dass „Goodfellas“ wahrscheinlich ein realistischeres Bild der Mafia präsentiert. Während „Der Pate“ eine „ehrenwerte Gesellschaft“ zeigt, die in einer Familie organisiert ist, sich um Familienwerte sorgt und richtig schmutzige Sachen wie Drogenhandel ablehnt (wenngleich aus egoistischen Gründen), zeigt „Goodfellas“ hingegen eine Clique im negativsten Sinne des Wortes, die durch gemeinsames Essen, gemeinsames Trinken, gemeinsam begangene Straftaten und gemeinsam ausgeübte physische Gewalt eine Gemeinschaftsidentität schafft. Bei den Corleones dienen mantraartig heruntergebetete Familienwerte als Kitt, bei den „Goodfellas“ gemeinschaftlich zelebrierte Gewalt.

Henry Hill, Jimmy Conway und (besonders) Tommy De Vito sollten deshalb eigentlich besonders abscheuliche Charaktere sein im Vergleich zu Vito, Michael, Sonny und Tom. Und trotzdem haben sie mich (bei der zweiten und dritten Sitzung) mehr fasziniert als die Corleones. Die epische Dimension von „Der Pate“ hat Figuren geschaffen, die man passiv, mit einiger Distanz, wenngleich mit viel Vergnügen, beobachten kann, ohne jedoch wirklich mit ihnen mitzufühlen. Die sprunghafte Episodenstruktur von „Goodfellas“ schafft ungleich komplexere Figuren, da sie tatsächlich sehr viel „durchschnittlicher“ (average) sind als die dramatisch stark überhöhten Corleones. Die Ermordung Tommys ist meiner Meinung nach deshalb ein emotional ergreifenderer Moment als die Ermordung Sonnys. Und welch grausame Strafe für Henry Hill, in einem Suburb ohne annehmbares Essen als durchschnittlicher Niemand vegetieren zu müssen, während Michael Corleone am Schluss von „Der Pate Teil II“ (Mist! jetzt doch wieder genannt) regungslos über seine Fehler meditiert.

„Goodfellas“ meistert den Spagat, eine realistischere Darstellung der Mafia mit einer extrem „anti-realistischen“, künstlichen und kunstvollen Inszenierung zu verknüpfen. Keine Sequenz kann dies so schön zeigen wie die „Coke-Binge“-Szene, ein verstörendes Meisterwerk im Meisterwerk. Nun denn… kurz vor halb drei… ich will langsam zum Schluss kommen. Ich glaube, dass mein bisheriges Plädoyer ergeben hat, dass natürlich vor allem mein persönlicher Geschmack mich dazu gebracht hat, „Goodfellas“ besser zu mögen als „Der Pate“, wenngleich auch erst bei der zweiten Sichtung. Sei‘s darum. In Zukunft werde ich versuchen, jeden zu überzeugen, dass „Goodfellas“ der beste Mafia-Film aller Zeiten ist, und „Der Pate“ einerseits mit einem Top-Five-Platz in dieser Kategorie zufrieden sein kann, andererseits als solcher auch durchaus geehrt werden sollte. Kein Zögern: Scorsese ist im Vergleich zu Coppola eindeutig der bessere und interessantere Regisseur!

 „As far back as I can remember, I always wanted to be a gangster.“

Diary of the Dave #19 – Kinshasa Symphony

Kinshasa Symphony

Zwischen Kiev und Kinshasa liegen mehrere Tausend Kilometer. Doch in Graz trennt sie gerade mal vier Busstationen, und zwar von einem der unglaublich hässlichsten Uni-Campi… Campata… Campen … Campusse… ach egal (auf jeden Fall eine augenkrebserregende Beleidigung der Architektur) zu einem hübschen kleinen Programmkino. Eigentlich das einzige Programmkino Grazens, wenn man vom Pornokino am Bahnhof mal absieht.

