Kontrapunkt: Bauarbeiter für einen Tag – am Set von „Kopfüber“

Kopfüber Sascha und Elli im Tunnel the gaffer

Ein grauer Morgen Anfang November 2011. Heute war ein Produktionstag vom Film „Kopfüber“, der in Jena gedreht wurde  – ich sollte als Komparse mit dabei sein. Meine Rolle: Bauarbeiter. Einsatzort: der Jagdbergtunnel in der Nähe von Bucha. Zusammen mit einem Student der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, einen „Kollegen“ für diesen Tag, fuhren wir morgens über Ammerbach bis kurz hinter den Abzweig nach Oßmaritz und bogen dann links ab. Wir parkten mitten auf der Baustelle, dem Originalschauplatz, unweit des kleinen Catering-Wagens, dessen Bierzeltgarnitur im eisigen Herbstwind für die nächsten Stunden unser Wartesaal sein sollte. Dass hier ein Film gedreht wurde – Arbeitstitel damals: „Das verlorene Lachen“ – konnte man als Nichteingeweihter von außen kaum erahnen. Nirgendwo waren Schweinwerfer oder große Kulissenbauten zu sehen. Zusammen mit einer Handvoll weiterer Bauarbeiter-Komparsen, die mit Gummistiefeln, Warnweste und orangefarbenen Overall ausgestattet waren, warteten wir ab etwa 08.30 Uhr auf unseren Einsatz.

Kopfüber Frieda im Jagdbergtunnel bei Jena kleinHeute standen die Szenen rund um die Tunnelbaustelle an, welche im Film letztlich etwa 2 Minuten ausmachen. Wir wurden benötigt für eine Einstellung, in der die Hauptfiguren Sascha (gespielt von Marcel Hoffmann) und Eli (Frieda Lehmann) in die Baustelle des Autobahntunnels hineinlaufen und sich dabei vor nahenden Bauarbeitern verstecken. Die beiden Kinderdarsteller wurden von ihren Eltern gegen 10 Uhr zum Baustellen-Set gebracht. Bis zur Mittagszeit wurde mit ihnen gedreht, dann waren erstmals auch drei meiner „Kollegen“ gefragt, während der Student aus Jena und ein ergrauter Mann aus Sonneberg – jeweils zum ersten Mal bei einem Filmdreh dabei – mir beim Warten Gesellschaft leisteten. Nach einem reichhaltigen Mittagessen und diversen Runden Skat war es dann gegen 16 Uhr soweit: Wir wurden auf LKWs tief in den Autobahntunnel hinein gefahren. Die stickige Luft roch nach Abgasen, zahlreiche Lichtstrahler erhellten die Innereien der dunklen Höhle.  Zuerst eine Probe mit Marcel Hoffmann und uns, diverse Regieanweisungen. Dann zwei oder drei Takes – doch plötzlich bekam Marcel einen Wutanfall, beschimpfte die Crew. Marcel spielt im Film ein Kind, das an der Aufmerksamkeitsstörung ADHS leidet – und hat auch im wirklichen Leben mit diesen Problemen zu kämpfen. Es dauerte mehrere Minuten, bis er sich beruhigt hatte. Dann ging es weiter: Immer wenn es hieß „Und bitte!“, gingen wir die schlammige Straße entlang – und nach „Danke!“ wieder zum Ausgangspunkt, einem Durchgang zwischen den beiden einzelnen Röhren, zurück.

Gegen 18.30 Uhr war alles im Kasten. Der graue Morgen hatte sich in einen verregneten Abend verwandelt. In den Gummistiefeln glichen meine Füße vom Gefühl her Eiskristallen. Es war eine interessante Erfahrung, bei „Kopfüber“ dabei zu sein – auch wenn meine Kollegen auf Zeit und ich nur unscharf in einer weiten Einstellung zu sehen sind und durchs Bild laufen, für wenige Sekunden.

Kopfüber läuft seit 07. November im Kino (Copyright Bilder: Alpha Medienkontor). Hier meine Filmkritik auf MovieMaze.de

Kontrapunkt: „Kopfüber“ ins Logikloch

Kopfüber Bernd Sahling Jena Panorama vom LandgrafenWenn Jena mal wieder zur Kulisse wird, freut sich der einheimische Blogger. Zumal, wenn er selbst als Komparse am Set war. So wurde vom September bis November 2011 der Kinderfilm Kopfüber in der und um die Saalestadt gedreht. Ein Grund, zum Kinostart am 07. November 2013 mal etwas genauer hinzuschauen und einige „lokale Ungereimtheiten“ oder Kuriositäten aufzudecken.

