Kontrapunkt: Berlinale 2013 Rückblick

Ein kleiner Rückblick auf zwei volle Tage Berlinale 2013 – mit Kurzkritiken zu sechs der acht gesehenen Filme, inklusive persönlicher „Jury-Urteile“, absteigend nach Klasse. „Der Student von Prag“ (Deutschland 1913), den ich in der Volksbühne sah, kommt sowieso bald im Fernsehen und war natürlich großartig. Bei „Nobody’s Daughter Haewon“ (Südkorea 2013) bin ich eingepennt, kann ich also nicht einschätzen. Zu den anderen:

„Facettenreiche Aufarbeitung eines vielschichtigen Themas“:
Einzelkämpfer
(D 2013)
Perspektive Deutsches Kino
Leistungssport hatte einen hohen Stellenwert im real existierenden Sozialismus. Doch wie ging es hinter den Kulissen zu mit sportlicher Nachwuchsförderung, politischer Instrumentierung durch das SED-Regime, dem Verhältnis zur Staatssicherheit und Doping zu? DFFB-Absolventin Sandra Kaudelka, selbst in ihrer Kindheit als Wasserspringerin im System mit harter Hand gefördert, versammlte dafür vier ehemalige DDR-Spitzensportler und Olympiasieger um Läuferin Marita Koch vor der Kamera. Die wohl am meisten entlarvenden Worte findet dabei der ehemaliger Kugelstoßer Udo Beyer: Was Sport anging, exisitierte auch dort das kapitalistische Leistungssystem, bei dem nur den Siegern und Besten Privilegien zukamen. Und Doping erfolgte beinahe selbstverständlich – aber trotz Nicht-Aufklärung über die Nebenwirkungen freiwillig. Eine enorm ehrliche, intime und menschliche Dokumentation über die Schattenseiten des DDR-Spitzensports.

„Enorm anstrengendes, aber großes Schauspieler-Kino“:
Camille Claudel 1915
(Frankreich 2013)
Wettbewerb
Sie hatte eine Beziehung mit dem großen französischen Bildhauer Auguste Rodin und verbrachte die letzten 30 Jahre ihres Lebens in psychiatrischen Anstalt. Skandal-Regisseur Bruno Dumont („Twentynine Palms“) zeigt das Martyrium von Camille Claudel (Juliette Binoche) während ihres Psychiatrie-Aufenthalts in Montevergues in Südfrankreich, wo sie sie gegen ihren Willen, emotional labil und voller Angst vor Vergiftung durch Rodin gegen ihren Willen festgehalten wird. Juliette Binoches Leistung ist beeindruckend: Die Kamera lässt minutenlang nicht ab von ihrem Minenspiel, von ihrer Verzweiflung, ihren Tränen. Der Alltag in der Anstalt steckt voller menschlicher wie künstlerischer Entbehrungen, ihre einzige Hoffnung nach Befreiung (ein Brief) wird durch den Besuch ihres Bruders Paul (Jean-Luc Vincent), der sich als zu Gott gefundener Mann im Ersten Weltkrieg menschlich wie ideel von ihr distanziert hat, zunichte gemacht. Lange Einstellungen, keine Musik: Der Film ist so karg, so entbehrungsreich wie das Leben im ehemaligen Nonnenkloster. Ein Film, der anstrengt, fordert, aber formale Strenge einlöst.

„Ambitionierter Kinderfilm mit kleinen Schwächen im Drehbuch“:
Kopfüber
(D 2013)
Generation Kplus
Sascha (Marcel Hoffmann) ist ein schwieriges Kind. Er stiehlt im Supermarkt, ist emotional unausgeglichen, hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche und seine Mutter ist mit der Erziehung überfordert. Nach der Diagnose ADHS bewirken zwar Pillen bessere Leistungen in der Schule, aber tun sie Sascha tatsächlich gut? Sieht man über die arg holzschnittartig gezeichneten Figuren und etwas zuviel Motive des „Betroffenheitskinos“ mit wiederkehrenden Plattenbau-Panoramen hinweg, zeigt „Kopfüber“ Risiken und Nebenwirkungen einer inzwischen leider inflationär gestellten Diagnose und angewandten Therapie. Marcel Hoffmann und sein Pendant Frieda-Anna Lehmann als die Freundin von nebenan sind zwei beeindruckend aufspielende Kinderdarsteller. Und Hoffnung keimt auch auf bei den zahlreichen Aufnahmen schöner Fahrradwege rund um den Drehort Jena.

„Nette Unterhaltung mit vordergründigem Tiefgang“:
Dark Blood (USA/GB/NET 2012), Promised Land (USA 2012) , The Look of Love (GB/USA 2013)
Wettbewerb/Berlinale Special
Beide Beiträge deuten ihre Konflikte um die Unterdrückung der Indianer bzw. die Umweltzerstörung durch Erdgasbohrungen an, nehmen sie jedoch nur als Vorwand, um die Entwicklung eines simpel gestrickten Plots. Die von Psychopathie geprägte Präsenz von River Phoenix im Road Movie-Western-Mix „Dark Blood“ lässt Vorboten seines zu Zeit der Dreharbeiten unmittelbar bevorstehenden Drogentodes erkennen und hievte die nach knapp 20 Jahren durch Off-Kommentare von Regisseur George Sluizer bei fehlenden Szenen  rekonstruierte Fassung zu ihrer Weltpremiere in den Wettbewerb. Ein nur solider Film gehört da nicht hin. Doch auch „Promised Land“ ist nur nett, zeigt die Macht jedes einzelnen verarmten Farmers (allen voran der sichtlich gealterte Hal Holbrook) gegen das Sprachrohr (Matt Damon) eines umweltzerstörenden Konzerns auf und singt dabei mit Hubschrauberaufnahmen blühender Landschaften, leisem Humor und einer vorhersehbaren Moral von der Geschicht‘ ebenso wie der ungleich humorbefreite „Dark Blood“ eine Hohelied auf das Landleben, die Langsamkeit und Einfalt seiner Bewohner. An der Oberfläche kratzt auch leider nur das Biopic des britischen Larry Flynt Paul Raymond (Steve Cooper), der mit zahlreichen Unternehmungen im Erotik-Bereich seine Millionen verdiente. Der Film hetzt wie ein Teenager mit Viagra-Überdosis von Schauwert zu Schauwert – Zeitkolorit, stimmige Dekors und immer wieder nackte Frauen – ohne dass es jeweils eine Verschnaufpause für so etwas wie Tiefgang und die Charakterzeichnung von wichtigen Nebenfiguren gäbe. Mit „9 Songs“ hat Regisseur Michael Winterbottom ein wesentlich intimeres Porträt geschaffen und das von Menschen, die nicht nur in sich selbst verliebt sind – im Gegensatz zu Protagonist Raymond und zum Film, der sich zu sehr in seinen üppigen Tableaus verliert.


