Diary of the Dave #15 – Rock ’n‘ Roll High School

Den Musiklehrer fand ich am allercoolsten! Ein Charakter, der am Anfang des Films noch vollständig ein Teil des Systems ist, jedoch über die sehr bizzaren Rock ‘n‘ Roll-Versuche an Mäusen doch irgendwie anfängt zu zweifeln. Und schließlich merkt, dass die Liebe zu Beethovens fünfter Sinfonie und zu „Blitzkrieg Bop“ von den Ramones ein Widerspruch sein kann, aber absolut nicht sein muss!

Was ist ein guter Trashfilm und was kann er leisten? Schwierig zu sagen. Im besten Fall kann er den Zuschauer in höchster Art und Weise entspannen und von seinem erbärmlichen Leben ablenken. Ja und natürlich: geringes Budget, ein Drehbuch das auf einem Blättchen Klopapier Platz findet und meist eine völlig übertriebene Ausführung. Lila Hotpants zu roten Leggings gehören sicherlich zum Ende der 1970er Jahre dazu. Zu Ramones-Fans mutierte weiße Mäuse, schüchterne weibliche Nebenhelden mit dem Namen Rimbaud, ein Groupie mit dem Namen Angel Dust (!!!…!!!), explodierende Mäuse (ja… der Film ist eher für Tierliebhaber konzipiert), Earmail (ich kommentiere das jetzt mal nicht) sind hingegen sogar für die 1970er Jahre ungewöhnlich! Prototypisch hingegen sind die Bösewichte des Films… ja… natürlich… NAZIS!!! Oder besser gesagt, eine Nazi-Domina-Schuldirektorin, die ihre eigene kleine Geheim-Schulpolizei aufrechterhält (bestehend aus zwei notgeilen Schülern älteren Jahrgangs), um die Schüler zu kontrollieren. Und als sie die Kontrolle verliert, macht sie das, was alle Nazis gerne so machen… Kunstwerke verbrennen… hier konkret die Schallplatten ihrer Schülerinnen und Schüler. „Final Solution“, wie sie das nennt (Ja, Trashkultur im Allgemeinen hat im weitesten Sinne immer wieder versucht, die großen Tragödien des 20. Jahrhundert zu verarbeiten, etwa im Gegensatz zu Adenauer-50er-Jahre-Heimatfilmen oder Sissi oder Musikantenstadl…).

Für alle, die jetzt denken, der Film sei schwere Kost… ja… er ist wirklich ein ungewöhnliches Erlebnis.

Also noch einmal zur Ausgangsfrage…. Was ist eigentlich ein guter Trashfilm? „300“ ist ein guter Trashfilm (trotz großen Budgets). Ja vielleicht gibt es so was wie ein Trashgeist. Der ideale Trashfilm stellt sozusagen Hegel von den Füßen wieder auf den Kopf! Und Rock ’n‘ Roll High School ist ein absolut großartiger Trashfilm. Mit Rationalität keinesfalls zu ergründen, fragt man sich über weite Teile, ob die Charaktere vielleicht alle bescheuert sind. Nun ja… ist alles eine Frage der Perspektive! Wie eine Naturgewalt arbeitet sich der Film jedenfalls in das Herz des Zuschauers… Sicher! Der Zuschauer sollte einige Voraussetzungen erfüllen! Er sollte geschmacklosen Humor mögen, ziemlich flache „sexual innuendos“ lustig finden. Seine Augen sollten angesichts von Späte-70er-Jahre-Mode krebsimmun sein. Er sollte kein Fetischist des gestochen scharfen Bilds sein (das gilt für alle Trashfilme! GRUNDSÄTZLICH!). Vielleicht sollte er Musicals mögen. Oder zumindest alberne Komödien mit viel Musik. Und ein Ramones-Fan zu sein, schadet wirklich überhaupt nicht.

Also ganz ehrlich gesagt, hätte ich diesen Film selbstverständlich nicht geschaut, wäre ich nicht selbst ein großer Ramones-Fan gewesen. Denn bei lila Hotpants mit roten Leggings (und dazu zitronengelbe Socken) stellen sich selbst bei mir gewisse Fragen. Trashfilme kehren ja gerne mal übliche Rollenbilder um. Die sexy Braut wird zum Ungeheuer, das Trash-Mädel zur Hauptfigur, das Mauerblümchen zur Komplizin der allgemeinen fröhlichen Zerstörung, der schnöde Musiklehrer zum größten Verteidiger des Punkrocks. Darum ging es ja auch im Grunde bei den Ramones. Ein traumatisierter Immigrant, ein merkwürdiger Freak, ein jähzorniges reaktionäres Ekel und ein psychopathischer Junkie haben sich gefunden, um gemeinsam eine völlig neue Art von Musik zu schaffen. Herausgekommen sind die Ramones. Sie haben bewiesen, wie der eigene Status umgedreht werden kann, wenn man den Mut zur Subversion auch auslebt. Und so wurden aus Freaks, die 99 % aller Menschen nur abschrecken würden, absolute Superstars. Nun ja… zumindest Kultfiguren (sie mussten ihre Hotelrechnungen ja immer noch mit Konzerterlösen bezahlen).

Dies ist sicherlich das subversive an Trashfilmen. Die absolute Umkehrung traditioneller Rollenverteilungen. Arte, wie lange willst du noch warten… zeige diesen Film endlich mal Freitag Nachts!