Sportlich, sportlich
Kopfüber Heimweg Alpha Medienkontor
Gleich am Anfang wird der Supermarkt „tegut“ in der Goethegalerie Jena zur Filmkulisse. Sascha (Marcel Hoffmann) und seine Filmmutter (Inka Friedrich) gehen dort einkaufen. Eigentlich ergibt das keinen Sinn, da die Familie in Jena-Nord, in der Nähe der Closewitzer Straße wohnt. Sie müssten – wohlgemerkt ohne Auto – eine Strecke von knapp 4 km zurücklegen,  um ihren Einkauf bis dorthin zu schleppen (Screenshot bei 03 Min. 57 Sek. – das Copyright liegt übrigens beim Verleih Alpha Medienkontor und Anne Misselwitz).

Kopfüber Marcel Hoffmann Jena Lobeda Alpha MedienkontorDoch der 10-jährige Sascha und Nachbarin wie Freundin Elli (Frieda Lehmann), die häufig zusammen mit dem Fahrrad Jenas Umgebung erkunden, verfügen auch sonst über eine gute Kondition. Ein nachmittäglicher Ausflug verschlägt sie satte 13 km Richtung Cospoth, wobei sie den Berg – sollten beide tatsächlich von der Closewitzer Straße losgefahren sein – von der falschen Seite erklimmen, nämlich von Richtung Göschwitz (siehe Screenshot bei 12:50).

Kopfüber Marcel Hoffmann Jena Winzerla Anna-Siemsen-StraßeNoch denkwürdiger wird jedoch die Abfahrt. Die führt Sascha angeblich zu seinem Bruder – der ihn jedoch nicht in der Gegend rund um die Closewitzer Straße erwartet, sondern in der Anna-Siemsen-Straße im Jenaer Stadtteil Winzerla – wiederum satte 8 km von zuhause weg (17:53). Rabauke Sascha tauscht geklauten Schnaps gegen Geld und radelt weiter an der Sparkasse in Winzerla vorbei zu einem Zigarettenautomat. Kopfüber Marcel Hoffmann Jena Lobeda Fritz-Ritter-Straße ZigarettenDer befindet sich in Lobeda-West (18:19), vermutlich in der Fritz-Ritter-Straße, nahe dem Studentenclub „Schmiede“. Das liegt nicht gerade auf seinem Heimweg, schließlich sind es von Winzerla hierher 4,5 km und vom Zigarrettenautomat nach Hause nochmal 9,8 km. Ein ordentliches Pensum, selbst für einen geübten Sportler: 35 km ist Sascha an diesem Tag geradelt – nach der Schule, versteht sich.

Bekannte GesichterKopfüber Marcel Hoffmann Alt-LobedaDass Sascha mit seinem Erziehungsbeistand vom Jugendamt in Alt-Lobeda – vermutlich im Café am Kirchberg – Eis essen geht, was „nur“ 8,3 km von seinem Zuhause entfernt ist, erscheint da auch ohne mitgebrachtes Fahrrad ein Klacks. Im Hintergrund sitzt eine Studentin und liest ein Buch, während draußen ein Typ mit nackenlangem Haar und Pullover vorbeischlendert (26:48). Während sich erstere auch in meiner Facebook-Freundesliste wiederfindet, schreibt letzterer unter dem Codenamen vannorden auch hier beim Blog mit.

Kopfüber Jagdbergtunnel Autobahn BauarbeiterDer Verfasser dieser Zeilen stolpert nicht ganz so auffällig durchs Bild. Nach 40 Minuten verschlägt es Sascha und Elli in den Jagdbergtunnel bei Göschwitz in der Nähe vom Cospoth beim kleinen Dorf Bucha. Dort verstecken sich die beiden neugierigen Kinder vor drei Bauarbeitern. Wenn mich meine Erinnerung nicht trübt, müsste ich selbst der zweite sein (40:43). Kopfüber Marcel Hoffmann Frieda Lehmann Autobahntunnel LobedaDer Jagdberg-Autobahntunnel ist übrigens bis heute noch nicht in Betrieb genommen, weswegen das Schlussbild an der Autobahn (87:30 bis 87:40) wiederum nicht dort, sondern an der Autobahnbrücke in Jena-Lobeda gedreht wurde.

