Watchmen (USA/CDN/GB 2009)

Watchmen von Zack Snyder besteht zu 80% aus einer Imitation und zu 20% aus einer Adaption. Dieses Verhältnis führt zum Schluss, dass der Film nicht im entferntesten „inspiriert von“ der Comicvorlage ist, der Ausdruck „basierend auf“ aber auch eine massive Untertreibung darstellt. So profiliert sich Snyder, der zuvor mit dem Remake „Dawn of the Dead“ und der Comicverfilmung „300“ von sich reden gemacht hatte, als der Anti-Auteur Hollywoods. Den Handwerkern, welche sich ganz in den Dienst der Vorlage oder des Studios stellen, kann man ihn nicht unwidersprochen zuordnen, da sein visueller Stil einem zu prägnant in Erinnerung ruft, man sieht einen Film „directed by Zack Snyder“. Die persönliche Handschrift eines Auteurs sollte hingegen aus den Metaebenen herauszulesen sein. Jenseits vom bloßen Plot sucht man da nach thematischen Verknüpfungen zwischen den einzelnen Werken, die weniger etwas mit der Vorlage als vielmehr mit der Persönlichkeit des künstlerischen „Genius“ hinter der Kamera zu tun haben.

Die einzigen Schöpferpersönlichkeiten, die einem bei Ansicht von „Watchmen“ in den Sinn kommen, die Menschen also, von denen man in bestimmten Momenten des Films denkt „da hat er/sie etwas künstlerisch wertvolles geschaffen“, heißen Dave Gibbons und Alan Moore. Betrachtet man „Watchmen“ mit Kenntnis der Vorlage, beschleicht einem nämlich selten das Gefühl, ein eigenständiger Film laufe da auf der Leinwand ab. So massiv ist Snyder Sklave seiner Vorlage, selbst die einzelnen Kapitel (ursprünglich die einzelnen Ausgaben der Serie) sind im Bewegungsbild, das da projiziert wird, auszumachen. Das Streben nach einer werkgetreuen Adaption mit den Enttäuschungen „From Hell“ und „The League of Extraordinary Gentlemen“ in unmittelbarer Erinnerung, hat einen „Film“ produziert, der die formalen Eigenschaften des Mediums sein eigen nennt und doch als Adaption weniger Existenzberechtigung besitzt, als die beiden genannten. Im Gegensatz zu jenen ist „Watchmen“ allerdings ein manchmal fast schon guter Film.

Erzählt wird – wie auch in der später als Graphic Novel vermarkteten Serie von Moore und Gibbons – der Plot eines Krimis vor dem Hintergrund einer alternativen Version der USA in den 80er Jahren. In der sind kostümierte Vigilanten (lies: Superhelden) nicht mehr Stoff der Fiktion von Comicschreibern, sondern Realität. Zwei Generationen kämpften gegen die Unterwelt und ihre Schurken, bis die Helden für Regierungszwecke engagiert und in der Folge auf Grund ihrer fehlenden Popularität durch den Keene-Act verboten wurden. In diesen USA war es nicht mehr nur die Nationalgarde, die auf Protestanten schoss, sondern eben auch die politisch instrumentalisierten Vigilanten. Denen, speziell Dr. Manhattan (Billy Crudup), verdankt Präsident Nixon auch seine fünf Amtszeiten, denn der einzige tatsächlich mit Superkräften ausgestattete Superheld sorgte für den Sieg der USA im Vietnamkrieg. Im Oktober 1985 nun wird einer von ihnen ermordet: The Comedian (Jeffrey Dean Morgan). Während seine maskierten Kollegen in Rente gegangen oder in Regierungsdienste getreten sind, ist Rorschach (Jackie Earle Haley) der einzige in der Illegalität aktive Vigilant und er ist es auch, der eigene Ermittlungen in diesem Mordfall aufnimmt. Rorschach wittert eine Verschwörung, die Schritt für Schritt die Ex-Helden auszulöschen sucht.

Doch „Helden“ ist eigentlich schon eine unscharfe Bezeichnung, betrachtet man sie als sich für ein Ideal aufopfernde moralische Vorbilder. Realismus war eine Besonderheit der Herangehensweise von Alan Moore und Dave Gibbons, als sie „Watchmen“ schufen, schließlich spielten sie einerseits mit der Frage, wie eine Gesellschaft auf Superhelden reagieren würde, andererseits  zeichneten sie Psychogramme verschiedener Persönlichkeitstypen, die sich ausgerechnet für ein Leben hinter der Maske entscheiden. Da ist der augenscheinlich soziopathische Faschist, der über Leichen geht (The Comedian), die nach Aufmerksamkeit süchtige Mutter (Silk Spectre), die ihre Tochter in die Heldenrolle zwingt (Silk Spectre II), der Idealist und tendenzielle Megalomane (Ozymandias), der unscheinbare Normalo, der erst im Kostüm zu eigener Selbstsicherheit findet (Nite Owl II), der durch einen Unfall verwandelte Wissenschaftler (Dr. Manhattan) und schließlich der psychotische Bestrafer (Rorschach). Moore und Gibbons schufen also ein Comic, dessen Auseinandersetzung mit dem eigenen Medium im Zentrum steht. Ein Comic über Comics, das vor Verweisen auf unzählige Intertexte nur so strotzt, eines, welches mit seinen strukturellen Symmetrien, dem überbordenden Symbolismus, den Geschichten innerhalb der Geschichte nicht nur zum mehrfachen Lesen einlädt, sondern dezidiert dazu auffordert.

