Diary of the Dave #17 – Der Zauberer von Oz

28. März 2011

„My Way Home“ ist wirklich eine sehr sehr schöne Scrubs-Folge!!!

Und Der Zauberer von Oz aus dem Jahre 1939 war ein wirklich außergewöhnliches Erlebnis… ein Wort: TRASHISSIMO!!!

1892: die Populisten gewinnen 9 % der Wählerstimmen bei den Präsidentschaftswahlen und natürlich die Wahlmänner in Kansas.

1896: William Jennings Bryan verliert mit seiner Pro-Silber-Plattform für die Demokraten das Präsidentschaftsrennen gegen den Republikaner William McKinley.

1901: Leon Czolgosz ermordet McKinley. Theodore Roosevelt wird Präsident.

1912: Woodrow Wilson wird zum Präsidenten gewählt, vor Theodore Roosevelt von der Progressive Party, William Taft von den Republikanern und Eugene Debs, der 6 % der Stimmen bzw. etwa eine Million Stimmen für die Sozialisten erreichte.

1967: Captain Beefheart veröffentlicht sein geniales und revolutionäres Debut-Album „Safe as Milk“, u. a. mit dem Lied „Yellow Brick Road“.

2006: Zach Braff führt die Regie für die Scrubs-Folge „My Way Home“.

2011: Ein Mann mit einem Vierteljahrhundert auf dem Buckel bereitet sich auf seine mündliche Prüfung in Politik vor.

Aber zur Hölle noch mal… hat der Autor etwa getrunken? Haben diese Ereignisse alle miteinander etwas zu tun? Die Antwort lautet: JA!

Der Zauberer von Oz PosterL. Frank Baum veröffentlichte 1900 sein Buch „The Wonderful Wizard of Oz“, das zu einem der erfolgreichsten amerikanischen Kinderbücher überhaupt werden sollte. 39 Jahre später adaptierte Victor Fleming das Buch mit einem der erfolgreichsten Filme überhaupt. Die Story ist ganz einfach: Ein kleines Mädchen aus Kansas namens Dorothy wird durch einen Wirbelsturm samt ihres Hauses in das Land von Oz hinweggefegt. Dabei tötet sie die böse Hexe des Ostens und erbt ihre roten Schuhe (im Buch silber! Dazu später). Sie will nach Kansas zurück und der Mann, der sie dorthin zurückbringen kann, ist der große Zauberer von Oz, den sie finden wird, wenn sie der gelben Ziegelsteinstraße (yellow brick road) folgt. Auf ihrem Weg trifft sie eine Vogelscheuche, die sich Verstand wünscht, einen Blechmann, der gerne ein Herz hätte, und einen furchtsamen Löwen, der gerne mehr Mut hätte. Die böse Hexe des Westens will sie alle davon abhalten, weil sie auf die roten/silbernen Schuhe total abfährt. Nach einigen Abenteuern schaffen sie es doch zum Zauberer von Oz, der sich als Betrüger entpuppt. Er überlässt seinen Platz den drei Kompagnons von Dorothy, die selbst durch dreimaliges Zusammenschlagen der Hacken nach Kansas zurückkommt.

Für alle die es nicht begriffen haben: Dieses Kinderbuch ist eine ziemlich ausgeklügelte politische Allegorie über die USA der Jahrhundertwende. Das Buch beschreibt quasi die Schnittstelle zwischen dem Protest der Populisten in den 1890er Jahren und der Reform-Ära der Progressives, die mit der Präsidentschaft Roosevelts ab 1901 erst richtig losging, und ihren Höhepunkt im Kriegseintritt der USA unter Wilson fand.