Übrigens: Die Frau vom sogenannten „Komparsencasting“ im Abspann ist auch falsch geschrieben: Sie heißt nur Susan Kuhne (ohne „ne“ beim Vornamen). Darüber regte sie sich auf bei unserem gemeinsamen Besuch der Weltpremiere auf der Berlinale dieses Jahr.

Kontrapunkt: Schuld und Sühne im Trash-Gewand

Only God Forgives Plakat Ryan Gosling„Drive“ war ein Meisterstück des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn aus dem Jahre 2011. Ryan Gosling spielte damals wie heute den Protagonisten – eine leblose Hülle. Eine Figur ohne Charakterzeichnung, die sich an die wenigen Eigenschaften klammert, die ihr vom Drehbuch zu teil werden, welches sich einem audiovisuellen Konzept unterordnet. Hier spielt er Julian, den Besitzer eins Box-Clubs in Bangkok. Als sein Bruder Billy nach einer Gewalttat an einer 16-jährigen Prostituierten von ihrem Vater ermordet wird, fordert ihn seine Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas) auf, Rache zu nehmen. Doch Julian wirkt wie gelähmt; bei ihm halten prophetische Tagträume voller Blut Einzug in seine vernebelten Gedanken. Doch je öfter sie versuchen, den Polizisten Chang (Vithaya Pansringarm) als den Verantwortlichen zu töten, desto näher kommt ihnen dieser Racheengel mit seinem Samuraischwert.

„Only God Forgives“ ist ein unzähmbares filmisches Monster. Eine Geschichte um Rache und Vergeltung, die stets auf dem schmalen Grat zwischen dem Fantastischen, tiefem menschlichen Drama und überkandideltem Trash wandelt. Kameramann Larry Smith („Eyes Wide Shut“, 1999) folgt den Figuren exakt, verschiebt die Kadrierung im 90-Grad-Winkel zu ihrer Laufrichtung, versprüht dabei in langen Einstellungen einen ungeheuren Mut zur Komposition, verstört immer wieder mit Nahaufnahmen, in denen Julians Gesicht nahezu in den Schatten versinkt, die auf ihm liegen, während das tiefe Licht durch die Schlitze der Wand dringt – „the horror… the horror“. Das Bewusste, die verrückte Realität und das Reich der Alpträume stehen sich in „Only God Forgives“ stets gegenüber. Die Exploitation-Welt des Blutes und der Gedärme bitten im Samurai-camp um Einlass. In der Postmoderne treffen sich Bilder und Töne, die ästhetische Reize im Überfluss verströmen.

Only God Forgives Ryan Gosling Nicolas Winding Refn
Die Musikuntermalung durch ihre brummenden Tiefen schürt unheilvolle Erwartungen oder wirkt durch Synthie-Orgeln wie eine überlebensgroße Stilisierung des alten Kampfes Gut gegen Böse, bei dem die klaren Fronten verwischt sind. Chang ist kein Sympathieträger, agiert jedoch auf der Seite des Gesetzes, Julian eine sich zurückhaltende Identifikationsfigur, dessen mitleidiger oder erschrockener Blick bei einem Besuch im Sex-Club zur Masturbation seiner Gespielin mehr sagt als tausend Worte. Die Szenen in diesem Etablissement sind zugleich ein Meisterstück der Farbdramaturgie. Das Rot der körperlichen Liebe und der Warnung vor der lauernden Gefahr bestimmen diese Bilder, die wirken, wie aus einer Parallelwelt entsprungen. Später soll Chang einen Handlanger von Julians rachsüchtiger Mutter erst mit Messern foltern, dann töten. Die Prostituierten in ihren hübschen Kleidern und mit geschlossenen Augen wirken in dem Dekor des Raums voller Blumen und Früchte wie Beigaben zu einem absurden Stillleben – Godard oder Kubrick sitzen irritiert hinter der Kamera und trinken einen Verdauungsschnaps. Und dazu die zahlreichen Zeitlupen, die Übermacht der Bilder wie der pathetischen Musikuntermalung: Bedeutung wollen sie vermitteln, die jedoch unter der Oberfläche der Stimuli nur schwerlich zu finden sind.