Es war den ganzen Tag furchtbar heiß, aber um 6 Uhr hat‘s schließlich geregnet. Da ich vorausschauend plane, war ich etwa eine Stunde vor Filmbeginn beim Rechbauerkino. Ich verlangte ermäßigten Kinoeintritt, was mir die Ticketverkäuferin aber nicht bieten konnte: der Eintritt war nämlich frei! Heute, am Donnerstag den 16. Juni 2011, feierte Kinshasa Symphony seine absolut glorreiche und grandiose Premiere… na ja zumindest seine Graz-Premiere (dass der Film vor drei Monaten etwa schon in Thüringen lief, soll uns hier nicht kümmern… oder waren‘s 12 Monate?). „Kinshasa Symphony“ wurde im Rahmen der Grazer Afrikatage gezeigt, die seit etlichen Jahren stattfinden und (auch?) dieses Jahr von der Kommunistischen Partei Österreichs unterstützt werden. Nun also… eigentlich stieß ich zu diesem Ereignis hinzu, weil es als Premiere mit anschließendem Buffet angepriesen wurde. Also Eintritt frei! Dafür ein 0.33-Gösser-Spezial für 2,40 €! Während ich mein Bier trank und in der lokalen Filmzeitschrift blätterte („Skip“), trudelten zahlreiche Mitglieder der afrikanischen Community Grazens ein. Schließlich ging es in den liebevoll „Kinosaal“ genannten einzigen Kinosaal des Rechbauer rein. Bevor es anfing, gab der Goth-Kinoangestellte seinen Senf zum Festival. Dann spielte Pascal aus einem afrikanischen Land, das nicht die DR Kongo ist, ein Lied auf der Gitarre und sang dazu. Er legte dabei einen großen Sinn für Meta-Humor an den Tag. Die etwas betagteren „Ich-fühl-mich-so-hip-weil-ich-im-Programmkino-einen-Film-über-Afrika-schaue“-Hippies klatschten nach 20 Sekunden mit, waren dann aber verwirrt, als Pascal abrupt mitten im Lied aufhörte… und das auch noch zwei Mal!

Der Projektor wurde angeworfen. Irgendwie lachten die hinteren Reihen (ja! ich sitze gerne vorne im Kino) an merkwürdigen Stellen, etwa bei einer der ernstesten Szenen des Films, die von ihrem akustisch-dramatischen Aufbau durchaus Stille im Kinosaal hätte vertragen können: Wenige Tage vor dem großen Konzert hat das Amateur-Orchester immer noch große Mühe, Ludwig vans Neunte zu spielen. Das etwas holprige Vortragen des (vorletzten?) Satzes bricht immer mehr zusammen, während der Orchesterchef und Dirigent immer verzweifelter reinschaut. Übrigens: Ich meckere ja sehr gerne über Dokus rum! Diese Befriedigung konnte mir „Kinshasa Symphony“ nicht verschaffen. Der Film war sehr einfach und sehr unprätentiös. Die einzigen „künstlerischen“ Momente waren diejenigen, wo sequentiell einzelne Musiker des Orchesters mitten in den Straßen von Kinshasa solo spielten, und in einer Montage dann intradiegetischer in extradiegetischen Ton verwandelt wird, nachdem die Straßengeräusche in fade-off ausgeblendet wurden. Eigentlich: primitiv! Aber äußerst effizient und erfrischender als „Ich-fahr-jetzt-mit-Wackelkamera-durch-die-Straßen-von-Paris-weil-das-Leute-die-eine-Doku-über-Nico-schauen-bestimmt-ganz-toll-finden“-Experimente.

Ja: Beethoven ist purer Punk-Rock! Er gab Piloten, Mechanikern, Hobby-Priestern, alleinerziehenden Müttern und Straßenkids ohne Perspektive die Möglichkeit, sich Gehör zu schaffen! Und anderthalb Stunden lang begleiten wir verschiedene Musiker des Sinfonieorchesters bei den Proben, aber auch bei ihren Alltagssorgen (Wohnungssuche, Krankheit, Stress bei der Arbeit, Konflikte mit Mitbewohnern etc.). „Kinshasa Symphony“ widmet dem „einzigen Sinfonieorchester auf der Welt, das nur aus schwarzen Musikern besteht“, ein würdiges Denkmal!

Die Filmvorstellung war vorbei und es ging ins „Kinostüble“, um afrikanische Spezialitäten zu verkosten: frittierte Teigbällchen, frittierte Bananenringe, kamerunisches Bier. Aber: vor allem auch Blätterteigplätzchen mit Fleischfüllung und Fleischbällchen, bei dem der Macher/die Macherin seine/ihre Vorliebe für Knoblauch absolut freien Lauf ließ. Morgen wieder eine ganze Sitzreihe nur für mich! B. M. wird schon einen anderen Platz finden.

