Kontrapunkt: Flop Five 2013

Das Filmjahr ist vorbei – Zeit, einmal Bilanz zu ziehen. Nicht die Meisterwerke sollen aus meinen gesehenen 89 Filmen mit Kinostart 2013 herausdestilliert werden, sondern die schlechtesten Filme des Jahres. Also seid bei folgender Auflistung gewarnt.

Rush - Alles für den Sieg Ron Howard Daniel BrühlPlatz 5: Rush – Alles für den Sieg (USA/D/GB 2013)
Die Formel 1 hat zahlreiche spannende Geschichten zu erzählen, besonders, wenn es auf der Strecke nicht um die Dauerweltmeister Michael Schumacher und Sebastian Vettel geht. Die Rivalität zwischen James Hunt und Niki Lauda in den 70er Jahren wäre so eine, doch Pathoskeulenschwinger Ron Howard inszenierte sie als stumpfes Buddy Movie-Melodram trotz eines überraschend starken Daniel Brühl mit unsympathischen Charakteren, das kalt lässt. Mit hoher Farbsättigung und minimaler Übersichtlichkeit nahm Kameramann Anthony Dod Mantle (Oscar für „Slumdog Millionär“) den Rennszenen die letzte Spannung und dem „Drama“ durch Reißbrettpsychologisierungen seine Intensität. Ein Kratzen an der geschniegelten Lackoberfläche – mehr ist die überschätzte Gurke „Rush“ nicht.

Wir sind die Millers Jennifer AnistonPlatz 4: Wir sind die Millers (USA 2013)
Rawson Marshall Thurber lieferte 2004 mit „Dodgeball“ ein großartiges Kino-Regiedebüt, das gekonnt den Fitnesswahn auf die Schippe nahm. Der Humor ging – wie es der deutsche Titel versprach – voll auf die Nüsse und versprühte das lockerleichte Anarcho-Feeling der frühen Farrelly-Brüder. Davon ist nach fünf Jahren Regiepause in dieser spießigen 08/15-Klamotte mit absehbaren Wendungen nichts mehr zu spüren, in dem eine wild zusammengewürfelte Patchwork-Familie auf Zeit Drogen über die Grenze schmuggeln soll. Die Figuren sind Klischees, Jennifer Aniston zieht trotz ihrer Rolle als Stripperin aus Rating-Gründen nie blank und die Gags strotzen vor der infantilen Peinlichkeit eines verklemmten Teenagers, der am Strand beim Blick auf vollbusige Frauen unter Beifallklatschen seinen ersten Ständer bekommt. Eine Komödie aus der Retorte ohne Mut, Hintersinn oder Niveau.

Tore tanzt ZDF kleines FernsehspielPlatz 3: Tore tanzt (D 2013)
Jesus hatte es schon nicht leicht während seines Martyriums – der Zuschauer bei „Tore tanzt“ auch nicht. Die titelgebende Hauptfigur (Julius Feldmaier) ist ein friedliebender Jesus-Freak, der seine Nemesis in dem die Stieftochter missbrauchenden Familienvater Benno (Sascha Alexander Gersak) findet. Dieser Despot lässt ihn unter zunehmender Unterstützung seiner Frau vergammeltes Fleisch essen, schickt ihn auf den Schwulenstrich und sorgt schließlich für seinen Tod. Doch selbst als der Punk die Möglichkeit hat, zu gehen, steht er der Stieftochter bei. Moralische Botschaft? Fehlanzeige. Nachvollziehbare Handlungsmotivation? Nicht vorhanden. Persönliches Ärgern beim Anschauen? Maximum. Eine stumpfe, unnötig drastische und sinnfreie Nachhilfe in Sachen Gottvertrauen, die ungefähr so viel Spaß und Unterhaltung bereitet wie die eigene Kreuzigung.

