Der Traum alle Träume zu beenden – Der zerrissene Vorhang (USA 1966)

Hitchcocks Hinweis, er habe, u.a., zeigen wollen, »wie schwierig es wirklich ist, einen Mann zu töten«, ist selber mehrbödig: schließlich haben die Deutschen gerade zwei Jahrzehnte zuvor bewiesen, wie einfach dies doch ist, und gleich millionenfach.
(Klaus Theweleit – Deutschlandfilme)

Vor einigen Jahren habe ich eine Fotoausstellung in einem Kaufhaus gesehen. Das Thema war „Jena in den 80er Jahren“. Im Grunde sind nur wenige der Ausstellungsstücke bei mir hängen geblieben, weshalb es auch Bilder aus der gesamten DDR gewesen sein können oder welche aus anderen Jahrzehnten. Die, die hängen blieben, zeigten mir aber zusammengedampft die Welt, wie ich sie in den ersten 8 Jahren meines Lebens kennengelernt hatte. Ich hatte seltsamerweise das Gefühl, etwas zu verstehen und zu erleben, was ich schon vergessen hatte. Es waren Schwarz-Weiß-Bilder von Menschen, die auf der Straße saßen oder gingen. Nicht mehr. Hell waren sie und Licht strömte aus den Sommertagen hervor. Aber aus den Menschen war jede Hoffnung entwichen. Perspektivlosigkeit stand in ihren Gesichtern. Die Platten oder der Beton, aus dem der Weg war, sie waren zersprungen und in den Händen wurde oft ein Bier gehalten. Es waren die Menschen von nebenan, nicht irgendjemand bedeutendes. Es waren Menschen, die da saßen und ertrugen, was ihnen für Karten zugespielt wurden. Wunderschöne Aufnahmen einer kleinen, engen Welt, in der es keinen Glanz gab. Selbst zur Realitätsflucht gab es eben nur Bier. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich dies auch so runtergeschluckt hätte … im Wissen, dass es eh nichts Besseres gab. Ich will hier niemand verunglimpfen. Die DDR war Scheiße und besser war es anderswo sicherlich irgendwie, aber wo ist es schon schön. Diese Menschen jedenfalls, so traurig, hatten für mich etwas, dieses je ne sais quoi, das einem das Herz aufgehen lässt, es war etwas Heimat, Erinnerungen an ein andere Welt, die all die Scheiße und all das Schöne in sich trugen.

Torn Curtain spielt in einer anderen Zeit. Wahrscheinlich steckt deshalb etwas mehr Glamour hinter all den eintönigen Farben, die Alfred Hitchcock seinen Kameramann John F. Warren aufnehmen lässt. Die DDR hat viel von ihrer Trostlosigkeit bekommen, wie sie in besagter Ausstellung zu sehen war, aber doch ist etwas anders. Vielleicht kommt der Glamour einfach von der Handlung, in der es um Spione, Flucht und das Retten der freien Welt geht. Der amerikanische Wissenschaftler Michael Armstrong (Paul Newman) spielt ein doppeltes Spiel. Er tut so, als wäre er ein Überläufer, um in Leipzig dem ostdeutschen Genie Lindt eine nukleare Formel zu entwenden, welche die westliche Welt vor ein unlösbares Problem stellt und dem Klassenfeind einen Vorsprung im Weltretten/Wettrüsten gibt. Der Hahnenkamm, der hier dem ein oder anderem hochgegangen sein muss, ist jedenfalls deutlich zu spüren. Die kleine DDR in der Hand von welterschütternden Dingen. Die pompösen Wünsche einer biederen Arbeiter- und Bauernnation danach ein Global Player zu sein, hier in einem Film aus Hollywood werden sie wahr.