Fassen wir zusammen: Grazer Baustellen, das Design des Grazer Liniennetzes, die Architektur des Campus(es), die Mensapreise (anscheinend nicht subventioniert) und die Preise für Brötchen… Scheiße! CSI Miami, was ich gestern auf meinem Hotelfernseher gesehen habe, war hingegen soooo unglaublich beschissen, dass es eigentlich ganz unterhaltsam war. Absolut geil in Graz: der Schlossberg mit der Schlossbergbahn (müsste man auch in Thüringen dringend einführen), die Gesamtsituation des Stadtflairs im allgemeinen und des Rechbauerkinos im speziellen. Wenn doch bloß das „Ami“ wieder ein solches Flair entwickeln würde…

Diary of the Dave #18 – Pontypool

7. April 2011

Man nehme eine große Portion „Talk Radio“ und eine gleich große Portion „Dawn of the Dead“, drehe beide kräftig durch einen Mixer und füge zum Würzen noch ein bisschen „Radio Rock Revolution“ und „Das Fenster zum Hof“ dazu und man erhält: Pontypool. Um es klar zu stellen: „Pontypool“ ist im Grunde ein Zombiefilm, bei dem Menschen nicht durch irgendwelche Strahlen zu Untoten werden, sondern durch infizierte englische Wörter (irgendwie fällt mir da eine South-Park Folge ein, aber welche denn, verdammte Scheiße noch mal?). Die französisch-sprachigen Kanadier sind dadurch in diesem kanadischen Film außerordentlich im Vorteil gegenüber dem englisch-sprachigen Bevölkerungsteil, insbesondere jenen Personen in verschlafenen und verschneiten Nestern in Ontario. Nichtsdestotrotz sieht der Film in den ersten zwei Dritteln mehr wie „Talk Radio“ von Oliver Stone als wie Romeros „Dawn of the Dead“ aus: MAN SIEHT ÜBERHAUPT NICHTS! Sondern alles läuft im Grunde über das Akustische (zugegeben eine starke Vereinfachung von Stones‘ Meisterwerk).

Pontypool PosterTrotzdem baut der Film eine absolut wahnsinnige Spannung auf, die ab dem zweiten Drittel paradoxerweise durch Action- und Zombie-Sequenzen gestört wird. Dass letztlich auch das ganze Konzept, dass Worte töten können (ja: Talk Radio!), nicht völlig konsequent zu Ende gedacht wird und für eine etwas melodramatische Held-rettet-Heldin-Szene missbraucht wird, ist nur ein kleiner Wermutstropfen für einen Film, der meinen Adrenalin-Haushalt über weite Strecken ziemlich in Mitleidenschaft gezogen hat. Nicht etwa wegen Rum-Gesplattere, sondern eben weil man nichts sieht. Die Spannung entsteht nur durch die drei Hauptfiguren, die in einem Keller sitzen und versuchen, eine Radiosendung zu produzieren, während von draußen über Telefonate sehr bedrohliche Meldungen in das improvisierte Studio eintrudeln.

Wunderbar und absolut mitreißend ist Stephen McHattie in der Rolle des Radio-Moderators Grant Mazzy, der eine Frühmorgen-Sendung mit Wetterbericht und Schulbusverspätungs-Meldungen wie Barry Champlain/Alan Berg moderieren möchte und dabei ein ähnliches Charisma wie Gavin in „Radio Rock Revolution“ entwickelt (gleiche Kopfbedeckung, aber ohne Feder). Nur dass er eben nicht wie im Stile der Piratensender die frohe Botschaft des Rock ‘n‘ Roll in die Welt sendet, sondern von der Außenwelt gruselige Botschaften erhält, die seine voyeuristischen Triebe massiv anregen. Auch er hat seine Grace Kelly bzw. seine Produzentin, die ihn zumindest vorerst in seinem Elan bremsen will und keine Liveübertragung eines Todes hören möchte. Am Schluss wird Grant jedoch mit mehr als nur zwei gebrochenen Beinen bestraft…

