Diary of the Dave #13 – Hitchcock

Hitchcock hat einmal gesagt: „Manche Filme sind ein Stück Leben. Meine Filme sind ein Stück Kuchen.“

Und ich muss gleich brechen!!! Was gerade meinem Magen zugemutet wurde, ist eigentlich fast schon zu viel des Guten. Und das geht schon seit etwa drei Tagen so… man möchte fast sagen eine chronische Magenverstimmung wegen schlechtem Kuchen. Woher kommt das? Kurzfassung: Ich habe gerade Hitchcocks „Jamaica Inn“ (deutsch: Die Taverne von Jamaika) gesehen. Ich muss gestehen, dass ich gerade wirklich zögere, ob ich ihn zum schlechtesten Hitchcock-Film kröne, den ich jemals gesehen habe (mittlerweile habe ich 33 seiner Filme gesehen). Aber diesen Platz nimmt eigentlich „The Paradine Case“ ein (oh mein Gott, welche Verschwendung von über zwei Stunden das war!). Also mal unter uns: Hitch hat einige ziemliche künstlerische Flops in seiner Karriere verzapft. Aber das ist absolut scheißegal. Wer „Vertigo“, „Rear Window“, „Marnie“, „Shadows of a Doubt“, „Strangers on a Train“, „North by Northwest“, „Psycho“, „Rope“, „Notorious“ und noch viele andere Meisterwerke (darunter auch „stille“ Meisterwerke wie „The Wrong Man“ oder „Foreign Correspondent“) gedreht hat, dem kann man wirklich alles verzeihen. ALLES!!! SELBST „THE PARADINE CASE“ UND SOGAR „THE JAMAICA INN“!.

Nun wie kam es dazu, dass ich vertrockneten Streuselkuchen (ich hasse Streuselkuchen) statt einem Stück leckeren Schokokuchen (ich liebe Schokokuchen) bekommen habe. Letzten Freitag habe ich in einer Kaufhauskette meines Vertrauens – weder Schmidt noch Mayer – das Angebot 5 DVDs für den Preis von 4 genutzt. Darunter waren drei Hitchcock-Filme die ich erstens noch nie gesehen hatte und zweitens chronologisch zueinander passen, da sie die englische Phase zwischen 1932 und 1939 abdecken: „Number Seventeen“, „Secret Agent“ und „Jamaica Inn“. Man wird’s kaum glauben, aber die Qualität nahm praktisch mit jedem Film weiter ab.

Fangen wir mit Number Seventeen (deutsch: Nummer siebzehn) an, den ich vorgestern gesehen habe. Was ich an Alfred Hitchcock liebe, ist die Tatsache, dass er Form und Inhalt wie kaum ein anderer Regisseur in eine absolut perfekte Balance bringen kann. Oder anders gesagt: die Story stimmt und der ästhetische Stil ist perfekt. „Number Seventeen“ fängt mit einem absolut unkontrollierten Amoklauf des Stils an. Stark bewegte Kamera, ein Spiel mit Licht und Schatten, was den Film in den ersten zehn Minuten stellenweise wie ein abstraktes Kunstwerk aussehen lässt, ein Spielen mit dem Ton, mit den Geräuschen, so dass einem kalte Schauer den Rücken runterlaufen, und eine Methodik des Schnittes, der möglicherweise Kulešov grüßen läßt, den Jump-Cut aber um fast dreißig Jahre vorwegnimmt. Handlung: Typ geht in ein grusliges Haus, trifft dort im ersten Stock einen Penner und eine Leiche. Problem (im Film): Wer hat den Mann getötet, wenn es nicht der Penner war, und wer ist eigentlich der Typ? Problem (am Film): die etwa ersten zehn Minuten sind einige Momente völlig verrückter Avantgarde. Danach lassen die filmischen Spielereien immer mehr nach, während eine größtenteils völlig unlogische und unverständliche Story einfach wie eine Naturgewalt versucht, sich ihren Weg zu bahnen. Beim Zuschauer kommen leider nur Bruchstücke davon an. Ob das vielleicht an den Schauspielern liegt, die wie nicht mehr integrierbare Stummfilmschauspieler zweiter Kategorie versuchen, in einem Tonfilm zu schauspielern (der oftmals eher die Ästhetik eines Stummfilms aufweist, insbesondere in den wirklich großartigen ersten paar Minuten)? Wer weiß? Es folgen schließlich einige Actionszenen mit einem Zug, die die Spannung aufrecht erhalten, aber nach 65 Minuten ist das ganze vorbei. A propos: es ging um irgendwelche Diamantenräuber, die aus England abhauen wollen, indem sie in einem Haus, das komischerweise direkt über einem Bahngleis liegt, sich zuerst mit komischen Codewörtern versammeln, um dann über besagte Bahn direkt nach Frankreich abzuhauen. Klingt verwirrend? Ist es auch! Die ersten paar Minuten von Number Seventeen sind auf jeden Fall ein Augen- und Ohrenschmaus. Pure Form. Es grenzt schon an Parodie… oder totale Abstraktion… oder beides…