Meine Gewaltfantasien für heute habe ich vorerst ausgelebt. Die Listen-Episode von „South Park“ vorhin hat nicht mit einem brennenden Gebäude geendet. Das konnte ich jetzt eben noch nachholen. Ein riesengroßer Mittelfinger gegenüber allen Autoritäten dieser Welt. Besonders gegen jene, die sich etwas… nazihaft gebärden.

Wirres Zeug eine halbe Stunde vor Mitternacht. Aber es war ja auch wirres Zeug, was ich mir in den letzten anderthalb Stunden angetan habe. Wirr ist aber cool.

In diesem Sinne: GABBA GABBA HEY, GABBA HEY, GABBA GABBA HEY… HEY, HO, LET‘S GO! HEY, HO, LET‘S GO! Vielleicht träume ich heute Nacht auch von Dee Dee Ramone, wie er unter meiner Dusche Bass spielt. Oder von Joey Ramone, wie er Pizza (oder Hähnchenschenkel… oder eine Handvoll Sojakeime) isst…

Diary of the Dave #14 – Der kalte Sommer des Jahres 1953

Es war im Sommer 1953, ein alter, starrsinniger, bösartiger Mann mit einem lustigen Schnurrbart war vor kurzem gestorben und ein mingrelischer Funktionär machte sich daran, die Weltherrschaft zu erobern. Oder? Wirklich?

Nein… fangen wir noch einmal neu an: wir befinden uns in einem sibirischen Fischerdorf am Arsch der Sowjetunion im Sommer 1953. Stalin ist seit mehreren Monaten tot. Was seitdem im Kreml vor sich geht, ist der absolute Wahnsinn! Lavrentij Berija präsentierte sich nach dem 5. März 1953 sehr schnell als der neue starke Mann in der UdSSR, unterstützt von Georgij Malenkov, dem Vorsitzenden des Ministerrats. Der Geheimdienstchef Berija, der so viele Verbrechen des Stalin-Regimes nicht nur mitgetragen, sondern mit eiskalter Berechnung auch organisiert hatte (die Hinrichtung von etwa 20.000 polnischen Offizieren, die Deportation ethnischer Minderheiten nach Zentralasien, die kontinuierliche Ausübung des Terrors im Zweiten Weltkrieg, die Leningrader Affäre und vieles mehr), der Stalin seit Anfang der 1930er Jahre so treu gewesen war, vollführte mit einem erstaunlichen Aktionismus zahlreiche spektakuläre Kehrtwenden von der stalinistischen Politik. Er wollte eine Neuausrichtung der Nationalitätenpolitik, er beendete die infame antisemitische Kampagne und die damit verbundene Ärzte-Affäre, er verbot die Folterung von Gefangenen und hob Sondergerichte des Innenministeriums auf. In der Außenpolitik näherte er sich wieder dem titoistischen Jugoslawien an und forderte von den kommunistischen Führungen der DDR und Ungarns eine grundlegende Revision ihrer terroristischen und Zwangspolitik. Mehr noch: Berija war wahrscheinlich bereit, die DDR aufzugeben und für ein wie auch immer geartetes neutrales Deutschland einzustehen. Unklar ist, ob Berija tatsächlich bereit war, die Kolchosen aufzulösen, sprich die stalinistische Zwangskollektivierung rückgängig zu machen. Und natürlich: mit einem Federstrich hat er am 27. März 1953, drei Wochen nach Stalins Tod, die Amnestie von etwa 1,2 Millionen Lagerhäftlingen in die Wege geleitet (sprich etwa die Hälfte aller GULag-Häftlinge) und somit zugleich die Auflösung der stalinistischen Zwangsarbeitslager in die Wege geleitet. Hier setzt sozusagen Der kalte Sommer des Jahres 53 von 1987 ein.

Ein echt trostloses Fischerdorf am gefühlten Arsch des ersten sozialistischen Staates der Welt. Die Ereignisse, die heute eine differenzierte und quellengestützte Historiographie zu erklären und einzuordnen versucht, kommen dort gebündelt und chaotisch an. Stalin ist tot, und der Dorf-Milizionär teilt dem Hafenchef des Dorfes mit, dass nun Berija als Volksfeind verhaftet worden ist. In dieser trüben Bauernhütte, in der Stalinporträts als Anwesenheit sowjetischer Staatsmacht herhalten müssen, betrauert der Milizionär auch die brutale Ermordung eines Frontkameraden (Weltkrieg) durch Kriminelle… Auf jeden Fall Leute, die durch/dank/wegen Berija rausgekommen sind. Ob Berijas Bilder aus der Zeitung tatsächlich zerrissen werden müssen, darüber können sich Hafenchef und Milizionär nicht einig werden. Der reiche Bauer (ich nenn‘ ihn seiner Kleidung wegen mal so) des Dorfes hält es auf jeden Fall für nützlich, das zerknitterte Zeitungsbild Berijas aufzubewahren, das der Milizionär in seiner Empörung über die Amnestie der ganzen „Kriminellen“ zerknüllt hatte. Als eventuelles Beweisstück gegen den Zerknüller. Lenin wollte ja Kontrolle, Stalin hat dann Misstrauen geschaffen (nicht, dass die Übergänge nicht fließend wären). Was passieren muss, passiert schließlich: Das Dorf wird von einer Horde von amnestierten Kriminellen überfallen. Der reiche Bauer wird als Geisel genommen. Wobei er relativ schnell kooperationsbereit ist, ein Verhaltensmuster, das er wohl im Stalinismus gelernt hat? Die Kriminellen machen sich auf jeden Fall breit, trinken „čifir“ und der jüngste von ihnen macht sich auf der Suche nach dem jungen Dorfmädchen, um sie zu… Dazu später.