Nun also denn… ich fühle, dass mein Adrenalin-Spiegel sich wieder etwas normalisiert hat. Als Fazit würde ich ziehen: Sicherlich kein absolutes Meisterwerk, da die Spannung nun doch im letzten Drittel wieder an Niveau verliert. Sicherlich sind die Charaktere auch nicht so ausgereift wie in Oliver Stones bereits mehrfach erwähnten stillen Meisterwerk. Das grotesk-satirische Element der guten Romeros ist größtenteils auch abwesend (weder Splatter noch ein satirischer politischer Subtext… wenngleich Afghanistan irgendwie über dem Ganzen schwebt). Im Vergleich zum französischen Machwerk „La horde“ ist Pontypool jedoch ein durch und durch respektabler Film, bei dem man sich auch mal wirklich gruseln kann, und dies obwohl sein Budget wahrscheinlich um ein vielfaches geringer war.

Und wieder einmal hat mein liebster deutsch-französischer Sender bewiesen, dass sein Programm unschlagbar ist, insbesondere wenn es in OmU ausgestrahlt wird. Etwas verwirrend jedoch ist, dass arte-Trash eigentlich immer am Freitag, und nicht Donnerstag Nacht kam. Schon den ganzen Tag hatte ich das Gefühl, dass heute Freitag wäre. Artes Sendeverschiebung verstärkt dieses Gefühl… Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl, Gefühl… Ce n‘était qu‘une blague! Le virus ne se transmet qu‘en anglais!


Pontypool von Bruce McDonald ist in Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen.

Diary of the Dave #17 – Der Zauberer von Oz

28. März 2011

„My Way Home“ ist wirklich eine sehr sehr schöne Scrubs-Folge!!!

Und Der Zauberer von Oz aus dem Jahre 1939 war ein wirklich außergewöhnliches Erlebnis… ein Wort: TRASHISSIMO!!!

1892: die Populisten gewinnen 9 % der Wählerstimmen bei den Präsidentschaftswahlen und natürlich die Wahlmänner in Kansas.

1896: William Jennings Bryan verliert mit seiner Pro-Silber-Plattform für die Demokraten das Präsidentschaftsrennen gegen den Republikaner William McKinley.

1901: Leon Czolgosz ermordet McKinley. Theodore Roosevelt wird Präsident.

1912: Woodrow Wilson wird zum Präsidenten gewählt, vor Theodore Roosevelt von der Progressive Party, William Taft von den Republikanern und Eugene Debs, der 6 % der Stimmen bzw. etwa eine Million Stimmen für die Sozialisten erreichte.

1967: Captain Beefheart veröffentlicht sein geniales und revolutionäres Debut-Album „Safe as Milk“, u. a. mit dem Lied „Yellow Brick Road“.

2006: Zach Braff führt die Regie für die Scrubs-Folge „My Way Home“.

2011: Ein Mann mit einem Vierteljahrhundert auf dem Buckel bereitet sich auf seine mündliche Prüfung in Politik vor.

Aber zur Hölle noch mal… hat der Autor etwa getrunken? Haben diese Ereignisse alle miteinander etwas zu tun? Die Antwort lautet: JA!

Der Zauberer von Oz PosterL. Frank Baum veröffentlichte 1900 sein Buch „The Wonderful Wizard of Oz“, das zu einem der erfolgreichsten amerikanischen Kinderbücher überhaupt werden sollte. 39 Jahre später adaptierte Victor Fleming das Buch mit einem der erfolgreichsten Filme überhaupt. Die Story ist ganz einfach: Ein kleines Mädchen aus Kansas namens Dorothy wird durch einen Wirbelsturm samt ihres Hauses in das Land von Oz hinweggefegt. Dabei tötet sie die böse Hexe des Ostens und erbt ihre roten Schuhe (im Buch silber! Dazu später). Sie will nach Kansas zurück und der Mann, der sie dorthin zurückbringen kann, ist der große Zauberer von Oz, den sie finden wird, wenn sie der gelben Ziegelsteinstraße (yellow brick road) folgt. Auf ihrem Weg trifft sie eine Vogelscheuche, die sich Verstand wünscht, einen Blechmann, der gerne ein Herz hätte, und einen furchtsamen Löwen, der gerne mehr Mut hätte. Die böse Hexe des Westens will sie alle davon abhalten, weil sie auf die roten/silbernen Schuhe total abfährt. Nach einigen Abenteuern schaffen sie es doch zum Zauberer von Oz, der sich als Betrüger entpuppt. Er überlässt seinen Platz den drei Kompagnons von Dorothy, die selbst durch dreimaliges Zusammenschlagen der Hacken nach Kansas zurückkommt.