Secret Agent (deutsch: Geheimagent) durfte ich in einer furchtbaren deutschen Synchro sehen, da es sich um eine total lieblose DVD-Billigausgabe handelt. Das hat den Film nicht wirklich besser gemacht. Peter Lorre hat etwas zu viel des Guten gemacht, und das ist noch sehr gelinde ausgedrückt (die deutsche Synchro bediente sich ausführlich des „foreigner talk“). Was den Film vielleicht interessant macht, ist dass der Held ein Anti-Held, der vordergründige Bösewicht ein Unschuldiger, der wirkliche Bösewicht ein leicht tollpatschiger Charmeur und der Gehilfe des Guten ein sexbesessener Sadist ist. Die Story kann sich aber aufgrund vieler zu lang geratener Szenen, die oftmals unnötig, wenn nicht sogar lächerlich sind, nicht entfalten. Es gibt keine Spannung, da man etwa 45 Minuten vor der Enthüllung des eigentlichen Bösewichtes dessen Identität errät. Also 85 Minuten meiner wertvollen Zeit unwiderruflich verloren? Nun ja: die Szene in der Kirche von Langenthal schafft es vielleicht nicht in den Kanon der zehn unvergesslichsten Hitch-Szenen, aber sie ist trotzdem bemerkenswert. Man errät zwar ziemlich schnell, was „los ist“, aber der Einsatz des Tons (oder besser gesagt eines Block-Akkords) ist sehr sehr beunruhigend! Die Montage der Mordszene hat zumindest gewisse Ansätze zum „klassischen Hitchcock“, ist aber auf keinen Fall mit der berühmten Royal-Albert-Hall-Szene gleichzusetzen. Und der Schluss war unlogisch und kitschig, wie überhaupt die ganze Liebesgeschichte des Films kitschig war.

Jamaica Inn… ich weiß nicht… Irgendwie bin ich etwas sprachlos. Wenn man bei Minute 35 von 95 schon ungeduldig auf die Uhr schaut, ist das sicher kein gutes Zeichen. Besonders wenn man dies alle paar Minuten dann wiederholt. Nein! Das ist irgendwie gerade ein bisschen zu viel für mich: hölzerne Story und Schauspieler, keine einzige Szene, an die man sich irgendwie positiv erinnern kann… So mag ich meinen Hitch nicht. Das ist kein Kuchen, den ich mit Freude esse. Nein, das ist ein vertrocknetes Stück Rhabarber-Zwetschgen-Kuchen… mit Schimmelrändern… und jemand hat draufgespuckt… Wenn ich die fünf besten Hitchcock-Filme auflisten müsste, würde ich wohl in schwere Nöte geraten: „Vertigo“ und „Rear Window“ gehören auf jeden Fall dazu, aber welche anderen drei soll ich nehmen?

Die fünf schlechtesten: „The Paradine Case“, „Jamaica Inn“, sicherlich auch „Der zerrissene Vorhang“, und „Topaz“ (kalter Krieg spielen war keine gute Idee, Hitch!). Und der fünfte? „Secret Agent“ ist vielleicht ein Kandidat.