Ansonsten herrschte aber eine Staatsideologie des Verzichts, die nach Mäßigung, kühlem Kopf und Kadertreue verlangte. Und darin lag das Gefängnis der DDR … auch für sich selbst. Irgendwie brach das Mehrwollen zwar immer wieder irgendwo hervor, aber die Realität war tief im Griff des trostlosen Begnügens. Torn Curtain zeigt diese triste Nation nicht wie sie realiter war, sondern wie sie im Herzen aussah … grau in grau. Bunt ist verboten. Gegen Ende, Newman mit seiner Sarah Sherman (Julie Andrews), seiner Verlobten, und der Formel auf der Flucht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat, treffen sie auf eine Frau, die einen farbenfrohen Schal trägt und vor Gefühlen überschäumt. Es ist die Bouboulina aus Alexis Sorbas (Lila Kedrova). Und auch hier hängt sie einer Phantasiewelt nach. Sie möchte fliehen aus dieser farblosen Welt und von den beiden erhofft sie sich eine Bürgschaft für ihr Visum. Ihre Gefühle am Rande der Hoffnung bersten auseinander. Diese Flut kann sie hinter dem brechenden Damm ihrer Fassade kaum noch zurückhalten. Verzweiflung und Hysterie ihrer Hoffnung machen erst deutlich, wie schlimm die abgelegten Hoffnungen der anderen Menschen wiegen. Erst hier wird klar, warum Hitchcock mit seinem Denunziationsstaat in Torn Curtain, in dem jeder einem jeden überwacht, genau ins Herz der DDR getroffen hat. Nicht die Stasi (wie die Gestapo vor ihr) hat funktioniert, weil sie Unmengen von Menschen dazu gebracht hat, sich gegenseitig zu verraten, sondern diese Leute haben sich verraten und die Stasi zu ihrem Erfolg verholfen, weil sie Angst hatten.  Angst, dass jemand im Gegensatz zu ihnen nicht auf seine Träume verzichten musste. Angst, dass sie das Wenige auch noch verlieren würden. Die gutmütigen Menschen sind entweder auch von dieser Angst gezeichnet oder sind so fremd in ihrer Umwelt, wie die ewig gutgelaunten Figuren in DDR-Komödien.

Solidarität braucht Träume. Die hat hier niemand. Weder die Doppeldenk-Koryphäen Heinrich Gerhard (Hansjörg Felmy als Stasi-Chef) und Karl Manfred (Günter Strack), leblose wie bedrohliche Robotermenschen, die ohne Innenleben ihrer Ideologie folgen und mit der einen Hand grüßen, während sie in der anderen schon das Messer bereithalten, noch Stasi-Agent Gromek (Wolfgang Kieling), der, weil die Zukunft nichts bringt, immer von der Vergangenheit in New York träumt, von einem anderen Leben, das aber unerreichbar ist, und noch so viele andere, sie alle haben vor allem aufgegeben. Ein paar Dissidenten, die um Herrn Jacobi (David Opatoshu) ihr Leben als Fluchthelfer für ein gerechtes Abenteuer riskieren, sie träumen noch etwas von der Freiheit anderer Menschen, aber auch sie stehen immer am Rand zum Verrat. Eine tschechische Ballerina wird gegen Ende auf einer Bühne ihre Pirouetten drehen. In den kurzen Pausen zum Schwungholen hält das Bild kurz an und zeigt uns – mit jeder Umdrehung immer näher kommend – ihren voll Wahnsinn und Hass starrenden Blick auf das Flüchtlingspaar im Publikum. Immer wieder im berstenden Stakkato der Schnitt zwischen Blick und einer zarten Hoffnung, kurz vorm Erlöschen, kurz vorm Ertapptsein.  Es ist, als schmeiße die Inszenierung die Niedertracht einer ganzen Nation in Form von filmischen Dolchen.

Torn Curtain ist mit seinem Aufbau um einen Mann, der für die Welt kämpft, und einer Frau, die für ihre Liebe selbst in die DDR geht, mit all seinen Umwegen und der ewigen Flucht vielleicht einer von Hitchcocks tristesten Filmen. In Vertigo oder Die Vögel hatte er noch kurz zuvor Bilder voller Untiefen gezaubert, die Schatten warfen, in denen sich phantastische Welten verbargen. Hier gibt es zwar abermals Bilder, die er nach Belieben zusammenschob und die nichts mit Realität zu tun haben – wo auch mal aus einem Fenster der DDR in den 60ern Nachkriegsruinen zu sehen sind – doch hier steckt in ihnen nur das Grau einer farblosen Welt … mit kleinen Ängsten und ohne Träume. Und damit porträtierte er vielleicht nicht die realexistierende DDR, sondern Leute, die damit leben mussten, dass ihr Staat sie so haben wollte.