Für alle die es nicht begriffen haben: Dieses Kinderbuch ist eine ziemlich ausgeklügelte politische Allegorie über die USA der Jahrhundertwende. Das Buch beschreibt quasi die Schnittstelle zwischen dem Protest der Populisten in den 1890er Jahren und der Reform-Ära der Progressives, die mit der Präsidentschaft Roosevelts ab 1901 erst richtig losging, und ihren Höhepunkt im Kriegseintritt der USA unter Wilson fand.

Die Populisten (People‘s Party) waren das politische Organ von Farmern im mittleren Westen, wo auch unsere von Judy Garland gespielte Dorothy ihren Ursprung hat, genauer gesagt in Kansas. Besonders zu leiden hatten die Farmer unter einem Preisverfall für Agrarprodukte und unter der Macht der politischen Maschinen der örtlich gerade dominanten Partei (im Mittleren Westen zu der Zeit die Republikaner), die Recht und Gesetz zum eigenen Nutzen interpretierten: Miss Gulch, die Dorothys Hund unter Vorlage eines Hunde-Haftbefehls (!) verhaften will. Besonders schwer war auch die Wirtschaftskrise von 1893, die wie ein Wirbelsturm über das Land fegte… Durch einen solchen Wirbelsturm kommt Dorothy nach Oz, wo sie treffend merkt: „Es scheint mir, als wenn wir nicht mehr in Kansas wären.“

Dorothy tötet aus Versehen die böse Hexe des Ostens. Die bösen Hexen scheinen dabei eine Metapher für die korrupten politischen Maschinen der beiden amerikanischen Parteien zu sein. Mit den Reformbemühungen der Populisten und der Progressives, insbesondere durch die Einführung der Primaries, wurde ihnen ein Ende gesetzt.

Die mächtigste Metapher, mit der der Roman aufwarten konnte, fehlt im Film übrigens. Denn dort läuft Dorothy mit ROTEN Glitzerschuhen über die gelbe Straße. Eigentlich sind es SILBERNE Schuhe. Eines der zentralen Programmpunkte der Populisten im Jahre 1892 war die Durchsetzung des Silber-Währungs-Standards (die eine für Agrarier vorteilhafte Inflation verursacht hätte), während die beiden anderen Parteien den Goldstandard bevorzugten. William Jennings Bryan, der Kandidat für die Demokraten im Jahre 1896, übernahm weite Programme der Populisten, darunter auch den Silber-Standard.

Bryan wird gemäß Henry Littlefield durch den furchtsamen Löwen personifiziert, der aber eigentlich doch mutig ist (Bryan war 1898 ein strikter Gegner der amerikanischen Intervention in Kuba). Doch im Film kommt davon nicht viel rüber, denn der Löwe ist doch sehr… sehr… irgendwie… ja natürlich: trashig! Aber vor allem auch etwas schwul! Er wird ein bisschen wie ein Klischee-Schwuler dargestellt. Er singt darüber, was für eine „sissy“ er ist und lässt sich gerne rote Scheifchen ins Haar flechten. Das hatten die Populisten, die Progressives und L. Frank Baum wahrscheinlich so nicht vorgesehen (Rechte für Homosexuelle nehmen in den USA doch sehr viel später Gestalt an). Der Löwe ist sicher einer der Gründe, warum der Film so trashissimo ist. Die unglaublich schlechte deutsche Synchro hat das ganze nicht besser gemacht: „Ich hoffe, dein Schwanz hält das aus“, sagt ihm der Blechmann in einer bestimmten Situation.