Denn dem Reichtum der Stilmittel zum Trotz irritiert „Only God Forgives“ mit seiner Gehaltlosigkeit. Der nahezu banal simple Plot um Rache wirkt wie ein durch die Üppigkeit des Körpers aufplatzendes Korsett, welches die brillanten Ideen des Regisseurs, der ein beeindruckendes Gespür zur Szenenauflösung und Filmkomposition besitzt,  nur notdürftig zusammenhält. Kausalketten werden Lügen gestraft, brutale Gewalt bricht herein, Karaoke-Szenen wirken wie gewollt irritierende Fremdkörper, Crystal ist eine vulgäre Zynikerin und als Figur kaum ernst zu nehmen, wenn sie über die Penisse ihrer Söhne schwadroniert. Nicolas Winding Refn hat „Only God Forgives“ den von ihm bewunderten chilenischen Regisseur Alejandro Jodorowsky gewidmet, dessen an Absurditäten reiche Werke wie der mit Konventionen brechende Western „El Topo“ (1970) heute Kultstatus genießen. Vielleicht sollte man „Only God Forgives“ deshalb als das betrachten, was er am ehesten ist: ein bedeutungsschwangeres, aufgeblasenes Absurditätenkabinett. Aber eines, an dem Cineasten ihre helle Freude haben.

Only God Forgives startet am 18. Juli im Kino im Verleih von Tiberius Film.
In Thüringen ist er hoffentlich ab 25. Juli zu sehen (im Schillerhof in Jena).

Kontrapunkt: Polarisierend erotisch

Dieses Mal drei Filme, die jüngst erstmals auf DVD veröffentlicht wurden und nackige Frauen nebst ihrer sexuellen Selbstbestimmung in den Fokus nehmen. Die Langversionen der nachfolgenden Kritiken sind im multimania #42 erschienen, das dieser Tage seinen Weg in den Bahnhofsbuchhandel gefunden hat.

Haus der Sünde (F 2011)
Das Innenleben eines Pariser Bordells Ende des 19. Jahrhunderts taugt für bernsteinfarbene Bild-Tableaus voller Überfluss. Üppig sind die Kostüme, die Ausstattung, die entblößten Körper der Prostituierten, die ihre Freier zunächst einmal mit einer gepflegten Konversation auf den Akt einstimmen. Bonellos Film quillt über vor Schauwerten, die er mit dem vordergründig vollen, hintergründig entbehrungsreichen Leben der Prostituierten kontrastiert. Dann schlägt er gar mit der Musikuntermalung einer intimen Tanzszene durch „Nights In White Satin“ anachronistische Töne an, bevor er zu einer verknappten Zustandsbeschreibung der Prostitution heute überleitet. Dabei kann vieles nur assoziativ bleiben, kann der visualisierte Traum einer Prostituierten, die Sperma weint, nur ein weiterer Schauwert sein: Wirklich tiefgründig oder bewegend ist dieses formidabel ausgestattete und exquisit bebilderte Erotikdrama leider nicht.

Der Wüstling (J 1969)
In einer der frühesten Filmtheorien überhaupt stellt Hugo Münsterberg die Bedeutung der Nahaufnahme als „Objektivierung der Aufmerksamkeit“ heraus, auf Details gelenkt, die dem Zuschauer sonst verborgen geblieben wären. In diesem „Pinku eiga“, der japanischen Entsprechung von europäischen Softcore-Erotikfilmen, transportieren sie filmästhetisch adäquat das Gefühl, das eine fehlgeleitete Liebe auslösen kann: Ekel. Eine lasziv spielende Zunge in einem sinnlichen Mund, aus dem Blut herausfließt, die dämonisch starrenden Augen vom sich immer wieder ungelenk aufzwingenden Tyrannen Takahata: Die Suggestion von Beklommenheit vermitteln Regisseur Teruo Ishii und sein Kameramann Motoya Washyo im ersten Viertel von „Der Wüstling“ filmästhetisch grandios – auch als plötzlich das Bild in zahlreiche Split Screens mit Detailaufnahmen von Augen „aufgespalten“ wird. Danach jedoch verlegt sich dieses Erotikdrama auf eine konventionelle Inszenierung und gerät zunehmend zäh ohne nennenswerte Plot-Entwicklung im Stile im Stile von Ishiis frauenverachtenden Tokugawa-Filmen mit erzkonservativen Rollenbildern.

