Kontrapunkt: Tape Only (I)

Videokassette VHS

Blu-Rays und DVDs sind die bevorzugten Datenträger, wenn der gewünschte Streifen nicht gerade im üppigen Angebot von Streamingportalen von Amazon Prime bis Videoload zu finden ist. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Filmen, die es (bisher) in Deutschland nicht über eine VHS-Veröffentlichung hinaus geschafft haben. Genau, liebe Millenials: auf Videokassette, einem Magnetband, voll old school. Ich habe über Weihnachten in der heimischen Sammlung meiner Eltern gewühlt und ein paar Raritäten ausgegraben. „Kontrapunkt: Tape Only (I)“ weiterlesen

Kontrapunkt: Genialität goes Ghettoslang – “Victoria”

Heiße Spanierin nachts in Berlin mit Sonne, Boxer und Blingbling unterwegs
Die Spanierin Victoria (Laia Costa) ist in Berlin mit Sonne (Frederick Lau, links) und seiner Gang unterwegs.

In einem Berliner Club lernt die Spanierin Victoria (Laia Costa) nach einer durchtanzten Nacht eine Männerclique kennen. Sie lässt sich vom Charme von Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski) und Co. mitreißen und feiert mit ihnen noch etwas auf einem Hochhausdach, bevor die vier Freunde einen Anruf bekommen. Boxer ist einem ehemaligen Knastkumpel noch einen Gefallen schuldig. Victoria springt als Fluchtfahrerin ein – und gerät in einen Strudel der eskalierenden Gewalt.

Zwei Stunden in Berlin, gefilmt in einer 130-minütigen Plansequenz ohne einen einzigen Schnitt: „Victoria“ begeistert durch eine herausragende organisatorische Leistung und Übersicht, für die Kameramann Sturla Brandth Grøvlen vollkommen zu Recht auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Immer nah dran an den Figuren und am Geschehen ist der Thriller eine ungemein intensive Erfahrung. War an einigen Stellen mutmaßlich der Ton nicht zu gebrauchen, wurde pragmatisch einfach sphärische Musik unter die Bilder der beweglichen Kamera gelegt. Schließlich war Victoria einst auch Klaviervirtuosin, bevor sie drei Monate zuvor nach Berlin kam und bisher keinen Anschluss fand.

Laia Costa ist auch das emotionale Zentrum des Films. Mal frech und verführerisch, mal pflichtbewusst und mit großem Herz, am Ende ebenso verliebt wie verzweifelt dient sich als Seismograph der Stimmungen zwischen Euphorie und Angst. Mit ihrer natürlich anmutenden Schüchternheit bildet sie einen Kontrapunkt zu den flachen Charakteren der „eingeborenen“ Berliner Jungs, die sich gegenseitig mit „Digga“ ansprechen oder eine Stunk verursachende Meute als „Hurenkinder“ beschimpfen. Während die Regie von Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) wohl überlegt und ausgeklügelt ist, fehlt dem Drehbuch besonders in solchen Ghettoslang-Dialogzeilen der letzte Schliff an authentischer Milieuzeichnung.

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Doch sei’s drum: „Victoria“ ist ein junges, erfrischendes Stück deutsches Genre-Kino, das den Zuschauer beinahe schon physisch die Ereignisse dieses chaotischen frühen Morgens miterleben lässt. Enorm packendes Kino also – wenn auch mit kleinen Schönheitsfehlern.

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Titel: Victoria
Regie: Sebastian Schipper
Laufzeit: ca. 136 Min.
FSK: ab 12
Kinostart: 11. Juni

Diese Rezension ist erstmals gestern auf der Filmseite im Buch “Tipps und Termine” der Mitteldeutschen Zeitung erschienen.

Kontrapunkt: … und wieder 96 Stunden

96 Hours - Taken 3 - Poster 1Erst wurden seine Frau und seine Tochter entführt, dann er selbst und seine Frau. Dieses Mal haben die Bösewichte dazugelernt: Die neue Frau vom ehemaligen Geheimdienstagenten Bryan Mills (Liam Neeson) liegt tot auf dem Bett – und er steht fassungslos im Zimmer. Vor der ankommenden Polizei gelingt ihm eine halsbrecherische Flucht, doch nun steht er für die Ermittler um Detective Frank Dotzler (Forest Whitaker) als Hauptverdächtiger da, der erst einmal mühsam seine Unschuld beweisen muss. Doch wer war der Täter?

Vom anspruchsvollem Arthouse zum atemlosen Actionfilm verschlug es den Charaktermimen Liam Neeson erst 2008 – mit der erstmaligen Verkörperung des Ex-Geheimdienstlers Bryan Mills. Engagements als Hannibal im unsäglichen “A-Team”-Film (2010) und US-Marshal im Flugzeug-Thriller “Non-Stop” (2014) folgten und lassen den grimmigen Nordiren, inzwischen 62, zum heißen Anwärter auf ein Engagement im nächsten Rentner-Söldner-Spektakel werden. Rein optisch haben 96 Hours – Taken 3 und Expendables 3 dabei mehr gemein, als dem Actionfan lieb sein kann: “Transporter”-Regisseur Olivier Megaton wackelte und reißschwenkte bei den zahlreichen Verfolgungsjagden zuviel, als dass man klar und deutlich diejenige der zahlreichen deutschen Automarken erkennen könnte, die gerade zertrümmert wird. (Nur ein Porsche, der am Ende ohne sichtbaren Kratzer hinterher einem Flugzeug bei Vollgas das Vorderrad kaputtfährt, ist deutlich zu erkennen.)

96 Hours Taken 3 Liam neeson Forest Whitaker
Auch inhaltlich überzeugt der dritte und – glaubt man der Werbezeile “Alles endet hier” – auch letzte Teil der Rache-und-Entführungs-Saga eher weniger, hat er doch mindestens eine arg konstruierte Wendung zuviel, als dass man noch von Raffinesse sprechen könnte. Luc Besson beweist nach “Lucy” in dieser (streng genommen) französischen Produktion erneut, dass er einfach nicht mehr so gut ist wie noch vor 15 Jahren. Spannend ist das leider auf Jugendfreiheit getrimmte Szenario aber trotzdem bis zum Ende. Markige Oneliner außer dem bereits bekannten “Good luck!” als Kampfansage an die Polizei sucht man dabei vergebens – aber die passen auch nicht zum Gestus eines knallharten Actionhelden, der dieses Mal von drei Gehilfen aus alten Zeiten aktiv unterstützt wird. Der korpulente Forest Whitaker als nahezu autistisch an einem Schnippgummi und einer Schachfigur herumfingernder Polizist hat gegen Neesons Präsenz ohnehin das Nachsehen.

Fazit: 96 Hours – Taken 3 ist ein letztlich enttäuschender Genre-Beitrag mit einem physisch beeindruckenden Liam Neeson als gnadenlosem Rächer, bei dem man Logik nicht hinterfragen sollte. Innerhalb der Reihe ist es allerdings der schwächste Teil. “Alles endet hier” – na hoffentlich!

96 Hours – Taken 3
Kinostart: 08. Januar 2015
Länge: ca. 103 Min.
FSK: ab 16