Kontrapunkt: Berlinale Special 2010

Zum zweiten Mal ging es für mich zum größten Publikums-Filmfestival der Welt. Dieses Jahr standen 4 Tage Berlinale an (18. bis 21.02.). Folgende Erkenntnisse habe ich dabei gewonnen:

1.) Auch auf der Berlinale laufen nicht nur gute (Kurz-)Filme.

2.) Filme in unverständlichem English without german subtitles zu schauen sucks.

3.) Beim Filmnachwuchs muss sich Deutschland keine Sorgen machen.

4.) Es gibt verdammt viele Kinos in Berlin.

Zur Untermauerung dieser Erkenntnisse nun untenstehend meine filmischen Erfahrungen von den nunmehr 60. Internationalen Filmfestspielen in Berlin.

Berlinale Shorts I.

Spät abends im Cinemaxx gab’s fünf Kurzfilme zu schauen, wovon mir einer ganz besonders in Erinnerung geblieben ist, der da war:

Aramaki

Ein immerhin auf irgendeine Art skurriler Film, der den Zuschauer mit einem einzigen Protagonisten im Wald konfrontiert, der seinen absurd konstruierten Selbstmord vorbereitet. Filme mit einer einzigen (Hand-)Kameraeinstellung über eine Dauer von 20 Minuten können technisch anspruchslos und auch inhaltlich dämlich sein – das beweist dieser Film.

Die anderen Filme dieses Kurzfilmblocks ließen mich mit Ausnahme von Zuti Mjesec um die neue Nachbarin, welche sich bei einer einsamen Schwangeren vorstellt, ziemlich ratlos zurück. Eine zu schwere und durchwachsene Auswahl insgesamt, die freilich zur falschen Uhrzeit gezeigt wurde.

Doch nun zu den Wettbewerbsfilmen im Rennen um den Goldenen Bären. Ich nehme es vorweg: Ich habe keinen der Preisträgerfilme gesehen, aber dafür zunächst den wohl schlechtesten potenziellen Anwärter und folgend sehenswerte Beiträge aus Argentinien, Frankreich sowie den USA.

Jud Süß – Film ohne Gewissen (D/A 2010)

Nomen est omen: Berufsprovokateur Oskar Roehler präsentiert mit seiner eigenen Rekonstruktion der Ereignisse um die Entstehung des berüchtigten Propaganda- films (von historischer Korrektheit kann kaum die Rede sein) ein ungenießbares Schmierentheater, das seinesgleichen sucht. Moritz Bleibtreu blamiert sich in seinem Chargieren als Goebbels ganz dolle und Gudrun Landgrebe wird’s während einer Bombennacht am offenen Fenster kräftig besorgt. Das sind die beiden einprägsamsten Dinge in dieser unfreiwillig komischen Posse, die doch eigentlich großes, dramatisches Kino um Verführung und Gewissen sein will. Nee!

Rompecabezas – Puzzle (RA 2009)

Die Handlung: Eine sich treu um ihre Familie sorgende Hausfrau namens Maria Del Carmen (Maria Ornetto) entdeckt ihre Leidenschaft fürs Puzzeln und beginnt, aus ihrem tristen Alltag auszubrechen. Ähnlich wie Puzzleteile ein Teil eines großen Ganzen darstellen, fragmentieren die über weite Strecken vorherrschenden Groß- und Nahaufnahmen die Bilder des Films. Dabei geizt „Puzzle“ nicht mit Humor, wenn bspw. die Freundin des Sohnes auf vegetarisches Essen besteht oder dramatischen Elementen, wenn Maria ihre neue leidenschaft vor ihrer Familien verheimlichen und sich schließlich zwischen zwei Männern – ihrem Ehemann und ihrem Puzzle-Lehrmeister – entscheiden muss. Herzerwärmend, menschlich, gut.

Mammuth (F 2010)

Ja, Gérard Depardieu ist in den letzten Jahren ziemlich dick geworden, aber was soll’s. Er bleibt ein toller Schauspieler – sonst würde „Mammuth“ schließlich keinen Spaß machen. Er verkörpert den gleichnamigen rabiaten 60-Jährigen, welcher auf seinem Motorrad durchs Land braust und die Rentenbelege seiner zahlreichen ehemaligen Arbeitgeber zusammensammeln muss, um Anrecht auf Rente zu haben. Der Humor ist garstig und kommt stets ohne Vorbereitung. So bspw. die denkwürdige Szene als Mammuth und sein Cousin von der Taille aufwärts zu sehen sind – sich gegenseitig befriedigend. Auf seiner Reise wird der mit seinen langen Haaren und im Job an Mickey Rourke in „The Wrestler“ erinnernde Mammuth nicht nur mit seiner eigenen Vergangenheit, sondern auch mit seinen eigenen Träumen konfrontiert. Ein enorm witziger und dennoch nachdenklich stimmender Film.