Ein wirklich junges Mädchen (F 1976)
Als die 14-Jährige Alice (Charlotte Alexandra) für die Sommerferien vom Internat zurückkehrt ins Haus ihrer Eltern, steckt sie sich zum Frühstück den Teelöffel in ihre Vagina – weitere Gegenstände sollen folgen. Sie erforscht ihr Geschlecht und träumt sich in Sexfantasien mit dem drahtigen Sägewerk-Arbeiter Jim (Hiram Keller), der jedoch aufgrund ihres Alters nichts von ihr wissen will. Die Bilder dazu, in welchen weibliche Genitalien exponiert werden, um dem Gefühlsleben eines Teenagers näher zu kommen, galten lange Zeit als nicht zeigbar: „Ein wirklich junges Mädchen“ wurde zwar bereits 1976 fertig gestellt, aber aufgrund pornografischer Szenen 1999 erstmals öffentlich vorgeführt. Vergleicht man ihn jedoch mit „Romance“ (1999), Breillats wohl bekanntestem Werk, indem echte Penetration zu sehen ist in einer Zeit, als dies noch nicht „normal“ war im europäischen Arthouse-Kino, hat „Ein wirklich junges Mädchen“ nicht zuletzt durch sein auffälliges Zeitkolorit mit Baumwollunterhosen und Röhrenfernsehern schon etwas Staub angesetzt.

Kontrapunkt: Berlinale 2013 Rückblick

Ein kleiner Rückblick auf zwei volle Tage Berlinale 2013 – mit Kurzkritiken zu sechs der acht gesehenen Filme, inklusive persönlicher „Jury-Urteile“, absteigend nach Klasse. „Der Student von Prag“ (Deutschland 1913), den ich in der Volksbühne sah, kommt sowieso bald im Fernsehen und war natürlich großartig. Bei „Nobody’s Daughter Haewon“ (Südkorea 2013) bin ich eingepennt, kann ich also nicht einschätzen. Zu den anderen:

„Facettenreiche Aufarbeitung eines vielschichtigen Themas“:
Einzelkämpfer
(D 2013)
Perspektive Deutsches Kino
Leistungssport hatte einen hohen Stellenwert im real existierenden Sozialismus. Doch wie ging es hinter den Kulissen zu mit sportlicher Nachwuchsförderung, politischer Instrumentierung durch das SED-Regime, dem Verhältnis zur Staatssicherheit und Doping zu? DFFB-Absolventin Sandra Kaudelka, selbst in ihrer Kindheit als Wasserspringerin im System mit harter Hand gefördert, versammlte dafür vier ehemalige DDR-Spitzensportler und Olympiasieger um Läuferin Marita Koch vor der Kamera. Die wohl am meisten entlarvenden Worte findet dabei der ehemaliger Kugelstoßer Udo Beyer: Was Sport anging, exisitierte auch dort das kapitalistische Leistungssystem, bei dem nur den Siegern und Besten Privilegien zukamen. Und Doping erfolgte beinahe selbstverständlich – aber trotz Nicht-Aufklärung über die Nebenwirkungen freiwillig. Eine enorm ehrliche, intime und menschliche Dokumentation über die Schattenseiten des DDR-Spitzensports.

„Enorm anstrengendes, aber großes Schauspieler-Kino“:
Camille Claudel 1915
(Frankreich 2013)
Wettbewerb
Sie hatte eine Beziehung mit dem großen französischen Bildhauer Auguste Rodin und verbrachte die letzten 30 Jahre ihres Lebens in psychiatrischen Anstalt. Skandal-Regisseur Bruno Dumont („Twentynine Palms“) zeigt das Martyrium von Camille Claudel (Juliette Binoche) während ihres Psychiatrie-Aufenthalts in Montevergues in Südfrankreich, wo sie sie gegen ihren Willen, emotional labil und voller Angst vor Vergiftung durch Rodin gegen ihren Willen festgehalten wird. Juliette Binoches Leistung ist beeindruckend: Die Kamera lässt minutenlang nicht ab von ihrem Minenspiel, von ihrer Verzweiflung, ihren Tränen. Der Alltag in der Anstalt steckt voller menschlicher wie künstlerischer Entbehrungen, ihre einzige Hoffnung nach Befreiung (ein Brief) wird durch den Besuch ihres Bruders Paul (Jean-Luc Vincent), der sich als zu Gott gefundener Mann im Ersten Weltkrieg menschlich wie ideel von ihr distanziert hat, zunichte gemacht. Lange Einstellungen, keine Musik: Der Film ist so karg, so entbehrungsreich wie das Leben im ehemaligen Nonnenkloster. Ein Film, der anstrengt, fordert, aber formale Strenge einlöst.