Die Populisten (People‘s Party) waren das politische Organ von Farmern im mittleren Westen, wo auch unsere von Judy Garland gespielte Dorothy ihren Ursprung hat, genauer gesagt in Kansas. Besonders zu leiden hatten die Farmer unter einem Preisverfall für Agrarprodukte und unter der Macht der politischen Maschinen der örtlich gerade dominanten Partei (im Mittleren Westen zu der Zeit die Republikaner), die Recht und Gesetz zum eigenen Nutzen interpretierten: Miss Gulch, die Dorothys Hund unter Vorlage eines Hunde-Haftbefehls (!) verhaften will. Besonders schwer war auch die Wirtschaftskrise von 1893, die wie ein Wirbelsturm über das Land fegte… Durch einen solchen Wirbelsturm kommt Dorothy nach Oz, wo sie treffend merkt: „Es scheint mir, als wenn wir nicht mehr in Kansas wären.“

Dorothy tötet aus Versehen die böse Hexe des Ostens. Die bösen Hexen scheinen dabei eine Metapher für die korrupten politischen Maschinen der beiden amerikanischen Parteien zu sein. Mit den Reformbemühungen der Populisten und der Progressives, insbesondere durch die Einführung der Primaries, wurde ihnen ein Ende gesetzt.

Die mächtigste Metapher, mit der der Roman aufwarten konnte, fehlt im Film übrigens. Denn dort läuft Dorothy mit ROTEN Glitzerschuhen über die gelbe Straße. Eigentlich sind es SILBERNE Schuhe. Eines der zentralen Programmpunkte der Populisten im Jahre 1892 war die Durchsetzung des Silber-Währungs-Standards (die eine für Agrarier vorteilhafte Inflation verursacht hätte), während die beiden anderen Parteien den Goldstandard bevorzugten. William Jennings Bryan, der Kandidat für die Demokraten im Jahre 1896, übernahm weite Programme der Populisten, darunter auch den Silber-Standard.

Bryan wird gemäß Henry Littlefield durch den furchtsamen Löwen personifiziert, der aber eigentlich doch mutig ist (Bryan war 1898 ein strikter Gegner der amerikanischen Intervention in Kuba). Doch im Film kommt davon nicht viel rüber, denn der Löwe ist doch sehr… sehr… irgendwie… ja natürlich: trashig! Aber vor allem auch etwas schwul! Er wird ein bisschen wie ein Klischee-Schwuler dargestellt. Er singt darüber, was für eine „sissy“ er ist und lässt sich gerne rote Scheifchen ins Haar flechten. Das hatten die Populisten, die Progressives und L. Frank Baum wahrscheinlich so nicht vorgesehen (Rechte für Homosexuelle nehmen in den USA doch sehr viel später Gestalt an). Der Löwe ist sicher einer der Gründe, warum der Film so trashissimo ist. Die unglaublich schlechte deutsche Synchro hat das ganze nicht besser gemacht: „Ich hoffe, dein Schwanz hält das aus“, sagt ihm der Blechmann in einer bestimmten Situation.

Bevor wir zur Ästhetik kommen… die Mohnblumen, die den Löwen und Dorothy kurzfristig in den Schlaf zwingen, stehen wohl für den grassierenden Morphin-Konsum der US-Amerikaner um die Jahrhundertwende, die die Progressives schließlich mit Gesetzen einzuschränken versuchten. Ob das Wasser, mit dem Dorothy die böse Osthexe zum Schmelzen bringt, das Symbol für die Bemühungen der Prohibitions-Aktivisten sein soll, ist unklar. Der Kreuzzug gegen den Alkohol verband die Populisten, Bryan und die Progressives und mündete in die infame Verfassungsänderung von 1919/20. Die Vogelscheuche steht natürlich für den einfachen Farmer des mittleren Westens. Der Blechmann personifiziert die Industriearbeiter oder vielleicht doch die Landarbeiter, die im Film am Anfang durchaus im Konflikt zu den landbesitzenden Farmern stehen. Der Löwe ist… Bryan? Whatever… Die ganze Truppe, also Dorothy, Vogelscheuche, Blechmann, Löwe, erinnert an die „Coxey‘s Army“, einem „Heer“ von Arbeitslosen aus der Krise von 1893, die einen Marsch auf das Weiße Haus organisierten, um den Präsidenten um Arbeit zu bitten. Der Präsident, also der Zauberer von Oz, entpuppt sich jedoch als machtloser alter Mann. Zwanzig Jahre nach Veröffentlichung des Buches war dies schon anders: Roosevelt und Wilson hatten die Rolle des Präsidenten massiv gestärkt. Als Victor Flemings Film gedreht wurde, setzte der kleine Cousin Roosevelts das ambitionierteste Reformprogramm der USA seit den Progressives um, wenngleich auch ohne deren moralistisch-religiösen Fanatismus.