Das war für mich die Berlinale 2013. Ob ich auch 2014 wiederkomme, wird sich zeigen. Inzwischen 10 Euro für das Ticket eines meist eher durchwachsenen Wettbewerbs-Films und beliebig strukturierte, aber überteuerte Sektionen wie „Berlinale Special“ (13 Euro pro Karte) lassen mich jedenfalls erst einmal ins Grübeln kommen.

Mit dem Schangel-Shuttle ins Land des Schlock*

Vom 9. bis zum 19. Februar fand einmal mehr die Berlinale statt. Manch einer mag sich noch daran erinnern. Manch einer war sogar da. Diese Berlinale war, zumindest aus meiner Sicht, äußerst erinnerungswert. Deshalb hier ein kleiner Rückblick auf länger Vergangenes. Ist ja schließlich auch ein recall.

Schon alleine die großartigen Menschen, denen ich begegnete, waren ein Erlebnis. Wie der Mann, auf den ich im Friedrichstadtpalast traf, als er in meinem Stuhl saß, nachdem ich vom Überreichen der Eintrittskarte an den Luzifus wiederkam und mich darauf hinwies, dass hier nicht Mallorca ist (Handtücher, Liegestühle und so fort). Oder der kleine Asiat, der sich im Cinemaxx an die Pinkelbecken stellte und sich ruhig und gelassen links und rechts umsah (vielleicht wollte er diesem einen Klischee auf den Grund gehen). Noch viele mehr wären erwähnenswert, da sie es sind, die dem ganzen ein Gesicht geben und ein Gefühl von Geborgenheit ausstrahlen. Aber diese beiden sollen für sie alle stehen. Vor allem waren es aber die Filme, die dieses Jahr so unberlinalerisch waren (vielleicht habe ich einfach nur gelernt, nicht mehr in die typischen Berlinale-Langweiler zu laufen) und damit jede Menge Highlights boten. So wurden alle Erwartungen unterlaufen und die 8 Tage meines Aufenthalts hielten größtenteils wunderbare Kinoerlebnisse bereit. 36 Filme und die Perlen überwiegen. Wer hätte es gedacht?

Die Köpfe des Janus

Kebun binatang (Postcards from the Zoo) von Edwin und Koi ni itaru yamai (The End of Puberty) von Kimura Shoko waren vielleicht die größten Ereignisse der Woche. Der eine war eine wunderschöne Perle, eine verhaltene Feier der Bilder und des Lebens, der andere eine physische und psychische Grenzerfahrung, die kaum auszuhalten war. Beide hatten aber eins gemeinsam, dass sie nämlich von ihren Widersprüchen lebten und gerade darin ihre Kraft entwickelten.

Postcards from the Zoo (RI/D/HK 2012)

Ein Film mit einer makellosen Oberfläche, auf der ein Mädchen immer glücklich durch ihr Leben stapft. Durch ihr freudestrahlendes Leben im Zoo, in dem sie elternlos aufwächst. Die Bilder dazu sind schön, keimfrei, immer etwas Positives ausstrahlend, wie eben die Hauptdarstellerin. Und wer es durch diese Pastelle noch nicht mitbekommt, dass hier eine naiv-fröhliche Welt gezeigt wird, der erhält die passende naiv-fröhliche Musik dazu, die ruhig den passenden Zauber verbreitet. Doch unter dieser Oberfläche, kaum merkbar, lauern Abgründe, Einsamkeit, Trauer, Ausgrenzung, Verlorenheit. Und die größte Stärke von Edwin ist, dass er gerade in dem Moment, wenn die rosawolkige Glücksbärchiwelt der Oberfläche fast alles andere erstickt, einen Schnitt einbaut, der das Verborgene plötzlich offenbart, der so unfassbar ist, dass er fast schon unauffällig ist, der den Zuhälter mit misshandelter Prostituierten präsentiert, als ob wir immer noch in dieser Traumwelt sind. Hell erleuchtete Naivität und Düsternis in einem und nebeneinander, wie zwei verwachsene Köpfe. (Und am Ende gibt es noch den Beweis, dass Where is Waldo? große Kunst war, ist und bleibt.)

 

The End of Puberty (J 2012)

Hier ist alles ganz anders. Nichts mit Unaufdringlichkeit und Zauber. Nachdem ein Mädchen mit ihrem verklemmten Lehrer schläft, geht ihr größter Wunsch in Erfüllung und ihre Genitalien sind ausgetauscht. Doch der Traum einer heilen Welt, in der sie nicht mehr zu trennen sind, entwickelt sich zu einem Alptraum für alle Beteiligten, an dessen Ende furchtbarerweise jeder etwas lernt. Doch was zwischen Anfang und Ende passiert, ist eine dermaßen verkrampfte, hysterische Verzichtsorgie, dass es kaum auszuhalten ist. Niemand reagiert auf die neue Situation mit auch nur einem kleinen Stück Offenheit. Mit dem neuen Geschlecht ficken? Bloß nicht! Das wär ja nur eine aufregende, neue Erfahrung, die niemand sonst haben kann. Vielleicht auch die Lösung zur Rückverwandlung. Auf die Idee scheint niemand zu kommen. Es herrschen geradezu spastische Verhaltenskrämpfe wohin das Auge reicht. Da wird sich in Schränken versteckt, Kommunikation eingestellt, getrotzt und ignoriert. Sensible Gender- und Identitätsthemen werden durch den Kakao gezogen und von den Akteuren mit Unwillen und Unfähigkeit beantwortet. Die vorgetragene Lethargie ist unerträglich. Wer das ansehen kann, ohne dass sich dabei Gewaltphantasien (Schütteln, Schlagen) gegenüber den Beteiligten entwickeln, kann sich eines dicken Fells loben. Alle anderen bekommen eine Operation am offenen Herzen, denn irgendwann bleibt einem nur noch die Rettung in die Selbstreflexion und die naheliegenste Frage lautet: „Warum kann ich mir diese beschämenden Handlungen der Hauptdarsteller nicht passiv oder entspannt anschauen?“, und wenn diese Frage erst einmal im Raum steht, dann sitzt man wirklich in der Bredouille. Eine seltsame (Teenager-) (ich kann es in diesem Zusammenhang kaum aussprechen) Komödie, von der nur abzuraten ist, außer der Blick in den Spiegel hat leider lange nicht mehr geschockt.