Zwei Außenseiter hat das Dorf. Ein Verbannter, der durchaus bereit ist, landwirtschaftliche Tätigkeiten im weitesten Sinne zu tätigen, und ein weiterer Verbannter, der nicht so viel Antrieb hat und lieber den ganzen Tag den See anschaut (Thilo S. würde ihn wahrscheinlich in irgendeiner Art und Weise beschimpfen wollen, aber dieser Vergleich ist müßig: 1953 gab es kein Hartz IV in der Sowjetunion). Diese werden von den Kriminellen beauftragt, den mittlerweile erschossenen Milizionär zu begraben. Der Kriminelle, der sie überwachen soll, passt nicht so richtig auf. Deshalb entkommen die beiden Verbannten in den Wald.

Von da aus starten sie einen Vernichtungsfeldzug gegen die Kriminellen. Der Ältere ist ein Ingenieur (einer von „Stalins Ingenieuren“?), der 1939 verhaftet wurde. Der etwas jüngere, der ein bisschen an Scott Glenn erinnert, war hingegen ein Kommandeur in der Roten Armee (deshalb weiß er natürlich, wie man mit Waffen umgeht). Er ist es schließlich, der einen Kriminellen nach dem anderen auch fertig macht: und zwar durch Erstechen (bei der versuchten Vergewaltigung des mehr oder minder hübschen Dorfmädels), Erschießen und Ertränken, und zwar genau in dieser Reihenfolge. Der Ingenieur stirbt. Scott Glenn kehrt aber zurück in die Stadt (Moskau? Ist ja egal), um den Verwandten des Ingenieurs dessen Tod mitzuteilen, und schließlich im Trubel der Straße zu verschwinden.

Ehrlich gesagt… was war meine Erwartung an den Film? Durch eine gewisse Beschäftigung mit dem Stalinismus und der Zeit nach dem Stalinismus, ob als „Entstalinisierung“, „Tauwetter“ oder „Chruščev-Ära“ bezeichnet, habe ich im Grunde einen Selbstjustizfilm erwartet in der Art, wie er im Westen in den 1970er Jahren diskutiert wurde (Dirty Harry, Straw Dogs etc.). Also ein Film, in dem Polizei- und Justizorgane scheinbar versagen, so dass ein Held Polizist, Untersuchungsleiter, Richter und Henker gleichzeitig spielen muss und dabei vor Gewalt und der Missachtung von Gesetzen nicht zurückschreckt. Ein Stückchen weit habe ich das auch bekommen mit solchen Sprüchen wie zum Beispiel „Wir müssen Schluss machen mit dem Gesindel!“ und dem ambivalenten Zitat „Einfach nur so wird bei uns keiner verbannt!“.

M. Dobson hat deutlich gezeigt, dass die Amnestie von 1953 durchaus nicht mit ungehaltener Freude aufgenommen wurde. Das junge poststalinistische Regime versuchte durch eine Pressekampagne unter den Stichworten „sowjetischer Humanismus“ und „sozialistische Gesetzlichkeit“ eine Akzeptanz für die breite Amnestie unter den Sowjetbürgern hervorzurufen. Zurück kamen mehrheitlich Aufrufe zur harten und gnadenlosen Bestrafung von „Banditen“ und „Hooligans“. Nicht nur sollten sie ins Lager zurückgeschickt werden. Mancher „aufrichtiger“ Sowjetbürger schlug sogar Körperverstümmelungen vor, um mit den Kriminellen fertig zu werden. Anders gesagt: das Regime sprach eine „neue Sprache“ (Menschlichkeit, Gesetzlichkeit), während die Masse der Bevölkerung noch die „alte Sprache“ sprach (Sündenböcke jagen, verhaften und vernichten). Fräulein (oder Frau? egal) M. Dobson geht gekonnt mit ihren Quellen um und steht auch nicht alleine in ihrer Bewertung da. D. Kozlov hat herausgefunden, dass Leserbriefe aus dem Jahre 1956 noch weitestgehend von der stalinistischen Sprache geprägt waren, von der Suche nach Sündenböcken, nach Volksfeinden, nach „Würmern“, „Parasiten“ etc., etwa wenn es um korrupte Fabrikdirektoren und Manager ging.

Was hat das mit dem Film Der kalte Sommer des Jahres 1953 zu tun? Der Film würde wahrscheinlich von jedem dahergelaufenen Filmkritiker als Leuchtfackel der „perestrojka“ behandelt werden, weil es ja irgendwie um GULag und so geht. Wenn man die Thesen von M. Dobson verarbeitet, dann könnte man fast meinen, dass dieser Film von 1987 eine stalinistische Botschaft mit sich trägt. Im Grunde scheint das Lagersystem ja fast schon richtig und gerecht gewesen zu sein, wenn denn so viele Kriminelle dort saßen. Das scheint der Film ausdrücken zu wollen. Die beiden „Helden“ des Films saßen vor ihrer Verbannung auch, werden aber im Film als die große Ausnahme dargestellt, als Leute, die tatsächlich völlig unschuldig waren.

