Kontrapunkt: Überbewertet

Dabei geht es weniger um die schwarz-gelbe Mehrheit, die sowieso viel zu viel Stimmen bekommen hat, als um Filme, denen mehr Aufmerksamkeit oder Lob zukam als sie eigentlich verdient haben.

Oben (USA 2009)

Nach einer 15-minütigen, stummen Szene um das gemeinsame Altwerden von Ellie und Carl, die „ein Maximum an Lebenszeit auf ein Minimum an Erzählzeit verdichtet“, wie im SPIEGEL richtig über den Film zu lesen war, geht es leider filmisch bergab. Zwar kann sich Carl dann seinen Lebenstraum erfüllen, indem er zu den Paradiesfällen nach Südamerika reist und dazu sein Haus nicht verlassen muss, sondern es einfach mitnimmt. Doch geht seine Ankunft mit einer Verlagerung der Stimmung und der Altersgruppe einher. Die besagten 15 Minuten sind ein zutiefst bewegendes Highlight für adulte Cineasten, Carls Ballonreise mit seinem Haus eine wahrhaft magische Idee, doch dann wird „Oben“ zum quietschbunten Film „für die ganze Familie“ mit reichlich amüsantem Getier und konventioneller Handlungsentwicklung. Auch dieser Pixar-Film kann nach furiosem Auftakt fernab seiner technischen Perfektion nicht viel mehr, als mit minimalen (aber immerhin vorhandenen) Botschaften zu unterhalten.

Glaubensfrage (USA 2008)

Eine Nonne verdächtigt ohne Beweise einen Priester an einer katholischen Schule, ein Kind missbraucht zu haben. Ja, die beiden grandiosen Hauptdarsteller (Phillip Seymour Hoffman und Meryl Streep) duellieren sich mit pointierten Dialogen auf hohem Niveau und die Geschichte beinhaltet eine gewisse Spannung. Doch bleibt dennoch die Frage, warum dem Film stets der Eindruck eines Film gewordenen Theaterstücks anhaftet. Die beiden Medien rücken hier bedenklich nah zusammen zu Ungunsten von Tempo und Bewegung, die doch letztlich die Eigenheit des Mediums Film ausmachen. Das ist auch der Grund, weswegen dieses dialoglastige und behäbige Kammerspiel kaum optische Schauwerte zu bieten hat, sondern die Attraktionen eher als Stimuli auf der Ebene des Verstandes zu suchen sind. Kann man als großes Schauspielkino ansehen und mögen, muss man aber nicht.

Mrs. Miniver (USA 1942)

Oder: Aus dem Leben einer ganz normalen britischen Familie, die dem Konsum frönt und in Zeiten des 2. Weltkrieges noch enger zusammenrückt als zuvor. Dabei wird insbesondere gegen Ende mit widerlichen melodramatischen wie pathetischen Momenten nicht gespart. Auch die Rollenbilder sind dabei enorm angestaubt: Die kokette Mutti darf die ganze Zeit nur bangen, sich um ihre minderjährigen Kinder kümmern und verängstigt gucken, ob Ehemann und verkappter Marxisten-Sohn wieder heimkehren von der Front (die im Übrigen nie wirklich zu sehen ist). Unfassbar, dass Greer Garson für diese Rolle den Oscar einheimsen konnte – eine von sechs fragwürdigen Auszeichnungen mit dem Goldjungen, die an dieses kitschige Propagandawerk gingen. Durchhalten im Krieg gegen die Deutschen wird groß geschrieben, der Familienzusammenhalt, der Glaube und die Liebe als heilsame Institutionen gegen den Hass beschworen. Am Ende der Blick gen Himmel – god save the Queen! Und er erlöse uns bitte auch von solch scheinheiligen Durchhaltefilmen. Amen.

Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

16 Antworten auf „Kontrapunkt: Überbewertet“

  1. Das mit „Oben“ (was für eine scheußliche Übersetzung) hast du ziemlich treffend beschrieben. Diese anfängliche Stimmung, durchtränkt in Nostalgie, Trauer und Hoffnung wich den typischen Disney-Ideologien. Wall-E blieb da schon eher auf der selben Linie.