Ohne Gnade - Birgit Stein Helge SchneiderPlatz 2: Ohne Gnade! (D 2013)
Boing, quietsch, bumm: „Mickey-Mousing“ ist eine Filmmusiktechnik, bei der gezeigte Geschehen auf den Punkt mit Geräuschen unterlegt werden. Auch „Ohne Gnade“, ein selten dümmliche Ausgeburt teutonischen Klamauks, bedient sich dieses Stilmittels – und sämtlicher Plattitüden, die man sich in Dialogen, Figurenzeichnung und Handlungsentwicklung vorstellen kann. Da soll sich Biene (Sylta Fee Wegmann) nicht „in den Schlüpfer puschen“, wenn ihre jüngere Schwester Püppi (Sina Tkotsch) versucht, Ronzo, den Stecher ihrer Mutter Hilde (Catrin Striebeck), eine Affäre mit einer Minderjährigen anzuhängen. Der Beginn eines lukrativen Geschäftsmodells. Mein lieber Scholli, wie eindimensional in diesem pseudo-emanzipierten Szenario die Männer als notgeile Pädophile gezeichnet werden, die – anstatt mal ordentlich das Ding reinzustecken – mit dümmlichem Hampeln lieber alberne Balztänze aufführen. Fremdschämalarm im lautesten und beklopptesten deutschen Film des Jahres – trotz Helge Schneider in einer Nebenrolle.

G.I. Joe - Die Abrechnung Bruce Willis Dwayne Johnson Channing TatumPlatz 1: G.I. Joe – Die Abrechnung (USA 2013)
Modernes Actionkino, besonders wenn es besonders viel gekostet hat, bedeutet auch massig CGI-Effekte und Epilepsie hinter der Kamera. Bei Pseudo-3D mit digitaler Hochrechnung verursacht das abartig schnell Augenkrebs und Verärgerung. Ungleich des ebenfalls nervigen „The Rock“-Vehikels „Fast & Furios 6“ gesellen sich in „G.I. Joe – Die Abrechnung“ auch noch ein sinnfreier Nebenplot mit Ninjas hinzu und eine Figur, die seit dem ersten Teil tot ist. Mit den Actionfiguren der Spielzeugreihe infantile Feuergefechte aufzuführen wäre dramaturgisch komplexer als dieses Sammelsurium betont extrovertierter Kampfanzüge mit Schauspielergesichtern. Wahrlich ein „lärmender Kindergarten ohne Erziehungsberechtigte“ von dem nur Channing Tatum gecheckt hat, dass es eigentlich große promilitaristische Scheiße ist, in der er gerade mitspielt, und mal schnell weg musste.

Im Verfolgerfeld:
Die seeeehr spezielle 60er Jahre-Krimihommage 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse, die blutige Grimm-Verhunzung Hänsel & Gretel: Hexenjäger, die faule Zaubershow Now You See Me – Die Unfassbaren, Ridley Scotts gelangweilt inszenierter Thrillertorso The Counselor, die nichtssagende Komödie Hasta la Vista, Sister sowie der feuchte Heimchentraum Austenland.

Nicht gesehen, aber mit Potenzial:
Das pathetische Betroffenheitskino The Impossible, das grenzdebile Parodie-Duo Ghost Movie und Scary Movie 5, den Scientology-Werbespot After Earth sowie den Meyer-Fantasieschinken Seelen.

Kontrapunkt: Bauarbeiter für einen Tag – am Set von „Kopfüber“

Kopfüber Sascha und Elli im Tunnel the gaffer

Ein grauer Morgen Anfang November 2011. Heute war ein Produktionstag vom Film „Kopfüber“, der in Jena gedreht wurde  – ich sollte als Komparse mit dabei sein. Meine Rolle: Bauarbeiter. Einsatzort: der Jagdbergtunnel in der Nähe von Bucha. Zusammen mit einem Student der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena, einen „Kollegen“ für diesen Tag, fuhren wir morgens über Ammerbach bis kurz hinter den Abzweig nach Oßmaritz und bogen dann links ab. Wir parkten mitten auf der Baustelle, dem Originalschauplatz, unweit des kleinen Catering-Wagens, dessen Bierzeltgarnitur im eisigen Herbstwind für die nächsten Stunden unser Wartesaal sein sollte. Dass hier ein Film gedreht wurde – Arbeitstitel damals: „Das verlorene Lachen“ – konnte man als Nichteingeweihter von außen kaum erahnen. Nirgendwo waren Schweinwerfer oder große Kulissenbauten zu sehen. Zusammen mit einer Handvoll weiterer Bauarbeiter-Komparsen, die mit Gummistiefeln, Warnweste und orangefarbenen Overall ausgestattet waren, warteten wir ab etwa 08.30 Uhr auf unseren Einsatz.

