Diary of the Dave #6

Also wenden wir uns hiermit den Herren Achod Malakijan und Moncorgé zu. (Ein wirklich komisches Gefühl: die erste Rezension, die ich nach meiner Einstellung bei the-gaffer.de schreibe). Aber es läuft gerade „All Blues“ aus Kind of Blue. Das sollte von zu vielen Hintergedanken ablenken.

Gestern also habe ich mir ein Double-Feature gegeben. Klammer war die Zusammenarbeit zwischen beiden vorhin genannten Herren: Henri Verneuil und Jean Gabin. Nun ja… zu beiden Filmen hat Michel Audiard die Dialoge geschrieben. Und zwar einiges vom Besten, was er je zustande gebracht hat. Ganz großartiger Gabin-Dialog. Und ganz großartiger Belmondo-Dialog. Als Mensch, der die Freuden des Trinkens nicht nur kennt, sondern sogar schätzt, würde ich am liebsten nur über den zweiten Film („Un singe en hiver“) schreiben. Aber „Le président“ zu vernachlässigen wäre auch nicht gerade charmant. Also…

Michel Audiard hat wirklich ganz großartige Arbeit geleistet, denn die Dialoge sind das wichtigste bei beiden Filmen. Henri Verneuil als Regisseur bleibt… nun ja… unsichtbar? Die Ästhetik der beiden Filme ist nicht schlecht, aber sie drückt sich nicht in den Vordergrund. Die Ausnahme bei Un singe en hiver (Ein Affe im Winter): die Dialog-Szene zwischen Jean-Paul Belmondo und Jean Gabin am Strand, als sie Meeresfrüchte einsammeln, damit Belmondo paella machen kann… ganz plötzlich diese Totale, wo beide am Bildrand stehen. Sehr beeindruckend. Und natürlich der Moment, wo die Kamera quasi in oder sogar hinter der Geschirr-Kommode steht. Gabin ist hinter der mittleren Schranktür zu sehen. Dann macht er die rechte (eigtl. linke) Schranktür auf: Belmondo erscheint und spricht von der Unterhaltung von letzter Nacht, als er betrunken ins Gasthaus zurückgetorkelt kam. Und dass er sich einen Begriff merken konnte, den Gabin genannt hatte: den Jang-Tse-Kjang. Und bäm: da macht Gabin die linke (eigtl. rechte) Schranktür auf und man sieht das höchst besorgte Gesicht seiner Ehefrau. Denn Jang-Tse-Kjang heisst ja so viel wie… TRINKEN! Und natürlich die Szene nachdem Gabin den betrunkenen Belmondo auf sein Zimmer gebracht hat und Belmondo über Spanien und die Stierkämpfe erzählt. Belmondo rechts, Gabin links… und Belmondo im Spiegel reflektiert. Und dann dreht er sich plötzlich dem Spiegel zu…

Bei Le président (Der Präsident) gibt es eigentlich keine solchen Regie-Tricks. Nichtsdestotrotz ein großartiger Film über Politik, Intrigen, Ehrlichkeit, Betrug… und Eier… Denn der Präsident (=Premierminister) Beaufort hat die Eier, alle begonnenen Sachen bis zum bitteren Ende, bis zu den letzten Konsequenzen zu Ende zu führen. Zentrale Szene des Films natürlich: die Debatte bei der Nationalversammlung. EINFACH HERRLICH. Ein großartiger politischer Selbstmord (aus rein machttechnischer Perspektive, denn aus moralischer Perspektive: sehr „lebensbejahend“)! Im Laufe seiner zornigen und wütenden Rede bringt er fast alle Abgeordneten (bis auf die Kommunisten? auf jeden Fall diejenigen, die ganz links sitzen) gegen sich. Insbesondere durch das Verlesen der „Nebenbeschäftigungen“ der Abgeordneten… Hat irgendjemand gerade „Aktualitätsbezug“ gesagt? Wo denn? Ein französischer Film von 1961! Deutsche Bundestagsabgeordnete haben keine Nebenjobs! Im Gegenteil! Ihr Abgeordnetenmandat ist ihr Nebenjob!!! Also: „Le président“: der ideale Film für Politikverdrossene, und Liebhaber großer Dialoge: „Cette Europe du patronat, vous la fairez, mais vous la fairez sans moi. Le gouvernement maintient son projet. L‘assemblée lui refusera la confiance. Le gouvernement sera obligé de démissioner. Et plus jamais vous n‘aurez à marcher derrière moi. Jusqu‘au jour de mes funérailles… funérailles nationales, que vous voterez à l‘unanimité, et ce dont je vous remercie par anticipation!1

Nun von den Politikern zu den Säufern. WAS? Irgendjemand hat gesagt, das wäre das gleiche? Welch Beleidigung… für die Säufer!