    Mrs. Miniver muss für die Zeit allerdings ergreifend gewesen sein. Zumindest fallen mir nicht viele Filme auf dem selben Kurs an. Natürlich haben wir nun letztlich zu viel von diesem Material gesehen. Ich denke, das ist ein kleiner Generationenkonflikt.

  2. Eigentlich haben wir ja schon ausreichend über Up und Doubt geredet/diskutiert/gestritten, aber soviel von mir noch als Anmerkung:

    Ich denke, dass Pixar nicht nur einen „quietschbunten Film für die ganze Familie“ gedreht haben, wenn auch das Endergebnis mehr The Incredibles als Wall-E ist (was ich nicht schlecht finde). Dazu hat der Film mich nicht nur zu gut unterhalten, sondern auch durchgängig (!) berührt. Ich glaube dein Urteil hebt den Film auf das niedrige Niveau der Konkurrenz und das hat er einfach nicht verdient. A Bug’s Life war damals vielleicht quietschbunte Unterhaltung, aber Up ist mehr.

    Zu Glaubensfrage: Was ist denn daran auszusetzen, dass die Attraktionen als Stimuli auf der Ebene des Verstandes zu suchen sind (eine umständliche Formulierung für „anspruchsvoll“ btw.)? Man kann dem Film seine Nähe zum Theater vorwerfen, aber deine Argumente dafür sind fraglich. „Bewegung“, „Tempo“ und „Schauwerte“ als das, was den Film ausmachen? Also bitte, damit kanzelst du jeden dialoglastigen Film ab, jeden Film mit statischen, langen Einstellungen, jeden „Schauspielerfilm“ und und und. Diese Argumente sind für mich hinsichtlich der Film-und-Theater-Debatte nicht gerade stark. Da lägen die inhaltliche Struktur des Films und seine Figuren näher.

  3. Kann man als großes Schauspielkino ansehen und mögen, muss man aber nicht.

    Jop, kann man so sagen. Ich jedenfalls mag den Film. Ansonsten schließe ich mich den Worten von Jenny an. :)

  4. @ pell:
    Sicherlich ist „Mrs. Miniver“ ein Kind seiner Zeit und auch ein Film, der sich mit der Rolle der Frau zu Kriegszeiten beschäftigt. ABER: Wenn ich mir den Film heute anschaue, schrammt er nicht selten am Prädikat „unfreiwillig komisch“ vorbei (das übermäßige, stetige Geherze bei der Familie, das religiös überladene Ende). Gute Filme – das könnte man dagegen behaupten – altern indes nicht so stark.

    @ Jenny:
    Soweit ich mich erinnere, sagtest auch du, dass „Up“ mit zunehmender Länge drehbuchtechnisch etwas die Puste ausgeht. Dass dies im Vergleich zu anderen Animationsfilmen aber immer noch großartig ist, habe ich ja auch nie verleugnet. Nur warum dieses Versinken in Konventionen? Originelle Einfälle habe ich jdf. gegen Ende nur selten ausgemacht. Der Hype um den Film gefällt mir nur nicht – deswegen auch passend zum Motto.

    @ Jenny und C.H.:
    Ich wollte das direkte Ansprechen vermeiden, aber in meiner Argumentation zu „Doubt“ halte ich mich an Kracauer, der ja genau in dieser Bewegung das Unterscheidungskriterium von Film zu anderen Medien entdeckte ;-).
    Als ähnlichen, aber besseren Film würde ich „Gefährliche Liebschaften“ heranziehen wollen. Auch dort herrschen zum Teil eine kammerspielartige Inszenierung und lange, pointierte Dialoge vor. Warum der aber gelungener ist? Weil man auf Ausstattung und Kostüme Wert legte und weil Keanu Reeves und John Malkovich gegeneinander fechten (Bewegung!). Und solche Momente auch nur redundanter Action fehlen in „Doubt“ ganz. Ich verstehe schlicht den Sinn dahinter nicht, ein Theaterstück für die Leinwand zu adaptieren und Schauspieler dann selbiges spielen zu lassen, ohne etwas hinzuzufügen, was dies rechtfertigen würde. Auch die Großaufnahme reicht für mich als Argument nicht hin, kann ich doch als Zuschauer im Theater unmittelbar vor der Bühne selbiges auch sehen. Der distanzierende Apparat (Kamera), der zwischen Schauspieler und uns steht, verschwindet ja dadurch nicht. Schon aus diesem Grund könnte man behaupten, dass Theater wahrhaftiger oder echter ist, was den Ausdruck von Stimmungen angeht. Wie gesagt: Mich würde mal interessieren, was „Doubt“ der Film dem Theaterstück hinzufügt. Wenn ihr mir das plausibel machen könnt, sehe ich den Film vllt. auch in anderem Licht.