Kopfüber Frieda im Jagdbergtunnel bei Jena kleinHeute standen die Szenen rund um die Tunnelbaustelle an, welche im Film letztlich etwa 2 Minuten ausmachen. Wir wurden benötigt für eine Einstellung, in der die Hauptfiguren Sascha (gespielt von Marcel Hoffmann) und Eli (Frieda Lehmann) in die Baustelle des Autobahntunnels hineinlaufen und sich dabei vor nahenden Bauarbeitern verstecken. Die beiden Kinderdarsteller wurden von ihren Eltern gegen 10 Uhr zum Baustellen-Set gebracht. Bis zur Mittagszeit wurde mit ihnen gedreht, dann waren erstmals auch drei meiner „Kollegen“ gefragt, während der Student aus Jena und ein ergrauter Mann aus Sonneberg – jeweils zum ersten Mal bei einem Filmdreh dabei – mir beim Warten Gesellschaft leisteten. Nach einem reichhaltigen Mittagessen und diversen Runden Skat war es dann gegen 16 Uhr soweit: Wir wurden auf LKWs tief in den Autobahntunnel hinein gefahren. Die stickige Luft roch nach Abgasen, zahlreiche Lichtstrahler erhellten die Innereien der dunklen Höhle.  Zuerst eine Probe mit Marcel Hoffmann und uns, diverse Regieanweisungen. Dann zwei oder drei Takes – doch plötzlich bekam Marcel einen Wutanfall, beschimpfte die Crew. Marcel spielt im Film ein Kind, das an der Aufmerksamkeitsstörung ADHS leidet – und hat auch im wirklichen Leben mit diesen Problemen zu kämpfen. Es dauerte mehrere Minuten, bis er sich beruhigt hatte. Dann ging es weiter: Immer wenn es hieß „Und bitte!“, gingen wir die schlammige Straße entlang – und nach „Danke!“ wieder zum Ausgangspunkt, einem Durchgang zwischen den beiden einzelnen Röhren, zurück.

Gegen 18.30 Uhr war alles im Kasten. Der graue Morgen hatte sich in einen verregneten Abend verwandelt. In den Gummistiefeln glichen meine Füße vom Gefühl her Eiskristallen. Es war eine interessante Erfahrung, bei „Kopfüber“ dabei zu sein – auch wenn meine Kollegen auf Zeit und ich nur unscharf in einer weiten Einstellung zu sehen sind und durchs Bild laufen, für wenige Sekunden.

Kopfüber läuft seit 07. November im Kino (Copyright Bilder: Alpha Medienkontor). Hier meine Filmkritik auf MovieMaze.de

Kontrapunkt: „Kopfüber“ ins Logikloch

Kopfüber Bernd Sahling Jena Panorama vom LandgrafenWenn Jena mal wieder zur Kulisse wird, freut sich der einheimische Blogger. Zumal, wenn er selbst als Komparse am Set war. So wurde vom September bis November 2011 der Kinderfilm Kopfüber in der und um die Saalestadt gedreht. Ein Grund, zum Kinostart am 07. November 2013 mal etwas genauer hinzuschauen und einige „lokale Ungereimtheiten“ oder Kuriositäten aufzudecken.

Sportlich, sportlich
Kopfüber Heimweg Alpha Medienkontor
Gleich am Anfang wird der Supermarkt „tegut“ in der Goethegalerie Jena zur Filmkulisse. Sascha (Marcel Hoffmann) und seine Filmmutter (Inka Friedrich) gehen dort einkaufen. Eigentlich ergibt das keinen Sinn, da die Familie in Jena-Nord, in der Nähe der Closewitzer Straße wohnt. Sie müssten – wohlgemerkt ohne Auto – eine Strecke von knapp 4 km zurücklegen,  um ihren Einkauf bis dorthin zu schleppen (Screenshot bei 03 Min. 57 Sek. – das Copyright liegt übrigens beim Verleih Alpha Medienkontor und Anne Misselwitz).

Kopfüber Marcel Hoffmann Jena Lobeda Alpha MedienkontorDoch der 10-jährige Sascha und Nachbarin wie Freundin Elli (Frieda Lehmann), die häufig zusammen mit dem Fahrrad Jenas Umgebung erkunden, verfügen auch sonst über eine gute Kondition. Ein nachmittäglicher Ausflug verschlägt sie satte 13 km Richtung Cospoth, wobei sie den Berg – sollten beide tatsächlich von der Closewitzer Straße losgefahren sein – von der falschen Seite erklimmen, nämlich von Richtung Göschwitz (siehe Screenshot bei 12:50).