In welchen Zeiten ist die Adaption einer solchen Dekonstruktion des Superheldentums für die Kinos besser aufgehoben, wenn nicht in unseren? Seit Jahren schmeißen die Studios in Hollywood eine Comicverfilmung nach der anderen auf den Markt und wie The Dark Knight, Iron Man und Hellboy II letztes Jahr bewiesen hatten, giert das Publikum noch immer nach weiteren Abenteuern ihrer Helden. Doch Snyder hat im Gegensatz zu Nolan, Favreau und Del Toro einen zweifachen Fluch auf sich geladen. Nicht nur den Heiligen Gral des Genres sollte er verfilmen. Watchmen war auch noch eine auf zwölf Ausgaben beschränkte Serie, die nicht über Jahre hinweg verschiedene Geschichten und Inkarnationen durchlaufen hatte. Snyder kann daher wie der Regisseur einer klassischen Literaturverfilmung an einer einzigen konkreten Vorlage gemessen werden. Entscheidend für die Einschätzung des Endergebnisses ist, nach welchen Kriterien man dabei vorgeht. Hier muss jeder Kinobesucher, ob Fan der Vorlage oder nicht, selbst entscheiden. Meine Herangehensweise an Adaptionen lässt sich kurz so zusammenfassen: a) Eine Adaption sollte als eigenständiges (Kunst-)Werk funktionieren, d.h. 1.) dass die Kenntnis der Vorlage nicht von Nöten ist, sowie 2.) die Umsetzung des Stoffes unter Berücksichtigung der Eigenschaften des jeweiligen Mediums vollzogen wird. In der Bewertung einer Verfilmung, sollte b.) die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass Abweichungen vom Original einen Mehrwert erbringen und die Adaption als Werk besonders auszeichnen können. Basis für die Kritik, folgt man diesen Punkten, ist schlussendlich, ob man also die Vorlage kennt oder nicht. Spekulieren über die potentielle Reaktion von „Watchmen“-Neulingen kann ich durchaus, aber die nachträgliche Einschätzung von Zack Snyders Film ist, wie bei jeder Kritik, nicht von meinen Vorkenntnissen, sozusagen den Intertexten in meinem Kopf, zu trennen. Und einer dieser Texte heißt eben leider „Watchmen“.

Snyders Watchmen ist eine äußerst treue Verfilmung, die zuweilen Panel für Panel mit Schauspielern und einem extrem detaillierten Production Design in Bewegung umsetzt und trotz der notwendigen Kürzungen eigentlich nur am Anfang und am Ende markante eigene Akzente setzt. Die Credits seien hier besonders hervorgehoben, da sie dank ihrer von Bob Dylan begleiteten, leicht melancholischen Nacherzählung der bisherigen „Superheldengeschichte“, die fünf Minuten des Films ausmachen, in denen ich der Inspiration der Macher tatsächlich einmal zujubeln konnte. Natürlich, der Film muss besetzt, gedreht, geschnitten, musikalisch untermalt werden. Er ist schließlich kein Trickfilm, der das Comic wie ein Daumenkino als Vorlage verwendet. Das Problem ist nur: Ein Großteil des Films wirkt wie ein stylishes Daumenkino. Im negativen Sinne beispielhaft dafür ist die Beerdigung des Comedians, die Anlass zu Flashbacks der Anwesenden gibt. Nacheinander werden also die Erinnerungen an den Toten ausgebreitet. Die Anhänglichkeit des Films an seiner Vorlage führt hier zu einer unrhythmischen, mit äußerst schwerfälligen Übergängen versehenen, Aneinanderreihung von Flashbacks nach dem Schema Zoom auf Gesicht – Flashback – Zoom auf nächstes Gesicht – Flashback… Anstatt die Erzählung zu straffen, wichtige Informationen mit Hilfe von eigenen Eingebungen (!) zusammengefasst zu übermitteln, überträgt der Film die Narration des Comics unhinterfragt in ein anderes Medium. Ein Medium, das anders funktioniert, bei dem man nicht zurück blättern, in Ruhe die Bilder mit ihren Details betrachten kann, in dem das gesprochene, nicht das gelesene Wort vorherrscht, die Informationsaufnahme beim Rezipienten schlicht anders von statten geht.

Auf den ganzen Film bezogen, führt der letzte Punkt zu einem Übermaß an z.T. expositorischen Monologen und mehreren unfreiwillig komischen Dialogen. Gerade die rahmende Erzählung des Films – Rorschachs Tagebucheinträge – verliert drastisch an Wirkung bzw. erscheint am Anfang ungleichmäßig verteilt und einigermaßen aufgesetzt. Genauso gut könnte jemand hereinplatzen und Shakespeares Zeilen von sich geben. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Snyder absolut unfähig ist, wenn es um die Inszenierung von Dialogszenen geht. Jeder Erstsemester-Filmstudent müsste das, was Snyder aus den Gesprächen zwischen Dr. Manhattan und Laurie Jupiter alias Silk Spectre II (Malin Akerman) fabriziert, weniger steif hinkriegen. Da ist es auch nicht gerade hilfreich, dass Akerman alles andere als schauspielerisch zu glänzen weiß. Ein dermaßen wortlastiger Film verlangt eben nach einem Regisseur, der nicht nur darin versiert ist, am Geschwindigkeitsregler im Schnittraum zu spielen. Doch das ist, wie wir spätestens seit „300“ wissen, Snyders Lieblingsbeschäftigung, welche er sich auch hier nicht versagt. Seltsames (beabsichtigtes?)  Nebenprodukt seines Zeitlupenfetischismus ist eine weitere Parallele zum Comicmedium des Originals. Von Superheldenpose zu Superheldenpose nähern sich die Bilder immer mehr Momenten der Statik an, die nicht nur dem Fluss der Erzählung abträglich sind. Als Laurie zusammen mit Dan Dreiberg alias Nite Owl II (Patrick Wilson) bei der Rettung von Anwohnern aus einem brennenden Haus, die Liebe zum Adrenalin-geladenen Heldendasein wiederentdeckt, entzieht die extreme Zeitlupe dem Moment jegliche Bedrohlichkeit. Die ausgemachte Künstlichkeit von Snyders Stil beglückt in „Watchmen“ nicht zuallererst das Auge – auch wenn der Film offenkundig gut aussieht – er steht dem psychologischem Realismus, der die Geschichte als Dekonstruktion so auszeichnet, im Wege. Entsprechend seines Stils wirken die Figuren in Watchmen in den schlechtesten Minuten des Films wie leblose Puppen, die jemand vor die Kulisse gestellt und abgefilmt hat. Das trifft auf die marionettenhaft inszenierten Actionszenen zu, ebenso wie auf die in einem Blutbad endende Demo gegen Vigilanten und erst recht auf eine miserabel gedrehte, von Leonard Cohen besungene Sexszene. Von dem unglaublich peinlichen  und viel zu oft zu sehenden Nixon mal ganz abgesehen. Da hätte man auch Christina Ricci samt Tricky Dick-Maske hinsetzen können und weniger lächerlich ausgesehen.

