Bologna '09: Tag 3

Als Versuch, die Erinnerungen an eine wunderbare Woche im sonnigen Bologna bis in die kalten Monate des ilmthüringischen Jahres zu retten, kann man diesen Beitrag lesen. Am 01. Juli jedenfalls hatte das Festival Il Cinema Ritrovato neben dem üblichen Verdächtigen (director in focus Frank Capra) zwei große Franzosen zu bieten: Jean-Luc Godard und Jacques Tati.

Ladies of Leisure (USA 1930)

Capras frühe Komödien sind überaus depressive Angelegenheiten, die an sich als Melodram problemlos funktionieren könnten, ins Korsett des Genres gezwungen, aber im schlimmsten Falle jede Homogenität vermissen lassen. Deswegen ist ein Stanwyck-Drama wie „Forbidden“ befriedigender als ein Hybrid wie „Ladies of Leisure“. Die Filmgöttin gibt hier das Partygirl, das sich in einen Künstler aus reichem Haus verliebt und so zwischen die Klassenfronten gerät. Was als Gesellschaftskomödie beginnt, entwickelt aus der Resignation über den unveränderbaren Status quo melodramatische Züge. Das eigentlich traurige an Capras Filmen aus dieser Zeit ist deshalb, dass man ihnen den Glaube an Besserung, an das Happy End, zu keiner Zeit abnimmt. Stanwycks Figur treibt ziel- und hoffnungslos durch den Moloch der Großstadt. Während der Maler Jerry (Ralph Graves) zunächst nicht mehr in ihr sieht als sein Modell, scheint ihre Liebe zu ihm ihr letzter Strohhalm zu sein. An der Härte der Umgebung – in diesem Fall der reichen Verwandtschaft Jerrys – laufen Capras Figuren Gefahr zu zerbrechen und das gilt im Besonderen für seine Filme mit Barbara Stanwyck. Doch wider jegliche Logik setzt der Drehbuch-Kitt sie am Ende wieder zusammen. Ein Schritt, der Stanwycks überragender Leistung keinesfalls gerecht wird.

Platinum Blonde (USA 1931)

Ein Sensationsjournalist bändelt mit einer verführerischen Dame aus reichem Haus (Jean Harlow) an und findet sich nach der Hochzeit in einem goldenen Käfig wieder. Vielleicht sein erster Klassiker ist Capra mit diesem einfachen Plot gelungen, der in Filmform als früher Vorläufer der Screwball-Komödien zu unterhalten weiß. Zu jeder Minute ist sich der Streifen bewusst, in welchem Genre er sich befindet und strebt zu keiner Zeit nach Höherem oder Dramatischerem und das ist gut so. Zwar gestaltet sich das Treiben daher als einigermaßen gehaltlos abseits einiger pessimistischer, aber nicht neuer, Erkenntnisse, dafür beweist „Platinum Blonde“ Capras Händchen für amüsante Wortgefechte und übersteigerte Figuren. Schließlich besteht diese Welt nur aus reichen Müttern, kauzigen Butlern und rasenden Reportern.

Elf Uhr nachts (F/I 1965)

Das hervorstechendste Merkmal an „Pierrot le fou“ (dt. Titel sinnigerweise „Elf Uhr nachts“) ist vielleicht darin zu sehen, dass nur einem einzigen Menschen die Verantwortung für seine Entstehung zugeschoben werden kann, dass nur ein Regisseur so einen Film drehen konnte und der trägt den Namen Jean-Luc Godard. Viele haben sich an der Dekonstruktion des Kinos versucht, sind mal gescheitert, mal siegreich vom Feld gezogen, doch nur einer kann so ein seltsames Potpourri, bestehend aus unzugänglichem Avantgardismus, aufblitzender Ironie und überwältigender Lebendigkeit, zu Stande bringen, wie es „Pierrot le fou“ in sich vereint. Godard baut das Erzählkino Hollywood’scher Prägung auseinander und arrangiert seine Elemente neu, so dass die Mechanismen seines vorgegaukelten reibungslosen Ablaufs – vom Genre bis zur Musik – entblößt werden. Unzählige Referenzen an Popkultur, Kunst- und Literaturgeschichte verwandeln den Film in eine stellenweise kryptische Reflexion, die sich in einem betont surrealistischen Zug kontinuierlich selbst beobachtet. Mit ihren vielen Improvisationen  bilden Jean-Paul Belmondo und Anna Karina das Herz eines Films, der in den Händen eines anderen Regisseurs im drögen Schematismus hätte ersticken können.

Die Ferien des Monsieur Hulot (F 1953)

Das einzige, was ich nach der Vorstellung von „Die Ferien des Monsieur Hulot“ auf der Piazza Maggiore in Bologna in meinem Notizbuch vermerkt habe, ist „Was soll man dazu noch sagen?“. Um diesen Satz nicht so einsam stehen zu lassen, wird an dieser Stelle noch für etwas Inhalt gesorgt. Bis in die späten Siebziger hat Jacques Tati immer wieder am ersten Auftritt seines von ihm selbst gespielten Monsieur Hulot herumgeschnitten und Szenen neu gedreht. Nun wurden die Ergebnisse der Restauration  der definitiven 88-minütigen Fassung von 1978 auf der großen Leinwand gezeigt und bewiesen erneut Tatis zeitlose Komik, die mit dem Begriff Slapstick nicht annähernd umschrieben wird. Tati war ein Perfektionist und so sind auch die Ferien seiner liebenswerten, aber etwas exzentrischen Schöpfung mit einer bemerkenswerten Detailverliebtheit ausgestattet. Jeder Gegenstand, jeder Laut, jede Geste unterliegt schärfster Planung. Im Zusammenwirken verwandeln sie wie präzise kombinierte Noten einer Sinfonie ihre Banalität in das brillante Material einer Komödie, welche die Meister der Stummfilmzeit nicht hätten besser machen können.

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