Kontrapunkt: Telefontalk im Kino – „Domian – Interview mit dem Tod“

Montag bis Freitag ab 1 Uhr in der Nacht begrüßt Jürgen Domian für eine Stunde in seiner vom WDR Fernsehen übertragenen Radiosendung auf 1LIVE  Anrufer, die von sexuellen Perversionen, Gewaltverbrechen oder Schicksalsschägen berichten. Die Dokumentation Domian – Interview mit dem Tod startet am 19. November im Kino und widmet sich Begegnungen des Telefonseelsorgers, Talkmasters und Ratgebers mit der eigenen Endlichkeit. Und erliegt dabei dem Charme des Moderators, der beinahe eine One-Man-Show abliefert.

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Kontrapunkt: Genialität goes Ghettoslang – „Victoria“

Heiße Spanierin nachts in Berlin mit Sonne, Boxer und Blingbling unterwegs
Die Spanierin Victoria (Laia Costa) ist in Berlin mit Sonne (Frederick Lau, links) und seiner Gang unterwegs.

In einem Berliner Club lernt die Spanierin Victoria (Laia Costa) nach einer durchtanzten Nacht eine Männerclique kennen. Sie lässt sich vom Charme von Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski) und Co. mitreißen und feiert mit ihnen noch etwas auf einem Hochhausdach, bevor die vier Freunde einen Anruf bekommen. Boxer ist einem ehemaligen Knastkumpel noch einen Gefallen schuldig. Victoria springt als Fluchtfahrerin ein – und gerät in einen Strudel der eskalierenden Gewalt.

Zwei Stunden in Berlin, gefilmt in einer 130-minütigen Plansequenz ohne einen einzigen Schnitt: „Victoria“ begeistert durch eine herausragende organisatorische Leistung und Übersicht, für die Kameramann Sturla Brandth Grøvlen vollkommen zu Recht auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Immer nah dran an den Figuren und am Geschehen ist der Thriller eine ungemein intensive Erfahrung. War an einigen Stellen mutmaßlich der Ton nicht zu gebrauchen, wurde pragmatisch einfach sphärische Musik unter die Bilder der beweglichen Kamera gelegt. Schließlich war Victoria einst auch Klaviervirtuosin, bevor sie drei Monate zuvor nach Berlin kam und bisher keinen Anschluss fand.

Laia Costa ist auch das emotionale Zentrum des Films. Mal frech und verführerisch, mal pflichtbewusst und mit großem Herz, am Ende ebenso verliebt wie verzweifelt dient sich als Seismograph der Stimmungen zwischen Euphorie und Angst. Mit ihrer natürlich anmutenden Schüchternheit bildet sie einen Kontrapunkt zu den flachen Charakteren der „eingeborenen“ Berliner Jungs, die sich gegenseitig mit „Digga“ ansprechen oder eine Stunk verursachende Meute als „Hurenkinder“ beschimpfen. Während die Regie von Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) wohl überlegt und ausgeklügelt ist, fehlt dem Drehbuch besonders in solchen Ghettoslang-Dialogzeilen der letzte Schliff an authentischer Milieuzeichnung.

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Doch sei’s drum: „Victoria“ ist ein junges, erfrischendes Stück deutsches Genre-Kino, das den Zuschauer beinahe schon physisch die Ereignisse dieses chaotischen frühen Morgens miterleben lässt. Enorm packendes Kino also – wenn auch mit kleinen Schönheitsfehlern.

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Titel: Victoria
Regie: Sebastian Schipper
Laufzeit: ca. 136 Min.
FSK: ab 12
Kinostart: 11. Juni

Diese Rezension ist erstmals gestern auf der Filmseite im Buch „Tipps und Termine“ der Mitteldeutschen Zeitung erschienen.

Kontrapunkt: Flop Five 2014

94 Filme mit Kinostart habe ich dieses Jahr gesehen. Es waren einige Perlen darunter, etwas mehr Meterware – und auch wieder cineastischer Morast, durch den ich waten musste. Hier die schlechtesten Filme des Jahres 2014 (mit deutschem Kinostart), aus meiner ganz persönlichen Sicht:

Step Up All In - Poster 1Platz 5: Step Up All In (USA 2014)
Eine abgekarterte TV-Show ist so ziemlich das subversivste, was der nunmehr fünfte Teil der Tanzfilm-Reihe zu bieten hat. Der Rest ist nett anzuschauendes und systemkonformes Herumgehampel und altbewährtes Beiwerk, wie bereits erwähnt: Die Loyalitätsfrage im Kollegenkreis während der Qualifikationsrunden in Las Vegas und eine plump eingeflochtene Romanze zwischen den beiden Hauptfiguren, dem coolen Sean (Ryan Gutzman) und der kratzbürstigen Andie (Briana Evigan). Teenager lernen hier noch etwas über die wirklich wahren Werte: dass ein cooler Klamotten- und Dance-Style sowie aufbauende Sprüche („Easy come, easy go, Bro.“) krass wichtig sind im Leben. Dumm nur, dass man diese Botschaften auch in einem ungleich kürzerem Musikvideo hätte auf den Punkt bringen können.