Un singe en hiver ist schon sehr schnell einer meiner Lieblingsfilme geworden. Irgendwie stimmt hier alles: Schauspieler (Gabin, Belmondo, Paul Frankeur, Suzanne Flon, Noël Roquevert), Story (alter müder Mann, der früher trank, dabei von China träumte wird von jungem Mann, der viel trinkt und von Spanien träumt, wieder zu Begeisterung erweckt), Dialoge (– „Nous, nous savons encore tenir le litre sans se prendre pour Dieu le père.“ – „Mais c‘est justement ça que je vous reproche.“2 ), Musik (zwischen extrem melancholisch, chinoiserie und espagnolade), Humor („C‘est moi le Christ3) und diese kleinen magischen Momente (Belmondo, der auf Tischen Flamenco tanzt, um den Kneipengästen eines verregneten Kaffs in der Normandie zu zeigen, was Sonne eigentlich ist… „C‘est ça le soleil4)…

Und am Schluss habe ich fast geweint… wie flüchtig eigentlich menschliche Begegnungen sein können: „et le vieil homme entra dans un long hiver5.

Der Film wurde, glaube ich, bei seinem Erscheinen erst ab 18 freigegeben: graphische Darstellung von Alkoholismus. Es ist auch ein Film über das Träumen, über das Reisen, über das Trinken… und über das Träumen vom Trinken! Beide Charaktere sind eigentlich Unangepasste, für die Trinken ein Mittel zum „Reisen“ ist. Es gilt hier wahrlich: der Weg ist das Ziel. Das „Picon-bière“6 ist dabei ein willkommener Ersatz für den Zug. Vordergründig erscheint natürlich: Eskapismus, Vermeidung von Problemlösungen etc. Übersetzt also: asoziales Verhalten, Zerstörung und Selbstzerstörung… etc…

Dennoch strotzt dieser Film nur so von Menschlichkeit. Gabriel Fouquet ist dabei die sympathischste Gestalt der Welt: höflich, leidenschaftlich, betrunken, redegewandt, smart, gut gekleidet, voller Zweifel und Selbstzweifel, schwankend, suchend, voller Liebe, voller Träume, und irgendwie völlig verloren auf dieser Welt: wie… ein Affe im Winter.

  1. „Dieses Europa der Unternehmer werden Sie erschaffen, aber ohne mich. Die Regierung hält die Gesetzesvorlage aufrecht. Die Versammlung wird ihr das Misstrauen aussprechen. Die Regierung wird zum Rücktritt gezwungen sein. Und nie wieder werden Sie hinter mir her laufen müssen. Bis zum Tag meines Begräbnisses… Staatsbegräbnis, das Sie einstimmig beschließen werden und wofür ich Ihnen im Voraus danke!“ []
  2. - „Wir können noch saufen, ohne uns für Gott den Allmächtigen zu halten.“ – „Aber genau das werfe ich Euch vor.“ []
  3. „Ich bin Christus.“ []
  4. „Das ist die Sonne.“ []
  5. „und der alte Mann trat in einen langen Winter ein“ []
  6. Mischgetränk aus dem Norden Frankreichs. Ein Bierglas mit einem Schuss Picon (einem französischen Bitteralkohol) wird mit Bier aufgefüllt. Nach einer gewissen Anlaufphase kann man auch zum Verhältnis 1 zu 1 gelangen, wie dies unser Held Gabriel Fouquet in der legendären Kneipen-Sequenz demonstriert. []

Diary of the Dave #5

Ich habe gerade „The Sun Also Rises“ von Hemingway fertig gelesen. Ich habe vier Tage gebraucht. Nichtsdestotrotz hinterließ er mir jetzt keinen riesigen Eindruck. Kein schlechter Roman… das nicht… Aber… Hemingway ist besser dran, wenn er sich an Dialoge hält, oder an kurzen, schnellen, klaren Handlungsabläufen. Er ist kein großer Beschreiber. Die Corrida-Szenen waren teilweise etwas zäh. Dafür haben die Dialoge umso mehr Pfiff. Als Parallele fiel mir Hunter S. Thompsons „The Rum Diary“ ein. Zwar 30 Jahre später geschrieben, aber trotzdem ein besserer Roman. Den Karneval auf St. Thomas kann Thompson sehr viel besser nachzeichnen als Hemingway die Fiesta in Pamplona. Und um MDM zu antworten: HSTs „Fear and Loathing“ ist ein besserer Trinkerroman.

