Track of the Cat – Spur in den Bergen (USA 1954)

Wenn der einen Tag später auf dem Festival in Bologna gezeigte „Trommeln am Mohawk“ von John Ford den offiziellen Startschuss zur Eroberung des amerikanischen Kontinents thematisiert, erzählt Track of the Cat – Spur in den Bergen pessimistisch von deren Endstadium. Nicht die Weite der Prärie mit ihrer Freiheit gibt in William A. Wellmans Film dem Wilden Westen ein idealisiertes Gesicht. Verschneite, menschenfeindliche Berge umgeben indes die Ranch der Familie Bridges. Auch wenn das Frontier-Erlebnis der Siedler immer wieder gern für jedweden positiven Zug des American Way of Life verantwortlich gemacht wurde, zeugen die Risse, welche innerhalb dieser Familie verlaufen von den Opfern und Sünden, die das Leben im unentdeckten Land mit sich bringt. Die herrische Mutter (Beulah Bondi) bestimmt diktatorisch über die Geschicke der einzelnen Familienmitglieder. Einzig Sohn Curt (Robert Mitchum) steht der Patriarchin in Sachen Tyrannisierung der Verwandschaft in nichts nach. Gwen (Teresa Wright), die Freundin seines jüngeren Bruders Hal, wird von ihm schikaniert, während eine Heirat der beiden, d.h. ein flügge werdender Sohn der Mutter ein Dorn im Auge ist. Der Haussegen hängt überaus schief, als der auf der Ranch lebende alte Indianer Joe Sam verkündet, ein berüchtigter Berglöwe reiße wieder das Vieh der Familie. Der älteste Bruder Arthur und der herrische Curt machen sich auf den beschwerlichen Weg in die verschneiten Berge, um das Tier zu erlegen.

Hoch symbolisch sind die Handlungselemente. Im ganzen Film sieht man es nie, das Tier, welches vordergründig die Lebensgrundlage der Familie bedroht und doch eigentlich wie eine metaphysische Kraft das ganze Schicksal der Bridges in gewisse Bahnen lenkt. Mehr und mehr gefangen scheinen die Menschen in ihrem kargen, kalten Heim zu sein, während vor der Tür das Unheil unsichtbar seine Runden zieht. Ein Effekt, der von Wellman durch die filmische Collage eines Kammerspiels in der Tradition Eugene O’Neills oder Henrik Ibsens mit der monumentalen Berglandschaft eines Abenteuerfilms erzielt wird. Der Gedanke an ein einzelnes Tier bringt Furcht und Schrecken in die kleine, aber bewaffnete Gemeinschaft. Es ist die wohl tief verwurzelte Urangst, den Kräften der Natur nicht gewachsen zu sein. Das Tier ist auf einer weiteren Ebene auch das personifizierte Sammelbecken der Sünden, dessen Dasein nach Bestrafung schreit. Wellmans unheimlich depressives Werk liegt die Feststellung zu Grunde, dass der Mensch seinen Ursprung verloren hat. Er ist mit seinem Eintritt in die Zivilisation nicht mehr Teil der Natur. Das Paradies ist verloren, die Rückkehr notgedrungen ein gewaltsames Unterfangen, welches ihm wiederum die unabänderliche Trennung nur noch mehr verdeutlicht.

Einer existenziellen Bedrohung gegenüberstehend, flammen die Konflikte innerhalb der Familie umso schneller auf. Wellmans Frontier-Gemeinschaft wird von manipulativen Frauen, Tyrannen, Schwächlingen und apathischen Alkoholikern bevölkert. Es ist anscheinend nicht der Ort, an dem Tugenden florieren. Während die Mutter mit ihrer zukünftigen Schwiegertochter um die Macht über ihren offenbar entscheidungsunfähigen Sohn buhlt, ergeht sich der Vater, der von vornherein nie hatte die Zivilisation verlassen wollen, um in die Wildnis zu ziehen, in betäubenden Trinkgelagen. Sie alle zerfleischen einander verbal in der kahlen, fast schwarz-weißen Kulisse, die einem oft vergessen lässt, das man eigentlich vor einem Farbfilm sitzt. In tragenden Momenten expressiv von Wellman in Szene gesetzt, ist das Haus im Nirgendwo mehr Friedhof als alles andere. Nur vereinzelt platziert er bunte Tupfer ins ansonsten bleiche Geschehen, etwa Robert Mitchums knallrote, stets den Rest des Bildes dominierende Jacke. Im entscheidenden Augenblick aber, ist sein Curt gezwungen, sie abzulegen und die schwarz-weiße seines toten Bruders zu tragen; im Kontext des Films so etwas wie die Übergabe eines verhängnisvollen Staffelstabes.