Diary of the Dave #13 – Hitchcock

Hitchcock hat einmal gesagt: „Manche Filme sind ein Stück Leben. Meine Filme sind ein Stück Kuchen.“

Und ich muss gleich brechen!!! Was gerade meinem Magen zugemutet wurde, ist eigentlich fast schon zu viel des Guten. Und das geht schon seit etwa drei Tagen so… man möchte fast sagen eine chronische Magenverstimmung wegen schlechtem Kuchen. Woher kommt das? Kurzfassung: Ich habe gerade Hitchcocks „Jamaica Inn“ (deutsch: Die Taverne von Jamaika) gesehen. Ich muss gestehen, dass ich gerade wirklich zögere, ob ich ihn zum schlechtesten Hitchcock-Film kröne, den ich jemals gesehen habe (mittlerweile habe ich 33 seiner Filme gesehen). Aber diesen Platz nimmt eigentlich „The Paradine Case“ ein (oh mein Gott, welche Verschwendung von über zwei Stunden das war!). Also mal unter uns: Hitch hat einige ziemliche künstlerische Flops in seiner Karriere verzapft. Aber das ist absolut scheißegal. Wer „Vertigo“, „Rear Window“, „Marnie“, „Shadows of a Doubt“, „Strangers on a Train“, „North by Northwest“, „Psycho“, „Rope“, „Notorious“ und noch viele andere Meisterwerke (darunter auch „stille“ Meisterwerke wie „The Wrong Man“ oder „Foreign Correspondent“) gedreht hat, dem kann man wirklich alles verzeihen. ALLES!!! SELBST „THE PARADINE CASE“ UND SOGAR „THE JAMAICA INN“!.

Nun wie kam es dazu, dass ich vertrockneten Streuselkuchen (ich hasse Streuselkuchen) statt einem Stück leckeren Schokokuchen (ich liebe Schokokuchen) bekommen habe. Letzten Freitag habe ich in einer Kaufhauskette meines Vertrauens – weder Schmidt noch Mayer – das Angebot 5 DVDs für den Preis von 4 genutzt. Darunter waren drei Hitchcock-Filme die ich erstens noch nie gesehen hatte und zweitens chronologisch zueinander passen, da sie die englische Phase zwischen 1932 und 1939 abdecken: „Number Seventeen“, „Secret Agent“ und „Jamaica Inn“. Man wird’s kaum glauben, aber die Qualität nahm praktisch mit jedem Film weiter ab.