Das zweite heutige Kulturereignis, eigtentlich auch größere Ereignis war die Vorstellung von Langs Metropolis. Der Biologie-Didaktiker hat am Schluss Sozialismus, Nazismus, Riefenstahl etc. etwas durcheinander gebracht. Aber der Film ist tatsächlich etwas ambivalent: die Arbeitermassen sind von Natur aus immer sehr hörig, Aufmucken gibt’s nur, wenn Kapitalisten/Bourgeoisie selbst agents provocateurs einsetzt, Führer der Arbeiter ist schließlich ein Arbeiterverräter. Am Schluss ist der Kreis geschlossen: es gibt wieder ein Bündnis zwischen Hand und Gehirn dank des Herzens… und die Arbeiter dürfen dann wohl wieder in 10-h-Schichten arbeiten? Am Schluss des Films nimmt auch die Action-Handlung, etwas sehr überpathetisch, die Oberhand über das Ästhetische.

Nichtsdestotrotz: filmtechnisch stellenweise genial! Z. B. schon die Hand, die zum Stofffetzen greift. Die Cabaretszene, die avantgardistische Überlagerungsmittel nutzt, zugleich aber auch auf Musik-Clips vorgreift. Dito für Fergers Schwindelanfall. Die Bauten sind in Kontext gesetzt (also: 1927!) sehr beeindruckend! Die Eingangsszene mit der Darstellung des Schichtwechsels ist ebenfalls atemberaubend: unwillkürlich musste ich an Holocaust-Darstellungen denken (z. B. in „Die Kommissarin“?). Überhaupt: Bezüge zu späteren Filmen lassen sich viele finden. „Blade Runner“ und „Das fünfte Element“ als Darstellungen „dreidimensionaler“ Städte. Spätere Frankenstein-Darstellungen könnten auch profitiert haben. Auch Zombie-Darstellungen an einer Stelle (mit dem Erfinder). [B-Horror-Filme als wahre Bewahrer des deutschen Expressionismus!]. Ob ich mir jetzt aber die Premiere der langen Version am 12. Februar auf arte anschaue, ist eine andere Sache.

Diary of the Dave #4

Der Traum eines jeden Möchtegerne-Schriftstellers besteht wohl darin, nach einer orgiastisch-bacchanalischen Party nach Hause in sein Drecksloch zurückzukehren und über das Erlebte, und natürlich über sein Weltschmerz zu schreiben. Alles natürlich bei einem kühlen Bier. À propos… Ahh… Wicki!!!

Wie dem auch sei! Mit Wein, Cola, Chips, Schokolade, Zigaretten und einem Kugelschreiber (spitzer Gegenstand!) bewaffnet bin ich zum Bus gegangen, der mich zum Ort der Vorführung bringen sollte. Wie voll der Bus war. Vor allem mit lauter Mamis (und auch vielen Papis) mit ihrem Nachwuchs und entsprechenden Lokomotionsmitteln (Kinderwagen im Volksmund). Um etwa 18.26 (könnte auch 24 oder 28 gewesen sein) stand ich vor den Räumen von CampusTV. Avantgarde zu sein ist an sich cool, nur dass man dann halt oft auf die anderen, die Nachzügler, die Nachhut warten muss. Aber nicht schlimm. Die anderen Cinephilen trudelten auch ein und wir konnten endlich mit dem Indiana Jones Triple Feature beginnen. Aber natürlich erst, nachdem wir in einem komplizierten Verfahren (Demokratie? Basisautokratie?) unsere Auswahl für das Pizza-Dinner getroffen hatten. Und nach dem Anstoßen auf die gelungene Jobsuche Judiths mit einem Cassis-Prosecco.