Ein als Western getarntes Familiendrama wird natürlich zu vielerlei Enttäuschung führen, erwartet man ein Litanei-artiges Herunterbeten der gängigen Genre-Regeln. Entsprechend war der dialoglastige Film ein massiver Flop an den Kinokassen, der noch heute gern in Wellmans Filmografie übersehen wird. Dabei beweist sich der Regisseur einmal mehr als herausragender  visueller Künstler, dessen Inszenierung weit über die gängige Mise-en-scène des Klassischen Hollywood hinausgeht. Was soll man auch anderes über einen Regisseur sagen, der seinem Publikum für die gesamte Dauer einer Beerdigungsszene eine Perspektive aus der Tiefe des Grabes aufbürdet? Ohne Abstriche ist Track of the Cat ein überwältigendes Kinoerlebnis; ein trostloses Urteil über den amerikanischen Gründungsmythos, ein Psychodrama, ein so gut wie farbloser Farbfilm, ein wie ein Stummfilm daher kommendes Theaterstück, ein kondensierter Abriss des menschlichen Kampfes gegen die Natur. In einem Wort: sehenswert.

[Ebenfalls zu lesen in der OFDb seit dem 26. Juli ’09.]


Zum Weiterlesen:

Beiträge zum Festival Il Cinema Ritrovato, das vom 27. Juni bis zum 4. Juli 2009 in Bologna stattfand.

Bologna '09: Tag 1

Flight (USA 1929)

Was tun, wenn man zum Witz der Nation geworden ist? Natürlich, man meldet sich beim Marine Corps, wird Pilot und stellt während der Invasion zentralamerikanischer Länder seine Männlichkeit wieder her. Jener Logik folgt Ex-Footballer ‚Lefty‘ Phelps (Ralph Graves), nachdem er bei einem Spiel einen Touchdown errungen hat – nur leider für die gegnerische Mannschaft. Mit dem Ausbilder ‚Panama‘ Williams (Jack Holt) verbindet ihn bald eine enge Freundschaft, doch spätestens in Nicaragua kommt es zu Komplikationen, als beide des Faktes gewahr werden, dass sie in die selbe Dame verliebt sind. Frank Capras „Flight“ ist nicht gerade eine Ausgeburt liberaler Außenpolitik. Der Film, der als recht amüsante Komödie losgeht und sich dann gen Actiondrama wendet, kann aber durchaus die ein oder anderen Pluspunkte für sich verbuchen. Zum einen sind das – bedenkt man das Entstehungsjahr – ziemlich beeindruckende Doppeldeckerflüge, welche entsprechend dynamisch und schwindelerregend als Ton- wie Bildattraktion eingefangen werden. Einzig die Landungen kommen nicht ohne unfreiwillig komische Modell-Action aus. Zum anderen beweist sich Capra schon hier als Regisseur mit einem feinfühligen Auge für die unterdrückten und doch ausgedrückten Emotionen seiner Figuren. Der misslungene Heiratsantrag Jack Holts allein lohnt schon, die 110 Minuten für den Film aufzuwenden.

Track of the Cat – Spur in den Bergen (USA 1954)

Ödipale Komplexe, eine Variation des Western-Genres, eine auffällige Farbgestaltung und zu allem Überfluss noch Robert Mitchum: William A. Wellmans „Track of the Cat“ bietet alles, was das (Kritiker-)Herz begehrt. Nicht zuletzt deswegen wird der Film hier noch näher besprochen werden, daher soviel erstmal vorab: Kammerspiel und Frontierdrama samt unerbittlicher Natur kombiniert der Regisseur zu einer aufreibenden Studie einer Familie, die noch immer unter dem Schatten ihrer Schuld, verkörpert durch einen Panther in den Wäldern, lebt. Die innerfamiliäre Dynamik, geprägt von der dominanten Mutter und einem tyrannischen Sohn (Mitchum) kontrastiert Wellman mit den drohenden Bergen vor der Haustür, die eigentlich nur eines sagen: Ihr gehört hier nicht her. Die Abrechnung mit dem Gründungsmythos der USA ist nur ein weiterer Beleg für die künstlerische Größe des unterschätzten Wellman („The Public Enemy“).