Die glorreichen Sieben

Desweiteren gab es sieben Filme, welche eine Fest für die Augen waren. Filme voll Dreck, Glorie und Gefühl. (Die folgende Aufreihung ist rein chronologisch nach Sichtungszeitpunkt geordnet und entspricht keiner Rangordnung.)

Dollhouse (IRL 2012)

Kirsten Sheridans Film ist vor allem eins: wild. Eine Gruppe Jugendlicher bricht in ein Haus ein, um dort etwas Spaß mit fremdem Eigentum zu haben. Folglich geht jede Menge kaputt, besonders nachdem sich herausstellt, dass es das Elternhaus einer der Beteiligten ist. Doch das Chaos der Zerstörungswut ist nichts gegen die ungehemmte Inszenierung und das ausgelassene Spiel mit prätentiösen Gesten und Wendungen, die dermaßen daneben sind, dass es einen höllischen Spaß macht. Kein Gedanke scheint an mögliche Kritikpunkte verschwendet. Es wird einfach nur rausgelassen. Nach Dollhouse fällt es vielleicht schwer, über das eben Gesehene klüger zu sein, doch das ist egal, weil … Klügersein uninteressant ist, wenn es um solch ein rätselhafte, tolldreisten Narretei geht.

Barbara (D 2012)

Vor allem kann Christian Petzold zu der Entscheidung gratuliert werden, dass er nicht mehr digital filmen möchte. Satt und warm ist Barbara wie noch kein Film, den ich von ihm gesehen habe, und es steht im extrem gut. Neben der strengen Ruhe der Erzählung findet sich in den Bildern eine Teilnahme, die ab und zu etwas manierlich daherkommt (der bedrohlich wehende Wind in den Büschen und Bäumen an denen Barbara mit dem Fahrrad vorbei fährt, die Charakterisierung der Figuren über Bücher, dass fast etwas Godard durch den Film weht usf.), aber gerade dadurch eine menschliche Note bekommt, die zum Beispiel in „Wolfsburg“ völlig fehlte (und in der Klarheit der digitalen Bildern von „Jerichow“ fast übersehen werden konnte).

Bugis Street Redux (SGP/HK 1995/2011)

Die 16-jährige Lian (Hiep Thi Li) wird Rezeptionistin im Sin Sin Hotel, das von sich größtenteils prostituierenden Transsexuellen bewohnt wird. Bei der Berlinale kann sowas schnell in verstockten Toleranzbelehrungen enden. Yonfans Film ist aber betörendes Coming-of-age, wie es Spaß macht: überladen, komplett schwülstig, hysterisch, und voller zarter Empfindsamkeit. Zudem gibt sich der Bugis Street Redux keine Mühe, seine Energie auf stilistische Konsistenz oder Strenge zu verschwenden. Was passieren muss, passiert einfach, so wie es gerade sein muss. Impressionistische Details, Doku-Elemente, alles kommt zu seiner Zeit, wenn es als eine gute Idee erscheint. Das Ergebnis ist Offenheit und Wärme, die sich ganz auf die Figuren konzentrieren.

Prílis mladá noc (CZ/SLO 2012)

Auf Englisch: A Night to Young, hätte aber auch „Games Without Frontiers” heißen können, denn jeder spielt hier mit dem Übertreten von Grenzen … die einen mit den eigenen, die anderen mit denen der anderen. Niemand fühlt sich dabei wohl, aber vor den anderen zurückstecken, wäre zu demütigend. Da ist die junge Lehrerin Katerina, die von ihrem Freund David enttäuscht wurde und ihn zur Neujahrsfeier provozieren möchte, indem sie zwei 12-jährige Jungen zum nächtlichen Umtrunk einlädt. Beide sind selbst sauer, da sie Sylvester zu Hause bleiben mussten. David selbst ist mit der Beziehung nicht mehr glücklich und versucht Katerina an seinen Freund Stephan abzutreten. Alle fünf Beteiligten sind verletzt worden. Alle fünf reagieren mit Trotz und wollen jemanden verletzten und fordern sich heraus, ohne zu wissen was sie machen. Doch auch wenn der Abend und der Film immer an der Grenze zur Eskalation tanzt, bleibt er immer seiner ruhigen, melancholischen Art treu. A Night to Young scheut jeden Sensationalismus. Stattdessen wird der unaufgeregte Blick auf verletzte Seelen im Zwielicht einer nächtlichen Wohnung geboten.

Haywire (USA 2011)

Der nächste Hit von Steven Soderbergh. Ich wurde mit ihm bisher nicht warm. Doch dann sah ich Contagion. Vielleicht hab ich nun einen Zugang zu seinem Werk gefunden, vielleicht sind es aber nur diese beiden, welche diesen faszinierenden Spagat schaffen, dass sie trotz der formal strengen Inszenierung nicht in Kälte verfallen. Da wo Contagion wie die mathematische, elliptische Untersuchung von menschlichem Verhalten war, da ist Haywire pure Form. Ein Actionfilm dessen Plot keine Besonderheiten bereit hält. Auftragskillerin Mallory Kane wird von ihren Auftraggebern verraten und gejagt, doch sie dreht den Spieß um. So abgelutscht die Geschichte, so spannend und lebendig die Form. Der Film selbst ist es, der atmet. Ruhig und elegant folgt er den Figuren, ohne dass diese an Leben gewinnen würden. Hauptdarstellerin Gina Garano spricht passenderweise wie ein Roboter. Doch wie es passiert, was im Grunde so leblos ist, ist atemberaubend (schön). Komplett entschlackt und auf das Wesentlichste reduziert zelebriert Haywire Bewegungen, Schnitte und Bilder und findet so eine eigene/eigenartige Form von Lebendigkeit.