Nur in einzelnen „Kapiteln“ obsiegt die Stärke der Vorlage über die inszenatorischen Schwächen des Films, etwa als Dr. Manhattan, das blau glühende, von Billy Crudup charismatisch dargestellte Superwesen, das sich Schritt für Schritt von seinen menschlichen Wurzeln löst, auf dem Mars simultan zur Gegenwart seine Vergangenheit samt Superhelden-Werdung nochmal erlebt. Da scheint einmal die Essenz des Comics auf der Leinwand, ungeachtet der Kürzungen, voller Leben und Emotion auf, um anschließend durch einen unreflektierten, harten Übergang zum nächsten Kapitel auch gleich wieder zu verschwinden. So bleibt der positiv hervorzuhebende Verdienst des Films das gute bis brillante Casting von Billy Crudup, Jeffrey Dean Morgan, Jackie Earle Haley und Matthew Goode (Ozymandias). Letzterer bürdet überraschend leicht die Aufgabe, den reichsten und intelligentesten Mann der Welt darzustellen, während die anderen drei mit ihren ambivalenten Figuren immer wieder Interesse und Sympathie der Zuschauer aus dem Tiefschlaf wecken.

Dass Watchmen eine gewisse Faszination auf Zuschauer ausüben kann, denen die Vorlage unbekannt ist, will ich keinesfalls bestreiten. Mit Kenntnis des Comics können die vorangegangenen Worte  jedoch nur zu dem Fazit führen, dass sich irgendwo in den 160 Minuten ein guter Film versteckt hält, der jedoch nie die nötige Sauerstoffzuvor erhält. Stattdessen ist „Watchmen“ ein Paradebeispiel fragwürdiger intellektueller Sklavenhaltung, ein Film, der versucht, seine Vorlage zu imitieren, ohne sie oder sein eigenes Medium zu verstehen. Verantwortlich dafür ist eben auch der Regisseur und Anti-Auteur Zack Snyder, der nicht ein Fünkchen eigener Fantasie in das Werk zu investieren in der Lage ist, und sich stattdessen – höchst unangebracht – stilistisch im Kreise dreht.

[Ebenfalls veröffentlicht in der OFDb am 09. März 2009]


Zum Weiterlesen:

 

Blogs:

Symparanekronemoi 1,5/10

Zeitverschwender 6/10

At the Movies 7/10

Equilibrium 9/10

Presse:

Jungle World (negativ) **Vorsicht: Spoiler**

Pajiba (negativ)

Schnitt (positiv)

Roger Ebert (zwei Daumen hoch)

Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers (USA/D/CDN 2008)

Eine Filmindustrie, deren Ertrag von ehemals 200 auf 50 Filme im Jahr geschrumpft ist, befindet sich wahrscheinlich in einer Krise. Das Kino der ehemaligen Kronkolonie Hongkong hat also ein Problem. Das Gros der eigenen Werke wird vom heimischen Publikum nicht beachtet, oft auch zurecht, schließlich sind viele dieser Low Budget-Filme einfach schlecht. Gegen die Millionen Dollar schweren amerikanischen Großproduktionen, welche nach der Übergabe Hongkongs an China zum Niedergang dieser einstmals blühenden Industrie beitrugen, kommen heutzutage nur noch Neujahrskomödien und Starvehikel an.

Bestes Beispiel dafür ist die „Infernal Affairs“-Trilogie, deren Ansammlung an HK-Stars fast schon einem verzweifelten Betteln um Aufmerksamkeit gleich kommt. Gleiches gilt für die unzähligen Historienepen, meist koproduziert mit dem Festland, wie „The Warlords“, in dem Jet Li, Takeshi Kaneshiro und Andy Lau um die Gunst des Zuschauers werben. Das Kino der Sonderverwaltungszone hat seit dem Schicksalstag im Juli 1997 vieles von dem verloren, was es einst einzigartig im internationalen Wettbewerb gemacht hat. Wer körperbetonte Kampfsportfilme sehen will, wendet sich an Tony Jaa. Ist man auf gewagte Genremixe aus, sucht man sie ebenfalls in Thailand. Ungewöhnliche Storys jenseits der bekannten Hollywoodformeln findet man seit einigen Jahren auch in Korea, nur eben professioneller produziert auf gleicher Augenhöhe mit der amerikanischen Konkurrenz.