Rain or Shine (USA 1930)

Ein zerhäckseltes Vergnügen ist „Rain or Shine“, der zweite frühe Capra des Tages. Die Tonfilmfassung wurde überstürzt aus dem ursprünglich als Stummfilm gedachten Film und wahllos aneinandergereihten Dialogeinlagen zusammengeschnitten. So endet der Film unvermittelt, ohne – wie es sich für das klassische Hollywoodkino eben gehört – auch nur einen Konflikt aufgelöst zu haben. Dabei besitzt „Rain or Shine“ durchaus das Potential, als eine akzeptable, wenn auch flache, Zirkuskomödie mit melancholischen Untertönen abzuschneiden. Kern und eigentlicher Hauptdarsteller des Films ist der Broadway-Star Joe Cook, ein fulminanter Alleinunterhalter allererster Güte. Nicht nur die gewagtesten Drahtseilakte und andere akrobatische Leistungen meistert der Alleskönner, sondern ein Händchen für flinke Dialoge und das wichtigste von allem – die Schauspielerei – hat er auch noch. Einen traurigen Clown spielt der Mime, der es im Kino seltsamerweise nie zum Star gebracht hat, nämlich, einer der die ewig scherzende Fassade fast zwanghaft nicht ablegen kann, selbst wenn er seine insgeheim Angebetete damit abstößt.

The Night of Counting the Years – Al-mummia (ET 1969)

An Avantgarde im weitesten Sinne erinnert der vom Ägypter Shadi Abdel Salam gedrehte „Al-mummia“, welcher in seinem Stil an europäische „Kunst“filme der 60er Jahre erinnert. Antonioni hätte seine Freude an den langen Einstellungen und den vielen beobachtenden, nicht erzählenden „Zeitbildern“ gehabt. Den Zuschauer entfremdet und fasziniert der Niedergang eines Wüstenclans, welcher von dem Verkauf alter Pharaonenschätze lebt, zugleich. Basierend auf einer wahren Geschichte meditiert der Film über das Aufkommen der Moderne und die damit einhergehenden Generationskonflikte, die eskalieren, als der junge Hauptdarsteller nicht länger am exploitierenden Lebensunterhalt seiner Ahnen teilhaben will. Selbst wenn der Film (besonders für europäische Zuschauer) nicht bis ins letzte zu entschlüsseln ist, deswegen als anstrengend in Erinnerung bleibt, fällt es schwer die Augen wegzureißen von der flimmernden, archaischen Wüstenlandschaft, die selbst wie eines der vielen Gräber wirkt, welche sie beherbergt.

Kritische Jahre – Anni difficili (I 1948)

Es muss nicht einfach gewesen sein, diesen Film im Nachkriegs-Italien zu drehen. Noch schwieriger aber war es wohl für die Italiener damals, den symbolischen Zeigefinger von Luigi Zampa zu ertragen, ohne zusammen zu zucken. „Kritische Jahre“ ist eine Anklage von Opportunimus und Nichtstun, gegen die Mitläufer und Wendehälse des Mussolini-Regimes. Aus der Sicht einer sizilianischen Familie erzählt die Satire über den Vater, der in die Partei eintritt, um seine Rente zu sichern und in Lächerliche gezogene faschistische Rituale mitmachen muss; die Stupidität der Masse, immer der aus den Lautsprechern schallenden Stimme des Duce lauschend (im ganzen Film gibt es nur eine Großaufnahme des Diktators); den Hinterzimmer-Kommunisten, denen andauernde Diskussionen alles sind, Zivilcourage aber zu aufwendig scheint. Ihr alle tragt die Schuld – das ist die Lehre des Films; und dass keiner gedenkt, die Rechnung zu zahlen. Zunächst eine reine Satire, kann sich „Kritische Jahre“ nach Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht mehr der Tragik der unweigerlich zu verkraftenden Opfer verschließen. Die Familie Piscitello muss den Preis des Faschismus bezahlen, während ihre Umgebung in die kollektive Ignoranz verfällt. Was Zampas Regie auszeichnet, ist seine Vermeidung der ausdrücklichen Verachtung für seine Figuren. Letztere schließt so ein filmischer Vorwurf nicht gerade von vornherein aus. Einen liebevollen Blick wirft er stattdessen auf ihre kauzigen Eigenheiten und das macht alles noch viel schlimmer.