Ich hatte bisher nur den dritten Teil vor langer, langer, sehr langer Zeit geschaut. Bruchstücke waren haften geblieben: der Typ der am Schluss im Schnellverfahren altert und wegfault (wie gesagt: sehr lange… ich war noch jung und leicht zu erschrecken), den Einsatz des Regenschirms zur Bekämpfung angreifender Kampfflugzeuge durch Sean Connery, die enge Vater-Sohn-Beziehung, symbolisiert durch Aneinander-auf-Stühlen-angebunden-Sein, während ringsum alles in Flammen aufgeht und die Tatsache, dass die Nazis die Bösen waren. Letzter Punkt hat übrigens beim zweiten Teil irgendwie gefehlt… wie übrigens auch eine kohärente Story. Nun ja… kohärent? Indiana Jones und der Tempel des Todes, kurz gesagt, hat mir am wenigsten gefallen, was auch nicht damit zusammenhing, dass ich meine Pizza zu dem Zeitpunkt schon fertig gegessen hatte. Viele Gags waren etwas ephemer, vom etwas merkwürdigen Bild, das vom Essverhalten der Inder gezeichnet wird, mal ganz abgesehen. Indisches Essen ist nämlich awesome! Ich war übrigens der Meinung, dass der gehirngewaschene Indy sein wahres Ich gefunden hatte: er genoss – zu Recht – wie die hysterische Frau mit der nervenden Stimme langsam in die Lava heruntergelassen wurde. Willie war wirklich das schlechteste Indy-Girl! Die Brücken-Szene gab aber eine ganz neue Perspektive über die Schaukelbrücke im Weimarer Goethe-Park, obgleich, glaube ich, keine Krokodile in der Ilm schwimmen (darüber sollte man nachdenken). So… damit hätten wir glaube ich den schwachen zweiten Teil der Serie besprochen.

Jäger des verlorenen Schatzes und Der letzte Kreuzzug haben eigentlich so ziemlich alles, was ein Film für einen unterhaltsamen Abend mit Freunden, Wein, Chips, Pizza und schwarzem Kaffee so braucht: gute Action, hohes Tempo, Witz und Ironie, ein Held mit Lederjacke, Hut und Peitsche (besser als McGyver mit schweizer Taschenmesser und… Vokuhila), schöne Frauen, Gewalt, Schlangengruben, Cameos, tolle Locations die mit impressionistischen Totalen verarbeitet werden können, Sonnenuntergänge, Sean Connery (nun ja, eigentlich nur der dritte), böse gemeine fiese stinkende lederbemäntelte Nazis, die Deutsch mit amerikanischem Akzent sprechen und am Schluss (spätestens) weggerotzt werden, Schweiß, Blut, Explosionen, Verfolgungsjagden… Hab ich eigentlich schon die Nazis genannt: „Ihr solltet aufhören, Bücher zu verbrennen und sie vielleicht mal lesen“!

Als Historiker müsste ich natürlich was zur Darstellung von Geisteswissenschaftlern in Filmen sagen. Interessant, wie Indy zwischen dem biederen, etwas verklemmten, langweiligen Professor (oder zumindest Dozent) für Archäologie, der mit überdimensionierter Brille (sie wird mit jedem Film größer) und einem Stock im Arsch durch die Gegen wuselt und dem Abenteurer mit Hut, Peitsche und Lederjacke, der spannende (und manchmal potentiell tödliche) Rätsel löst, Leute wegrotzt, Grabschändungen begeht und seinen gestählten Körper für alle möglichen Stunts einsetzt, hin und her springt (hui! langer Satz!). „Das gehört ist Museum!“ „DAS GEHÖRT INS MUSEUM!“ Also ganz ehrlich: ganz ethisch geht er seinem Beruf nicht immer nach (siehe vor allem die body count). Dafür aber cool!

Die völlig entgrenzte Begeisterung für Quellen (i. w. S.) die eigentlich keinen normalen Menschen interessieren (Inschriften auf Schildern, mittelalterliche Kirchenfensterkunst, Kleenex-Fragmente mit irgendwelchen indischen Gottheiten und Halbgottheiten etc.) kann ich aber durchaus nachvollziehen. Dass nicht jedem vor dem Protokoll einer Dorfversammlung in der russischen Pampa während der Revolution das Wasser im Mund zusammenläuft, werde ich wohl vielleicht noch schnell genug merken. (Es ist trotzdem WAHNSINNIG spannend!)