Die Mamba - Poster 2Platz 4: Die Mamba (D/A 2014)
Ein weltweit gesuchter Top-Terrorist mit dem Codenamen „Mamba“ wird mit dem trotteligen Hossein, Sounddesigner in einer Keksfabrik (!) verwechselt, der fortan an seiner Stelle und zusammen mit einer „Kollegin“ mit stets feuchtem Höschen durch eine absurde und lächerliche Handlung stolpert. Der österreichische Komiker Michael Niavarani spielt die Karikatur der Parodie eines Geheimagenten und darf sich als stets unterdrückter Ehemann einer herrischen Migranten-Mutti ganz ins Klischee fügen. Ungleich witziger ist „Stromberg“ Christoph Maria Herbst als schwuler CIA-Agent, der wirklich jede Slapstickeinlage und jeden Gag unter die Gürtellinie mit beeindruckendem Mut zur kompletten Peinlichkeit regelrecht absorbiert. Drehbuch und Action-Inszenierung von Ali Samadi Ahadi (ja, der Name ist echt) sind trotz überraschender Kurzweiligkeit eine Katastrophe, auch wenn bei dem intellektuellen Trauerspiel hin und wieder ein Kichern nicht verleugnet werden kann.

Transformers: Ära des Untergangs - Poster 1Platz 3: Transformers: Ära des Untergangs (USA/China 2014)
Die böse Transformers-Rasse der Decepticons war vernichtend geschlagen, Shia LaBeouf hatte nach dem dritten Teil auch keinen Bock mehr. Das hielt jedoch Krawall-Barde Michael Bay nicht davon ab, eine weitere durch ihre Monströsität ermüdende Zerstörungsorgie in epischer Länge anzuzetteln, in der sich dämliche, im Labor gezüchtete Blechschädel und Autobots immer wieder deppert aufs Maul hauen. Bei all den Raketenangriffen und Explosionen von CGI-geschwängerten Effektpixeln über satte 160 Minuten scheint auch das Drehbuch zu Bruch gegangen zu sein, was Dialogzeilen wie „Mein Gesicht ist mein Gerichtsbeschluss!“ erklärt. Und All-American-Hero Mark Wahlberg darf hier den Klischee-Vater schlechthin geben (armer Erfinder, Frau tot, übermäßig behütetes Töchterchen durch hormonellen Überschwang im Begriff, sich von heißem „Red Bull“-Rennfahrer schwängern zu lassen). Ideenfreie Action die etwa so erfrischend ist wie verrostetes Altmetall.

Sie Leben They Live DVD-Cover LayeredPlatz 2: In Fear (GB 2013)
Macker lernt Tussi kennen, beide wollen auf ein Festival. Vorher war Auseinandersetzung im Pub. Macker will Nacht vorher aber noch in abgelegenem Hotel „übernachten“. Is klar. Macker folgt merkwürdiger Straße und Schildern, die im Kreis herumzuführen scheinen. Tussi beginnt, hysterisch zu werden, Macker fährt, fährt, fährt. Irgendwann sind beide verzweifelt und nehmen blutüberströmten Psycho mit. Luzifus freute sich auf netten Horrorfilm, wurde aber enttäuscht. Handlung dreht sich im Kreis, nichts passiert, kein Grusel – außer dann mal kurz, nach einer Dreiviertelstunde. Dann musste Macker mal pinkeln – ihhhhhhhh! Zugucker (ich) sieht ab und an hübsche Naturaufnahmen und denkt darüber nach, mit 300 Euro für Kunstblut und Mietwagen Remake zu drehen. In Brandenburg, denn da ist wieder jemand vor den Baum gegurkt. Zugucker attestiert „Ästhetik des Abwesenden“, stetige Referenz auf das Unsichtbare, vor allem an die beim Schauen verschütt gegangene Zeit und das fehlende Schauspieltalent des Darstellertrios.