Kopfüber Marcel Hoffmann Jena Winzerla Anna-Siemsen-StraßeNoch denkwürdiger wird jedoch die Abfahrt. Die führt Sascha angeblich zu seinem Bruder – der ihn jedoch nicht in der Gegend rund um die Closewitzer Straße erwartet, sondern in der Anna-Siemsen-Straße im Jenaer Stadtteil Winzerla – wiederum satte 8 km von zuhause weg (17:53). Rabauke Sascha tauscht geklauten Schnaps gegen Geld und radelt weiter an der Sparkasse in Winzerla vorbei zu einem Zigarettenautomat. Kopfüber Marcel Hoffmann Jena Lobeda Fritz-Ritter-Straße ZigarettenDer befindet sich in Lobeda-West (18:19), vermutlich in der Fritz-Ritter-Straße, nahe dem Studentenclub „Schmiede“. Das liegt nicht gerade auf seinem Heimweg, schließlich sind es von Winzerla hierher 4,5 km und vom Zigarrettenautomat nach Hause nochmal 9,8 km. Ein ordentliches Pensum, selbst für einen geübten Sportler: 35 km ist Sascha an diesem Tag geradelt – nach der Schule, versteht sich.

Bekannte GesichterKopfüber Marcel Hoffmann Alt-LobedaDass Sascha mit seinem Erziehungsbeistand vom Jugendamt in Alt-Lobeda – vermutlich im Café am Kirchberg – Eis essen geht, was „nur“ 8,3 km von seinem Zuhause entfernt ist, erscheint da auch ohne mitgebrachtes Fahrrad ein Klacks. Im Hintergrund sitzt eine Studentin und liest ein Buch, während draußen ein Typ mit nackenlangem Haar und Pullover vorbeischlendert (26:48). Während sich erstere auch in meiner Facebook-Freundesliste wiederfindet, schreibt letzterer unter dem Codenamen vannorden auch hier beim Blog mit.

Kopfüber Jagdbergtunnel Autobahn BauarbeiterDer Verfasser dieser Zeilen stolpert nicht ganz so auffällig durchs Bild. Nach 40 Minuten verschlägt es Sascha und Elli in den Jagdbergtunnel bei Göschwitz in der Nähe vom Cospoth beim kleinen Dorf Bucha. Dort verstecken sich die beiden neugierigen Kinder vor drei Bauarbeitern. Wenn mich meine Erinnerung nicht trübt, müsste ich selbst der zweite sein (40:43). Kopfüber Marcel Hoffmann Frieda Lehmann Autobahntunnel LobedaDer Jagdberg-Autobahntunnel ist übrigens bis heute noch nicht in Betrieb genommen, weswegen das Schlussbild an der Autobahn (87:30 bis 87:40) wiederum nicht dort, sondern an der Autobahnbrücke in Jena-Lobeda gedreht wurde.

Übrigens: Die Frau vom sogenannten „Komparsencasting“ im Abspann ist auch falsch geschrieben: Sie heißt nur Susan Kuhne (ohne „ne“ beim Vornamen). Darüber regte sie sich auf bei unserem gemeinsamen Besuch der Weltpremiere auf der Berlinale dieses Jahr.

Kontrapunkt: Schuld und Sühne im Trash-Gewand

Only God Forgives Plakat Ryan Gosling„Drive“ war ein Meisterstück des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn aus dem Jahre 2011. Ryan Gosling spielte damals wie heute den Protagonisten – eine leblose Hülle. Eine Figur ohne Charakterzeichnung, die sich an die wenigen Eigenschaften klammert, die ihr vom Drehbuch zu teil werden, welches sich einem audiovisuellen Konzept unterordnet. Hier spielt er Julian, den Besitzer eins Box-Clubs in Bangkok. Als sein Bruder Billy nach einer Gewalttat an einer 16-jährigen Prostituierten von ihrem Vater ermordet wird, fordert ihn seine Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas) auf, Rache zu nehmen. Doch Julian wirkt wie gelähmt; bei ihm halten prophetische Tagträume voller Blut Einzug in seine vernebelten Gedanken. Doch je öfter sie versuchen, den Polizisten Chang (Vithaya Pansringarm) als den Verantwortlichen zu töten, desto näher kommt ihnen dieser Racheengel mit seinem Samuraischwert.