Bevor wir zur Ästhetik kommen… die Mohnblumen, die den Löwen und Dorothy kurzfristig in den Schlaf zwingen, stehen wohl für den grassierenden Morphin-Konsum der US-Amerikaner um die Jahrhundertwende, die die Progressives schließlich mit Gesetzen einzuschränken versuchten. Ob das Wasser, mit dem Dorothy die böse Osthexe zum Schmelzen bringt, das Symbol für die Bemühungen der Prohibitions-Aktivisten sein soll, ist unklar. Der Kreuzzug gegen den Alkohol verband die Populisten, Bryan und die Progressives und mündete in die infame Verfassungsänderung von 1919/20. Die Vogelscheuche steht natürlich für den einfachen Farmer des mittleren Westens. Der Blechmann personifiziert die Industriearbeiter oder vielleicht doch die Landarbeiter, die im Film am Anfang durchaus im Konflikt zu den landbesitzenden Farmern stehen. Der Löwe ist… Bryan? Whatever… Die ganze Truppe, also Dorothy, Vogelscheuche, Blechmann, Löwe, erinnert an die „Coxey‘s Army“, einem „Heer“ von Arbeitslosen aus der Krise von 1893, die einen Marsch auf das Weiße Haus organisierten, um den Präsidenten um Arbeit zu bitten. Der Präsident, also der Zauberer von Oz, entpuppt sich jedoch als machtloser alter Mann. Zwanzig Jahre nach Veröffentlichung des Buches war dies schon anders: Roosevelt und Wilson hatten die Rolle des Präsidenten massiv gestärkt. Als Victor Flemings Film gedreht wurde, setzte der kleine Cousin Roosevelts das ambitionierteste Reformprogramm der USA seit den Progressives um, wenngleich auch ohne deren moralistisch-religiösen Fanatismus.

Nun… so viel zum durchaus sehr mächtigen politischen Subtext von „The Wonderful Wizard of Oz“. Bester Sendeplatz für den 1939er Film wäre natürlich Freitag nachts auf Arte, am besten OmU (im Gegensatz zu meiner Billig-DVD). Das Augenkrebspotential der Farbsequenzen ist sehr mächtig… und ja ich mein das echt positiv! Das Set sieht so aus, als hätte es als Inspiration für die hochgradig stilisierten Fellini-Filme der 1970er (ich denke selbstverständlich an Casanova) und 1980er Jahre gedient: Es ist von einer herrlichen und grotesken Künstlichkeit. Die Sturm-Sequenz ist durchaus sehr augenzwinkernd, mit ihrem Film-im-Film. Was mir etwas zu viel erschien, war selbstverständlich das viele Herumsingen, insbesondere wenn der Löwe überaffektiert jaulte.

Sehr viele Metaphern über die Populisten und den entstehenden progressiven „Kreuzzug“, die in dem Buch vorkommen, bringt der Film noch im Jahre 1939. Verfremdet, verzerrt, als Pastiche neu aufgetischt findet sich alles in der großartigen Scrubs-Folge „My Way Home“ wieder.

Und ich? Ich bin nur jemand, der in 72 Stunden nicht mehr Student ist, in etwa 38 Stunden seine allerletzte Prüfung in Politikwissenschaft hat… unter anderem zum Thema „Politisches Denken in der Progressive Era, 1890-1920″…

Diary of the Dave #16 – This Film Is Not Yet Rated

Diary of the Dave #16 - This Film is not yet rated„I See No Evil“… schreit Tom Verlaine im Abspann von This Film Is Not Yet Rated aus vollem Halse. Wie recht er doch hat. Ein bisschen freiwillige Selbstkontrolle kann ja wirklich nicht schaden, wenn man bedenkt, was ein wirklich ganz ganz ganz böööööser und allmächtiger STAAT doch alles für ganz ganz ganz böse Dinge anrichten könnte! Da ist es doch viel besser, die kinematografische Kultur einer völlig objektiven Behörde mit „durchschnittlichen amerikanischen Eltern“ zu überlassen, die dafür sorgt, dass unsere Kinder keine „unerwünschten Filme“ zu sehen bekommen… auf gut deutsch/amerikanisch: ein demokratisch nicht legitimiertes Organ, das weitestgehend ohne kodifizierte Richtlinien arbeitet, auf Transparenz, formelle Rechtsstaatlichkeit und künstlerische Freiheit scheißt und auf eine so unglaublich kindische Art und Weise funktioniert, dass es doch paradox ist, dass es sich auf den Jugendschutz als seine Legitimationsgrundlage beruft!