Kino to shita no aida (J 1954)

Nicht nur das die Berlinale dieses Jahr die Lebendigkeit gelernt hat, sie lehrt sie auch. Was letztes Jahr mit Minoru Shibuya angefangen wurde, setzt das Forum dieses Jahr mit Kawashima Yuzo fort. Die japanische Filmgeschichte vor der neuen Welle und vor allem das Gendaigeki (kontemporäre Dramen) scheint beherrscht durch Teutonen und gefühlsbetonte Autisten (formal strenge Regisseure, die wissen, was sie tun – Ozu, Mizoguchi, Naruse usf.). Kino to shita no aida (Between Yesterday and Tomorrow) zeigt aber einen großen Wilden (im Vergleich zu seiner Zeit – in einer Welt in der etwas wie Troma bald seinen 40. Geburtstag feiern kann und Filme wie „Ghost Rider: The Spirit of Vengeance” durch die Kino ziehen, da muss zumindest das groß gestrichen werden) auf einem Höhepunkt. Dringlichkeit und fehlende Perfektion bestimmen dieses Melodram über eine aufbrechende Gesellschaft, in der Frauen Affären haben, ihr Leben bestimmen wollen und können und ein getriebener Mann sein geregeltes Leben verlässt, um eine Fluggesellschaft zu gründen und etwas zu erleben. Hysterisch. Wunderschön. Packend (an der Kehle, am Magen).

L’âge atomique (F 2012)

Es geht nicht um Atomkraft und trotzdem scheint hier alles radioaktiv. Die Musik. Die Farben. Das Verhalten dieser überheblichen Klugscheißer, die einen Abschluss in prätentiösem Dauerquatschen haben und natürlich die Hauptdarsteller sind. Die nach Paris fahren, um Party zu machen. Dass alles schief geht, tut dabei nichts zur Sache. Verloren sind die beiden Hipster aus der Vorstadt schon beim Aufbruch. Sie torkeln durch die Nacht und wissen nichts mit sich und ihrem Leben anzufangen. Aber im Grunde wollen sie das auch gar nicht. Glücklicherweise weiß die Atmosphäre dieser verstrahlten Nacht mit ihren verstrahlten Farben zu verhindern, dass L’âge atomique auf das Niveau einer prätentiösen Nabelschau abgleitet. Vor allem weil Regisseurin Héléna Klotz auch nicht weiß, was sie will, außer diese Trümmer zu durchstöbern. Zu gleichen Teilen Claude Berri, aufgeräumter Lynch und Lady Gaga. Luftig und zart der Blick auf die Menschen, beklemmend die Bilder und verschroben die Geschichte.

The Good, the Bad & the Ugly

Zum Schluss noch der ganze Rest. Aufgeteilt in die guten (gut gemacht und eigentlich ist auch nichts an ihnen auszusetzen, außer dass sie vielleicht manchmal zu glatt sind), die schlechten (missfallen von erträglich bis himmelherrgottnochmal) und die dreckigen Filme (aufregend). Sortiert nach Gefallen, d.h. je höher sie stehen, desto besser waren sie.

Blondie

The Connection (USA 1962) – Jazzmusiker und andere Junkies warten in einer Wohnung auf die Drogen-Connection. Shirley Clarkes liebevolle Parodie auf das Cinema vérité.

Hemel (NL/E 2012) – Hemel ist promiskuitiv. Schlaglichter auf einer Spurensuche.

Iron Sky (FIN/D/AUS 2012)  – Der ungelenk gewollte Versuch einen Trash-Film zu machen, wird zum Glück schnell zu Gunsten einer satirischen Komödie über den Haufen geworfen.

Ang Babae sa Septic Tank (RP 2011) – Herrlich alberner Film über die Klischees, die vom Kino der dritten Welt im Westen erwartet werden.

Ornette: Made in America (USA 1985) – Shirley Clarkes letzter Film. Eine Doku über Ornette Coleman. So wild geschnitten wie ein Free Jazz-Solo.

Hot boy noi loan – cau chuyen ve thang cuoi, co gai diem va con vit (VN 2011) – Heiße Jungs und eine wunderschöne Szene mit einer Ente.

Was bleibt (D 2012) – Großteils dröge Familienbefindlichkeitsgeschichte, die sich mit einem tollen Ende rettet.

Die Vermissten (D 2012) – Clash of Generations. Ein Krimi, der sich zusehends in ein surreales Gesellschaftsportrait wandelt.

What is Love (A 2012) – Doku über diverse Menschen und ihr Verhältnis zur Liebe. Streng und extrem abhängig von der Qualität der Protagonisten. Die interessanten Exemplaren sind zum Glück in der Überzahl, wenn auch knapp.

Angel Eyes

Puthisen Neang Konrey (K 1968) – Ein anfangs toller, wilder, ungehemmter Film, der in einem unfassbar öden zweiten Hälfte zu viel verspielt.

Rwanyje baschmaki (UdSSR 1934) – Fades Kinder-Varieté über den Klassenkampf in den 30ern.

Captive (F/RP/D/GB 2012) – Weltpolitik auf der Berlinale, da gibt es nichts zu lachen. Das ist alles ernst und so gewollt. Wenigstens mit einem Phönix.

Miss Mend 2 & 3 (UdSSR 1926) – Ermüdender stummer Agententhriller mit einigen guten Ideen, aber zu viel Aktion ohne Gehalt.

Tiens moi droite (F 2012) – Die Pointe dieses Essays ist, dass jeder Mensch seinen Beutel zu tragen hat und man nicht der einzige mit Problemen ist … wow.

Tabu (P/D/BR/F 2012) – Blutleere Mischung aus Aki Kaurismäki, Wes Anderson und Guy Maddin.

Dictado (E 2012) – Spannung? Atmosphäre? Irgendeine Form von Kreativität? Fehlanzeige.

Cherry (USA 2012) – Kaum durchzustehen.

Friends after 3.11 (J 2011) – Letztes Jahr sorgte Iwai Shunji mit „Vampire“ für das Highlight. Dieses Jahr redet er auf Forenniveau mit Bekannten über Atomkraft. Fucked up.

Tuco Benedicto Pacífico Juan María Ramírez

Das Ende von St. Petersburg (UdSSR 1927) – Wild. Wild. Wild.

Dom na Trubnoi (UdSSR 1928) – Was für ein Aufgebot an Ideen!?! Boris Barnets erste Großtat.

Paziraie Sadeh (IR 2012) – Eine Geld verteilende Berg-und-Tal-Fahrt um Teheran, mal witzig, mal anstrengend, mal beklemmend. Und plötzlich scheint die Apokalypse gekommen. Kiarostami in durchgeknallt.

Ledolom (UdSSR 1931) – Wunderschöner, leidenschaftlicher Propagandafilm von Boris Barnet.