Wer Solženicyn liest wird eine ähnliche Interpretation finden. Denn auch er als sowjetischer Dissident (aufgrund seines Antisemitismus ist er für mich keineswegs eine moralische Instanz) teilt die Häftlinge in Kategorien ein. Kriminelle sind für ihn ein Abschaum, der den „GULag“ genauso verdient hat wie alle inhaftierten Kommunisten. Diese Lesart der Lagererfahrung wird übrigens von vielen ehemaligen Dissidenten durchaus geteilt.

Also… Der kalte Sommer des Jahres 1953 als echter „perestrojka“-Film? Eher nicht! Vielmehr widerspiegelt er, nein, er setzt eine Paranoia in Szene, die viele Sowjetbürger im Jahre 1953 angesichts der Amnestien verspürten: die Angst vor Leuten, die irgendwie wohl doch rechtmäßig „saßen“. Die Geschichtsschreibung hat gezeigt, dass Verbrechen amnestierter Häftlinge nicht so massenhaft in Erscheinung traten wie die Denunziationen solcher Verbrechen… Sprich: Diskrepanz zwischen real existierendem und gesellschaftlich gefühltem Verbrechen. Interessanterweise ein großes Problem moderner und „postmoderner“ Gesellschaften wie zum Beispiel in Deutschland.

Nun also: guter Film, schlechter Film? Ein stalinistischer Film? Mit einer miserablen Synchronisation und einer fürchterlichen Bildqualität wurde die Sperrigkeit der Inszenierung noch ganz besonders hervorgestrichen. Während bei anderen sowjetischen Filmen die „sperrige“ Inszenierung teils wirklich gelingt, hat Der kalte Sommer des Jahres 53 manchmal schwache, und manchmal auch wirklich starke Momente. Höhepunkt sind die paar Minuten im Wald, als „Scott Glenn“ das Mädchen rettet und zwei der Kriminellen nach einer Katz-und-Maus-Jagd erschießt. Actionreich und mit einigen interessanten Bildern und Kameraeinstellungen. Der Oberboss der Kriminellen, der ertränkt wird, sieht übrigens ein bisschen wie der ehemalige NKVD-Chef Genrich Jagoda aus, also dem Vor-Vorgänger Berijas. Also… Scott Glenn, Jagoda, Dorfmädels, Verfolgungsjagden und Shoot-outs… ist immerhin auch etwas.

Berija wurde im Juni 1953 verhaftet und kurze Zeit danach hingerichtet. Seine Nachfolger verfolgten nicht mehr ganz so umfassende Reformpläne wie er. Mit größtenteils halbherzigen (bzw. teils wahrhaftig durchgeknallten und verrückten) Reformen wurstelten sie sich bis in die 1980er Jahre durch. Dann kam der Mann, der Chruščevs Kurs wieder aufgriff… oder doch etwa Berijas?

Diary of the Dave #13 – Hitchcock

Hitchcock hat einmal gesagt: „Manche Filme sind ein Stück Leben. Meine Filme sind ein Stück Kuchen.“

Und ich muss gleich brechen!!! Was gerade meinem Magen zugemutet wurde, ist eigentlich fast schon zu viel des Guten. Und das geht schon seit etwa drei Tagen so… man möchte fast sagen eine chronische Magenverstimmung wegen schlechtem Kuchen. Woher kommt das? Kurzfassung: Ich habe gerade Hitchcocks „Jamaica Inn“ (deutsch: Die Taverne von Jamaika) gesehen. Ich muss gestehen, dass ich gerade wirklich zögere, ob ich ihn zum schlechtesten Hitchcock-Film kröne, den ich jemals gesehen habe (mittlerweile habe ich 33 seiner Filme gesehen). Aber diesen Platz nimmt eigentlich „The Paradine Case“ ein (oh mein Gott, welche Verschwendung von über zwei Stunden das war!). Also mal unter uns: Hitch hat einige ziemliche künstlerische Flops in seiner Karriere verzapft. Aber das ist absolut scheißegal. Wer „Vertigo“, „Rear Window“, „Marnie“, „Shadows of a Doubt“, „Strangers on a Train“, „North by Northwest“, „Psycho“, „Rope“, „Notorious“ und noch viele andere Meisterwerke (darunter auch „stille“ Meisterwerke wie „The Wrong Man“ oder „Foreign Correspondent“) gedreht hat, dem kann man wirklich alles verzeihen. ALLES!!! SELBST „THE PARADINE CASE“ UND SOGAR „THE JAMAICA INN“!.

Nun wie kam es dazu, dass ich vertrockneten Streuselkuchen (ich hasse Streuselkuchen) statt einem Stück leckeren Schokokuchen (ich liebe Schokokuchen) bekommen habe. Letzten Freitag habe ich in einer Kaufhauskette meines Vertrauens – weder Schmidt noch Mayer – das Angebot 5 DVDs für den Preis von 4 genutzt. Darunter waren drei Hitchcock-Filme die ich erstens noch nie gesehen hatte und zweitens chronologisch zueinander passen, da sie die englische Phase zwischen 1932 und 1939 abdecken: „Number Seventeen“, „Secret Agent“ und „Jamaica Inn“. Man wird’s kaum glauben, aber die Qualität nahm praktisch mit jedem Film weiter ab.

