Kontrapunkt: “Kopfüber” ins Logikloch

Kopfüber Bernd Sahling Jena Panorama vom LandgrafenWenn Jena mal wieder zur Kulisse wird, freut sich der einheimische Blogger. Zumal, wenn er selbst als Komparse am Set war. So wurde vom September bis November 2011 der Kinderfilm Kopfüber in der und um die Saalestadt gedreht. Ein Grund, zum Kinostart am 07. November 2013 mal etwas genauer hinzuschauen und einige „lokale Ungereimtheiten“ oder Kuriositäten aufzudecken.

Sportlich, sportlich
Kopfüber Heimweg Alpha Medienkontor
Gleich am Anfang wird der Supermarkt „tegut“ in der Goethegalerie Jena zur Filmkulisse. Sascha (Marcel Hoffmann) und seine Filmmutter (Inka Friedrich) gehen dort einkaufen. Eigentlich ergibt das keinen Sinn, da die Familie in Jena-Nord, in der Nähe der Closewitzer Straße wohnt. Sie müssten – wohlgemerkt ohne Auto – eine Strecke von knapp 4 km zurücklegen,  um ihren Einkauf bis dorthin zu schleppen (Screenshot bei 03 Min. 57 Sek. – das Copyright liegt übrigens beim Verleih Alpha Medienkontor und Anne Misselwitz).

Kopfüber Marcel Hoffmann Jena Lobeda Alpha MedienkontorDoch der 10-jährige Sascha und Nachbarin wie Freundin Elli (Frieda Lehmann), die häufig zusammen mit dem Fahrrad Jenas Umgebung erkunden, verfügen auch sonst über eine gute Kondition. Ein nachmittäglicher Ausflug verschlägt sie satte 13 km Richtung Cospoth, wobei sie den Berg – sollten beide tatsächlich von der Closewitzer Straße losgefahren sein – von der falschen Seite erklimmen, nämlich von Richtung Göschwitz (siehe Screenshot bei 12:50).

Kopfüber Marcel Hoffmann Jena Winzerla Anna-Siemsen-StraßeNoch denkwürdiger wird jedoch die Abfahrt. Die führt Sascha angeblich zu seinem Bruder – der ihn jedoch nicht in der Gegend rund um die Closewitzer Straße erwartet, sondern in der Anna-Siemsen-Straße im Jenaer Stadtteil Winzerla – wiederum satte 8 km von zuhause weg (17:53). Rabauke Sascha tauscht geklauten Schnaps gegen Geld und radelt weiter an der Sparkasse in Winzerla vorbei zu einem Zigarettenautomat. Kopfüber Marcel Hoffmann Jena Lobeda Fritz-Ritter-Straße ZigarettenDer befindet sich in Lobeda-West (18:19), vermutlich in der Fritz-Ritter-Straße, nahe dem Studentenclub „Schmiede“. Das liegt nicht gerade auf seinem Heimweg, schließlich sind es von Winzerla hierher 4,5 km und vom Zigarrettenautomat nach Hause nochmal 9,8 km. Ein ordentliches Pensum, selbst für einen geübten Sportler: 35 km ist Sascha an diesem Tag geradelt – nach der Schule, versteht sich.

Bekannte GesichterKopfüber Marcel Hoffmann Alt-LobedaDass Sascha mit seinem Erziehungsbeistand vom Jugendamt in Alt-Lobeda – vermutlich im Café am Kirchberg – Eis essen geht, was „nur“ 8,3 km von seinem Zuhause entfernt ist, erscheint da auch ohne mitgebrachtes Fahrrad ein Klacks. Im Hintergrund sitzt eine Studentin und liest ein Buch, während draußen ein Typ mit nackenlangem Haar und Pullover vorbeischlendert (26:48). Während sich erstere auch in meiner Facebook-Freundesliste wiederfindet, schreibt letzterer unter dem Codenamen vannorden auch hier beim Blog mit.

Kopfüber Jagdbergtunnel Autobahn BauarbeiterDer Verfasser dieser Zeilen stolpert nicht ganz so auffällig durchs Bild. Nach 40 Minuten verschlägt es Sascha und Elli in den Jagdbergtunnel bei Göschwitz in der Nähe vom Cospoth beim kleinen Dorf Bucha. Dort verstecken sich die beiden neugierigen Kinder vor drei Bauarbeitern. Wenn mich meine Erinnerung nicht trübt, müsste ich selbst der zweite sein (40:43). Kopfüber Marcel Hoffmann Frieda Lehmann Autobahntunnel LobedaDer Jagdberg-Autobahntunnel ist übrigens bis heute noch nicht in Betrieb genommen, weswegen das Schlussbild an der Autobahn (87:30 bis 87:40) wiederum nicht dort, sondern an der Autobahnbrücke in Jena-Lobeda gedreht wurde.