Suzaki Paradaisu: Akashingo (J 1956) – Ausgestoßene zwischen den Welten. Kawashima Yuzos Melodram über mehrere Leben am Rande eines Rotlichtviertels.

Gegen Morgen (D 2011) – Schmutzig. Eklektisch. Toll.

Avalon (S 2011) – Zu verkrampft um gut zu sein. Zu stimmungsvoll um schlecht zu sein. Toll missraten.

Swoon (USA 1992) – Hemmungsloser Quatsch, der sich für Kunst hält. Im nächsten Jahr hoffentlich mehr davon.

 

*Wem das Spanisch vorkommt, der braucht sich nicht wundern. Schangel-Shuttle (eine Reihe schangliger Filme) und Schlock (verkopfter, gescheitereter Trash???) sind Begriffe von der Eskalierende-Träume-Posse, die ich besuchen durfte (dazu später mehr). Definitionen werden möglicherweise nachgereicht. Wer es nicht aushält und genau wissen möchte, der lese entweder zwei Tage hier und bekommt ein Gefühl dafür oder gibt sich mit minderwertigen Definitionen zufrieden: Schlock & Schangel.

Kontrapunkt: Filmrolle Berlinale 2012

Hier werden meine persönlichen 13 Filmeindrücke von Samstag, dem 11. bis Freitag, dem 17. Februar auf dem größten Publikumsfestival der Welt rekapituliert.

Dollhouse (IRL 2012) – Panorama

Die Irin Kirsten Sheridan drehte vier Jahre nach „Der Klang des Herzens“ wieder in ihrer Heimat. Ihr mit Handkamera gefilmtes Drama um die überraschende Einblicke hervorbringende Destruction-Party in einem leerstehendem Haus spielt mit den Dualismen Ordnung und Chaos, Leben und Tod, kindliche Sorglosigkeit und erwachsenem Übernehmen von Verantwortung. Maßgeblich zu einer unwirklichen, träumerischen Atmosphäre tragen auch eingespielte Songs von Dead Man’s Bones bei, welche von Schauspieler Ryan Gosling mitgegründet wurde. „Independent“ wird also auch auf der Tonspur groß geschrieben. Schade ist indes, dass der Film keine Auflösung seines thematisierten Konflikts präsentiert, sondern sich abrupt aus der Affäre stiehlt und Vieles unerklärt lässt.

The Woman in the Septic Tank (RP 2011) – Forum

Ein Film übers Filmemachen – nicht aus den USA, sondern aus dem Indenpendent-Kino der Philippinen. Sämtliche Inszenierungsweisen innerhalb eines Films im Film (Arme Mutter verkauft ihr Kind an einen Pädophilen) werden durchdekliniert – unterlegt mit einem das Drehbuch rezitierendem Voice Over. Mal albern, mal urkomisch wird in wackeligen Handkamerabildern von den Klischees des philippinischen Kinos erzählt mit der großartigen Eugene Domingo, die neben „Elevator“-Schauspiel noch zwei weitere Arten sehr anschaulich darstellt und mit soviel Selbstironie die Lacher auf ihrer Seite hat.

Barbara (D 2012) – Wettbewerb

Sachlich-nüchtern wie immer inszeniert Christian Petzold dieses Drama um die Assistenz-Ärztin Barbara (Nina Hoss), die aus der DDR des Jahres 1980 ausreisen will. Doch trotz einer West-Bekanntschaft (Mark Waschke) und Stasi-Willkür fällt ihr die Entscheidung, die ostdeutsche Provinz zu verlassen, zunehmend schwer – auch weil sich Oberarzt André (Ronald Zehrfeld) als liebenswerter und verständnisvoller Kollege entpuppt. Nina Hoss‘ reduziertes Mienenspiel und eine nahezu statische Kamera, die zugunsten vieler Schnitte kaum fährt oder schwenkt, passen zur bedrückenden Enge des kontrollierten Lebens im Arbeiter-und-Bauern-Staat. „Barbara“ wohnt gar eine beeindruckende Spannung inne, die durch ein subtiles, aber omnipräsentes Zeitkolorit noch verstärkt wird.

Don – The King Is Back (IND/D 2011)Berlinale Special

Wie würde Bollywoods Antwort auf „Mission: Impossible“ wohl aussehen? Genauso wie diese Shah Rukh Khan-Egoshow vermutlich, die jedoch durch Selbstironie und beeindruckende Actionsequenzen mit unterschiedlichsten Stilmitteln (Zeitlupen, Zeitraffer, Kranfahrten, Jump Cuts) in keiner der 140 Minuten langweilt. Der großspurige Pate Don (Khan) plant mit seinen Kumpels einen Coup auf die Deutsche Zentralbank und will Druckerplatten für Euro-Scheine stehlen. Interpol – einer der Agenten: der sträflich unterforderte Florian Lukas – hat jedoch etwas dagegen und so kommt es zu einem temporeichen Katz-und-Maus-Spiel, auch weil Don plötzlich von allen Kollegen verraten wird.

Dictado (Childish Games, E 2012) – Wettbewerb

Ein solide inszenierter Psychothriller aus Spanien, bei dem Lehrer Daniel (Juan Diego Botto) nach dem Tod seines Freundes Mario in dessen Tochter Julia das nicht gealterte Mädchen Clara zu entdecken glaubt, dessen Tod die beiden Männer in Kindertagen verschuldeten. Beunruhigend anschwellende Streicher und ein annehmbarer Spannungsbogen können nicht darüber hinweg trösten, dass man sich nur in einem wenig originellen Aufguss von Hitchcocks „Vertigo“ befindet, dem am Ende dann gänzlich die  eigenen Ideen ausgehen. Und: Was hat dieser durchschnittliche Film eigentlich in einem internationalen Wettbewerb verloren?

Spanien (A/BG 2012) – Forum

Innerhalb der bedrückenden Stimmung dieses in Niederösterreich spielenden Episodenfilms begegnen sich alle der Beteiligten durch Zufälle. Dabei spielen Glaube und eine biblische Aufladung der Figuren eine große Rolle, da Gottesfurcht der Antrieb von Protagonist Sava (Grégoire Colin) als illegaler Migrant ist und Regisseurin Anja Salomonowitz das Motiv des Füßewaschens und der in einer Kirche herumkrabbelnden Ameisen als entsprechende Bezüge einsetzte, wie sie im anschließenden Q&A verriet. Ein nachdenkliches, intensives Drama um Geschichten, die das Leben schreibt und Alltagsprobleme spiegelt. Nur wenige Klischees stechen dabei etwas negativ hervor.