The Killer Inside Me (USA 2010)

Der mit Westernmotiven angereicherte Psychothriller lässt den Zuschauer in der ersten halben Stunde schlucken: Wie brutal Provinzpolizist Lou Ford (sollte man nur noch als Psychopath besetzen, weil so etwas spielt er richtig gut: Casey Affleck) die Prostituierte Joyce (Jessica Alba) zusammenschlägt, ist grenzwertig. Auch die häufigen Sexszenen, in denen Anti-Autor Michael Winterbottom nach „9 Songs“ und „Code 46“ ausnahmsweise mal keine weiblichen Genitalien in Großaufnahme zeigt (wenn man mal von in die Kamera ragenden Popöchen absieht), irritieren mit zunehmender Dauer. Doch darüber hinaus erzählt Winterbottom die Killer-Geschichte abgesehen von kleineren Durchhängern spannend und clever, wenn er insbesondere am Ende ohne großspurig angekündigte Wendung subtil Raum für Interpretationen schafft, die die Geschehnisse des Films in ganz anderem Licht erscheinen lassen.

Shutter Island (USA 2010)

Apropos großspurig angekündigte Wendung: In Sachen subtiler Auflösung anstatt merkbarem Daraufhininszenieren hätte sich Martin Scorsese so Einiges bei Michael Winterbottom abgucken können. Sein ähnlich gelagerter Psychothriller um einen US-Marshal (Leonardo Di Caprio), der im Ashecliffe Hospital – einer Anstalt für geistig gestörte Schwerkriminelle – das Verschwinden einer Insassin untersucht, ist zwar rein handwerklich makellos (insbesondere die Kameraarbeit ist lobend zu erwähnen), spannend und sehr atmosphärisch, krankt jedoch insbesondere an seiner uncleveren Auflösung. Etwas detaillierter habe ich mich dazu hier geäußert.

In der Sektion Perspektive Deutsches Kino, in welcher deutsche Nachwuchsfilmemacher ihre Arbeiten vorstellen, wurde ich äußerst positiv überrascht. Vor der entlarvenden, ungemein intimen Dokumentation Die Haushaltshilfe um ein slowakisches Mädchen, welches fernab ihrer Heimat einem deutschen Rentnerehepaar im Haushalt hilft, lief ein Film um die Frauen von Profi-Fußballern:

WAGs (D 2009)

… steht für „Wifes And Girlfriends“ und bezieht sich auf besagte Frauen und Freundinnen von Hertha BSC-Spielern. Zwei von ihnen freunden sich an: Judith (Sonja Gerhardt) ist die Freundin vom Nachwuchstalent Ronny (Gordon Schmidt) und mit dem Leben als Spielerfrau unvertraut, die etwas ältere Dina (Vesela Kazakova), Freundin des bulgarischen Neutransfers Ivo (Alen Hebilovic) desillusioniert, sieht ihre Rolle nur als Beiwerk ihres Mannes ohne eigenes Leben und Recht auf Selbstverwirklichung. Doch als Ronny ein Angebot von Bayern München bekommt, droht sie subtile, frisch entstandene Freundschaft wieder zu zerbrechen. Professionelle Kameraarbeit, zwei großartig aufspielende und authentisch wirkende Hauptdarstellerinnen, eine hintergründige Geschichte die ein bisher wenig behandeltes Thema angeht, dazu noch sehr unterhaltsam: ein durchweg großartiger Kurzfilm. Ein großes Lob an die beiden Regisseure Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf!

Um aus der Breite des Programms auch möglichst viel mitzunehmen, konnte ich mir (irgend)einen Film im Rahmen vom Panorama natürlich auch nicht entgehen lassen. Meine Wahl fiel auf Sex & Drugs & Rock & Roll (GB 2010) im Colosseum, in welchem – meist mit schrillen Bildern und Mitteln – das Leben von Ian Dury, dem Vater des Punkrock, abgehandelt wurde. Andy „Gollum“ Serkis spielt darin mit sehr viel Charme und Coolness die Hauptrolle, nur leider war von seinem Slang-Englisch ebenso nichts zu verstehen wie insgesamt von 80% des Films. Ein Königreich für Untertitel! So könnte ich mich mangels Aufnahmefähigkeit zu später Stunde dem Eindösen leider nicht erwehren (was nicht heißen soll, dass der Film schlecht ist).