  5. zu Up:

    An die Aussage zur drehbuchtechnischen Atemnot kann ich mich nicht erinnern. Ich würde eher sagen, dass der Film eine fast schon klassische Abenteuergeschichte erzählt. Das macht er vielleicht etwas konventionell, aber die Art und Weise wie er das macht sowie einige genutzte Elemente lassen ihn dennoch im heutigen amerikanischen Mainstream zugleich ungewöhnlich und auf eine sympathische Art altmodisch erscheinen. Was mich an deinen Aussagen stört, ist dass du den Film anscheinend auf Grund von Bewertungen, mit denen das Werk an sich nichts zu tun hat, schlechter einschätzt. Du solltest aber nicht die Kritik am Hype mit der Kritik am Film verwechseln.

    zu Doubt:

    Da sind wir wieder bei dem Problem, sich auf Theoretiker in der Argumentation zu verlassen. Nur weil Kracauer in seiner äußerst normativen und im Grunde zu spät gekommenen Theorie den Film apologetisch vom Theater als Kunst unterscheiden wollte, heißt es ja nicht, dass dieses Argument heutzutage noch stimmig ist. In einer Zeit, in der kaum eine Aufführung ohne Videoprojektionen auskommt und längst ästhetische Synthesen von Theater und Film gedreht wurden (Bsp. Greenaway), hat Kracauer leider etwas Staub angesetzt.

    Ich denke, dass gerade Montage und Kamera einen wesentlich anderen Eindruck von Spiel geben, als im Theater. Deswegen ist ein guter Theaterschauspieler nicht immer für den Film geboren und umgekehrt. Doubt ist ein Film, der v.a. durch seine Schauspieler gelingt. Bestimmte Motive (z.B. der Wind) erinnern in ihrem Einsatz an Bühnentricks. Meine Kritik daran würde jedoch nicht in die Richtung gehen, dass das wie Theater wirkt, sondern einfach, dass das platt ist. Ich sehe keinen Grund, warum man nach hundert Jahren dem Kino nicht genügend Selbstsicherheit zuschreiben sollte, mit anderen Künsten anders umzugehen als sich nur von ihnen abzugrenzen. Gerade Synergieeffekte können da doch allerhand Leben in die Bude bringen. Dass Doubt dahingehend alles andere als ein radikales Meisterwerk ist, gebe ich gern zu.

  6. Die klassische Abenteuergeschichte, wie du sagst, wird jedoch durchbrochen von allerlei Zugeständnissen an die junge Zielgruppe. Durch Halsbänder sprechende Hunde und der bunte Vogel sind betont naive Disney-Elemente, während der Pfadfinder immerhin noch als Identifikationsfigur dient. Schön hingegen ist bei „Up“, dass er auch mitten im Film bedächtige Pausen einlegt, eben wenn Carl sein Abenteuerbuch rauskramt. Beides zusammen passt aber nicht so wirklich. Klar kritisiere ich in erster Linie den Hype um den Film, doch gleichzeitig lässt auch der Film einige Schwachstellen erkennen. Und von Logiklöchern ganz zu schweigen. Flo hat dazu ja schon Einiges gesagt auf seinen Blog, auch wenn ich den Film besser bewerten würde als er.