Sind diejenigen, welche Hongkongs Filmwunder in den 80er Jahren mitverantwortet und von diesem am meisten profitiert haben, nach dem Handover nicht nach Hollywood verschwunden (Tsui Hark, John Woo, Chow Yun-Fat), erfreuen sie sich an den Vorstufen der Frührente (Brigitte Lin, Maggie Cheung) oder haben diese Welt ganz verlassen (Leslie Cheung, Anita Mui). Seltsam nur, dass auf der internationalen Bühne kaum ein Hongkonger Star dauerhaftes Glück fand. Während Jackie Chan immerhin mit Buddy Movies einen Fuß in die Tür bekam, litten besonders die Filme der Martial Arts-Legende Jet Li unter der Unfähigkeit amerikanischer Regisseure, seine Talente zu nutzen. Wurde deren zerstückelnde Actioninszenierung doch an Hollywoodstars geprobt, die vom Kämpfen im wahren Leben nicht mal den Hauch einer Ahnung haben. Noch dazu geht „Romeo Must Die“, „Cradle 2 the Grave“ und wie sie alle heißen der Einfallsreichtum eines Tsui Hark oder Ronny Yu ab.

Kein Wunder, dass der Erfolg ausblieb. Statt asiatische Stars mit gewagten Projekten dem amerikanischen Publikum zu verkaufen, geht man auf der anderen Seite des großen Teiches nun dazu über, gezielt den lukrativen Absatzmarkt in Fernost anzusprechen. So kommt es, dass der dritte Teil der Mumie-Reihe am Startwochenende in den USA den Dunklen Ritter nicht vom Sockel stürzen kann, sich dafür aber in Hongkong und Korea als Box Office-Gold erweist.

Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers beherbergt schließlich die chinesischen Superstars Jet Li, Michelle Yeoh und Isabella Leong. Die drei werden also letztendlich nach Hollywood gekarrt, um mit ihrer Besetzung in Nebenrollen ihr eigenes, längst erobertes Publikum in die Kinos zu locken. Am Ende verlassen die Stars des HK-Kinos ihre Heimat, um in teuren US-Blockbustern zu ihr zurück zu kehren, die Hongkongs Eigenproduktionen von den Leinwänden vertreiben. Verfolgen die großen Studios diese sich jetzt schon bewährende Taktik weiter, so bleibt nur die Hoffnung, dass die zukünftigen, international besetzten Filme qualitativ mehr aufzuweisen haben, als Rob Cohens Ausflug nach China. Dabei ist die Grundidee, die Abenteuer von Rick und Evey ins Reich der Mitte zu verlegen, noch das beste, was der Reihe passieren konnte. Schon in Die Mumie kehrt zurück erwies sich nämlich der ägyptische Hintergrund als reichlich verbraucht. Nicht zuletzt deshalb versank der Film in einem Meer schlechter Effekte, deren peinlichste Ausgeburt der Skorpionkönig war.

Problem nur, dass der bereits in diesem Teil nervige Sohn des Abenteurerpaares O’Connell nicht über Bord geworfen wurde, sondern im Grabmal noch mehr Platz einnimmt. Gespielt vom 27jährigen Australier Luke Ford, wird Alex O’Connell als überflüssiger zweiter männlicher Actionheld neben Brendan Fraser an den Start gebracht. Dass die beiden als Brüder wesentlich glaubhafter wären, sei mal dahingestellt.

Dieser Alex gräbt im China der späten Vierziger den in Terrakotta versteinerten Drachenkaiser (Jet Li) aus, der dummerweise vom fiesen General Yang (Anthony Wong) zum Leben erweckt wird, um die Herrschaft über China zu erringen. Rick (Fraser) und Evey (Maria Bello) kommen zu Hilfe, John Hannah als Jonathan ist natürlich mit von der Partie. Gemeinsam geht’s nach Shangri-La, um zu verhindern, dass Kaiser Han, der eigentlich dem ersten Kaiser Qin Shi Huang nachempfunden ist, also demjenigen Herrscher, den Jet Li in „Hero“ umbringen will – aber das nur am Rande – dass also dieser Tyrann ewiges Leben und was sonst so dazu gehört, erringt.

Der grobe Plot entspricht also dem des ersten Teils. Es gibt einen mörderischen Untoten samt Helfer, zwielichtige Museumsmitarbeiter, geheimnisvolle Wächter des Grabes (Isabella Leong und Michelle Yeoh), sogar einen alten Kumpel, der die O’Connells irgendwo hin fliegt. Da muss man sich unweigerlich fragen, wie Rob Cohen es geschafft hat, seine Mumie sprichwörtlich dermaßen gegen die Wand zu fahren.

Vielleicht kann man den alles durchdringenden Mangel dieses Films an Hand eines Beispiels erklären: Die Helden landen beim sagenumwobenen Tor nach Shangri-La und rüsten sich mit allerhand Maschinenpistolen für den Kampf gegen die Soldaten Yangs. Ganz vielversprechend geht es auch los mit handfesten Schießereien, die Indiana Jones und seine Kristallschädel vor Neid erblassen lassen. Irgendwann kommt Isabella Leongs Figur Lin auf die Idee, in den Bergen des Himalayas nach Hilfe zu rufen. Und was kommt? Yetis! Nicht einer, nicht zwei, sondern drei (!) zottelige Yetis zermalmen die bösen Soldaten.

Die Action hat ein Ende, das C.G.I.-Fest beginnt, denn Cohen versteht es ganz offensichtlich nicht, zwischen Unterhaltung und Maßlosigkeit zu unterscheiden. Dass er das sagenumwobene Shangri-La, das Paradies auf Erden, in genau einer Einstellung zeigt, bestätigt seine Unfähigkeit. Jeder andere Abenteuerfilm würde sich diesen legendären Ort wohl für das Finale aufsparen, für Cohen ist er nur ein Effekt unter vielen.