Fangen wir mit Number Seventeen (deutsch: Nummer siebzehn) an, den ich vorgestern gesehen habe. Was ich an Alfred Hitchcock liebe, ist die Tatsache, dass er Form und Inhalt wie kaum ein anderer Regisseur in eine absolut perfekte Balance bringen kann. Oder anders gesagt: die Story stimmt und der ästhetische Stil ist perfekt. „Number Seventeen“ fängt mit einem absolut unkontrollierten Amoklauf des Stils an. Stark bewegte Kamera, ein Spiel mit Licht und Schatten, was den Film in den ersten zehn Minuten stellenweise wie ein abstraktes Kunstwerk aussehen lässt, ein Spielen mit dem Ton, mit den Geräuschen, so dass einem kalte Schauer den Rücken runterlaufen, und eine Methodik des Schnittes, der möglicherweise Kulešov grüßen läßt, den Jump-Cut aber um fast dreißig Jahre vorwegnimmt. Handlung: Typ geht in ein grusliges Haus, trifft dort im ersten Stock einen Penner und eine Leiche. Problem (im Film): Wer hat den Mann getötet, wenn es nicht der Penner war, und wer ist eigentlich der Typ? Problem (am Film): die etwa ersten zehn Minuten sind einige Momente völlig verrückter Avantgarde. Danach lassen die filmischen Spielereien immer mehr nach, während eine größtenteils völlig unlogische und unverständliche Story einfach wie eine Naturgewalt versucht, sich ihren Weg zu bahnen. Beim Zuschauer kommen leider nur Bruchstücke davon an. Ob das vielleicht an den Schauspielern liegt, die wie nicht mehr integrierbare Stummfilmschauspieler zweiter Kategorie versuchen, in einem Tonfilm zu schauspielern (der oftmals eher die Ästhetik eines Stummfilms aufweist, insbesondere in den wirklich großartigen ersten paar Minuten)? Wer weiß? Es folgen schließlich einige Actionszenen mit einem Zug, die die Spannung aufrecht erhalten, aber nach 65 Minuten ist das ganze vorbei. A propos: es ging um irgendwelche Diamantenräuber, die aus England abhauen wollen, indem sie in einem Haus, das komischerweise direkt über einem Bahngleis liegt, sich zuerst mit komischen Codewörtern versammeln, um dann über besagte Bahn direkt nach Frankreich abzuhauen. Klingt verwirrend? Ist es auch! Die ersten paar Minuten von Number Seventeen sind auf jeden Fall ein Augen- und Ohrenschmaus. Pure Form. Es grenzt schon an Parodie… oder totale Abstraktion… oder beides…

Secret Agent (deutsch: Geheimagent) durfte ich in einer furchtbaren deutschen Synchro sehen, da es sich um eine total lieblose DVD-Billigausgabe handelt. Das hat den Film nicht wirklich besser gemacht. Peter Lorre hat etwas zu viel des Guten gemacht, und das ist noch sehr gelinde ausgedrückt (die deutsche Synchro bediente sich ausführlich des „foreigner talk“). Was den Film vielleicht interessant macht, ist dass der Held ein Anti-Held, der vordergründige Bösewicht ein Unschuldiger, der wirkliche Bösewicht ein leicht tollpatschiger Charmeur und der Gehilfe des Guten ein sexbesessener Sadist ist. Die Story kann sich aber aufgrund vieler zu lang geratener Szenen, die oftmals unnötig, wenn nicht sogar lächerlich sind, nicht entfalten. Es gibt keine Spannung, da man etwa 45 Minuten vor der Enthüllung des eigentlichen Bösewichtes dessen Identität errät. Also 85 Minuten meiner wertvollen Zeit unwiderruflich verloren? Nun ja: die Szene in der Kirche von Langenthal schafft es vielleicht nicht in den Kanon der zehn unvergesslichsten Hitch-Szenen, aber sie ist trotzdem bemerkenswert. Man errät zwar ziemlich schnell, was „los ist“, aber der Einsatz des Tons (oder besser gesagt eines Block-Akkords) ist sehr sehr beunruhigend! Die Montage der Mordszene hat zumindest gewisse Ansätze zum „klassischen Hitchcock“, ist aber auf keinen Fall mit der berühmten Royal-Albert-Hall-Szene gleichzusetzen. Und der Schluss war unlogisch und kitschig, wie überhaupt die ganze Liebesgeschichte des Films kitschig war.

Jamaica Inn… ich weiß nicht… Irgendwie bin ich etwas sprachlos. Wenn man bei Minute 35 von 95 schon ungeduldig auf die Uhr schaut, ist das sicher kein gutes Zeichen. Besonders wenn man dies alle paar Minuten dann wiederholt. Nein! Das ist irgendwie gerade ein bisschen zu viel für mich: hölzerne Story und Schauspieler, keine einzige Szene, an die man sich irgendwie positiv erinnern kann… So mag ich meinen Hitch nicht. Das ist kein Kuchen, den ich mit Freude esse. Nein, das ist ein vertrocknetes Stück Rhabarber-Zwetschgen-Kuchen… mit Schimmelrändern… und jemand hat draufgespuckt… Wenn ich die fünf besten Hitchcock-Filme auflisten müsste, würde ich wohl in schwere Nöte geraten: „Vertigo“ und „Rear Window“ gehören auf jeden Fall dazu, aber welche anderen drei soll ich nehmen?