Shadow Dancer(GB 2012) – Wettbewerb

Ebenso bieder erzählter wie inszenierter Thriller im historische Bedeutung evozierenden Grauschleier-Look um den Nordirland-Konflikt, in welchem Attentäterin Colette (Andrea Riseborough) Anfang der 90er Jahre zur Zusammenarbeit mit MI5-Mann Mac (Clive Owen) gezwungen wird. Dieser stellt ihre Sicherheit an erste, die „Mission“, Informationen über die geplanten Aktionen ihrer Brüder zu beschaffen, an die zweite Stelle und zieht damit den Unmut seiner Kollegen (u.a. Gillian Anderson) auf sich. Brisantes politisches Thema, nüchterne Umsetzung – so hat man es gern auf der Berlinale. Dennoch wäre dieser Film im Fernsehen besser aufgehoben und verliert im Direktvergleich zu Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ und Tykwers „Heaven“ (zu denen er zumindest vage Bezüge herstellt) deutlich.

Bugis Street Redux (SGP/HK 1995/2011) – Panorama

Hongkong-Regisseur Yonfan legte die neue Version seines Coming-of-Age-Movies vor, in welchem die 16-Jährige Lian (Hiep Thi Li) in dem Tollhaus Sin Sin Hotel voller transsexueller Ladyboys lernt, ihre  Liebes-Bedürfnisse auszuprägen. Geprägt von Ansprachen direkt in die Kamera, warmen Farben und einer jazzigen Musikuntermalung gelingt Yonfan auch dank einer ultrasüßen Hauptdarstellerin das warmherzige Kaleidoskop einer ausgeprägten Szene innerhalb eines Viertels in Singapur, das jedoch im Prozess zunehmender Modernisierung zu verschwinden droht. Ein beeindruckender, manchmal allerings arg lärmender Einblick in die Parallelwelten der Prostitution und Travestie in Fernost.

Mommy is Coming (D 2011)Panorama

Dylan (Lil Harlow) und Claudia (Papi Coxx) sind ein lesbisches Pärchen, das gern einmal wilden Spontan-Sex mit der Penetration einer Pistole auf dem Rücksitz eines Taxis hat. Doch Claudia will mehr, was zur zwischenzeitlichen Trennung führt. Just in diesem Moment will Dylans sexuell frustrierte Mutter nach Berlin kommen – und wird schlussendlich von ihrer eigenen Tochter penetriert. Letzteres ist nur die albernste Wendung dieser überkonstruierten Verwechslungskomödie, die neben wackeligen HD-Handkamerabildern und grenzwertig expliziten Darstellungen der Penetration weiblicher Genitalien nur gute Ansätze auf der Interpretationsebene zu bieten hat. Von der queeren Zielgruppe mit Szenenapplaus frenetisch gefeiert, aber schauspielerisch mager und inhaltlich ziemlich (dildo-)bananig kann auch das ironische Spiel mit Lesben-Klischees nicht mehr viel herausreißen.

Haywire (USA/IRL 2011) – Wettbewerb (Außer Konkurrenz)

Einen Actionthriller wie einen Arthaus-Film zu inszenieren, das kann nur Steven Soderbergh. Lange Einstellungen, eine unaufgeregte Inszenierung, jazzige Musikuntermalung und unvermittelte, radikal physische Fights: Eleganz und Stil statt Highspeed und Spektakel – mit einem Hauch gespannter Ruhe im Stile von Jim Jarmusch. Innerhalb einer über ausufernde Rückblenden erzählten „Bourne“-Geschichte wird Agentin Mallory Kane (Gina Carrano) in eine Intrige verwickelt und muss brutal um ihre Freiheit kämpfen – ihre Jäger stets auf der Spur. Das ist schnörkellos, kompromisslos und stets spannend. Einzig ein CGI-Reh als bemühtes komödiantisches Element und Michael Douglas in einer für die Narration unerheblichen Nebenrolle hätte es nicht gebraucht.

No Man’s Zone (J/F 2012) – Forum

Dafür, dass die Synopsis im Programmheft Analogien vom „tarkowskijschen Stalker“ bemüht, war ich über diese Fuskushima-Doku doch etwas enttäuscht. 360 Grad-Kameraschwenks, die die ganzen Ausmaße des Tsunamis 2011 in Japan offenlegen und Menschen, die von ihrem Schicksal in der 50 km-Zone um Fukushima erzählen, sind zusammen ein paar Zutaten zu wenig, um 103 Minuten zu fesseln. Der sachliche wie kritische Off-Kommentar, der mit der „Sucht nach den Bildern der Zerstörung“ die mediale Aufmerksamkeit nach den beiden Katastrophen hinterfragt, gibt dabei die meisten Denkanstöße in dieser ansonsten leider etwas blutleer und puristisch geratenen Dokumentation von Fujiwara Toshi.

Das Meer am Morgen – La mer à l’aube (F/D 2011) – Panorama

Im besetzten Frankreich des Sommers 1941 soll nach dem heimtückischen Mord an einem deutschen Offizier ein Exempel unter den Internierten der einheimischen Bevölkerung statuiert werden. Volker Schlöndorffs Geschichtsstunde spart weitsichtige, diplomatische Bedenken an der Ausführung von Hitlers Befehl seitens deutscher Offiziere wie Ernst Jünger (nachdenklich: Ulrich Matthes) nicht aus, was lohnenswert ist, aber auch mächtig ausbremst. Die Charakterzeichnung der französischen Kommunisten gerät hingegen arg eindimensional, auch in den Motiven der wahren Attentäter. Actionszenen und jeder sonstige Aufwand bei der behäbigen Inszenierung werden ausgespart, Dialoge sind lang und wirken aufgesagt, was bei einer Lauflänge von knapp 90 Minuten und der Finanzierung bedeutet, dass dieses Kriegsdrama sehr bald auf arte zu sehen sein wird – und dort auch viel besser aufgehoben ist als im Kino.