Um es ganz klar zu stellen: der Staat hat meiner Meinung nichts in der Klassifizierung und Bewertung von Kunst zu suchen… es sei denn, es geht um strafrechtliche Angelegenheiten. Aber der größte Albtraum auf der Welt scheint mir doch zu sein, einer PRIVATEN (!) Organisation mehr Macht zu gestehen als einer offiziellen Behörde. Denn viele große Konzerne funktionieren doch nach dem Motto „Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren“. Viel Macht, keine Verantwortung bzw. Verantwortlichkeit! So auch die Motion Picture Association of America (MPAA).

This Film Is Not Yet Rated PosterIn This Film Is Not Yet Rated recherchiert der Filmemacher Kirby Dick über die Funktionsweise der Rating-Behörde der MPAA, die die verschiedenen Filme mit G, PG, PG-13, R und NC-17 (früher X) klassifiziert (die deutsche Entsprechung: 0, 6, 12, 16, 18). Klingt langweilig, ist es aber ganz und gar nicht. Thesenartig zusammengefasst kann man folgendes feststellen: die Darstellung von Frauen, die beim Sex Spaß haben, ist völlig inakzeptabel (bringt meistens NC-17), aber Gewalt gegen Frauen und auch sexuelle Gewalt – sprich: Vergewaltigung – sind völlig in Ordnung (höchstens R). Lächerlicher Puppensex geht gar nicht (NC-17), aber die Verherrlichung militärischer Gewalt, vor allem wenn es sich um Gewalt durch die heldenhaften US-Soldaten handelt, ist OK (manchmal nicht über PG-13). Cool, dass Matt Stone (der Co-Autor von „Team America“) meinte, dass die extralange Puppensexszene (die wohl lächerlichste Sexszene aller Zeiten, wenn man von ein paar Momenten aus South Park mal absieht!) extra hinzugefügt wurde, um die MPAA-Leute anzupissen. Wo waren wir stehengeblieben… ach ja: Filme von großen Studios (die die MPAA ja betreiben) bekommen meist ein leichteres Rating als Independent-Filme (Todd Solondz kann ein Lied davon singen). Denn: „art-films make people feel funny“! Weiterhin kommen Homosexuelle grundsätzlich sehr viel schlechter weg als Heteros: Apfelkuchen auf dem Küchentisch ficken geht klar (American Pie, R), aber wenn eine völlig bekleidete homosexuelle junge Dame sich selbst befriedigt, ist das für MPAA-Zens… ich meine „Raters“, inakzeptabel (deshalb NC-17). Übrigens mögen die Zenso… ich meine die MPAA-“Raters“ auch nicht den Anblick weiblicher Schambehaarung (NC-17).

Wie bin ich eigentlich zu diesem Film gekommen? Wenn man lange genug bei einem großen Video-Online-Portal zu South Park, Trey Parker und Matt Stone recherchiert, kommt man irgendwann mal auf die Interview-Ausschnitte mit Matt Stone, und schließlich auch zum Trailer und zu ganzen Filmausschnitten. Da ich ab und zu in einsamen Momenten gerne über Filme was lese, kann auch was über Filmzensur dabei sein… Jetzt ist das Wort raus: ZENSUR!!! Denn… geht es wirklich um Jugendschutz? Darum, den Eltern eine Orientierung zu geben? In den USA kann der Unterschied zwischen R und NC-17 einige Millionen Eintritte, ausgedehnte öffentliche Werbekampagnen etc. an Einbußen bedeuten. Oder Anfang der 1970er hieß es: Filme wie „Clockwork Orange“ und Italowestern in Pornokinos zu schauen. Und ehrlich gesagt: welcher Pornokinobesucher möchte schon Italowestern gucken. Und welcher Kubrick-Fan fand es angenehm, in ein „spezialisiertes Kino“ zu gehen…

Aber das war in den USA der Preis dafür, dass man Ende der 1960er Jahre nicht mehr einfach wie in den frühen 1950er angebliche Kommunisten auf eine schwarze Liste setzen konnte. Da brauchte man eben einen Jack Valenti, der den alten Hays Code ein bisschen aufpeppte… natürlich nur um die Jugend vor „undesirable films“ zu schützen (O-Ton der Gründungsnachrichten).