Vergessen, wiedergefunden, restauriert: Il Cinema Ritrovato 2009

Die Nebenwirkungen des Kinos sind unerträgliche Kopfschmerzen, permanente Schweißausbrüche, marternder Muskelkater, ermattende Müdigkeit, stets schwankende Stimmungen und in die Höhe schießende Cholesterinwerte. Zumindest wenn man ein Filmfestival in Italien besucht. Von einer Bahn zur nächsten geht es da, dann ab ins Flugzeug, wieder der Bus und als Abrundung nochmal die Bahn. All das nicht etwa um die äußerst schöne, mit Arkadengängen und einem zuverlässigen Sommerwetter gesegnete Stadt zu erkunden, sondern den ganzen Tag in dunklen Höhlen eine Wand anzustarren. Filmfestivals können offensichtlich zur grausamen Tortur ausarten, für deren Besuch man eigentlich bezahlt werden müsste.

Ein klitzekleines bisschen dramatisiert mag das erscheinen, doch nach zwölf bis dreizehn Stunden Anreise, die nachts um drei ihren Anfang nahm, kann eigentlich nur eine Ansammlung von Ausrufezeichen das Gefühl der Ankunft am Ziel adäquat beschreiben. Das seltsame an der Sache ist nur, dass es sich nach all dem wieder einmal gelohnt hat.

Wie auch seine 22 Vorgänger hat sich diese Ausgabe von „Il Cinema Ritrovato“ in Bologna der Bewahrung des internationalen Filmerbes verschrieben. Vor allem das Fachpublikum (Filmwissenschaftler, Restauratoren, Archivare) hat sich vom 27. Juni bis zum 4. Juli in der italienischen Stadt eingefunden, um frisch restaurierte Kopien von Klassikern ebenso wie vergessenen Werken zu betrachten und jeden Abend auf der Piazza Maggiore mit den Bewohnern der Stadt Meisterwerke zu genießen. In drei Kinos (zwei Sälen der Cineteca und dem Cinema Arlecchino) wurden tagsüber Filme aus den verschiedensten Reihen gezeigt.

Letztes Jahr war es Josef von Sternberg, dieses Jahr Frank Capra, der zum Director in Focus erkoren wurde. Mr. Capra Goes to Town hieß die Reihe und bot die seltene Möglichkeit, die frühen Stumm- und Tonfilme des Meisters zu sehen, darunter seine Arbeiten mit Barbara Stanwyck. Gerade diese war eine außergewöhnliche Entdeckung, rettete sie mit ihrer bloßen Präsenz doch so manch unglaubwürdiges Happy End über die Spielzeit. Capras bekannteste Filme aus dieser Zeit – „The Bitter Tea of General Yen“ und „Platinum Blonde“ – wurden ihrem Ruf gerecht, doch überstrahlt wurden beide von „Forbidden“, welcher die für den Regisseur typische unterschwellige Melancholie und seine melodramatischen Elemente nahezu perfekt mit dem üblichen Capra-Witz verbindet. Alles in allem reichte die Qualität der Filme zwar nicht an die der Sternberg-Reihe heran, schließlich wurden die Amerika-Trilogie (über Mr. Smith, Mr. Deeds und John Doe) und andere übliche Verdächtige aus gutem Grund ausgespart. Die Sternberg-Reihe hatte sich jedoch letztendlich als qualitativ konsistenter erwiesen, denn dessen Stummfilme konnten Seite an Seite mit den berühmten Dietrich-Filmen brillieren.

Im Rahmen der jährlichen Reihe Ritrovati & Restaurati sowie der Präsentationen der von Martin Scorsese gegründeten World Cinema Foundation fanden sich dagegen unzählige Highlights wie z.B. eine neue, vollständige Fassung von Die Ferien des Monsieur Hulot, die großartige Tragiksatire Kritische Jahre über den italienischen Faschismus, der vierstündige Cut von Edward Yangs „A Brighter Summer Day“ mit dem jungen Chang Chen in der Hauptrolle und „Al-mummia“, der einzige Film des Ägypters Shadi Abdel Salam.