Gnade (D/NO 2012) – Wettbewerb

Tiefsinniges und großartig gespieltes Schuld-und-Sühne-Drama, bei dem sich ein entfremdetes deutsches Auswanderer-Ehepaar (Jürgen Vogel, Birgit Minichmayr) über die fahrlässige Tötung eines Mädchens in Hammerfest wieder nahekommt. Matthias Glasner inszeniert reduziert, stellt die wunderschöne Schnee- und Eislandschaft Nordnorwegens in Cinemascope-Bilder aus und untermalt diese nur selten mit Chormusik, die zusammen mit der Monate dauernden Polarnacht zudem als Metapher für menschliche Kälte, Schuld und fehlende Moral herhält. Leider stoßen die letzten Bilder des Films inklusive einer ebenso unpassenden wie offensichtlichen Werbung für Apple-Produkte bitter auf.

Einen kleinen Rückblick zu den Berlinale Shorts findet ihr hier.
Einen etwas anderen Festivalbericht von mir könnt ihr hier nachlesen.

Kontrapunkt: Berlinale 2011

Vom 17. bis 20. Februar weilte ich in Berlin zum größten Publikums-Filmfestival der Welt. Neben den folgenden Kritiken sei Folgendes resümierend notiert:
1.) „Berlinale Shorts“ sind zu 75% gewöhnungsbedürftig, was die Filmauswahl angeht.
2.) Filme nur aufgrund ihres Handlungsortes (Berlin) aufzuführen, ist kein Argument.
3.) Etwas weniger International- und mehr Glamour-Politik würde bei der Filmauswahl nicht schaden.

Rundskop (B 2011)
Bullhead
, Sektion: Panorama

Von einer nichtsnutzigen, ihre Kinder verziehenden Alkoholikerfamilie, die in „Die Beschissenheit der Dinge“ nur Unsinn im Kopf hat, über eine Band in „Ex Drummer“, dessen Mitglieder kranke, abgestumpfte Familienmitglieder daheim haben und perverse sexuelle Veranlagungen aufweisen bis hin zum am Asperger-Syndrom leidenden Online-Rollenspieler in „Ben X“: Menschliche Abgründe und schwelende Ängste sind im belgischen Kino jüngeren Datums keine Seltenheit. So auch nicht in „Rundskop“, hinter dessen spannender Thrillerfassade sich ein tiefgreifendes Psychodrama verbirgt. Viehzüchter Jacky (Matthias Schoenartz) hat nach einer schicksalsträchtigen Auseinandersetzung in seiner Kindheit (welch verstörende Sequenz!) seiner Männlichkeit und mit Hormonen zu kämpfen, die er nicht nur seinen Tieren verabreicht. Mit dem eigenen zum Scheitern verurteilten sexuellen Begehren und den Machenschaften der Hormonmafia konfrontiert, gerät er in einen tödlichen Strudel aus Fleisch, Gewalt und Tod. Einige einen Kult an der Körperlichkeit abfeiernde Nahaufnahmen (auch in Zeitlupe) atmen in dem etwas inhaltsarmen Langfilmdebüt von Videoclip-Regisseur Michael R. Roskam eine archaische visuelle Kraft, welche ebenso wie die schwermütige Streichermusik meist das düstere, jederzeit entfesselbare, aggressive Temperament der Hauptfigur greifbar macht, ab und an jedoch etwas zu bedeutungsschwanger daherkommt. Ein zum Teil verstörend gewalttätiges Spiegelbild männlicher Urgewalt. Intensiv spürbares, physisches Kino in Reinkultur!

Lipstikka (IL/GB 2010)
Odem
, Sektion: Wettbewerb

Dass es nicht unbedingt einen Karriereexodus darstellen muss, wenn man in seiner Jugend in einer peinlichen Erotikklamauk-Reihe schauspielerisch begonnen hat, beweisen Heiner Lauterbach mit diversen „Schulmädchen-Report“-Auftritten und Jonathan Sagall, der in allen acht „Eis am Stiel“-Filmen mitwirkte. In seinem Langfilmdebüt „Kesher Ir“ und auch mit „Lipstikka“ blieb er dem Sujet zwischenmenschlicher Sexualbeziehungen zwar treu – jedoch stets auf dem Niveau einer gewichtigen Auseinandersetzung. Mit geschickt eingesetzten, zahlreichen Rückblenden erzählt er hier die Geschichte zweier palästinensischer Frauen, die in Ramallah zusammen zur Schule gehen, sich anfreunden, ineinander verlieben, sich trennen und schließlich Jahre später in London wieder aufeinander treffen. Doch während die ehemals schüchterne Lara (Clara Khoury) in einer scheinbar glücklichen, aber von Körperlichkeiten freien Ehe liebt, sucht die freimütige Inam (Nataly Attiya) immer noch nach Halt und Sicherheit im Leben. Prägend für beide ist die abweichende Erinnerung an eine Begebenheit in Jerusalem mit zwei israelischen Soldaten während der ersten Intifada. Subtil und leise, aber dennoch aufwühlend und verstörend fernab jeglicher Romantik erzählt Sagall eine traumatische Geschichte, die die Leben der beiden Frauen auf verschiedene Arten zerstörte. Ein schweres Thema und ein Film, der in Israel hitzige Debatten auslöste, aber in ausgeblichenen Bildern unprätentiös umgesetzt.

Life in a Day (USA 2011)
Das Leben in einem Tag
, Sektion: Panorama

Ca. 4600 Stunden von Privatpersonen eingesandtes, selbstgedrehtes Videomaterial wurde für dieses filmische Experiment gesichtet, knapp 90 Minuten davon schafften es in diese Aneinanderreihung kurzer Alltagepisoden verschiedener Menschen am 24. Juli 2010. Ist Regisseur Kevin Macdonald seit „The Last King of Scotland“ schon kein Unbekannter mehr, so sind es Produzent Ridley Scott und die Internetseite YouTube, die als Förderer auftritt, noch viel weniger. Umso weniger verwundert es, dass diese Homevideo-Kompilation nicht nur durch die Einsendungen, sondern auch von außen strukturiert wurde. Professionelle Kamerateams wurden für Zeitraffer von Naturaufnahmen und Statements an die entlegensten und internetfreiesten Winkel der Erde geschickt, drei zu beantwortende Fragen strukturieren den mal thematisch, mal assoziativ montierten Film. Dass suggestive pathetische Musik insbesondere im letzten Teil („Wovor hast du Angst?“) besonders auffällig eingesetzt wird und somit den ohnehin beklemmenden Handyvideos der letztjährigen Loveparade-Katastrophe eine fröstelnd emotionale Dimension hinzufügt, ist dabei jedoch nach dem vorangegangenen Wohlfühlschnipseln ein Glücksfall, was die Bandbreite der Emotionen angeht. Am Ende steht die Erkenntnis einer jungen Frau, dass sich keiner für sie interessiert und dieser Tag kein besonderer war. Diese trotz allem gewagte Dokumentation, die Homevideos und professionelle Aufnahmen nebst Musikuntermalung zu einem authentischen Ganzen formt, ist ein beeindruckendes Web-2.0-Filmdokument.