Bibi & Tina - Voll verhext - Poster 1Platz 1: Bibi & Tina – Voll verhext! (Deutschland 2014)
Wenn die gut gepflegten Pferde durch die sonnendurchflutete Steppe in Brandenburg hetzen, schlagen die Herzen der „Wendy“-Leserinnen höher. Leider auch nur die von dieser halbwüchsigen Zielgruppe, weil alberne Kostüme, eine dümmliche Minimalhandlung und eine barbiehafte Grinsekatze von Hauptdarstellerin (Lina Larissa Strahl) den Normalzuschauer fragen lassen, wann dieser böse Zauber endlich aufhört. In ihrer Penetranz unerträglich integrierte Popsongs für Kinder massakrieren die Gehörgänge und Olli Schulz als stets genervter Bösewicht mit Voldemort-Attitüde ist wie das restliche Szenario schlicht nur peinlich. Das infantile Drehbuch von Regisseur Detlev Buck ist ein böser Spuk, auch wenn er Bibi auf der Suche nach Reiterhof-Urlaubsgästen einen guten Satz in den Mund legt: „Das war Akquise: man macht vor nichts und niemanden Halt.“ – Frau Blocksberg, möchtest du beim multimania im Anzeigenverkauf anheuern?

Knapp an der Aufnahme in die Liste vorbeigeschrammt:
The Legend of Hercules: Outtakes von „300“ von schwächelndem Renny Harlin (Ex-Actionregie-Gott u.a. von „Cliffhanger“) uninspiriert und langweilig mit griechischer Mythologie verquirlt. „Spartacus“ Liam McIntyre enttäuscht als blasser und weinerlicher Herkules-Sidekick besonders bei Arena-Kämpfen.
Einmal Hans mit scharfer Soße: Der Islam gehört zu Deutschland – nur leider verhält sich diese deutsche Multi-Kulti-Klischee-Attacke aka Bestselleradaption mit einem 30 Jahre alten Weltbild nicht so.

Folgende potenzielle Kandidaten habe ich nicht gesehen:
Alles inklusive, Grace of Monaco, Männerhort, Sabotage, StreetDance Kids, Strom Hunters, Und Äktschn! sowie Vaterfreuden.

Kontrapunkt: … und wieder 96 Stunden

96 Hours - Taken 3 - Poster 1Erst wurden seine Frau und seine Tochter entführt, dann er selbst und seine Frau. Dieses Mal haben die Bösewichte dazugelernt: Die neue Frau vom ehemaligen Geheimdienstagenten Bryan Mills (Liam Neeson) liegt tot auf dem Bett – und er steht fassungslos im Zimmer. Vor der ankommenden Polizei gelingt ihm eine halsbrecherische Flucht, doch nun steht er für die Ermittler um Detective Frank Dotzler (Forest Whitaker) als Hauptverdächtiger da, der erst einmal mühsam seine Unschuld beweisen muss. Doch wer war der Täter?

Vom anspruchsvollem Arthouse zum atemlosen Actionfilm verschlug es den Charaktermimen Liam Neeson erst 2008 – mit der erstmaligen Verkörperung des Ex-Geheimdienstlers Bryan Mills. Engagements als Hannibal im unsäglichen „A-Team“-Film (2010) und US-Marshal im Flugzeug-Thriller „Non-Stop“ (2014) folgten und lassen den grimmigen Nordiren, inzwischen 62, zum heißen Anwärter auf ein Engagement im nächsten Rentner-Söldner-Spektakel werden. Rein optisch haben 96 Hours – Taken 3 und Expendables 3 dabei mehr gemein, als dem Actionfan lieb sein kann: „Transporter“-Regisseur Olivier Megaton wackelte und reißschwenkte bei den zahlreichen Verfolgungsjagden zuviel, als dass man klar und deutlich diejenige der zahlreichen deutschen Automarken erkennen könnte, die gerade zertrümmert wird. (Nur ein Porsche, der am Ende ohne sichtbaren Kratzer hinterher einem Flugzeug bei Vollgas das Vorderrad kaputtfährt, ist deutlich zu erkennen.)

96 Hours Taken 3 Liam neeson Forest Whitaker
Auch inhaltlich überzeugt der dritte und – glaubt man der Werbezeile „Alles endet hier“ – auch letzte Teil der Rache-und-Entführungs-Saga eher weniger, hat er doch mindestens eine arg konstruierte Wendung zuviel, als dass man noch von Raffinesse sprechen könnte. Luc Besson beweist nach „Lucy“ in dieser (streng genommen) französischen Produktion erneut, dass er einfach nicht mehr so gut ist wie noch vor 15 Jahren. Spannend ist das leider auf Jugendfreiheit getrimmte Szenario aber trotzdem bis zum Ende. Markige Oneliner außer dem bereits bekannten „Good luck!“ als Kampfansage an die Polizei sucht man dabei vergebens – aber die passen auch nicht zum Gestus eines knallharten Actionhelden, der dieses Mal von drei Gehilfen aus alten Zeiten aktiv unterstützt wird. Der korpulente Forest Whitaker als nahezu autistisch an einem Schnippgummi und einer Schachfigur herumfingernder Polizist hat gegen Neesons Präsenz ohnehin das Nachsehen.