Nun… ich schweife ab… Was taugt dieser Film nun eigentlich? Von 5 möglichen Sternen würde ich ihm 3,5 geben. Natürlich weil wieder mal, wie in so zahlreichen Dokus, dieser VÖLLIG UNNÜTZE MIST gezeigt wird, der keinen interessiert: der Regisseur Kirby Dick engagiert eine Privatdetektivin, um über die Mitglieder der MPAA zu ermitteln. Was so spannend oder für das Argument des Films wirklich bedeutend ist an minutenlangen Zuschauen beim Aufschreiben von Autonummerschildern und ähnlichem, bleibt unklar. Auch die „Reenactments“ (ich hasse sie, ICH HASSE SIE) der Telefonate mit dem MPAA sind etwas grenzwertig.

Nichtsdestotrotz regt der Film zum Nachdenken über Selbstkontrolle, öffentliche Meinung, Bürokratie und Zensur in einer eigentlich demokratischen Gesellschaft an. Auf der IMDB meinten einige amerikanische Kommentatoren, dass der Film wohl außerhalb der USA kein Interesse wecken könnte, da es sich nur um einen Film über die bürokratische Klassifizierung von Kinofilmen in den USA handle. Und ich sage… Nein! In Deutschland gibt es schließlich auch so eine komische nichtstaatliche Behörde, die sich nicht „Zensurbehörde“ nennt, sondern besonders scharf darauf ist, den freiwilligen Aspekt der Kontrolle und Selbstkontrolle zu betonen. Und im Grunde genommen könnte man, glaube ich, durchaus ein deutsches Remake von This Movie Is Not Yet Rated machen. Die Parallelen würden sehr wahrscheinlich erschreckend sein.

Für alle, die denken, ich würde die Gemüter kleiner Kinder durch meinen Werterelativismus absichtlich verwirren wollen: Das will ich nicht! Ich stelle nur fest, dass ich nicht deswegen psychopathisch und pervers bin, weil ich zu früh die falschen Filme gesehen habe. Wenn ich also eines Tages Amok laufe, werden NICHT Gewaltfilme daran schuld sein! Das sei betont! Ich frage mich eigentlich überhaupt grundsätzlich, ob eine Alterseinteilung von Filmen sinnvoll sein kann. Die systematischen Fehleinschätzungen sind einfach zu groß, um von einer grundsätzlichen Nützlichkeit dieses Systems auszugehen. Kann ein System, in dem ein gewaltverherrlichender, rassistischer, volksverhetzender Film FSK-0 bekommt (Birth of a Nation) und humanistisch fundierte, antifaschistische Filme entweder für lange Jahre verboten werden (Rom offene Stadt) oder FSK-18 bekommen (The Train) wirklich grundsätzlich in Ordnung sein? Entziehen sich viele Filme nicht jeglicher Klassifizierung: mit 23 Jahren hat mir „Idi i smotri“ (Geh und sieh) eine schlaflose Nacht bereitet (zurecht!!!), trotzdem er schon ab 16 frei ist.

Sollten vielleicht nicht einfach die Eltern selbst die Filme schauen, die ihre Kinder sehen? Und das meine ich nicht nur deshalb, weil ich heute die „Hundemelken“-Folge von South Park geguckt habe! Sollte sich nicht jeder selbst fragen, welche Filme er seine eigenen Kinder sehen lassen sollte, statt sich auf eine Zen… ich meine Kontrollbehörde zu verlassen, die ohne jegliche kodifizierte Kriterien arbeitet. Vielleicht sind kodifizierte Kriterien ja einfach auch unmöglich? Könnte ja sein! Also ein ganz ganz großes F-Wort an die MPAA… und an die sonstigen Z… ich meine Kontrollbehörden dieser Welt. Es lebe die Kunstfreiheit und der Artikel 5 des Grundgesetzes.

Zwei Dinge über „American Psycho“, die ich noch loswerden wollte. Erstens: war total lustig, die Regisseurin Mary Harron im Interview zu sehen. Sie sieht aus, als könnte sie eine Sozialkundelehrerin in Mitteldeutschland sein: klein, zierlich und Sozialkundelehrerin-haft. Find ich nett… erinnert mich an… eine meiner Sozialkundelehrerinnen. Zweitens: im Film wird die legendäre Visitenkarte-Szene gezeigt. Die sehen alle aus wie Karl-Theodor von und für bei zu Guttenberg aus. Ich glaube, wenn der in seiner Freizeit Frauen sezieren würde… der würde Bundespräsident auf Lebzeiten werden (mit expliziter Unterstützung der „Blöd“).