„Only God Forgives“ ist ein unzähmbares filmisches Monster. Eine Geschichte um Rache und Vergeltung, die stets auf dem schmalen Grat zwischen dem Fantastischen, tiefem menschlichen Drama und überkandideltem Trash wandelt. Kameramann Larry Smith („Eyes Wide Shut“, 1999) folgt den Figuren exakt, verschiebt die Kadrierung im 90-Grad-Winkel zu ihrer Laufrichtung, versprüht dabei in langen Einstellungen einen ungeheuren Mut zur Komposition, verstört immer wieder mit Nahaufnahmen, in denen Julians Gesicht nahezu in den Schatten versinkt, die auf ihm liegen, während das tiefe Licht durch die Schlitze der Wand dringt – „the horror… the horror“. Das Bewusste, die verrückte Realität und das Reich der Alpträume stehen sich in „Only God Forgives“ stets gegenüber. Die Exploitation-Welt des Blutes und der Gedärme bitten im Samurai-camp um Einlass. In der Postmoderne treffen sich Bilder und Töne, die ästhetische Reize im Überfluss verströmen.

Only God Forgives Ryan Gosling Nicolas Winding Refn
Die Musikuntermalung durch ihre brummenden Tiefen schürt unheilvolle Erwartungen oder wirkt durch Synthie-Orgeln wie eine überlebensgroße Stilisierung des alten Kampfes Gut gegen Böse, bei dem die klaren Fronten verwischt sind. Chang ist kein Sympathieträger, agiert jedoch auf der Seite des Gesetzes, Julian eine sich zurückhaltende Identifikationsfigur, dessen mitleidiger oder erschrockener Blick bei einem Besuch im Sex-Club zur Masturbation seiner Gespielin mehr sagt als tausend Worte. Die Szenen in diesem Etablissement sind zugleich ein Meisterstück der Farbdramaturgie. Das Rot der körperlichen Liebe und der Warnung vor der lauernden Gefahr bestimmen diese Bilder, die wirken, wie aus einer Parallelwelt entsprungen. Später soll Chang einen Handlanger von Julians rachsüchtiger Mutter erst mit Messern foltern, dann töten. Die Prostituierten in ihren hübschen Kleidern und mit geschlossenen Augen wirken in dem Dekor des Raums voller Blumen und Früchte wie Beigaben zu einem absurden Stillleben – Godard oder Kubrick sitzen irritiert hinter der Kamera und trinken einen Verdauungsschnaps. Und dazu die zahlreichen Zeitlupen, die Übermacht der Bilder wie der pathetischen Musikuntermalung: Bedeutung wollen sie vermitteln, die jedoch unter der Oberfläche der Stimuli nur schwerlich zu finden sind.

Denn dem Reichtum der Stilmittel zum Trotz irritiert „Only God Forgives“ mit seiner Gehaltlosigkeit. Der nahezu banal simple Plot um Rache wirkt wie ein durch die Üppigkeit des Körpers aufplatzendes Korsett, welches die brillanten Ideen des Regisseurs, der ein beeindruckendes Gespür zur Szenenauflösung und Filmkomposition besitzt,  nur notdürftig zusammenhält. Kausalketten werden Lügen gestraft, brutale Gewalt bricht herein, Karaoke-Szenen wirken wie gewollt irritierende Fremdkörper, Crystal ist eine vulgäre Zynikerin und als Figur kaum ernst zu nehmen, wenn sie über die Penisse ihrer Söhne schwadroniert. Nicolas Winding Refn hat „Only God Forgives“ den von ihm bewunderten chilenischen Regisseur Alejandro Jodorowsky gewidmet, dessen an Absurditäten reiche Werke wie der mit Konventionen brechende Western „El Topo“ (1970) heute Kultstatus genießen. Vielleicht sollte man „Only God Forgives“ deshalb als das betrachten, was er am ehesten ist: ein bedeutungsschwangeres, aufgeblasenes Absurditätenkabinett. Aber eines, an dem Cineasten ihre helle Freude haben.

Only God Forgives startet am 18. Juli im Kino im Verleih von Tiberius Film.
In Thüringen ist er hoffentlich ab 25. Juli zu sehen (im Schillerhof in Jena).