Fazit: 96 Hours – Taken 3 ist ein letztlich enttäuschender Genre-Beitrag mit einem physisch beeindruckenden Liam Neeson als gnadenlosem Rächer, bei dem man Logik nicht hinterfragen sollte. Innerhalb der Reihe ist es allerdings der schwächste Teil. „Alles endet hier“ – na hoffentlich!

96 Hours – Taken 3
Kinostart: 08. Januar 2015
Länge: ca. 103 Min.
FSK: ab 16

Kontrapunkt: Robert Redford und die Absurdität des Lebens

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Ein roter Container treibt herrenlos im Meer. Plötzlich setzt ein Voice-Over ein, ein Mann spricht den Abschiedsbrief, den er in einer Flaschenpost auf den Weg schickte. „Es tut mir leid“, hebt er an, später: „Alles ist verloren.“. Es sind die gefassten Worte eines Schiffbrüchigen, den jede Hoffnung aufs Überleben verlassen hat. Ein Filmbeginn, der in seiner Tragik selten geworden ist.

„All is Lost“ lebt von lange nachwirkenden Szenen wie dieser, von einer tiefen Melancholie und Einsamkeit. Dieses intensive Drama ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein metaphysischer Kampf ums Überleben in einer lebensfeindlichen Umwelt. Nicht im luftleeren Raum des Weltalls findet er statt wie jüngst die spannende Weltraumoper „Gravity“, sondern auf der Erde, irgendwo im Indischen Ozean. Wie der Segler mit Rollennamen „Our Man“ an diesen feuchte Nicht-Ort geriet, bleibt ungeklärt. Doch nach einem Container voller Schuhe, der ein großes Loch in den Bauch seiner Yacht reißt, folgt gleich die nächste Unwägbarkeit: ein Sturm zieht auf und setzt Boot und Ein-Mann-Besatzung ordentlich zu. Natürlich gelingt es nicht, ein Notrufsignal abzusetzen, denn das Funkgerät ist defekt. Natürlich ist all das konstruiert, doch das fällt hier kaum ins Gewicht.

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Robert Redford spielt diesen Mann – die einzige Figur des Films – zunächst voll innerer Ruhe und Gelassenheit, dann jedoch mit zunehmender Verzweiflung. Er kann auch mit Reparaturen an seiner Yacht, mit Schadensbegrenzungsaktionen während des Sturms nicht dem Schicksal trotzen. Schließlich wird sein Schiff untergehen, er ohne Trinkwasser und Nahrung in seinem Gummi-Rettungsboot harren, nahe einer internationalen Handelsroute auf Hilfe hoffen. Er steht dem ungleich bedrohlicheren zweiten Hauptdarsteller ohnmächtig gegenüber: dem Sounddesign. Die reduzierte Tonkulisse mit dem Knarren und Bersten des Holzes, dem pfeifenden Sturm und donnerndem Gewitter wird fast unmerklich die beinahe schon zärtliche Musik von Alex Ebert untergemischt. Sie ist unaufdringlich und zurückhaltend, wie Redfords großes Schauspiel, spiegelt aber mit einer beklemmenden Verlorenheit die Tragik und Einsamkeit seiner Situation. Monologe hält der inzwischen 77-jährige Redford in seiner für den „Golden Globe“ nominierten Hauptrolle nicht, nur wenige Sätze kommen ihm in der Stille des Meeres über die Lippen. So bleibt viel Spielraum im Kopf des Zuschauers über das Innenleben dieser isolierten Figur, über die Absurdität ihres Lebens an sich in einer stummen, unendlich erscheinenden Welt des Wassers da draußen, die nicht antworten wird. Um ihn herum nie sichtbar, aber dennoch stets nah der Tod. Die Raubfische unter seinem Gummiboot lauern schon.

„All is Lost“ ist eine Robinsonade auf dem Meer, eine puristische und dramaturgisch noch stärker reduzierte Version von „Cast Away – Verschollen“, doch dabei fokussiert auf den Überlebenskampf. Ein beeindruckendes Filmerlebnis ohne schmückendes Beiwerk, bei dem sich nur am Ende das Pathos in die Erzählung drängt. Doch da lässt man sie gern passieren, weil es in einem radikalen Realismus die längst verlorene Hoffnung wiedergibt.

Titel: All is Lost
Kinostart:
09. Januar 2014
Länge: ca. 106 Min.
Verleih: Square One/Universum Film (auch Copyright der Bilder)