Darüber hinaus gesehen – kurz notiert:

Bombay Beach (Panorama): Zum Teil in erfrischend-frecher Videoclip-Ästhetik fotografierte Dokumentation über eine Familie an einen aussterbenden, surrealen Ort: einem Wüstensee in Kalifornien. Nicht zuletzt dank der Musik von Bob Dylan einfühlsam und nah dran an den Menschen.
The Forgiveness of Blood (Wettbewerb): Subtiles albanisches Familiendrama um die Wahrung des Kanun (Gewohnheitsrecht) durch einen Jungen, nachdem sein Onkel einen verfeindeten Nachbarn getötet hat. Tradition und Moderne, Eingesperrtsein und Freiheit werden im Verhalten der Kindergeneration dabei unprätentiös gegenübergestellt und kulminieren in einem Ende bar jeder Klischees.
Unknown Identity (Wettbewerb – außer Konkurrenz): Ein Agent mit Gedächtnisverlust (Liam Neeson) wird von den eigenen Reihen durch die Straßen Berlins gehetzt. Die lokale Situierung dieses zutiefst durchschnittlichen Agententhrillers und ein paar Stars, die mitspielen, waren wohl auch die ausschlaggebenden Kriterien dafür, dass das mit filmischen Stolperdrähten gestrafte Werk – Konstruiertheiten en masse; blöde Dialoge, insbesondere von Ex-Stasi-Mann Bruno Ganz – überhaupt laufen durfte.
Coriolanus (Wettbewerb): Ebenso ambitionierte wie durch ausladend lange Dialoge im Theaterstil anstrengende und enorm an dem zuvor durch Handkamera suggeriertem Tempo einbüßende Shakespeare-Verfilmung. Ralph Fiennes kann sein ganzes Können ausspielen, doch hätte er besser daran getan, den Stoff nicht ins Heute zu übertragen, was u. a. angesichts eines moderneren Demokratieverständnisses adäquat einfach nicht so recht funktionieren will.

The Guard (IRL 2011)

The Guard von John Michael McDonagh ist so ein Film, den ein Festival braucht, wie die Luft zum atmen. Gerade bei der Berlinale, die in ihrer 61. Ausgabe voll war von typischen Festivalfilmen (lange Einstellungen, melancholische Stimmung, wortkarge Protagonisten), ist „The Guard“ eine höchst erfreuliche Abwechslung von dem, was gemeinhin abwertend (und falsch) als Kunstkino bezeichnet wird. Es ist ein Film, in dem der stämmige Brendan Gleeson mehrmals in seiner skurrilen Unterwäsche zu sehen ist. Das Publikum hat sich bei der Vorführung derart über diese Szenen gefreut, dass man dahinter auch ein geballtes, erleichtertes Aufatmen vermuten könnte nach all dem todernsten Zeug, das sonst in Wettbewerb, Panorama und Forum gezeigt wird.

The Guard ist eine Buddy-Komödie im Geiste des fabelhaften Brügge sehen und sterben, den McDonaghs Bruder Martin inszeniert hatte. Statt der mittelalterlichen Kulisse Brügges dient nun die irische Pampa als Kontrast zu den plappernden Gangstern, die alten Guy Ritchie-Filmen entsprungen zu sein scheinen. Statt des suizidalen Colin Farrell übernimmt der suizidale Brendan Gleeson das Ruder als titelgebender Guard, einem fluchenden Misanthropen mit dem Herz aus Gold. Zu seinem ungleichen Partner wird in diesem Fall mit Don Cheadle der FBI-Agent aus der großen Stadt (und dem großen Land), der recht bald erkennen muss, dass auch der desinteressiert scheinende Dorfpolizist, der allen nur mit beißender Ablehnung begegnet, seine Kompetenzen hat. Wenn diese auch selten sozialer Natur sind. Cheadles Agent erweist sich sehr schnell als ebenbürtig und wird glücklicherweise nicht nur auf WTF-reaction shots reduziert, auch wenn er davon einige zu bewältigen hat.

Doch The Guard ist die Brendan Gleeson-Show, denn mit ihm steht und fällt der Film, was man v.a. dann merkt, wenn er nicht im Bild ist. Beschränkt sich die Krimi-Groteske auf die Dialoge zwischen den Gangstern (u.a. Mark Strong als Mark Strong), wird allzu deutlich, dass die Filme von Quentin Tarantino ihre Spuren in McDonaghs Skript hinterlassen haben. Entzündet sich das Geplänkel  aus den kulturellen Differenzen (Engländer – Iren, Amerikaner – Iren, Iren – Iren), funktionieren die abseitigen Gespräche, denn sie scheinen entkrampft, natürlich.  „The Guard“ hätte durchaus zu einem weiteren Guy Ritchie-Klon verkommen können und Guy Ritchie-Klone waren schon vor 10 Jahren langweilig. Brendan Gleeson jedoch hält die Story um einen internationalen Drogenring, der in Irland seine Zelte aufschlägt, am Boden. Er ist sich nicht zu schade für die billigen Lacher (besagte Unterwäsche), brilliert aber insbesondere in Szenen mit Frauen, wie etwa denen mit seiner todkranken Filmmutter. Da zeigt sich dann, dass der Dickhäuter eine unsentimentale, sensible Seite hat, dass er sich seiner Fehler und seiner Natur bewusst ist. Obwohl „The Guard“ auf die große Schuld und Sühne-Exploration von „Brügge sehen und sterben“ verzichtet, ist die von skurrilen Eigenheiten umringte Hauptfigur in ihrem Kern keinesfalls ein charakterliches Vakuum, wie es in vielen anderen Genrevertretern der Fall ist. Spätestens die Veröffentlichung auf DVD wird den Erstling von John Michael McDonagh zum zitierfähigen Geheimtipp machen, doch die besten Szenen des Films finden auf einer Parkbank und in einem Pub statt. Kein gesprächiger Gangster ist da anwesend, nur ein Sohn und eine Mutter, die sich keine Illusionen über ihr Kind macht. Das reicht.