Der Abend endete um 1.30 Uhr morgens. Etwas unglamourös wurde noch der Müll eingesammelt, leere Flaschen beiseite gestellt, angebrochene Chipstüten eingepackt und der Schlüssel beim Pförtner in seiner schalldichten Kabine gebracht. Ins Stadtzentrum laufen, zwei Zigaretten, ein Bier, ein bisschen was schreiben. Und schon hat man einen glücklichen Tag hinter sich. Und eine hoffentlich erholsame, wenn auch nicht besonders lange (Rest-)Nacht vor sich…

Diary of the Dave #3

Vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich eine große Hitchcock-Reihe durchgeführt. Ich habe wohl zwischen Februar und April/Mai 2008 etwa ein Dutzend Hitchcocks geschaut: „Vertigo“, „Shadows of a Doubt“, „North by Northwest“, „Stage Fright“, „I Confess“, „Rebecca“, „Psycho“, „Rear Window“, „Dial M for Murder“, „Rope“, und vielleicht noch ein paar andere. 2008 war an sich nicht gerade ein sehr gutes Jahr, aber diese Filmreihe war durchaus gelungen. Nun, 2010, mache ich eine etwas bescheidenere, aber nicht uninteressante Reihe japanischer Samurai-Filme durch: „Die sieben Samurai“, „Samurai in der Dämmerung“, „Tabu“, „Ichi“, „Yojimbo“, der erste Teil von „Lone Wolf and Cub“.

Nun… letzterer muss wohl nicht besprochen werden: einfach zu schlecht. Samurai in der Dämmerung und Tabu passen durchaus miteinander auf die gleiche VHS-Kassette (nebenbei: vielen Dank arte). Beide sind sehr langsame, fast meditative, kontemplative Filme. Aus der Reihe wohl auch die Filme, bei denen Action die kleinste Rolle spielt. Der langsamere von beiden ist aber trotzdem ,,Samurai in der Dämmerung“, der auch eine Reflexion über ein (sehr ruhiges) Familienleben (zudem eines „Büroangestellten“). Die etwas bittere Note ist, dass bei beiden Filmen das Ende nicht gerade perfekt ist. „Tabu“ bringt keine „große Offenbarung“, wie man sie vielleicht erwartet hätte. Und bei „Samurai in der Dämmerung“ wird das voice-over am Schluss im engeren Sinne narrativ gebraucht: er gewinnt zwar den Kampf, hat seinen Auftrag ausgefüllt, stirbt aber trotzdem durch die Erzählung seiner Tochter. Die ästhetischen Leistungen beider Filme bleiben jedoch davon VÖLLIG unberührt… UMWERFEND schön!

„Die Sieben Samurai“ und „Yojimbo“ gehören wohl auch zusammen: beide von Kurosawa und beide… schwarz-weiß. Aber zuvor: Ichi war wohl der konventionellste unter diesen Filmen, nichtsdestotrotz ein sehr schöner und unterhaltsamer Film, der alles hat, was man sich wünschen kann: eine wunderschöne Heldin, ein sympathischer Held (wenngleich mit einem dunklen Geheimnis), blutströmende Kampfszenen, schräger und teilweise leicht grotesker, überzogener Humor, eine zärtliche Liebesgeschichte… und kein Happy-End. Muss aber auch nicht, denn sooo konventionell ist der Film auch nicht. Nun ja, ein weiblicher Zatoichi.

Die sieben Samurai und Yojimbo haben wieder gezeigt, dass Schwarz-Weiß kein Handicap ist… nicht die Abwesenheit von Farbe, sondern eine eigene ästhetische Gestaltungsperspektive. Auch hier, wie bei „Samurai in der Dämmerung“ und „Tabu“ gilt: die Ästhetik ist sehr viel wichtiger als der Plot! Die Grundzüge des Plots sind allgemein bekannt, was bleibt, sind seine Bilder. Der verliebte Samurai mit der Bäuerin im Wald, der Rücken des Samurais im Vorspann, der Kampf im Regen (überhaupt die Nutzung von Regen), die beiden Horden, die sich angreifen wollen, ohne sich wirklich zu trauen. Nun also… großer Filmkritiker werde ich wohl nicht! Für Akrützel-Niveau würde es aber reichen.