Natürlich kann man nicht alle Schuld auf den Regisseur abladen, denn die Schwächen des Films sind in all seinen Bereichen zu finden. Das Drehbuch von Alfred Gough und Miles Millar muss als erstes an den Pranger gestellt werden. Schon der Prolog, der erzählt, wie die Hexe Zi Juan (Yeoh) den Kaiser einst verfluchte, vertreibt durch seine platte Schwerfälligkeit jedes Mysterium. Alles, was gezeigt wird, muss aus dem Off noch mal erklärt werden, als handle es sich hier um die Hörfilmfassung. So ergeht es den ganzen 112 Minuten.

Werden die Dialoge nicht gerade durch einen einfallslosen, schon in Dutzenden anderen Filmen gehörten, Oneliner aufgelockert, muss irgendeine (meist chinesische) Figur die Rolle des Basil Exposition übernehmen und uns alle Hintergründe erklären. Selbst wenn die Yetis auftauchen, muss Maria Bello wie eine Führerin im Naturkundemuseum erklären, dass die Viecher in Tibet als Yetis bezeichnet werden.

Dabei hat Bello als Nachfolgerin von Rachel Weisz in der Rolle der Evey schon genug mit der eigenen Fehlbesetzung zu kämpfen. Ein Großteil der Chemie zwischen Fraser und Weisz entstand aus deren Gegensätzen, aus der Kombination des rauen Abenteurers Rick mit dem rehäugigen, naiven Bücherwurm Evey. Bello, beileibe keine schlechte Schauspielerin, verliert im Kampf mit dem britischen Dialekt jede Natürlichkeit und wirkt mit ihrer kühlen, erotischen Ausstrahlung wie eine dem Film Noir entsprungene Femme fatale, die sich unversehens als Mutter eines erwachsenen Sohnes in einem Abenteuerfilm wiederfindet; mit einem Wort: deplatziert.

Ein Glück, dass der Film Jet Li und Michelle Yeoh zusammenbringt, könnte man meinen. Doch Cohen, der es, man weiß nicht wie, geschafft hat, sich als Actionregisseur einen Namen zu machen, versagt selbst, wenn es darum geht, den lang erwarteten Kampf zweier Martial Arts-Haudegen entsprechend mit der Kamera einzufangen. Sicher, der Kampf zwischen Li und Yeoh ist einer der wenigen Höhepunkte des enttäuschenden Films, doch Cohen verwässert die eigenen Schauwerte durch den hastigen Schnitt und die Wackelkamera, die für den Genuss eines Martial Arts-Setpieces nicht geeignet sind. Damit krankt auch dieser Film am bereits oben erwähnten falschen Einsatz der Ikone Jet Li.

Dieser ist als Bösewicht allemal sehenswert, taucht aber im Vergleich zu Arnold Vosloo viel zu selten auf, um ähnlich bedrohlich zu wirken. Meist sehen wir vom Gestaltwandler Han nur sein Terrakotta-C.G.I.-Alter Ego, einen dreiköpfigen Drachen (ein Kopf reicht mal wieder nicht) oder irgendein behaartes Viech, dass den Film auch nicht gerade besser macht.

Yeoh, deren Rolle insgesamt mehr hergibt, besticht durch ihre gewohnte Erhabenheit, der auch schreckliche Dialoge nichts anhaben können. Ohne mit der Wimper zu zucken, spielt sie ihre Filmtochter Isabella Leong an die Wand, deren Hollywood-Debüt im großen und ganzen blass bleibt. Hongkong-Veteran Anthony Wong hat auch schon in besseren (und vielen noch schlechteren) Filmen mitgespielt. Da sich seine erstaunlich große Rolle auf das Schreien von Befehlen, die Darlegung des Plots und eine erinnerungswürdige Todesszene beschränkt, die einem durch Mark und Bein geht, kann auch er seinen bereits in unzähligen Variationen gespielten Bösewichten keine neue Facette hinzufügen.

So bleibt einem am Ende anscheinend nur die Aufzählung von Mängeln, denen Cohen kaum etwas positives entgegen zu setzen hat. Immerhin erreicht der Film einen mäßigen Unterhaltungswert, der immer dann zum Halten kommt, wenn Rick und Co. irgendwie anfangen zu reden und man nur noch mit einem gepflegten Zusammenzucken reagieren kann.

Als großer Sommerblockbuster wird Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers sicher auch in Deutschland seine Zuschauer finden und das nötige Geld für einen vierten Teil einspielen. Wer dagegen Jet Li und Michelle Yeoh kämpfen sehen will, sollte sich „The Tai-Chi Master“ besorgen. Um den von der dritten Mumie verursachten Augenkrebs zu kurieren, nehme man des Weiteren eine Dosis Li zu sich (vielleicht „Once Upon a Time in China“ oder „Fist of Legend“) gepaart mit etwas Yeoh („Tiger and Dragon“ oder sogar „The Heroic Trio“) und einem gut aufgelegten bösen Wong („Big Bullet“ und für Hartgesottene: „Love to Kill“).

Mit anderen Worten: So ziemlich alles ist ansehnlicher als diese eklatante Verschwendung asiatischer Talente durch einen miserablen amerikanischen Film. Die genannten Empfehlungen vereinigen in sich genau das, was das Hongkong-Kino einmal ausgemacht hat. Und dieses wusste immerhin, wie man das Actionpotenzial eines Jet Li ertragreich nutzt. Ist man unbedingt auf einen Trip amerikanischer Produzenten ins chinesische Milieu aus, so ist Kung Fu Panda garantiert die lohnendere Wahl. Der ist übrigens auch ein Hit in China.