Fangen wir mit Number Seventeen (deutsch: Nummer siebzehn) an, den ich vorgestern gesehen habe. Was ich an Alfred Hitchcock liebe, ist die Tatsache, dass er Form und Inhalt wie kaum ein anderer Regisseur in eine absolut perfekte Balance bringen kann. Oder anders gesagt: die Story stimmt und der ästhetische Stil ist perfekt. „Number Seventeen“ fängt mit einem absolut unkontrollierten Amoklauf des Stils an. Stark bewegte Kamera, ein Spiel mit Licht und Schatten, was den Film in den ersten zehn Minuten stellenweise wie ein abstraktes Kunstwerk aussehen lässt, ein Spielen mit dem Ton, mit den Geräuschen, so dass einem kalte Schauer den Rücken runterlaufen, und eine Methodik des Schnittes, der möglicherweise Kulešov grüßen läßt, den Jump-Cut aber um fast dreißig Jahre vorwegnimmt. Handlung: Typ geht in ein grusliges Haus, trifft dort im ersten Stock einen Penner und eine Leiche. Problem (im Film): Wer hat den Mann getötet, wenn es nicht der Penner war, und wer ist eigentlich der Typ? Problem (am Film): die etwa ersten zehn Minuten sind einige Momente völlig verrückter Avantgarde. Danach lassen die filmischen Spielereien immer mehr nach, während eine größtenteils völlig unlogische und unverständliche Story einfach wie eine Naturgewalt versucht, sich ihren Weg zu bahnen. Beim Zuschauer kommen leider nur Bruchstücke davon an. Ob das vielleicht an den Schauspielern liegt, die wie nicht mehr integrierbare Stummfilmschauspieler zweiter Kategorie versuchen, in einem Tonfilm zu schauspielern (der oftmals eher die Ästhetik eines Stummfilms aufweist, insbesondere in den wirklich großartigen ersten paar Minuten)? Wer weiß? Es folgen schließlich einige Actionszenen mit einem Zug, die die Spannung aufrecht erhalten, aber nach 65 Minuten ist das ganze vorbei. A propos: es ging um irgendwelche Diamantenräuber, die aus England abhauen wollen, indem sie in einem Haus, das komischerweise direkt über einem Bahngleis liegt, sich zuerst mit komischen Codewörtern versammeln, um dann über besagte Bahn direkt nach Frankreich abzuhauen. Klingt verwirrend? Ist es auch! Die ersten paar Minuten von Number Seventeen sind auf jeden Fall ein Augen- und Ohrenschmaus. Pure Form. Es grenzt schon an Parodie… oder totale Abstraktion… oder beides…

Secret Agent (deutsch: Geheimagent) durfte ich in einer furchtbaren deutschen Synchro sehen, da es sich um eine total lieblose DVD-Billigausgabe handelt. Das hat den Film nicht wirklich besser gemacht. Peter Lorre hat etwas zu viel des Guten gemacht, und das ist noch sehr gelinde ausgedrückt (die deutsche Synchro bediente sich ausführlich des „foreigner talk“). Was den Film vielleicht interessant macht, ist dass der Held ein Anti-Held, der vordergründige Bösewicht ein Unschuldiger, der wirkliche Bösewicht ein leicht tollpatschiger Charmeur und der Gehilfe des Guten ein sexbesessener Sadist ist. Die Story kann sich aber aufgrund vieler zu lang geratener Szenen, die oftmals unnötig, wenn nicht sogar lächerlich sind, nicht entfalten. Es gibt keine Spannung, da man etwa 45 Minuten vor der Enthüllung des eigentlichen Bösewichtes dessen Identität errät. Also 85 Minuten meiner wertvollen Zeit unwiderruflich verloren? Nun ja: die Szene in der Kirche von Langenthal schafft es vielleicht nicht in den Kanon der zehn unvergesslichsten Hitch-Szenen, aber sie ist trotzdem bemerkenswert. Man errät zwar ziemlich schnell, was „los ist“, aber der Einsatz des Tons (oder besser gesagt eines Block-Akkords) ist sehr sehr beunruhigend! Die Montage der Mordszene hat zumindest gewisse Ansätze zum „klassischen Hitchcock“, ist aber auf keinen Fall mit der berühmten Royal-Albert-Hall-Szene gleichzusetzen. Und der Schluss war unlogisch und kitschig, wie überhaupt die ganze Liebesgeschichte des Films kitschig war.

Jamaica Inn… ich weiß nicht… Irgendwie bin ich etwas sprachlos. Wenn man bei Minute 35 von 95 schon ungeduldig auf die Uhr schaut, ist das sicher kein gutes Zeichen. Besonders wenn man dies alle paar Minuten dann wiederholt. Nein! Das ist irgendwie gerade ein bisschen zu viel für mich: hölzerne Story und Schauspieler, keine einzige Szene, an die man sich irgendwie positiv erinnern kann… So mag ich meinen Hitch nicht. Das ist kein Kuchen, den ich mit Freude esse. Nein, das ist ein vertrocknetes Stück Rhabarber-Zwetschgen-Kuchen… mit Schimmelrändern… und jemand hat draufgespuckt… Wenn ich die fünf besten Hitchcock-Filme auflisten müsste, würde ich wohl in schwere Nöte geraten: „Vertigo“ und „Rear Window“ gehören auf jeden Fall dazu, aber welche anderen drei soll ich nehmen?

Die fünf schlechtesten: „The Paradine Case“, „Jamaica Inn“, sicherlich auch „Der zerrissene Vorhang“, und „Topaz“ (kalter Krieg spielen war keine gute Idee, Hitch!). Und der fünfte? „Secret Agent“ ist vielleicht ein Kandidat.