Das war’s leider schon. Mehr als drei Vorstellungen am Tag waren bei mir mangels Konzentrationsfähigkeit aufgrund akuten Schlafmangels nicht drin. Ich bedanke mich nicht bei der Academy, meinem Agenten und meinen Eltern, wohl aber bei meinen witzigen Co-Übernachtern Kratzi und Martin, besonders aber bei Christoph und Johannes, die die günstige Überachtung erst ermöglicht haben. Thank You!

Kontrapunkt: Special zur Berlinale 2009

Um es vorweg zu sagen: Nein, ich hatte keine Akkreditierung und deswegen war ich auch nur vom vergangenen Donnerstag, dem 12.02. bis vergangenen Sonntag, den 15.02. in unserer Landeshauptstadt. Ein Großteil der populäreren Filme wie „The International“ oder „Der Vorleser“ waren bis dahin zwar leider schon wieder aus den Berlinale-Kinos verschwunden, aber dennoch hielt das größte deutsche Filmfestival ein paar kleinere Perlen bereit.Doch alles der Reihe nach. Donnerstag um die Mittagszeit machten wir uns vom beschaulichen Jena zu fünft im Auto eines Kumpels (Jojo rocks!) auf nach Berlin, wo wir nach 3 Stunden Fahrtzeit inklusive Einchecken in unser Hostel eingetroffen sind. Nach einem eher ernüchternden Ausflug zum Vorverkaufsschalter in den Arkaden am Potsdamer Platz liefen wir etwas bedrückt durch die Innenstadt, bevor wir uns schließlich an der Tageskasse des Cinemaxx noch Karten für „Wir sind schon mittendrin“ inklusive des vorangestellten Kurzfilms „Nur für einen Augenblick“ von Abel Lindner aus der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ sichern konnten.

Bei Wir sind schon mittendrin handelt es sich um einen knapp einstündigen Dokumentarfilm, in welchem Regisseur Elmar Szücs seine drei besten Freunde aus der Schulzeit porträtiert. Alle sind sie 29, alle irgendwie gescheiterte Existenzen, die bisher nichts wirklich aus ihrem Leben oder ihrer Familienplanung machen konnten und alle sind sie hochsympathisch. Man erkennt sich als eher unmotivierter Student in diesen schrulligen Typen wieder, die entweder ihr Musikstudium noch nicht beenden konnten oder ihr Biologiestudium gerade erst begonnen haben und sich mit wenig Geld durchs Leben schlagen müssen. Immer nah dran am Geschehen mit einer teilweise arg wackeligen DV-Kamera, aber mit Mut zur Selbstironie und authentisch schon einmal der erste filmische Glücksfall für mich. Und das sage ich nicht nur, weil hinterher das gesamte Filmteam im gleichen türkischen Imbiss einkehrte wie wir und auch zuvor, bei der Beantwortung einiger Fragen nach dem Film, einen äußerst sympathischen Eindruck hinterließ.

Nach besagter Stärkung war die Zeit auch schon fortgeschritten und wir begaben uns in unser Achtbettzimmer ins Hostel und gingen schlafen. Am nächsten Morgen ging es nach einem reichhaltigen Frühstück inklusive Müsli (ich esse sonst nie Müsli) in die Alte Nationalgalerie. Ja, auch ich habe es ab und zu (wenn auch eher selten) mal gern, wenn sich Bilder nicht bewegen und sowohl die Gemälde von Karl-Friedrich Schinkel als auch das selbstreflexive „Obststilleben“ von Johann-Wilhelm Preyer hatten es mir besonders angetan. Danach stand 15.00 Uhr im Friedrichstadtpalast die Sichtung von Theo Angelopoulos‘ neuem Film an.

The Dust of Time hieß dieses zweistündige, zwar ambitionierte, aber extrem kopflastige Werk. Bruno Ganz und Willem Dafoe spielen darin zwar mit und Kameramann Andreas Sinanos gelingt es hin und wieder, ein paar starke, sich ins Gedächtnis brennende Bilder einzufangen, jedoch vermögen sie nicht, gegen das wirre Skript anzukämpfen. Darin geht es um einen Komponisten, der seine eigene Vergangenheit um seine Eltern im poststalinistischen Internierungslager rekonstruiert, aber darüber hinaus Probleme mit seiner Frau und Tochter hat. Ein interessantes Tondesign mit leicht rauschenden Off-Kommentaren und einige fragwürdige Szenen legen gar eine perfide Deutung nahe, die allerdings nie aufgelöst wird und allzu abgegriffen und verquast wirkt.