(Erstmals veröffentlicht in der Online-Filmdatenbank am 07.08.2008 )


Zum Weiterlesen:

Kritiken ausgewählter Filme aus der Sonderverwaltungszone Hongkong.

Ein lesenswerter Artikel des Time Magazine über den Zustand der Hongkonger Filmindustrie.

Was ist eigentlich Shangri-La?

Wiki hat die Antwort

– und die BBC auch.

Der unglaubliche Hulk [FSK 12] (USA 2008)

Sicher, man kann eine herkömmliche Kritik über den aktuellen Leinwandauftritt des grünen Monsters schreiben. Nach den unvermeidlichen zwei oder drei Sätzen zum Inhalt, ginge es dann um die Fehlbesetzung, die Liv Tyler in der Rolle einer Wissenschaftlerin darstellt. Daran anknüpfend könnte man darüber sinnieren, dass Jennifer Connelly in Ang Lees Version nicht nur intelligenter, sondern auch stärker gewirkt hatte als eine Betty Ross, die nicht nur durch ihre Liebe zum Helden definiert wird.

Dann würde man wahrscheinlich zum Held selbst kommen, dessen Darsteller Edward Norton zwar nicht fehl am Platz ist, der aber größtenteils zuviel leidet, um wirklich für Unterhaltung zu sorgen. Diesem Argumentationsstrang folgend, würde nach einer schwerfälligen Überleitung ausgeführt werden, dass die Problematik unterdrückter Aggressionen, welche das (oliv-)grüne Monster eigentlich verkörpert, ausgehöhlt wird durch die Reduktion der Gründe für die Verwandlung auf einen steigenden Puls.

Das alles ist natürlich hoch interessant, doch die Existenzberechtigung einer solchen Kritik wird an dieser Stelle in Frage gestellt, wenn das Filmerlebnis durch die Willkür des Verleihs (Concorde, Asche auf dein Haupt!) ruiniert wird. Eine Kritik zum ebenfalls geschnittenen Iron Man war noch möglich gewesen, da die Schnitte mir nicht mal aufgefallen waren. Die Unglaublichkeit des Kinoerlebnisses Hulk besteht jedoch im Grade der Beleidigung eines jeden mit einem Sehsinn gesegneten Zuschauers.

Nachdem dieser das rasante, an die Bourne-Trilogie erinnernde erste Drittel in den Favelas Brasiliens gegen einen zähen, langweiligen Mittelteil eintauschen muss, bleibt nur noch das „großes grünes Monster kämpft gegen hässliches braunes Monster“- Finale, um den Film zu retten.

Doch nichts da! Ungeachtet überflüssiger Worte wie Spannung oder Continuity wurde der Climax des Films dermaßen massakriert, dass man glaubt, er habe seine Ferien in einer slowakischen Jugendherberge verbracht. Als hätte der verantwortliche Concorde-Schnittmeister das Hackebeil genommen und die angesammelte Wut über sein 200€ -Praktikum am Film ausgelassen.

Vielleicht wollte er auch nur in die Fußstapfen Jean-Luc Godards treten. Wie sonst sind all die Jump Cuts zu erklären? Der Hulk nimmt eine Kette in die Hand, im nächsten Moment würgt er seinen Gegner. Wie er dorthin gekommen ist, muss der Zuschauer sich dazu denken. Hat er eben Pech gehabt.

Da die Orientierung der Concorde-Mitarbeiter wohl eher zum Kommerz, nicht zur Avantgarde, neigt, muss man die Schnitte am ganz und gar nicht Unglaublichen Hulk schlicht als das ansehen, was sie sind: Ein kläglicher Versuch, die Kinokassen durch eine niedrige Altersfreigabe klingeln zu lassen. Nicht nur ist dies eine offenkundige Missachtung der Intelligenz der zahlenden Zuschauer, sondern ein Schlag ins Gesicht all derer, die den Kinobesuch als einzig wahres Filmerlebnis anpreisen.

Zugegeben, man ist selbst schuld, gibt man wissentlich Geld für einen geschnittenen Film aus. Und dennoch, der Hulk hat in der ersten Woche nur 100.000 Zuschauer in die deutschen Kinos gelockt. Angesichts dieser kommerziellen Enttäuschung, kann the gaffer nur noch die weisen Worte des unvergleichlich eloquenteren Nelson M. zitieren und aus vollem Herzen sagen: HA! HA!

Achja, und Ang Lees Hulk war sowieso viel besser…


Zum Weiterlesen:

Was the gaffer über den wesentlich besseren Iron Man zu sagen hat.

Ein Artikel über den geschnittenen Hulk bei CineKie, der u.a. Kinos auflistet, welche die 16er Fassung zeigen.

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels (USA 2008)

Indiana Jones und das Königreich des KristallschädelsWissenschaftler erklären uns die Welt mit einer rationalen Beweisführung, die jeglichen Rückgriff auf mythische Kräfte jenseits unseres Erkenntnishorizontes entbehrt. Henry Jones Jr. ist so ein Wissenschaftler, ein Archäologe, ein Professor, der verstaubte Bücher wälzt, in den Ruinen untergegangener Kulturen nach Tonscherben gräbt. Indiana Jones ist seine Superheldenidentität, sein Kostüm ist der Fedora, die Peitsche, die Lederjacke. Ein Abenteurer mit der Persona eines Wissenschaftlers, der am Ende der Suche, ob nach dem heiligen Gral oder der Bundeslade, stets zur Erkenntnis gezwungen wird, dass Dinge existieren, die sich rationalen Erklärungsmustern entziehen. Indiana Jones sucht nach Artefakten, doch sein Weg verläuft nicht selten am Rande einer Epiphanie.