Was ist jetzt zu tun gegen diese Magenverstimmung: dieses Jahr noch mindestens fünf, nein! besser zehn wirkliche Meisterwerke von Hitch schauen. Die Auswahl ist ja groß!

Diary of the Dave #12 – Außer Atem

Mein erstes Erlebnis mit Godards großem Meisterwerk (auch wenn er selbst den Film wohl inzwischen hasst) war weder besonders erquicklich, noch besonders lang. Im zarten Alter von zwölf, maximal aber vierzehn Jahren habe ich Außer Atem (im Original: A bout de souffle) bei einer Ausstrahlung beim immer wieder geliebten Sender arte geschaut. „Geschaut“ ist sicherlich viel zu viel gesagt, denn ich habe nach etwa zwanzig Minuten (allerhöchstens!) aufgegeben. Für meine zarten und jugendlichen Augen (die zugegebenermaßen damals noch besser funktionierten als heute) war das ganze einfach zu viel… und gleichermaßen zu wenig. Zu viel Herumgehopse (terminus technicus: jump cut) und zu wenig… Story? … Spannung? … „intelligente“ Dialoge? Das zweite Mal sah ich den Film im wohl einzigen Ort der Welt, wo man ihn auch sehen sollte, nämlich im Kino. In meinem Fall im „Mon Ami“ in Weimar, damals (2002? 2003?) noch das wirklich führende Programmkino der Stadt. Irgendwie bin ich da nicht nach zwanzig Minuten aus dem Film rausgegangen, vielleicht deshalb, weil ich ihn in Begleitung sah… oder vielleicht war es einfach nur ergötzend, die Phasenverschiebung des Lachens zwischen dem französisch-verstehenden Teil des Publikums (also mir) und dem nicht ganz so französisch-sattelfesten Teil der Anwesenden (also der Mehrheit) zu genießen: die frankophilen lachten manchmal vor und manchmal nachdem der Witz in den Untertiteln gefallen war… oder vielleicht begann der Film einfach, mir zu gefallen…

2007 kam er erneut im bereits genannten Kino. Es war der Frühling 2007 und ein kleiner Giftzwerg aus Neuilly machte sich gerade daran, den Élysée zu erobern. Er sitzt übrigens immer noch dort. Ich hingegen machte mich daran wie üblich die Weltherrschaft zu erobern. Und im Frühling 2007 standen die Chancen dafür sogar ziemlich gut. Wie sich herausstellte, wurde ich dann doch etwas zurückgeworfen, aber ich arbeite trotzdem weiter daran. Irgendwie verbinde ich die Sichtung von A bout de souffle im Frühling 2007 mit der französischen Präsidentschaftskampagne und mit einer komischen WG-Party, auf der lauter komische Leute waren und die ich, glaube ich, erst um sechs Uhr morgens verließ. Vielleicht passierte alles am gleichen Tag? Michel Poiccard wurde auf Pariser Kopfsteinpflaster erschossen, ich schoss mich auf einer zwiespältigen Veranstaltung ab und Nikolaus der Erste wurde zum Kaiser… ich meine Präsidenten Frankreichs bombardiert…

Im Jahre 2008 hätte ich den Film noch einmal mehr im Ami sehen können/sollen/müssen. Aber im Trubel der Dinge, meines Studiums, meines Lebens, meiner Gier nach Weltherrschaft war mir das Kinoprogramm etwas zu spät in die Hände gefallen. Was auch fast dieses Mal passiert wäre, hätte ich nicht das Filmplakat im Kino gesehen. 3. Dezember: wahrscheinlich hätte ich das Programm unter normalen Umständen erst am 10. oder am 15. in die Hände bekommen und hätte mich dumm und dämlich geärgert. Mir in den Arsch gebissen. Car… „Après tout, je suis con“!

Ist zum Glück aber nicht passiert. Und so ging ich heute Abend zum ersten Mal bei solchen Temperaturen ins Kino (-12 Grad). Erstaunlich und verwirrend zugleich, dafür dass ich den Film doch mit frühlinghaften Impressionen und ihren entsprechenden Temperaturen verbinde. Und für sechs Euro (Eintritt plus Becks) kam ich in den Genuss, mich in einen der Ami-Sessel niederlassen zu können. Wie gesagt: der Ami ist nicht mehr das, was er früher einmal war. Die schönen Schwarz-Weiß-Poster von Audrey Hepburn und Robert De Niro, die im Kino-Saal an den Wänden hingen, vermisse ich. Die Zusammenführung von Ticket-Kasse und Getränkeverkauf wirkt fast wie eine Überstülpung von Hartz IV auf die Programmkino-Landschaft. Die jiddische Tango-Musik, die den Kinogänger auf den Film einstimmen sollte, war aber durchaus nicht unangenehm. Das Kinoprogramm fing dann so an, wie jedes Kinoprogramm anfangen sollte: mit den Trailern. Zugegeben: für Filme, die bereits vor einem halben Jahr herausgekommen waren oder auch vor vier (nicht nur Jean-Luc Godard, sondern auch Woody Allen hat in diesen Tagen Geburtstag).