Kontrapunkt: Polarisierend erotisch

Dieses Mal drei Filme, die jüngst erstmals auf DVD veröffentlicht wurden und nackige Frauen nebst ihrer sexuellen Selbstbestimmung in den Fokus nehmen. Die Langversionen der nachfolgenden Kritiken sind im multimania #42 erschienen, das dieser Tage seinen Weg in den Bahnhofsbuchhandel gefunden hat.

Haus der Sünde (F 2011)
Das Innenleben eines Pariser Bordells Ende des 19. Jahrhunderts taugt für bernsteinfarbene Bild-Tableaus voller Überfluss. Üppig sind die Kostüme, die Ausstattung, die entblößten Körper der Prostituierten, die ihre Freier zunächst einmal mit einer gepflegten Konversation auf den Akt einstimmen. Bonellos Film quillt über vor Schauwerten, die er mit dem vordergründig vollen, hintergründig entbehrungsreichen Leben der Prostituierten kontrastiert. Dann schlägt er gar mit der Musikuntermalung einer intimen Tanzszene durch „Nights In White Satin“ anachronistische Töne an, bevor er zu einer verknappten Zustandsbeschreibung der Prostitution heute überleitet. Dabei kann vieles nur assoziativ bleiben, kann der visualisierte Traum einer Prostituierten, die Sperma weint, nur ein weiterer Schauwert sein: Wirklich tiefgründig oder bewegend ist dieses formidabel ausgestattete und exquisit bebilderte Erotikdrama leider nicht.

Der Wüstling (J 1969)
In einer der frühesten Filmtheorien überhaupt stellt Hugo Münsterberg die Bedeutung der Nahaufnahme als „Objektivierung der Aufmerksamkeit“ heraus, auf Details gelenkt, die dem Zuschauer sonst verborgen geblieben wären. In diesem „Pinku eiga“, der japanischen Entsprechung von europäischen Softcore-Erotikfilmen, transportieren sie filmästhetisch adäquat das Gefühl, das eine fehlgeleitete Liebe auslösen kann: Ekel. Eine lasziv spielende Zunge in einem sinnlichen Mund, aus dem Blut herausfließt, die dämonisch starrenden Augen vom sich immer wieder ungelenk aufzwingenden Tyrannen Takahata: Die Suggestion von Beklommenheit vermitteln Regisseur Teruo Ishii und sein Kameramann Motoya Washyo im ersten Viertel von „Der Wüstling“ filmästhetisch grandios – auch als plötzlich das Bild in zahlreiche Split Screens mit Detailaufnahmen von Augen „aufgespalten“ wird. Danach jedoch verlegt sich dieses Erotikdrama auf eine konventionelle Inszenierung und gerät zunehmend zäh ohne nennenswerte Plot-Entwicklung im Stile im Stile von Ishiis frauenverachtenden Tokugawa-Filmen mit erzkonservativen Rollenbildern.

Ein wirklich junges Mädchen (F 1976)
Als die 14-Jährige Alice (Charlotte Alexandra) für die Sommerferien vom Internat zurückkehrt ins Haus ihrer Eltern, steckt sie sich zum Frühstück den Teelöffel in ihre Vagina – weitere Gegenstände sollen folgen. Sie erforscht ihr Geschlecht und träumt sich in Sexfantasien mit dem drahtigen Sägewerk-Arbeiter Jim (Hiram Keller), der jedoch aufgrund ihres Alters nichts von ihr wissen will. Die Bilder dazu, in welchen weibliche Genitalien exponiert werden, um dem Gefühlsleben eines Teenagers näher zu kommen, galten lange Zeit als nicht zeigbar: „Ein wirklich junges Mädchen“ wurde zwar bereits 1976 fertig gestellt, aber aufgrund pornografischer Szenen 1999 erstmals öffentlich vorgeführt. Vergleicht man ihn jedoch mit „Romance“ (1999), Breillats wohl bekanntestem Werk, indem echte Penetration zu sehen ist in einer Zeit, als dies noch nicht „normal“ war im europäischen Arthouse-Kino, hat „Ein wirklich junges Mädchen“ nicht zuletzt durch sein auffälliges Zeitkolorit mit Baumwollunterhosen und Röhrenfernsehern schon etwas Staub angesetzt.