Nachdem ich mich durch diesen im Wettbewerb außer Konkurrenz laufenden Film gequält hatte, liefen wir durch die Friedrichstrasse wieder Richtung Hostel und aßen dort total böse verboten auf unserem Zimmer zu Abend. Erst um 22 Uhr stand im Cinemaxx die nächste Sichtung aus der Sektion „Berlinale Shorts“ an. Wir bekamen neben Jade, dem Gewinner des Silbernen Bären in der Kategorie Kurzfilm u. a. zwei weitere tolle kleine Filme zu sehen:

Karai Norte aka „Man of the North“ ist ein 19-minütiges Zweipersonenstück in Schwarz-Weiß aus Paraguay. Darin geht es um eine alte Frau, die inmitten der Pampa in einer kargen Holzhütte lebt, einem zwielichtigen Fremden auf einem Pferd zu essen gibt und ihm davon erzählt, dass sie bestohlen wurde. Die staubige Atmosphäre und das originelle Setting des Films erinnern an Western und die Story birgt eine schöne Pointe. Da schaut man gerne zu.
Pure ist ein 5-minütiger, sehr dynamischer Zusammenschnitt mehrerer US-Actionfilme, der Szenen wie große Explosionen und gewagte Stunts auf ihre Ähnlichkeit zueinander „untersucht“ und ebenso aus einem Guss montiert. Ein sehr schnelles filmisches Ratespiel für Cineasten und Fans von 80er und 90er Jahre-Actionfilmen das Spaß macht, obwohl es am Ende aufgelöst wird.

Es folgte für vier Leute von uns eine lange und bierselige Nacht in der Kneipe „PowwoW“, die uns die Berliner Stadtteile Kreuzberg/ Friedrichshain kennen lernen ließ. Um 5 lag ich schließlich in der Koje. Zum Glück stand am Samstag erst um 14.00 Uhr der nächste Film im International, einem Kino mit ganz speziellem Ostalgie-Charme, in der Sektion „Panorama“ an.

Short Cut to Hollywood ist ein durchaus vergnüglicher deutscher Film, der allerdings auf platte Art und Weise Kritik am amerikanischen Reality TV-Wahn übt. Ein deutscher Versicherungskaufmann namens Johannes (Jan Henrik Stahlberg), 37, nennt sich fortan John F. Salinger, trägt Cowboykluft und Sonnenbrille und will mithilfe seiner beiden Kumpels in den USA berühmt werden. Dafür lässt er sich zunächst seinen kleinen Finger und dann seinen Arm amputieren, allerdings ohne Erfolg. Bis das Trio schließlich auf die Idee kommt, in Moslem-Kluft als gefakte Bombenattentäter ein amerikanisches Restaurant zu überfallen. Der Humor ist derb aber für einige Brüller gut, das Drehbuch hat so seine Löcher und hin und wieder fällt das knapp bemessene Budget auf. Alles in allem aber ein hübscher Film. Das Filmteam reagierte danach geduldig und gelassen auf Nachfragen zum Film und gar hinsichtlich eines gemeinsamen Fotos.

Gleich im Anschluss folgte im International mit Nord ein sehr vergnüglicher und mit unnachahmlich lakonischem Humor gesegneter Film aus Norwegen, in dem ein fauler Skiliftwärter (oder wie heißt dieser Beruf?) namens Jomar sich im winterlichen Norwegen mit seinem Schneemobil aufmacht, seinen Sohn mitten in der ländlichen Einöde zu besuchen. Natürlich begegnet er dabei einer Menge skurriler Gestalten und in einer der köstlichsten Szenen sieht man Jomar unkommentiert mit einem Tampon auf dem Kopf, welcher mit Alkohol vollgesogen ist, einem martialisch eingestellten Typen gegenübersitzen. Natürlich erinnert die Handlung des Films schon etwas an David Lynchs „The Straight Story“, ist aber um Einiges witziger, ohne zur platten Komödie zu verkommen.

Nach einem kurzen Spaziergang Richtung Alexanderplatz und anschließender Stärkung ging es einmal mehr zum Friedrichstadtpalast, wo ich mir 20.30 Uhr mit Tatarak aka „Der Kalmus“ die neueste Regiearbeit vom 83-jährigen Urgestein des polnischen Films, Andrzej Wajda, anschaute. Ähnlich wie „The Dust of Time“ kam auch dieser Film zunächst prätentiös daher.