Übrigens: Die Frau vom sogenannten “Komparsencasting” im Abspann ist auch falsch geschrieben: Sie heißt nur Susan Kuhne (ohne „ne“ beim Vornamen). Darüber regte sie sich auf bei unserem gemeinsamen Besuch der Weltpremiere auf der Berlinale dieses Jahr.

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Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

6 comments to Kontrapunkt: “Kopfüber” ins Logikloch

  • Was hat denn das mit Logiklöchern zu tun? Die Möglichkeit, mit realer Geographie in einem Film kreativ umzugehen, hat schon Lew Kuleschow um 1920 herum erörtert und damit mit den höheren Weihen der Filmtheorie versehen (siehe z.B. hier, Abschnitt “Schöpferische Geographie”). Erst wenn allgemein bekannte Wegmarken wie das Völkerschlachtdenkmal oder der Kölner Dom in Jena auftauchen würden, wäre das ein Anlass zum Stirnrunzeln (sofern nicht sogar das durch den Kontext gerechtfertigt wäre). Aber “Closewitzer Straße”? “Winzerla”? Ein Hügel von der falschen Seite her erklommen? Du meine Güte …

  • Aber “Closewitzer Straße”? “Winzerla”? Ein Hügel von der falschen Seite her erklommen? Du meine Güte …

    So und jetzt sieh doch bitte mal den ganzen Beitrag aus dem ironischen Blickwinkel eines Lokaljournalisten oder Jenensers. Für die – und am ehesten auch für die – ist der Artikel geschrieben. Zumal meine Rubrik hier auch “Kontrapunkt” heißt und bewusst gegen “normale” Kriterien der Filmanalyse und der Deutungsmuster gerichtet ist.

  • OK, so kann man das auch sehen, aber ich als Münchner bin solche geographischen Sprünge eben schon seit Jahrzehnten gewohnt, ohne dabei an Logiklöcher zu denken (ob nun mit oder ohne Ironie).

  • avatar david

    Ich hatte mal einen „Was guckst du denn wieder komische Filme, vannorden?“-Button vorgeschlagen. Vielleicht bräuchte es auch einen „In was für komischen Filmen warst du denn mal wieder Komparse, luzifus?“-Button ;-) Beim Jenny D. – vannorden-Screenshot und auch bei deinem Screenshot kriege ich ja fast Lust, den Film zu schauen. Nur wegen diesen paar Sekunden.

    „35 km ist Sascha an diesem Tag geradelt – nach der Schule, versteht sich.“
    Sascha ist doch ein hyperaktives Kind. Dann passt es doch. Logikloch gestopft ;-)

    Trotzdem schön, dass du die Bilder des Films geografisch so schön aufschlüsselst (hätten gerne ein paar mehr sein können… Gibt es Szenen z. B. außerhalb der Stadt?). Die „Logiklöcher“ kann man ja auch anders sehen: es wäre eigentlich ziemlich langweilig, wenn der komplette Film in Zwätzen spielen würde.
    Ohne jetzt Herrn Sahling zu nahe treten zu wollen: ich zweifle trotzdem, dass er die Bildgewalt eines Kuleschow hat. Wahrscheinlich hat das ganze auch eher damit zu tun, welche Schnittmengen Location Scouting und Drehgenehmigungen haben. Und das ist ja letztlich völlig okay.

  • Wahrscheinlich hat das ganze auch eher damit zu tun, welche Schnittmengen Location Scouting und Drehgenehmigungen haben. Und das ist ja letztlich völlig okay.

    Naja, Drehgenehmigungen… Was “Schilf” angeht, war das ziemlich gruselig, weil es kaum offizielle gab. Und da für “Kopfüber” teils Privatmenschen ihre Wohnungen zur Verfügung gestellt haben, dürfte das kein Problem gewesen sein.
    Soll ich dir den Screener morgen mal mitbringen? Oder möchtest du nachmittags den Schillerhof besuchen?

  • avatar david

    Ich habe ja gesagt: “FAST Lust, den Film zu schauen.”
    Aber ja: du kannst mir morgen mal den Screener mitbringen.

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