Und dann fing es richtig an. Mein allererster Eindruck, den ich bei meiner allerersten Sitzung des Films hatte, wurde nur zum Teil bestätigt: auf keinen Fall zu wenig, auf jeden Fall zu viel… und zwar im positiven Sinne. Mit schlechteren Augen aber einem besseren Verständnis für Film im Allgemeinen genoss ich das, was mir zehn Jahre zuvor verwehrt geblieben war. Der erste relative Ruhepunkt des Films ist die Szene in Patricias Zimmer (wohlgemerkt: nur „relativ“). Bis dahin kann der Film einem durchaus den Eindruck vermitteln, dass man zum ersten Mal in seinem Leben einen Kinofilm sieht. Die Schnitte, die berühmten jump cuts, die teils verwirrende Verwendung der Filmmusik, gekoppelt, man möchte sagen verzahnt, mit Dialogen und vor allem Monologen, die so bedeutungsschwanger und sinnfrei zugleich sind… und die Posen Belmondos, die zwischen extremer Künstlichkeit und völliger Natürlichkeit schwanken.

Die Ambivalenz zwischen einem schroffen Realismus, und einer teils bis zur Absurdität geführten Künstlichkeit durchzieht den ganzen Film. Der Realismus wird am deutlichsten an den Straßenszenen mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg, weil da immer so zahlreiche Passanten in die Kamera reinschauen: wie Godard Raoul Coutard auf einem Rollstuhl durch die Straßen schob, war sicher einen Hingucker wert. Die extreme Künstlichkeit erreicht ihren Höhepunkt in dem Interview am Flughafen Orly mit dem rumänisch-stämmigen Schriftsteller, gespielt von Jean-Pierre Melville! Endlos cool mit seiner Sonnenbrille und seinen bizarren Antworten auf meist auch bizarre Fragen. „Devenir immortel, et puis mourir!“

Da heute ganze sechs Zuschauer den Film schauten, von denen wohl nur zwei aufmerksam waren (ich zähl mich mal dazu), war die Phasenverschiebung der Lacher nicht ganz so spaßig wie bei den letzten beiden Sitzungen. Nichtsdestotrotz war es wieder einmal sehr schön, den Film zu sehen, wenngleich in einer Laserdisc-Aufführung: das Bild ist dabei sicher klarer, aber es fehlte der Charme verschlissener Filmrollen.

Zurück bleiben zahlreiche Bilder, die kaum aufzuzählen sind: die Posen Belmondos vor den Kinoaushängen mit Bogart, die „Erwürgung“ Patricias, die Straßenlaternen, die angehen und damit die Nacht einleiten, die Kamerafahrten durch Paris, das Treffen Patricias mit ihrem Co-Journalisten in diesem verglasten Restaurant vor den belebten Straßen von Paris, Patricia auf den Rolltreppen, die Auffahrt im Fahrstuhl mit dem unglücklichen Autobesitzer und selbstverständlich die „New York Herald Tribune“-Sequenz. Martial Solals Musik setzt sich ebenfalls für Stunden als Ohrwurm fest, mit dem einen hektischen und dem einen eher romantischen Thema. Die Monologe und manchmal auch Dialoge sind reinste Leckerbissen, insbesondere für jeden Menschen, der französisch zur Genüge versteht. Denn auch darum geht es in dem Film: um sprachliche Kommunikationsprobleme. Und so kann Patricia am Schluss nur instinktiv erahnen, als was sie Michel Poiccard bezeichnet hat.

Warum sich ein Vergleich mit „Taxi Driver“, „Goodfellas“, „El Mariachi“, und „Inglorious Basterds“ anbieten würde, liegt selbstverständlich auf der Hand. Nur dass „A bout de souffle“ diesen Filmen mindestens sechzehn Jahre voraus war.

Nach der Illusion, den ersten Kinofilm meines Lebens gesehen zu haben, watete ich durch die vom Schnee nicht befreiten Bürgersteige und Straßen nach Hause. Und bevor ich es vergesse: joyeux anniversaire, cher Jean-Luc!

Diary of the Dave #11 – Exit Through The Gift Shop

Wenn Traditionen nur Erfindungen sind, dann leben wir wohl in einer permanenten Revolution. Das heißt wohl, dass wir wohl dann die Revolution erfinden müssen!

In 36 Stunden werde ich etwas tun, was mein Leben wohl nicht direkt ändern wird. Nichtsdestotrotz wird es eine sehr bedeutende Handlung sein. Ja, wirklich. Als Mensch, der für die zeremoniellen Aspekte des Lebens eine gewisse Affinität hat, würde ich wohl dieses Ereignis irgendwie feiern wollen… und gut in seiner zeremoniellen Inszenierung vorbereiten. Aber aus Erfahrung weiß ich nun, dass manche Menschen ihre Dissertation abgeben und ein paar Tage zuvor: ein Bewerbungsgespräch vermasseln, auf große, bedeutende und kleine nicht so bedeutende Feiern gehen, viel Alkohol trinken, viel Fleisch auf Grillparties essen und zum Frühstück Zombie-Filme und Holocaust-Filme gucken! Klingt absolut nicht zeremoniell!!! Ist es wohl auch nicht.