Nun… so viel zum durchaus sehr mächtigen politischen Subtext von „The Wonderful Wizard of Oz“. Bester Sendeplatz für den 1939er Film wäre natürlich Freitag nachts auf Arte, am besten OmU (im Gegensatz zu meiner Billig-DVD). Das Augenkrebspotential der Farbsequenzen ist sehr mächtig… und ja ich mein das echt positiv! Das Set sieht so aus, als hätte es als Inspiration für die hochgradig stilisierten Fellini-Filme der 1970er (ich denke selbstverständlich an Casanova) und 1980er Jahre gedient: Es ist von einer herrlichen und grotesken Künstlichkeit. Die Sturm-Sequenz ist durchaus sehr augenzwinkernd, mit ihrem Film-im-Film. Was mir etwas zu viel erschien, war selbstverständlich das viele Herumsingen, insbesondere wenn der Löwe überaffektiert jaulte.

Sehr viele Metaphern über die Populisten und den entstehenden progressiven „Kreuzzug“, die in dem Buch vorkommen, bringt der Film noch im Jahre 1939. Verfremdet, verzerrt, als Pastiche neu aufgetischt findet sich alles in der großartigen Scrubs-Folge „My Way Home“ wieder.

Und ich? Ich bin nur jemand, der in 72 Stunden nicht mehr Student ist, in etwa 38 Stunden seine allerletzte Prüfung in Politikwissenschaft hat… unter anderem zum Thema „Politisches Denken in der Progressive Era, 1890-1920″…

David (25) ist Osteuropahistoriker, nebenberuflich aber auch ein leidenschaftlicher Cinephile. "Diary of the Dave" - kleine Ausschnitte aus seinem intimen Tagebuch - bietet tiefe Einblicke in Davids höchst persönliche und subjektive Gedankenwelt, die auch vor kleinen Spoilern, zornigen Abrechnungen, nostalgischen Erinnerungen und einem Hauch schwülstiger Prätention nicht Halt macht.

2 Antworten auf „Diary of the Dave #17 – Der Zauberer von Oz“

  1. Wow! Das nenne ich „Film und Kontext“! Da machst du mir einiges vor, was allerdings auch kein Kunststück ist, wenn man in Kürze nicht mehr Studiosus, sondern vermutlich angehender Doktorant ist. ;) – Auf jeden Fall werde ich den bislang gehassten Weihnachtsfilm inskünftig mit anderen Augen betrachten. Erstaunlich, was sogar – die Vorlage verdrehend – in einem derart „harmlosen“ Ding wie „The Wizzard of Oz“ drinsteckt!

  2. @ whoknows: vom „Überbau“ der Oz-Geschichte habe ich zum ersten Mal beim Hauptseminar „Politisches Denken in der Progressve Era“ im Mai 2007 gehört. Fast vier Jahre später schien mir der Film ein netter (und thematisch relevanter) Ausklang des vorletzten Lerntages für meine allerletzte Magisterprüfung zu sein.
    Falls du die ganze Thematik mit relativ wenig Aufwand vertiefen möchtest, empfehle ich den im Text beiläufig genannten Aufsatz, den ich an besagtem 28. März auch gelesen hatte: Littlefield, Henry M.: The Wizard of Oz. Parable on Populism, in: American Quarterly 16/1 (1964), S. 47-58. (ich besitze den Text in elektronischer Form und könnte ihn also über gängige Wege den Interessenten zukommen lassen).
    Was „Film und Kontext“ betrifft: freu dich schon auf meinen künftigen Beitrag zu „Visionen der Apokalypse im spätsowjetischen Kino“ ;-)
    Zur Kenntnis nehmend, dass ich mir „Die Cole Porter Story“ getrost schenken kann und sollte, wünsche ich dir einen schönen und vor allem erholsamen Urlaub!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*