Wenige Minuten nach dem Ende des Vorspanns von Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels wird einem bewusst, dass Indy diesmal dem Göttlichen nicht begegnen wird. Das bekommt seinem vierten Abenteuer nicht. Unerklärliche Dinge passieren in Steven Spielbergs neuesten Streich allerdings zu Hauf. Damit ist nicht der Fakt gemeint, dass eine Horde kaum Englisch sprechender Russen in den USA der 50er, in den USA der Red Scare (!), frei herumlaufen und harmlose Uniprofessoren durch die Kante jagen können. Unwahrscheinlichkeiten dieses Ausmaßes nimmt man in einem Blockbuster kaum mehr wahr. Vielmehr ist der Mythos, welcher Indiana Jones diesmal von Land zu Land jagen lässt, das kann man bald erahnen, ein Produkt der paranoiden Nachkriegszeit: Area 51 heisst das Schlagwort. Sieht man den titelgebenden Kristallschädel, bleibt kein Zweifel: Altes und Neues Testament müssen ruhen, Science Fiction ist der Quell der Inspiration beim Drehbuchschreiben gewesen.

Indy (Harrison Ford) ist allerdings ein Archäologe, also führt der MacGuffin ihn und seinen jungen Kumpan Mutt (Shia LaBeouf) erstmal zum Grab des Konquistadors Francisco de Orellanas nach Peru, während die Russen, angeführt von der Agentin Dr. Irina Spalko (Cate Blanchett), ihnen auf den Fersen bleiben.

Die Suche nach El Dorado wird das also! Das wäre fast so interessant wie Atlantis. Doch nein, El Dorado allein genügt nicht. Indiana Jones 4 spielt schließlich in den Fünfzigern und zu den Fünfzigern gehört Science Fiction. Alle anderen denkbaren Klischees dieses Jahrzehnts komprimiert Spielberg erstmal zwinkernd, bevor es in den Dschungel geht. Vom Atombombentest, den Indy natürlich überlebt, zum Teenagerleben à la Pleasantville. Er spielt mit den Ikonen der Zeit. Das erste Drittel des Films bezieht seinen umwerfenden Charme genau daraus. Höhepunkt dieses Cartoons, der dem Traum eines Nachgeborenen gleicht, ist der Auftritt Shia LaBeoufs mit der Lederjacke auf dem Motorrad, wie einst Marlon Brando in Der Wilde. Dass diese Referenz nicht in Lächerlichkeiten ausartet, bestätigt LaBeoufs vielbeschworenes Talent, welches dem Hype endlich gerecht wird.

Trotz der popkulturellen Verweise ist Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels vor allem eine Hommage an das eigene Franchise. Visuelle Anspielungen en masse bevölkern die Bilder, leider grenzt ihre Nutzung bisweilen an eine platte Selbstparodie. Die Würdigung des verstorbenen Denholm Elliott (alias Marcus Brody) ist nachvollziehbar, die Verwurstung eines älteren MacGuffins eine sinnlose Entwürdigung. Sagen wir es mal so: Wäre Indy im Dschungel Perus zufällig über den Heiligen Gral gestolpert, hätte das bei diesem Film niemanden mehr verwundert. Diese Freude am Zitat des eigenen Werkes ist aufdringlich und reichlich übertrieben. Nach 19 Jahren Wartepause kann man dafür aber leicht Verständnis aufbringen. Sich zu dem Ursprungsmaterial konsequent in Beziehung zu setzen, dient schließlich der Integrität der Franchise. Die erste Hälfte gibt einem auch das Gefühl, einen Indiana Jones-Streifen zu sehen. Mit dieser tiefen Befriedigung, gestärkt durch den hohen Spaßfaktor, freut man sich auf den Rest des Films, doch dieser fällt im letzten Drittel in ein tiefes, sandiges Loch, in einen CGI-überladenen Akte-X-Abenteuer-Cartoon, der das ganze Filmerlebnis ruiniert, das angesammelte Potential vor die Wand fährt.

Die Bedrohlichkeit ist dahin, das Finale ist eine miese Mixtur aus Tex Avery und einer Sci-Fi-Version von „Die Mumie kehrt zurück“, aber kein Indiana Jones. Nach „Die Unheimliche Begegnung der dritten Art“, „E.T.“, „A.I.“ und „Krieg der Welten“ kann die Wahl Spielbergs nicht als überraschend bezeichnet werden. Unser Lieblingsarchäologe hat sie nur nicht verdient.

Alles kann man den Machern verzeihen: Die hochkarätigen Nebendarsteller, besonders Ray Winstone und Jim Broadbent, werden verschwendet. Seltsame Urmenschen krabbeln an Bäumen herum, wie schlecht animierte Spidermen und verschwinden unerklärt wieder… Das alles wird heruntergeschluckt, ignoriert zum Wohle der Indiana Jones Experience. Nur das Ende, das kann man einfach nicht vergessen. Der vierte Teil ist kein schlechter Film, ist keine Dunkle Bedrohung. Der Franchise würdig wird dieser Kristallschädel aber nicht.

Saw IV (USA 2007)

[Warnung: Diese Kritik könnte mittlere Spoiler enthalten für Saw III und IV. Wer letzteren noch nicht gesehen hat, sollte sich glücklich schätzen.]

Vielleicht kann man die abnehmende Qualität einer Filmreihe an der abnehmenden Qualität der dahinsterbenden Castmitglieder erkennen.

Nehmen wir Saw I aus dem Jahre ’04: Danny Glover (Lethal Weapon), Cary Elwes (Dracula, Mel Brooks‘ Robin Hood), Monica Potter (Con Air, Im Netz der Spinne).

