Diary of the Dave #1

Die Möchtegern-filmwissenschaftliche Bastion bei the-gaffer.de wird aufgebrochen, herein kommt mit David ein Experte für osteuropäische Geschichte und – natürlich – ein Cinephile. Diary of the Dave ist, wie der Name schon sagt, ein Filmtagebuch, aber eines der etwas anderen Art. Keine Kritiken im herkömmlichen Sinne werden den Leser hier erwarten, vielmehr höchst subjektive Eindrücke, keine Inhaltsangaben, sondern Erlebnisse, kleine Spoiler inklusive. Los geht’s mit David Lynchs „Eraserhead“.

Also bin ich alleine zum Wagner gegangen. Als manischer Pünktlichkeitsfanatiker war ich etwa 19.55 da. Der Vorteil: keine Schlange an der Bar und die Möglichkeit, small-talk mit den Eintrittsleuten zu führen. Zudem auch noch relativ freie Platzwahl (bei trotzdem unbequemen Stühlen). Großer Nachteil: der Film fing erst „c.t. + 10“ an. Das hieß also, lange Warten, sitzen, Bier trinken, Leute anschauen und sich nicht „dazugehörig“ fühlen. Der eine wollte noch ein Glenfiddich, gab’s aber nicht. Andere bestellten noch Nudeln. Dann fing Eraserhead endlich an.

Die ersten 10 Minuten sind pure Avantgarde oder präziser gesagt: Industrial-Avantgarde. Unerwarteterweise war der Film durchaus nicht humorlos. Nein, er hatte sogar einen sehr herzhaften, schwarzen und grotesken Humor. Die Dinner-Szene ist der vorbildlichste Alptraum eines Schwiegerelternessens. Gefragt wird nach dem Namen, nach der Beschäftigung, ob man Geschlechtsverkehr mit der Tochter hatte… und zu guter Letzt, ob man nicht das Hühnchen (Betonung auf ,,chen“) tranchieren möge (mit blutig-schleimigen Folgen). Einer meiner Filmführer, der „Eraserhead“ nur 3,0 von 5 Sternen gibt, meint, dass wohl alle Figuren im Film eine Gratis-Lobotomie zur Geburt erhalten haben müssen. Daran musste ich vor allem bei der Dinner-Szene denken. Welchen Effekt eine halbtote, halbmumifizierte Oma und eine überdimensionierte Salatschüssel voller Müll (so sah es zumindest aus) haben können… man musste nur das Lachen im Publikum mithören. Der Rest des Films spielt dann ausschließlich in Henrys Wohnung… und in seiner Phantasie… eigentlich sind beide ja austauschbar. Auch hier zeigte sich der Vorteil des „public viewing“, wenn man bei blutig-schleimig-rotzig-eitrig-ekligen Szenen die „Oh Nein“ und „Ihhh“ hört.

Der Film wird ab einen Zeitpunkt schon fast wieder konventionell, wenn man zumindest Monster-Babys (schleimig), zu Leben erweckte vertrocknete Schrimps, ein dampfendes Bad mitten in einem Bett und eine Frau mit auswucherndem Wangengewebe, die überdimensionierte Spermien zertritt (schleimig) überhaupt als konventionell bezeichnen mag. Anders gesagt: der Film zieht einen in den Sog, so dass man seine eigene Logik (oder Illogik) wenn nicht nachvollziehen, so doch mitfühlen kann. Der eigentliche Schock (weg vom Reinkuscheln in den Irrsinn des Films) ist das Herausdrücken des Kopfes von Henry, und das, was folgt (entsprechende Reaktion im Publikum, trotz des Humors und des offensichtlich Grotesken). Der Schluss ist weiß, und hört sehr überraschend, nun ja, eigentlich eher abrupt, auf.

Etwas unkultiviert von den Wagnerianern war, dass sie dann gleich das Making-of gezeigt haben. Im Kino läuft eigentlich normalerweise nur der Film, eventuell mit Vor-Film oder Vor-Trailern, aber auf keinen Fall mit „Nach-Film“. Ich bin dann sofort gegangen, die Klänge von Fats Wallers Orgel im Kopf…