Die fünf schlechtesten: „The Paradine Case“, „Jamaica Inn“, sicherlich auch „Der zerrissene Vorhang“, und „Topaz“ (kalter Krieg spielen war keine gute Idee, Hitch!). Und der fünfte? „Secret Agent“ ist vielleicht ein Kandidat.

Was ist jetzt zu tun gegen diese Magenverstimmung: dieses Jahr noch mindestens fünf, nein! besser zehn wirkliche Meisterwerke von Hitch schauen. Die Auswahl ist ja groß!

Psychotische Ordnung – Psycho (USA 1960) & Braindead (NZ 1992)

Diesmal soll es um zwei Filme gehen, die keiner Vorstellung bedürfen. Dass jeder Psycho gesehen hat, setze ich einfach mal voraus, und sollte dies auf den Leser dieser Zeilen nicht zutreffen, dann sollte dieser auch nicht weiterlesen. Denn wenn es einen Film gibt, den man unvoreingenommen sehen sollte und bei dem jedes Wort ein Spoiler ist, dann dieser. Braindead hingegen lebt nicht wie „Psycho“ von dem perfiden, kalt und perfekt inszenierten Terror, der in jeder seiner Wendungen steckt, sondern von seiner Anarchie und dem wild in Szene gesetzten Splatter. Splatter, der so bewusst übertrieben wird, dass er dem Zuschauer Lachsalve auf Lachsalve entlockt, denn, was man heute kaum noch bemerkt, Peter Jackson war einst ein großer Komiker. Und genau darin liegt die Differenz zwischen beiden Filmen begründet, die sich im Grunde nur in einem Punkt unterscheiden, der alle weiteren Ungleichheiten bedingt: der eine ist sehr sachlich und aufgeräumt, während der andere chaotisch und überschäumend ist.

Schaut man sich die Hauptsteller der beiden Filme an (wobei „Psycho“ natürlich damit spielt, wer denn der Hauptdarsteller ist, doch nehme ich mir einfach heraus zu sagen, dass Norman derjenige welcher ist), so sieht man, dass beide Filme dieselbe Ausgangsposition haben, von denen sie sich diametral entgegengesetzt fortbewegen. Norman Bates und Lionel Cosgrove sind Mitte/Ende Zwanzig und leben mit einer dominanten Mutter zusammen. Beide schaffen es nicht sich von ihr zu lösen. Auch wie sie auf das Eindringen des weiblichen Geschlechts in ihre Welt reagieren, hat Ähnlichkeiten, doch hier fangen die Unterschiede an. Beide versuchen die Frauen zu verdrängen, doch der eine tötet dafür, während der andere den weniger radikalen Weg des Meidens sucht. Jeder dieser Wege erleidet einen fulminanten Schiffbruch an deren Ende die Zerrüttung Normans steht und die blutüberströmte Rettung Lionels. Der Schlüssel für diese ungleichen Verläufe liegt im Dreck begraben.

Wenden wir uns also erst einmal Norman Bates zu. Am Ende des Films erfahren wir, dass er seine Mutter umgebracht hat. Umgebracht weil sie nicht seiner Vorstellung einer reinen Mutter entsprach. Sie hatte eine Affäre. Sie hinterging so nicht nur Norman sondern auch seinen toten Vater. Ihr sexuelles Verlangen passte nicht in Normans Welt. Sie musste dafür bestraft werden, dass sie nicht die vollkommene Mutter war. His mother was a clinging, demanding woman and for years the two of them lived as if there was no one else in the world. Die Mutter, nach dem Tod ihres Mannes wohl selbst auf der Suche nach Stabilität, wurde zur Tyrannin für Norman und so zur Verkörperung seines Über-Ichs. Als sie diesen Anforderungen nicht gerecht wurde, tötete Norman sie und erschuf seine „perfekte“ Mutter in seinem Kopf. Eine Mutter die ihn zur Perfektion antrieb, weil sie diese verkörperte, und ihn ständig verlachte, weil er am Unmöglichen scheiterte.