Nehmen wir Saw IV aus dem Jahre ’07: Costas Mandylor (hä?), Scott Patterson (ah, der Typ aus Gilmore Girls!), Lyriq Bent (wow, Lyriq ist ein cooler Name).

Zugegeben, Horrorfilme leben oftmals davon, dass wir die Schauspieler nicht kennen, also nicht einschätzen können, wer auf Grund seiner Popularität den Fängen des Killers entkommt und sich seiner verbliebenen Gliedmaßen erfreuen kann. Das kann in seelenlose Teenagermetzeleien ausarten oder in atmosphärisch dichte, weil gut gespielte, Gruselfilmchen.

Ich sage gleich vorweg: Saw I hat mir nie besonders gefallen. Der Film von James Wan wirkte auf mich wie ein für Epileptiker nicht geeigneter Abklatsch von Sieben. Spannend war der Film, weil fähige Charakterdarsteller uns am grausamen Schicksal ihrer Figuren haben mitfühlen lassen.

An dieser Stelle fangen die Probleme von Saw IV an. Die Liste ist endlos…

Was tun, wenn der Killer im vorherigen Teil stirbt?

Keine weitere Fortsetzung drehen? Nein, wir sind in Hollywood, wir brauchen die Eintrittsgelder gewaltversessener Teenies und Mittzwanziger!

Ein Prequel drehen? Nein, wir haben Star Wars: Die Dunkle Bedrohung gesehen!

Drehen wir doch ein Sequel, rekrutieren ein paar TV-Stars und montieren parallel zu unserem Storypuzzle, das so kompliziert ist, dass wir selbst während des Drehbuchschreibens bei Wikipedia die Inhalte der anderen Teile nachschlagen müssen, noch Flashbacks aus der Frühphase unseres Killers ein, die zwar die Story nicht voranbringen, aber eben unser Trademark, unseren Killer, zeigen!

So funktioniert Saw IV, denn der Jigsaw Killer a.k.a. John Kramer (Tobin Bell) hat Teil Drei nicht lebend überstanden. Eine Filmreihe, die stetig ihre Hauptfiguren tötet, hat irgendwann ein Problem. Glücklicherweise hat Jigsaw anscheinend so viele Azubis, dass die Reihe für die nächsten zwei, drei Teile ausgesorgt hat.

Polizist Rigg will nun seinen Kollegen aus den Händen eines solchen Lehrlings befreien, muss dabei aber eine kranke Prüfung nach der anderen überstehen. Meist geschehen diese in Form der Entscheidung über Leben und Tod irgendeines fremden Opfers, das mit irgendeinem tödlichen Mechanismus verbunden ist und sich nur durch eine recht unsentimentale Haltung gegenüber den eigenen Körperteilen/ Gesichtspartien/ Teilen der Kopfhaut befreien kann.

Diese Folterapparate sind die Hauptattraktion der Saw-Reihe, da der Zuschauer sich an Blut und Tränen erfreuen und gleichzeitig beim Gedanken, was er in dieser oder jener Situation tun würde, erschaudern kann. Der Begriff „Gewaltporno“ wurde u.a. durch diese Filme geprägt, auch Teil IV weiß ganz genau, was er ist.

So beginnt er mit einer genussvoll gefilmten Obduktionsszene, deren Relevanz für die Story keine solche Ausführlichkeit der Darstellung rechtfertigt. Wen interessiert’s? Wir wollen sehen, wie einer Leiche die Kopfhaut abgezogen wird!

Andere Splatterfilme unterhalten mit solchen Szenen durch ihre Selbstironie, ihr Bewusstsein für die eigene Übertreibung. Saw IV ist todernst, langweilt aber auf Dauer durch die hanebüchen konstruierte Aneinanderreihung von Extremsituationen.

Einziger Lichtblick der miserabel geschnittenen Zwickmühlen des Grauens sind die Flashbacks, ist die Erzählung, wie aus dem perfektionistischen John Kramer der menschenfeindliche Jigsaw Killer geworden ist. Bell ist eben der einzige im Cast, der durch sein Charisma so etwas wie Sympathie bei uns erzwingt. Wir verstehen nun seine Motivation. Mit dem Restfilm hat das allerdings wenig zu tun.

Saw IV leidet erheblich unter der uninspirierten CSI-Optik. Hier haben wir mal wieder einen Film, der die Unfähigkeit seiner Macher, eine gruselige Atmosphäre aufzubauen, geschweige denn, nervenaufreibende Schockmomente zu liefern, mit einem undurchdachten Staccatoschnitt überdecken will. Das hält zwar wach im Kinosaal, so wie eine grelle Neonröhre an der Bushaltestelle wachhält. Mit Spannung hat das aber nichts zu tun.

Warum vergleiche ich nun ständig Saw I und IV? Ich habe die anderen beiden Teile nicht gesehen. Das ist ein Grund. Die neue Ausgeburt der Saw-Schmiede lädt durch sein hemmungslos von Teil Eins abgekupferten Twist am Ende aber auch zum Vergleich ein. Der qualitative Abstieg der Reihe ist nun unaufhaltsam.

Saw IV ist nur noch für Kenner – nicht Gelegenheitsgucker – der ersten drei Teile empfehlenswert. Das wussten die Macher auch und haben ihren Film für die Stammzuschauer inszeniert, so dass alle anderen angesichts der fehlenden Erklärungen der diversen Handlungsstränge einen Großteil des Geschehens nicht einordnen können. Wer die Vorgeschichte von Rigg und Co. herbeten kann, also im Stoff steht, wird sich auch Saw V, Saw VI usw. anschauen. Für alle anderen ist der langweilige, blutige Müll, der sich Saw IV nennt, Verschwendung wertvoller Lebenszeit. Als würde man auf einen Bus warten, der nicht kommen wird.