Diary of the Dave #2

Diese Woche war die Todd Solondz-Woche. Ich habe endlich zwei weitere Meisterwerke (Meisterwerke!) des Happiness-Genies sehen dürfen: „Welcome to the Dollhouse“ und „Storytelling“. „Happiness“ liegt sozusagen in der Mitte zwischen diesen beiden Filmen, chronologisch gesehen.
Die Solondz-üblichen Themen werden auch bei „Dollhouse“ und „Storytelling“ verarbeitet: dysfunktionale Familie, gestörte Sexualität, Außenseitertum, das Zerbröckeln des schönen Mittelklasse-Paradieses. Doch so tiefgründig, emotional, grotesk, schmerzhaft und kunstvoll wie bei „Happiness“ werden diese Themen nicht ausgeschöpft. Am schwächsten: zweifelsohne Storytelling, zwei längere Kurz?lme (oder eher zwei unausgereifte Rumpf?lme?), zusammengehalten vom Thema „Geschichte erzählen“. Im ersten Film die verwöhnte Mittelklassegöre, die grottenschlecht über ihre persönlichen Erlebnisse schreibt und dabei nicht merkt, dass alles Geschriebene automatisch zur Fiktion wird. Dies ist sogleich die Pointe des kürzeren, primitiveren, geradlinigeren, und zugleich aus stärkeren ersten Teil des Films. Der zweite Teil streift viele Themen nur sehr ?üchtig, die Charaktere bleiben etwas hohl, vieles wird angerissen, aber letztlich nicht zu Ende gedacht. Klar: den Jüngsten der Familie würde ich wahrscheinlich eigenhändig erwürgen… und zwar, nachdem ich ihn einen halben Tag lang gefoltert habe! Aber es bleibt ein rumpfartiger Teil?lm… Der Film wirkte ein bisschen wie ein unfertiges Drehbuch: verschiedene Charaktere, verschiedene Ebenen, die sich vielleicht hätten treffen können. Aber eben kein neues „Happiness“.

Welcome to the Dollhouse ist da durchaus gelungener: im Grunde eine recht geradlinige Story, ziemlich geradlinig erzählt. Viele spannende Elemente: Außenseitertum, Zurückweisung durch Leute, auf die man zählen sollte (Familie) oder die man liebt, Erwachsenwerden, Rebellion… Dann ist letztlich der Charakter, den man als Zuschauer gegen seinen eigenen Willen doch lieben muss. Die Frage ist, ob diese Zuneigung dann nur dem Mitleid entspringt! Oder einer diffusen Identi?kation mit den realen Problemen dieses Mädchens? Ach Happiness… „Happiness where are you, I haven‘t got a clue, happiness where are you now…“ Eine zynische Satire… eine pessimistische Vision der Menschheit (zumindest desjenigen Teils, der in New Jersey lebt)… eine seeeeeehhhr schwarze Familien-Komödie (und NICHT Komödie für die ganze Familie)… ein Lacher, der im Halse stecken bleibt, für den man sich schämen muss… ein Heuler mit einem sehr bitteren Nachgeschmack… ein Episoden?lm, bei dem Episoden wirklich zusammenhängen… ein wahres Familienepos im Grunde (immerhin: 135 Minuten und um die 12 zentrale Personen, die alle ziemlich präzise charakterisiert werden).

Die Vermischung der Ingredienzen führt wirklich zu erstaunlichen Auswirkungen beim Zuschauer: in der Eingangsszene verspürt man eine Mischung aus Fremdschämen, Schadensfreude, Gerührtheit und dem Drang, laut loszulachen. Zugleich kann man auch ob der Kommunikationslosigkeit der beiden Figuren Andy und Joy zutiefst deprimiert sein. Ähnliche Gefühlsmischungen ?nden sich in zahlreichen anderen Szenen des Films wieder. Man bemitleidet, hasst, liebt die Figuren, ?ndet sie lächerlich, arrogant, überheblich, herzzerreißend usw. Dies macht auch den Reiz des Films aus: keine Figur ist eindeutig, alle sind ambivalent. Joy z.B. ist durchaus eine feste Identi?kations?gur des Films, doch wird sie in der Eingangsszene auch als jemand eingeführt, der durch seine Art andere Menschen verletzen kann! Wie ambivalent die Szene bleibt. Denn, warum lässt sie sich nicht auf ihn ein? Warum? Der Nachtrag kommt, als Andy Selbstmord begeht. Wegen ihrer Ablehnung? Vielleicht. Man weiß es nicht. (Der Drohanruf der Mutter Andys wäre aber durchaus ein Hinweis, dass er sich wegen ihrer Ablehnung umgebracht hat.)

Das Schöne am Film: es sind praktisch alle anderen Figuren genauso komplex wie Joy. Am komplexesten (und kontroversesten in der Rezeption) natürlich der pädophile Psychiater.