Der Film beginnt mit einer mehrminütigen starren Einstellung von Krystyna Janda, die uns in einem Zimmer von ihren Erfahrungen mit ihrem verstorbenen Ehemann Edward Kłosiński, eines berühmten polnischen Kameramannes, erzählt. Dann sehen wir, wie sie mit Namen Marta in einem Film mitspielt, der von der Liebe einer verheirateten Frau und ihrer tragisch verlaufenden Liaison mit einem Jungspund namens Bogus (Pawel Szajda) handelt. Martas Geschichte erinnert sie aber während Bogus‘ Sterbeszene zu sehr an den Tod ihres Ehemannes, von dem sie immer wieder in den minutenlangen starren Inserts aus einem Zimmer berichtet. Realität/ Dokumentation/ Porträt und Fiktion/ Spielfilm verschmelzen dabei zu einem faszinierenden Ganzen und Wajda selbst ist sogar kurz im Bild zu sehen. Ein anstrengendes, aber enorm anspruchsvolles und reifes Alterswerk.

Diesen Brocken musste ich erst einmal setzen lassen, weswegen ich mich wiederum in unser Hostel-Zimmer begab. Der Abend wurde noch lang, allerdings konnten wir uns aufgrund der kollektiven Müdigkeit aller Beteiligten zu nichts mehr aufraffen und gingen schließlich schlafen. Am nächsten Morgen, Sonntag, war Packen angesagt. Bis 11 mussten wir aus unserem Zimmer heraus sein, weswegen ich auf das reichhaltige hosteleigene Frühstück für 5 Euro Aufschlag verzichtete.

Und 12.30 Uhr stand schließlich im Friedrichstadtpalast mit Lille Soldat unser letzter Wettbewerbsfilm an. Das mit Handkamera und Originalschauplätzen um Realismus bemühte Drama um eine alkoholkranke Ex-Soldatin namens Lotte (Trine Dyrholm), die für ihren Vater, einem Zuhälter, aushilfsweise dessen Freundin Lily (Lorna Brown) chauffiert, zog mich sofort in seinen Bann. Beide vom Leben enttäuschte Frauen freunden sich an und wollen schließlich aus ihrer unbefriedigenden Lage ausbrechen. Der Film von Annette K. Olsen (1:1 – Auge um Auge, 2006) ist spannend und so hart und rau wie das Leben und Milieu der Typen, die Lille Soldat bevölkern. Einzig etwas mehr Charakterzeichnung von Hauptfigur Lotte und ein paar Klischees weniger hätte man sich wünschen können.

Zum Abschluss unseres Berlinale-Trips ging es erst Mittagessen und schließlich noch ins Film- und Fernsehmuseum. Die deutsche Filmgeschichte wurde ebenso interessant mit vielen Ausstellungsstücken um Filme wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Metropolis“ aus der Blütezeit des Deutschen Expressionismus aufgearbeitet, wie ich es in Erinnerung hatte. Auch die Sonderausstellung „Casting a Shadow“ zu Alfred Hitchcock wusste von ihrem Detailreichtum von Kostümen, über Interviews von Beteiligten bis zu Filmausschnitten zu begeistern. Leider musste ich mangels Zeit dann durch die Sonderausstellung „Loriot. Die Hommage“ hetzen, die mir allerdings reichlich oberflächlich schien. Zwar wurden akribisch viele seiner audiovisuell aufgeführten Sketche zusammengekratzt und präsentiert und man erfährt, dass Vicco von Bülow nicht zuletzt durch seine Porträts von Nietzsche und Wagner auch ein begnadeter satirischer Maler war, allerdings bleibt seine Personlichkeit, welche Eigenarten er aufwies usw., leider im Dunkeln.

Gegen 18.30 Uhr (denke ich) starteten wir dann in Berlin wieder gen Heimat. Auf der Autobahn kam allerdings Schneetreiben auf, so dass wir erst nach einer knapp 4-stündigen ermüdenden Fahrt wieder in Jena ankamen. Und trotz des mittelgroßen finanziellen Lochs, das dieser 4-tägige Trip in die Landeshauptstadt in meinem Portmonee hinterlassen hat, kann ich nur sagen, dass er sich aus cineastischer Sicht durchaus gelohnt hat. In diesem Sinne: Die nächste Berlinale kann kommen!