Ich hingegen lief heute bei Wind und Wetter, nun vor allem bei Matsch und -3 Grad zu meinem Lieblingskino, dem besten Programmkino im thüringischen Bermudadreieck. Kurz nach neun an einem Dienstag kann man auf den Straßen viele komische Leute sehen: zum Beispiel junge Damen, die auf merkwürdige Art Selbstgespräche führen. Oder einen entfernten Bekannten eines Kumpels, den man auf irgendeiner verrückten Feier im Frühling getroffen hatte, und das weit jenseits des fünften Bieres! Solche Leute meinen es nett, halten jedoch die Zeitplanung auf. Und so kam ich zu spät, nein nicht zu spät an sich, aber trotzdem zu spät nach meiner Berechnung ins Lichthaus in Weimar. Ticket und Edelstoff geholt, aber der Saal 2 war schon freigegeben und die besten Plätze waren schon weg (zweite Reihe Mitte; ich bekam zweite Reihe mit linker Ausrichtung). Wen sah ich im Kino? Ja, zunächst eine Mitarbeiterin der Unibibo in Jena… und die Dame, die Selbstgespräche führte. Eine Kostprobe aus Tom Waits‘ „Night on Earth“-Soundtrack und drei Trailer später fing der Film an. Ich kenne mich mit Street-Art nicht wirklich aus, aber der Trailer von Exit Through The Gift Shop war einfach dermaßen cool gewesen. Auch die Musik! Nun denn… der Film war tatsächlich cool. Er war sehr lustig. Er war sehr absurd und passte irgendwie zu meiner Grundstimmung. Thierry Guetta, ein Franzose in L.A., fing irgendwann an, alles mit seiner Kamera festzuhalten (wirklich ALLES! Auch die Kloschüssel, bei der gerade die Spülung getätigt wurde). Über seinen Cousin „Space Invader“ kommt er auf die Idee, Straßen-Künstler zu filmen, und sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Und er filmte… und filmte… und filmte…

So viel zum ersten Teil. Irgendwann hatte er alle Künstler begleitet, die es so in London und L.A. und in Frankreich und wo auch immer gibt. Bis auf… Banksy. Durch einen Zufall wird Guetta zu dessem Chauffeur und Mobiltelefon-Berater, und fängt auch an, ihn zu filmen. Banksy findet das irgendwie toll, seine Mitarbeiter nicht so. Egal… Irgendwann meint er, dass Thierry (so heisst übrigens ein Verwandter von mir!) vielleicht einen Film über Straßenkünstler zusammenschneiden sollte. Großes Problem: Thierry hat hunderte von unbeschrifteten Kassetten und hat niemals daran gedacht, wirklich eines Tages mit dem Material etwas anzufangen. Nichtsdestotrotz schneidet er einen Film zusammen. Das Resultat: ein 90-minütiger Trailer der so aussieht, als würde ein Speedfreak durch „900 Kanäle“ [so im Film] zappen. Banksy und Co. sind not amused. Sie merken, dass Thierry tatsächlich das ist, was er anscheinend oberflächlich ist: ein zugegeben harmloser psychisch Gestörter mit einer Kamera. Deshalb nimmt Banksy die Sache mit dem Film selbst in die Hand. Und so entstand sozusagen der Film! Wie „meta“: Film im Film, der neu geschnitten wird… und so… Damit Thierry nichts mehr mit seiner Kamera anstellt, rät ihm Banksy, nach L. A. zurück zu reisen und dort ein bisschen Straßenkunst zu machen.

Und da fängt der dritte Teil an: die Verwandlung von Thierry Guetta in Mr. Brainwash. Diese/r fängt/fangen an, selbst Straßenkunst zu machen. Irgendwann (sprich: nach sehr kurzer Zeit) beginnt er, sich selbst ernst zu nehmen und geht zur Massenproduktion über. Und dann geht er dazu über, eine Ausstellung zu organisieren, nach dem Vorbild von Banksys erster L. A.-Ausstellung… nur halt größer und mit mehr Kunstwerken und und und. Dabei sind ihm seine Netzwerke in der Straßenkunstszene zwecks Propaganda sehr nützlich. Mit ein bisschen geschicktem Marketing entsteht ein großer Hype um MBW (Mr. Brainwash). Die Organisatoren seiner Ausstellung merken zwar, dass der Typ keine Ahnung von Kunst und keine Ahnung von Logistik für eine Kunstausstellung hat. Macht nichts: die Leute stürmen seine Austellung, er wird gefeiert und feiert sich selbst: „Warhol has passed away, but I‘m here.“ Zurück bleiben die etwas angepissten wahren Straßenkünstler, die weiterhin mit wenig Kohle und einem halblegalen Status leben müssen. Fin!

Dieser Film war handwerklich und künstlerisch sehr viel besser gedreht als praktisch alle Dokus, die unsere Welt überschwemmen, mit ihren blöden dummen Reenactments und co. Dabei handelt es sich ja nicht einmal um eine Doku! Ich kenne nicht so viele Biopics: „Control“ hatte mir sehr gut gefallen, aber das ist auch wirklich ein Kunstfilm. Ich denke, dass viele Biopics nicht an diesen Film rankommen können! Dabei ist Exit Through The Gift Shop kein Biopic!

Irgendwie habe ich gerade diesen Film so beschrieben wie einen Thriller über einen Trickbetrüger… oder wie eine Coming-of-age-Komödie, die irgendwie zum Horror-Trip wird… oder wie ein Morgan-Spurlock-Film, bei dem es darum geht, sich 30 Tage nur von Kleister und Sprühfarbe zu ernähren?

Nun denn… mein Schreibfluss wird langsamer und ich muss zum Ende kommen. 36 Stunden noch und ich schreibe gerade über einen Film, den ich nicht einmal richtig klassifizieren kann. Ich weiß: nicht sehr zeremoniell. Aber was soll‘s. Man tut, was man kann, und was vielleicht ein bisschen Spass macht. Und der Abend war irgendwie spaßig!