Was ist jetzt zu tun gegen diese Magenverstimmung: dieses Jahr noch mindestens fünf, nein! besser zehn wirkliche Meisterwerke von Hitch schauen. Die Auswahl ist ja groß!

David (25) ist Osteuropahistoriker, nebenberuflich aber auch ein leidenschaftlicher Cinephile. "Diary of the Dave" - kleine Ausschnitte aus seinem intimen Tagebuch - bietet tiefe Einblicke in Davids höchst persönliche und subjektive Gedankenwelt, die auch vor kleinen Spoilern, zornigen Abrechnungen, nostalgischen Erinnerungen und einem Hauch schwülstiger Prätention nicht Halt macht.

4 Antworten auf „Diary of the Dave #13 – Hitchcock“

  1. Zwei interessante Zitate zu „Jamaica Inn“ aus der imdb:

    „Was reportedly one of Alfred Hitchcock’s most unhappy directing jobs. He felt caught between Charles Laughton and Laughton’s business partners. Later, he said that he did not so much direct the film as referee it.“

    „Alfred Hitchcock made no cameo appearance in this movie.“

    Sehr schade, wollte ihn mir immer mal anschauen, da ich mal im original „Jamaica Inn“ in Cornwall war.

    Man kann den Film übrigens hier gucken: http://www.archive.org/details/Jamaica_Inn

  2. @Milhouse: Danke für den Verweis zu Archive.org. Werde mir den allein schon wegen Charles Laughton bei nächster Gelegenheit anschauen.

  3. Da möchte ich doch mal eine Lanze für „Jamica Inn“ brechen. Das ist einer der Filme, die etwas isoliert in seinem Werk stehen, weil sie relativ untypisch sind, d.h. nicht das enthalten, was wir später als zentrale Elemente eines Hitchcocks-Films wahrnehmen. Für sich genommen und an den Maßstäben der Zeit gemessen ist das ein ansprechender historischer Abenteuerfilm.

    Mit Selbsteinschätzungen von Regisseuren sollte man eh vorsichtig sein. Ich glaube ja, Charles Laughton kommt deshalb so schlecht bei Hitchcock weg, weil er sich ihm nicht unterordnete, sondern mindestens so ein Riesenego besaß wie Hitchcock. Er reißt den Film sehr typisch an sich und macht ein Laughton-Film draus, womit Hitchcock nicht umgehen konnte. Schlechte Schaupieler kann ich auch nicht erkennen. Maureen O’Hara schlecht? Nie! Das Problem von „Jamaica Inn“ liegt in meinen Augen darin, dass er einer heute ziemlich verstaubten Genredramaturgie der dreißiger Jahre folgt. Eher etwas für Liebhaber alter Piratenfilme also, weniger für Hitchcockfans.

    Wirklich dramaturgische Schwächen hat – wie du hier gut ausgeführt hast – dagegen der viel bekanntere „Secret Agent“. Aber der wird trotzdem häufig gelobt, weil er vom Stoff her ein „typischer“ Hitchcock ist. Als wenn dies allein schon ein Qualitätsmerkmal wäre.

    „Mumber Seventeen“ ist hingegen nicht so gelungen in meinen Augen, ja mißraten mit vielen handwerklichen Fehlern. Trotzdem hat er ganz eigene atmosphärische Reize, das sehe ich ähnlich. Aber Parodie? Nein, nein, das war schnöde inszenatorische Ungelenkigkeit von Hitchcock.

  4. Ich muss Sieben Berge wie üblich zustimmen: Laughton, der tagelang das zu seiner Rolle passende Tänzeln geübt haben soll, dürfte eine regelrechte Landplage gewesen sein. Es scheint mir aber auch, Hitch habe mit Filmen, die in früheren Epochen spielten (sind ja nicht viele) allgemein Probleme gehabt. Aus diesem Grunde freue ich mich schon auf den Tag, an dem unser lieber Dave nach dem Genuss eines widerlichen Kürbiskuchens den von mir durchaus nicht verachteten „Torn Curtain“ durch den Überflop „Under Capricorn“ (1949) ersetzt. ;)

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