Am leichtesten lassen sich die Ergebnisse der Restauration für Laien wohl an der Farbe erkennen. Dementsprechend erscheint es nur logisch, dass In Search of the Color of Film sich allein diesem Thema widmete. Als Lieferant für allerhand Festival-Höhepunkte erwies sich diese Reihe, schließlich wurde im dafür ausgewählten Cinemascope-Kino Arlecchino nicht nur Godards „Pierrot le Fou“ gezeigt. Gerade die weniger bekannten Werke stellten sich als wahre Perlen des Festivals heraus. Zu den besten Filmen zählten William Wellmans Frontier-Drama Track of the Cat mit Robert Mitchum, John Fords erster Farbfilm Drums along the Mohawk, in dem sich Henry Fonda und Claudette Colbert gegen Indianer und John Carradine erwehren müssen und Albert Lewins Pandora & the Flying Dutchman, der Ava Gardner und James Mason als mythisches Liebespaar vor einem surrealistischen Hintergrund vereint.

Gekrönt wurden die Kinotage von den täglich ab 22 Uhr beginnenden Vorstellungen auf der Piazza Maggiore. So zeigte King Vidor am Dienstag die urbane Massengesellschaft der 20er Jahre in „The Crowd“, am Donnerstag war an Hand von drei Kurzfilmen ein unmittelbarer Vergleich zwischen Charlie Chaplin und Buster Keaton möglich (Keaton hat gewonnen) und am Freitag konnte man Alida Vallis und Farley Grangers Hassliebe in „Senso“ bewundern.

Mit Hilfe von Unmengen an Espressos, Cola-Dosen und italienischen Spezialitäten galt es tagtäglich den Energiehaushalt aufzufrischen. Neun Uhr morgens standen nämlich die ersten Vorstellungen an und zumeist endete der Tag auch erst Mitternacht, anschließendes Beisammensein samt Bierchen nicht mit eingerechnet. Filmfestivals sind eben kein Pappenstiel und vor allem nichts für Langschläfer, besonders wenn einem die Anreise noch drei Tage später in den Knochen steckt. Soviel zur um Mitleid heischenden Dramatisierung der Reise. Schlussendlich verliert das alles aber an Bedeutung, wenn man die seltene Möglichkeit geboten bekommt, vier bis fünf Filme am Tag zu sehen, von denen 60-70% bisher nicht einmal eine DVD-Auswertung erhalten haben und ein nicht geringer Teil diese wohl gar nicht erhalten wird. Bologna ist nicht zuletzt deswegen eine äußerst empfehlenswerte Destination für Cineasten und Cinephile, die verloren geglaubtes Kino wiederfinden wollen und das in einem einzigartigem intimen Kinoambiente abseits der kommerziellen Erwägungen von Filmmärkten und Gala-Premieren.

Alle beim Festival in Bologna gesehenen Filme werden, wie schon vor einem Jahr, demnächst an dieser Stelle mehr oder weniger ausführlich besprochen werden. Beiträge zur letzten Ausgabe findet man nach etwas Gescrolle hier.

Wichtige Informationen zu später Stunde

Da ich mich in wenigen Stunden auf die beschwerliche, von diversen Zugfahrten und Flughäfen gesäumte Reise nach Bologna begebe, sei hier nur kurz erwähnt, dass es diese Woche bei the gaffer etwa ruhiger wird. Das heißt, dass Lutz mit seinem neuen Kontrapunkt wohl einsam die Stellung halten muss. Stammleser werden vielleicht merken, dass genau vor einem Jahr eine ähnliche Meldung hier gepostet wurde. In der überaus hübschen italienischen Stadt findet dieses Jahr nämlich wieder das Festival Il Cinema Ritrovato statt und eben jenes werde ich im Rahmen eines Exkursionsseminars erneut besuchen. Diesmal werden u.a. Filme von Frank Capra, King Vidor, Jean-Luc Godard, Luchino Visconti („Senso“ – Open Air!), John Ford und Jacques Tati („Die Ferien des Monsieur Hulot“- ebenfalls Open Air!) zu sehen sein.