Nur in seiner kleinen Welt schaffte er es Ordnung zu halten, von seiner Mutter angespornt. Schließlich ist das Über-Ich die Instanz der Regeln und des Gesetzes. Doch sobald eine Frau im Motel abstieg, die ihn erregte, bröckelte die Reinheit des Bates-Motels. Um es mit Klaus Theweleits fulminanten Buch „Männerphantasien“ zu sagen: Norman spürte in solchen Momenten seine Erektion bröckeln. Sein Ganzkörperpanzer, sein verkrampfter Versuch seine klar umrahmte (erigierte) Selbstdefinition aufrechtzuhalten, wäre durch Sex, Ejakulation, Entspannung zusammengebrochen. Aus Rache bringt Normans Mutter die Frauen um. Mord als Sexsubstitut. Die Überreste dieses Exzesses externalisiert Norman im entfernten Sumpf. Und man muss nicht „The pervert’s guide to cinema“ gesehen haben, um Normans Stolz nach dem Putzen des Bades nachvollziehen zu können. Das von Blut verdreckte Bad erstrahlt, als ob nichts geschehen wäre. Der Einbruch des Chaos der Welt ist verschwunden. Die perfekte kleine Welt, in der es weder Dreck noch Unsicherheit gibt, ist wieder hergestellt. Eine Welt, die Gefühlen feindlich entgegen steht. Deshalb ist die Wand von Normans Esszimmer auch mit ausgestopften Tieren übersät. Sie sind der Tod mit dem Norman sich umgibt. Damit ist nicht die Tötung von Frauen gemeint, sondern der Tod des Lebens… er kann das Leben nur noch akzeptieren, wenn es fein säuberlich an der Wand hängt und keine Probleme mehr macht. Auch Hitchcocks Inszenierung, ordentlich, sauber und rationell, spiegelt auf diese Weise Normans Subjektivität.

Lionel Cosgrove ist da etwas anders gestrickt. Die Welt, die seine Aufräumversuche sabotiert, die immer wieder Chaos in seine Ordnung einbrechen lässt, bringt in ihm die Erkenntnis zum reifen, dass er sich nur retten kann, wenn er sich mitten in den Sumpf schmeißt. Die Ursache für die aufziehende Flut an Körpersäften liegt wiedermal bei der Mutter. Diese verfolgt ihren Sohn bei seinem vielleicht ersten Date in den Zoo, um ihn zu kontrollieren… ihn und die Gefahr, verlassen zu werden. Als Lionel sein Date Paquita in den Arm nimmt, wird die Mutter prompt von einem Rattenaffenzombieirgendwas gebissen. Langsam aber sicher verwandelt sie sich in der Folgezeit in einen Zombie, der sehr viel Aufmerksamkeit beansprucht. Paquita verschwindet mehr und mehr aus dem Geschehen, welches vor allem aus Lionels Versuchen besteht, seine Mutter und ihre zunehmende Zahl an Opfern/Mitzombies im Keller vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Er möchte die häusliche Ordnung wahren, doch immer mehr bricht das Unterdrückte in die Wirklichkeit. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich den untoten Massen zu stellen.

Lionel will wieder Ordnung herstellen, doch nicht die sterile Ordnung von Norman Bates sondern eine viel rudimentärere. Er will nicht den Stolz seiner Mutter, sondern die Befreiung. Folglich greift er nicht zum Wischmopp, sondern zum Häckselgerät seines Vertrauens und taucht die Szenerie in Schmutz, Schlamm, Schleim, Brei und Blut. Es folgt die Feier einer Erlösung. Mit jedem Tropfen blutigen Breis in seinem Gesicht fallen ihm unsägliche Lasten an Schuldgefühlen und Unsicherheiten von den Schultern. Nichts ist von den festen Konturen zu sehen, die Norman Bates so krampfhaft sucht. Alles löst sich auf in einem großen, undefinierbaren Mus. Was zu sehen ist, ist folglich nichts anderes, als dass Lionel sich mit seinen Gefühlen auseinandersetzt, dieser Schlick, unsagbar und ohne fest zu definierende Grenzen. Eben ganz im Gegenteil zu Norman, der seine Gefühle unterdrückt, der eine pervertierte, reine Ratio anwendet, um die Welt seinen Vorstellungen anzupassen und dadurch zu töten. Lionel aber kämpft sich zur Auflösung seines krankhaften Über-Ichs durch und lässt alle Dämme brechen, die er um sich errichtet hat.