    Zu „Doubt“:
    Meinst du mit „Aufführung“ „Ausstellung“ oder wie ist das gemeint? Sollte dem so sein, muss man sich aber die Frage stellen, warum die Ausstellung auf Videoprojektionen zurückgreift. Und die Frage würde ich mit der größeren optischen Betonung oder dem größeren „Ausstellungswert“ begründen, der eben höher ist als der des Bildes oder auch Theaters. Und nur weil Film somit als „zeitgemäßer“ empfunden wird, heißt das noch lange nicht, dass Theatervorlagen unbedingt eine Kinoadaption erfahren müssen. Eben weil dann eben die Schauwerte fehlen – und Montage oder Kamera würde ich nicht als solche betrachten. Wir kommen der Sache aber schon näher, wenn du mir jetzt noch sagen könntest, was du unter diesen ominösen „Synergieeffekten“ verstehst…

  7. Ich fand in den ersten 15 Minuten bei UP nicht sonderlich viel bewegend. Der Film ist für einen Pixar einfach recht enttäuschend und kommt nicht an die Klasse von Birds Filmen und mit Abstrichen auch den von Stanton heran. Bezüglich DOUBT sehe ich dies überhaupt nicht so, erstens finde ich es in der Tat großartiges Schauspielkino von gesamten Ensemble und zweitens gefällt mir gerade dieses Theaterhafte am Film. Sicherlich funktioniert das auf der Bühne noch ein Stückchen besser, aber wer hat schon die Chance und das Geld sich das Stück auf der Bühne anzusehen?

  8. @ Flo:
    Es geht m.E. ja nicht darum, dass ich mir im Kino/auf DVD ein Bühnenstück ansehen kann, sondern darum, dass ich diese beiden Medien nicht für so leicht übertragbar halte. Darum geht es. Schauspieler und das Buch sind toll. Aber es fehlt eben der Grund, warum man denn nun das Theaterstück auf die Leinwand bringen musste, welchen Mehrwert das hat.

  9. Um vielleicht Menschen wie mir eine Möglichkeit zu geben, den Stoff zu sehen. Schließlich komm ich nicht so oft in die USA und hätte eventuell ohne den Film nie diese Geschichte mit meinen Augen begutachten können.

  10. @ Lutz: Mit der Aufführung habe ich die Theateraufführung gemeint, bei der Videoclips integriert werden. Das ist heute gang und gäbe. Mit den Synergieeffekten meine ich deswegen, dass die Integration von Darstellungsweisen, der Ästhetik, Techniken oder Erzählweisen aus anderen Medien einen künstlerischen Mehrwert für einen Film/ein Buch/eine Aufführung… erbringen kann (nicht muss). Ich sehe einfach nicht ein, warum die Trennung zwischen den Medien so rigoros sein muss, als kämpfe jedes einzelne noch um seine Existenzberechtigung.

  11. Man kann die Integration von Videoclips ins Theater auch anders lesen. Und zwar, dass das Theater mittlerweile gemerkt hat, dass es sich neu erfinden/weiter entwickeln muss und/oder insbesondere visuell dem Kino unterlegen ist – was meine Argumente nur untermauert.

    Natürlich kann es einen künstlerischen Mehrwert geben. Ich erinnere nur an die subjektive Erzählperspektive des Film Noir, welcher dem Krimi entlehnt ist. Doch selbige Synergieeffekte sind eben konkret bei „Glaubensfrage“ m.E. nicht auszumachen. Die Trennung muss nicht rigoros sein, doch sollte nur die Elemente aus anderen Medien in den Film Eingang finden, die in seinem Sinne sind und funktionieren. Ein absurdes Beispiel: Würde jmd. 90 Minuten lang in einer Einstellung gefilmt, wie er aus einem Buch vorliest, finde ich das nicht geeignet.

  12. @luzifus
    Ich kann deiner Kritik an Doubt durchaus folgen. Aber eine statische Inszenierung kann einen für das Kino sinnvollen Zweck erfüllen. Ich denke da natürlich an Salo, der eigentlich erst durch seine distanzierte ans Theater angelehnte Kamera erträglich ist. Aber dann muß ich auch schon wirklich überlegen, wo eine solche Kameraführung wirklich über den ganzen Film hinweg zu guten Ergebnissen führte und wo sie überhaupt noch eingesetzt wurde.

  13. Statische Kamera und statische Inszenierung sind zwei paar Schuhe. Allerdings gebe ich dir Recht, das eben eine gewisse Distanzierung durch die Kamera durchaus Sinn machen kann. „Salo“ würde ich jedoch nicht als „theaterhaft inszeniert“ klassifizieren. Dafür war der Dialog-Anteil und der Kammerspielcharakter m.E. nicht hoch genug.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*