Wenn innerhalb der nächsten Woche also der ein oder andere Kommentar nicht freigeschaltet wird, liegt es daran. Wer mehr über das Festival erfahren möchte, kann sich den Bericht vom letzten Jahr durchlesen. Mir bleibt ansonsten nur noch, allen Lesern eine schöne, möglichst sonnige Woche zu wünschen! Arrivederci!

K&K: Edizione Speciale V

Blonde Crazy (USA 1931)

James Cagney und Joan Blondell spielen zwei Trickbetrüger und damit ist eigentlich schon alles gesagt über diesen Film, der im Rahmen der Warner Bros.-Retrospektive auf dem Festival in Bologna lief. Blonde Crazy nimmt gewissermaßen Filme wie „Zwei hinreißend verdorbene Schurken“ vorweg und kombiniert die Gauner- mit einer Love Story, die leider am Ende unnötig melodramatisch ausklingt.

Die damals wie am Fließband produzierten Warner-Filme waren und sind routiniert gemachte Unterhaltung, das gilt auch für diese Komödie von Roy Del Ruth. Ohne den Charme von Cagney und Blondell wäre „Blonde Crazy“ aber nur uninspiriert inszenierte Füllmasse.

Shanghai Express (USA 1932)

Ganz anders verhält es sich mit Josef von Sternbergs Shanghai Express*. Wie der Name schon sagt, spielt der vierte Sternberg-Dietrich-Film in China, aber das sieht man sowieso kaum. Warum soll man auch China zeigen, wenn man Marlene Dietrich hat?

Wieder einmal ist sie die Frau mit geheimnisvoller Vergangenheit und verruchter Gegenwart. Shanghai Lily – so ihr Künstlername – war einst mit einem Arzt und Offizier (Clive Brook aus „Unterwelt“) liiert und trifft ihn nun wieder in diesem Zug, der noch einige andere zwielichtige Gestalten beherbergt.

In mitten der Wirren des chinesischen Bürgerkriegs müssen Brook und die Dietrich mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit und dem fiesen Herrn Chang (Warner Oland, der in etwa so chinesisch aussieht wie Anthony Hopkins) ins Reine kommen. Mal abgesehen davon, dass dieser Film eigentlich weder Story noch nennenswerten Subtext abseits Sternbergs üblicher Obsessionen besitzt, ist er einer seiner besten.

Selten hat der Regisseur eine so geradlinige, einfache Liebesgeschichte erzählt. Vielleicht sieht Clive Brook nicht so gut aus wie Gary Cooper, vielleicht fehlt es dem ganzen Treiben an Spannung, schließlich hat Brook keine nennenswerten Rivalen. Das ist aber alles egal, wenn Sternberg eine der schönsten Einstellungen der Filmgeschichte aus dem Hut zaubert, die noch dazu den ganzen Film in wenigen Sekunden auf den Punkt bringt und die Dietrich mal eben zur Filmgöttin werden lässt. Bravo!

Touki-Bouki (SN 1973)

Ein Traum ist Touki Bouki, der auf Zelluloid gebannte Traum der Dritten Welt vom Leben in Europa und zugleich die Infragestellung desselben. Durchwoben von einem ausgeprägten, z.T. auch für europäische Augen verständlichen Symbolismus inszeniert Regisseur Mambéty episodisch die Geschichte eines senegalesischen Pärchens, dass sich nach der Auswanderung aus der aussichtslosen Heimat sehnt.

Touki Bouki ist ein visuell satter, ein bunter Film, der seine beschworene Magie mit dokumentarischen Aufnahmen des alltäglichen Lebens kombiniert und immer wieder einen ironischen Blick auf den Traum seiner Protagonisten wirkt. Wenn die zwei, auffällig westlich gekleidet, in einem Cabriolet durch die Straßen ihrer Heimat fahren, ist „Touki Bouki“ so aktuell und sehenswert wie vor dreißig Jahren.


Zum Weiterlesen:

Alle Einträge zum Festival in Bologna.

*“Shanghai Express“ ist einer der wenigen Sternberg-Filme, der in Deutschland auf DVD erschienen ist und zwar, ebenso wie „Marokko“, im Rahmen einer der unzähligen Editionen der Süddeutschen Zeitung.