Die wilde und keinesfalls perfekte Form des Films ist somit ebenfalls das optimale Vehikel, um diese Befreiung zu begehen. Denn letztlich ist die Machart des Films genau so breiig und nur mit minimalen Konturen versehen wie der gezeigte Sumpf aus Zombieüberresten. Es gab scheinbar keine Idee, die nicht sofort umgesetzt wurde … dramaturgisch passend oder nicht. Kung Fu Priester, kopulierende Zombies, intelligentes Gedärm, nichts zeigt der Anarchie (des Humors) Grenzen auf.

Das fulminante Ende von Braindead führt Lionel aber noch einmal in gefährliche Nähe zu Norman. Ersterer wird von seiner Mutter in deren Uterus zurückgesaugt. Das untote Mutter(Über-Ich-)monster bleibt zurück. Lionel droht wie Norman zu enden, doch er kämpft sich durch die Grenzen dieses Körpers zurück und wird ein zweites Mal geboren, inklusive einer Flut aus Blut und Nachgeburt. Der Film endet mit zwei von Schleim überzogenen Menschen, die sich, ohne sich zu säubern (und das ist das wahrlich Große des Films) küssen. Überzogen vom Schlabber der Untoten hat sich Lionel Cosgrove mit der Hilfe einer nicht weniger triefenden Paquita von seinen Komplexen befreit und ist so ein neuer Mensch geworden.

Damit soll nicht gesagt sein, dass man keinen Spaß dabei empfinden darf, wenn man mal wieder sein Badezimmer putzt und von dem angerichteten Blutbad befreit. Das kann man ruhig genießen, aber man sollte auch ab und zu genießen, in die Unordnung, in den Schlamm zu springen und den geliebten Menschen zu küssen, bevor man die Lippen von den Resten der Gedärme und Körperflüssigkeiten der umliegenden Kadaver befreit hat.

Kontrapunkt: Klassiker

Die vergangene Woche sollte bei mir von den Klassikern des amerikanischen Effekte-Kinos geprägt sein. Deswegen hier nun wie üblich ein paar kurze Besprechungen, die gut 50 Jahre mehr oder weniger signifikante tricktechnische Meilensteine umspannen. Dabei möchte ich chronologisch vorgehen:

King Kong und die weiße Frau (USA 1933)

Wer kennt es nicht, das große Finale auf dem Empire State Building, als Propellerflugzeuge den emporgestiegenen Riesenaffen Kong, der Fay Wray in seiner Hand hält, buchstäblich zu Fall bringen wollen? Diese Szenen sind ebenso legendär und historisch wie die mittlerweile antiquierte Stop-Motion-Tricktechnik von Guru Willis H. O’Brien, der u. a. Ray Harryhausen (Tricktechniker von u. a. „Jason und die Argonauten“) sein Handwerk beibrachte.

Der Film weiß noch bis heute mit seinen gigantischen Sets (Stichwort: das große Tor) zu überzeugen, jedoch nehmen ihn einige zu statische Passagen, die in der Theaterinszenierung verwurzelt zu sein scheinen, etwas von seiner Dynamik. Der hierzulande zu Unrecht kaum bekannte Klassiker des Menschenjagd-Films Graf Zaroff – Genie des Bösen wurde von Regisseur Ernest B. Schoedsack und Darstellerin Fay Wray parallel in teilweise denselben Dschungel-Sets gedreht. Ein großer Klassiker, der bisher zweimal neuverfilmt wurde, aber keineswegs ohne Schwächen.

Die Vögel (USA 1963)

Einer der populärsten Filme Hitchcocks, aber keinesfalls sein bester. Zwar vermag der Film in Sachen Suspense durchaus zu überzeugen, jedoch überwiegen am Ende jene psychoanalytischen Konzepte in den oftmals allzu langweilig geratenen Dialogen, die Die Vögel in seiner ersten Hälfte nur schwer genießbar machen.