„Ambitionierter Kinderfilm mit kleinen Schwächen im Drehbuch“:
Kopfüber
(D 2013)
Generation Kplus
Sascha (Marcel Hoffmann) ist ein schwieriges Kind. Er stiehlt im Supermarkt, ist emotional unausgeglichen, hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche und seine Mutter ist mit der Erziehung überfordert. Nach der Diagnose ADHS bewirken zwar Pillen bessere Leistungen in der Schule, aber tun sie Sascha tatsächlich gut? Sieht man über die arg holzschnittartig gezeichneten Figuren und etwas zuviel Motive des „Betroffenheitskinos“ mit wiederkehrenden Plattenbau-Panoramen hinweg, zeigt „Kopfüber“ Risiken und Nebenwirkungen einer inzwischen leider inflationär gestellten Diagnose und angewandten Therapie. Marcel Hoffmann und sein Pendant Frieda-Anna Lehmann als die Freundin von nebenan sind zwei beeindruckend aufspielende Kinderdarsteller. Und Hoffnung keimt auch auf bei den zahlreichen Aufnahmen schöner Fahrradwege rund um den Drehort Jena.

„Nette Unterhaltung mit vordergründigem Tiefgang“:
Dark Blood (USA/GB/NET 2012), Promised Land (USA 2012) , The Look of Love (GB/USA 2013)
Wettbewerb/Berlinale Special
Beide Beiträge deuten ihre Konflikte um die Unterdrückung der Indianer bzw. die Umweltzerstörung durch Erdgasbohrungen an, nehmen sie jedoch nur als Vorwand, um die Entwicklung eines simpel gestrickten Plots. Die von Psychopathie geprägte Präsenz von River Phoenix im Road Movie-Western-Mix „Dark Blood“ lässt Vorboten seines zu Zeit der Dreharbeiten unmittelbar bevorstehenden Drogentodes erkennen und hievte die nach knapp 20 Jahren durch Off-Kommentare von Regisseur George Sluizer bei fehlenden Szenen  rekonstruierte Fassung zu ihrer Weltpremiere in den Wettbewerb. Ein nur solider Film gehört da nicht hin. Doch auch „Promised Land“ ist nur nett, zeigt die Macht jedes einzelnen verarmten Farmers (allen voran der sichtlich gealterte Hal Holbrook) gegen das Sprachrohr (Matt Damon) eines umweltzerstörenden Konzerns auf und singt dabei mit Hubschrauberaufnahmen blühender Landschaften, leisem Humor und einer vorhersehbaren Moral von der Geschicht‘ ebenso wie der ungleich humorbefreite „Dark Blood“ eine Hohelied auf das Landleben, die Langsamkeit und Einfalt seiner Bewohner. An der Oberfläche kratzt auch leider nur das Biopic des britischen Larry Flynt Paul Raymond (Steve Cooper), der mit zahlreichen Unternehmungen im Erotik-Bereich seine Millionen verdiente. Der Film hetzt wie ein Teenager mit Viagra-Überdosis von Schauwert zu Schauwert – Zeitkolorit, stimmige Dekors und immer wieder nackte Frauen – ohne dass es jeweils eine Verschnaufpause für so etwas wie Tiefgang und die Charakterzeichnung von wichtigen Nebenfiguren gäbe. Mit „9 Songs“ hat Regisseur Michael Winterbottom ein wesentlich intimeres Porträt geschaffen und das von Menschen, die nicht nur in sich selbst verliebt sind – im Gegensatz zu Protagonist Raymond und zum Film, der sich zu sehr in seinen üppigen Tableaus verliert.


Das war für mich die Berlinale 2013. Ob ich auch 2014 wiederkomme, wird sich zeigen. Inzwischen 10 Euro für das Ticket eines meist eher durchwachsenen Wettbewerbs-Films und beliebig strukturierte, aber überteuerte Sektionen wie „Berlinale Special“ (13 Euro pro Karte) lassen mich jedenfalls erst einmal ins Grübeln kommen.