Tippi Hedren und Rod Taylor eröffnen den Film im Stile einer belanglosen screwball comedy, um dann über ein Psychodrama bis hin zum Horrorthriller zu sich zu finden. Auch die nach wie vor beeindruckenden Toneffekte mit sehr präsentem Vogelkrächzen und das apokalyptische Ende können den Eindruck nicht verstellen, dass dieser Genre-Mix zu unausgegoren geraten ist. Das von Alfred Hitchcock zuhauf angewendete Rückprojektionsverfahren (Darsteller agieren im Studio vor einer Leinwand) zaubert heute gar eher ein Lächeln aufs Gesicht des Cineasten. Weiteres von mir – insbesondere im Hinblick auf die Psychologie der Figuren – hier.

Unheimliche Begegnung der dritten Art (USA/GB 1977)

Ein Film, der öfter als „Klassiker“ gehandelt wird, aber dank Steven Spielbergs nerviger, übertriebener Heile-Welt-Inszenierung keiner ist. Die ersten zwei Drittel des mit den Entdeckungen eines französischen Wissenschaftlers (Francois Truffaut) alternierenden, zergliedert wirkenden Plots um den freakigen Familienvater Richard Dreyfuss, der ebenso wie andere ein paar Lichter von Alienraumschiffen am Himmel sieht und fortan mit Kartoffelbrei und anderen Dingen seine Vision eines zylinderförmigen Berges baut, wirken zuweilen unfreiwillig komisch. Doch ab dem Zeitpunkt, als er sich in die abgesperrte Bergregion Wyomings begibt, wo Militärs und Wissenschaftler den ersten Kontakt mit einer außerirdischen Spezies haben, nimmt der Film an Fahrt auf und überspielt endlich seine stetige Gehaltlosigkeit.

Natürlich kommen die Aliens in guter Absicht, anders war es bei Spielberg nicht zu erwarten. Doch zeigt er lieber minutiös die Vorgänge bei der ersten Begegnung, als die „E.T.“-Vorgänger eine – auch nur irgendeine – Botschaft verkünden zu lassen. Anspruchsvoll und ansprechend sind hingegen zumindest Vilmos Zsigmonds mit Farben und Perspektiven spielende, oscarprämierte Kameraarbeit und die bis heute überzeugenden Licht-Spezialeffekte.

Ein Königreich vor unserer Zeit (USA 1989)

In dem hier vorliegenden, von Trash-Papst Roger Corman produzierten Spektakel spielt der zu dieser Zeit im B-Movie-Morast versunkene David Carradine („Kung Fu“) den mittlerweile als Gastwirt arbeitenden Kämpfer „der Finstere“, der zusammen mit einem dicken Zauberer, Nachwuchs-Magier Tyor und einer knapp bekleideten Königin mit prallen Titten drei von bösen Zauberern – u. a. dargestellt von Sid Haig (Captain Spaulding aus „Haus der 1000 Leichen“) – unterjochte Königreiche befreien muss.

Die billigen Ritter- und Zaubererkostüme sehen albern aus, dümmliche Komik durchdringt den Film, was Sprüche wie – übrigens aufgesagt vom beidarmigen Schwertkampf mit einarmigen Fechten verwechselndem Carradine – „Dumme Menschen sind tote Menschen. Die Hausordnung kennst du doch!“ auf die Beschuldigung, er habe jemanden in seiner Spelunke getötet, beweisen. Die Action-Choreografie ist lausig, teilweise aus einem Film namens „Barbarian Queen“ geklaut und die Effekte (meine Highlights: Lichtblitze und ein Gummimonster in einem Verließ, das immer durch Nebelschwaden verdeckt ist) sind richtig schlecht. Dennoch aufgrund einiger leicht bekleideter Mädels, dem freiwilligen Hang zur Lächerlichkeit sowie pubertärer Sex-Thematisierung ein kleiner – sehr kleiner – „Klassiker“ des Fantasy-Trashs.