Wollmilchcast #46 – Sicario 2 – Mamma Mia! Here we go again

Braucht die Welt noch einen Thriller über den Drogenkrieg im Grenzland von Mexiko und den USA? Wahrscheinlich nicht. Im neuen Wollmilchcast sprechen Matthias von Das Filmfeuilleton und ich trotzdem über Sicario 2 und darüber, was ihn im positiv wie negativ bis hin zu „interessant“ von seinem Vorgänger abhebt. Denn Denis Villeneuve, Roger Deakins und Emily Blunt sind verschwunden, stattdessen übernimmt Stefano Sollima (Sohn von Sergio!) die Verfilmung des Drehbuchs von Taylor Sheridan (mit Dariusz Wolski hinter der Kamera).  Was zeichnet Josh Brolin und Benicio del Toro in diesen männlichsten aller Männerrollen aus und warum besteht die Kulisse zu 25% aus leeren Snack-Automaten? Im Podcast findet ihr es heraus. Außerdem stellt Matthias das Jukebox-Musical-Sequel Mamma Mia! Here we go again vor und ich G.W. Pabsts vergessenen Flop Geheimnisvolle Tiefe, der beim Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna lief. Viel Spaß!

Shownotes:

  • 00:01:00 – Sicario 2 (!Spoiler!)
  • 00:51:25 – Mamma Mia! Here we go again (!Spoiler!)
  • 01:03:22 – Geheimnisvolle Tiefe (G.W. Pabst, 1949)
  • 01:11:49 – Verabschiedung

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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)

Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)

Copyright Titelbild: Studiocanal

Wollmilchcast #30 – Die Verlegerin und die Spielfilme von Steven Spielberg

Die Journalisten blicken auf die Pentagon Papers

Zwei Filme von Steven Spielberg starten dieses Jahr in den deutschen Kinos. Den ersten haben wir zum Anlass genommen, um auf sein Werk zurückzublicken (was nicht bedeutet, dass wir beim zweiten anders verfahren). Im 30. Wollmilchcast von Matthias von Das Filmfeuilleton und meiner Wenigkeit sprechen wir über die Publizisten-Ode Die Verlegerin (OT: The Post) mit Meryl Streep, Tom Hanks und einem Keller voller bizarrer Perücken. Nach dieser Sektion des verfilmten Pentagon Papers-Skandals erweitern wir unseren Blick, diskutieren Konstanten im Spielfilm-Werk von Spielberg und teilen schlussendlich (und beinahe wagemutig) unsere jeweilige Top 5 der besten Filme des Regisseurs.

Zum Jubiläum gibt es ein Intro, ein neues Bildchen und Überlänge als Bonus.

Shownotes:

00:01:00 – Intro + Die Verlegerin (The Post)

00:31:00 – Die Spielfilme von Steven Spielberg und was sie Innersten zusammenhält

01:43:00 – Unser Top 5 der besten Filme von Steven Spielberg

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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)

Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)

Copyright Titelbild: Universal

Kontrapunkt: Überbewertet

Dabei geht es weniger um die schwarz-gelbe Mehrheit, die sowieso viel zu viel Stimmen bekommen hat, als um Filme, denen mehr Aufmerksamkeit oder Lob zukam als sie eigentlich verdient haben.

Oben (USA 2009)

Nach einer 15-minütigen, stummen Szene um das gemeinsame Altwerden von Ellie und Carl, die „ein Maximum an Lebenszeit auf ein Minimum an Erzählzeit verdichtet“, wie im SPIEGEL richtig über den Film zu lesen war, geht es leider filmisch bergab. Zwar kann sich Carl dann seinen Lebenstraum erfüllen, indem er zu den Paradiesfällen nach Südamerika reist und dazu sein Haus nicht verlassen muss, sondern es einfach mitnimmt. Doch geht seine Ankunft mit einer Verlagerung der Stimmung und der Altersgruppe einher. Die besagten 15 Minuten sind ein zutiefst bewegendes Highlight für adulte Cineasten, Carls Ballonreise mit seinem Haus eine wahrhaft magische Idee, doch dann wird „Oben“ zum quietschbunten Film „für die ganze Familie“ mit reichlich amüsantem Getier und konventioneller Handlungsentwicklung. Auch dieser Pixar-Film kann nach furiosem Auftakt fernab seiner technischen Perfektion nicht viel mehr, als mit minimalen (aber immerhin vorhandenen) Botschaften zu unterhalten.

Glaubensfrage (USA 2008)

Eine Nonne verdächtigt ohne Beweise einen Priester an einer katholischen Schule, ein Kind missbraucht zu haben. Ja, die beiden grandiosen Hauptdarsteller (Phillip Seymour Hoffman und Meryl Streep) duellieren sich mit pointierten Dialogen auf hohem Niveau und die Geschichte beinhaltet eine gewisse Spannung. Doch bleibt dennoch die Frage, warum dem Film stets der Eindruck eines Film gewordenen Theaterstücks anhaftet. Die beiden Medien rücken hier bedenklich nah zusammen zu Ungunsten von Tempo und Bewegung, die doch letztlich die Eigenheit des Mediums Film ausmachen. Das ist auch der Grund, weswegen dieses dialoglastige und behäbige Kammerspiel kaum optische Schauwerte zu bieten hat, sondern die Attraktionen eher als Stimuli auf der Ebene des Verstandes zu suchen sind. Kann man als großes Schauspielkino ansehen und mögen, muss man aber nicht.

Mrs. Miniver (USA 1942)

Oder: Aus dem Leben einer ganz normalen britischen Familie, die dem Konsum frönt und in Zeiten des 2. Weltkrieges noch enger zusammenrückt als zuvor. Dabei wird insbesondere gegen Ende mit widerlichen melodramatischen wie pathetischen Momenten nicht gespart. Auch die Rollenbilder sind dabei enorm angestaubt: Die kokette Mutti darf die ganze Zeit nur bangen, sich um ihre minderjährigen Kinder kümmern und verängstigt gucken, ob Ehemann und verkappter Marxisten-Sohn wieder heimkehren von der Front (die im Übrigen nie wirklich zu sehen ist). Unfassbar, dass Greer Garson für diese Rolle den Oscar einheimsen konnte – eine von sechs fragwürdigen Auszeichnungen mit dem Goldjungen, die an dieses kitschige Propagandawerk gingen. Durchhalten im Krieg gegen die Deutschen wird groß geschrieben, der Familienzusammenhalt, der Glaube und die Liebe als heilsame Institutionen gegen den Hass beschworen. Am Ende der Blick gen Himmel – god save the Queen! Und er erlöse uns bitte auch von solch scheinheiligen Durchhaltefilmen. Amen.

Kontrapunkt: Sprachlos

Es kann einem die Sprache verschlagen, wenn man enttäuscht wird von einem vermeintlichen Klassiker der Filmgeschichte. Ein Film kann stumm sein oder die Protagonisten sind sprachlos, wenn sie plötzlich den Tiger von Mike Tyson im Badezimmer entdecken. Drei verschiedene Varianten, in denen es Menschen die Sprache verschlägt – und: drei Filme.

Jenseits von Afrika (USA 1985)

Vielleicht liegt meine Enttäuschung ob der Sichtung dieses siebenmaligen Oscargewinners auch daran, dass ich zuvor schon „Der englische Patient“, „Australia“ und „Der Pferdeflüsterer“ gesehen habe, die Bezüge auf „Jenseits von Afrika“ erkennen lassen. Die ersten beiden als Filme als Liebesepen, in denen den Liebenden nur wenig Zeit miteinander vergönnt ist; letzterer, weil Robert Redford mal wieder einen charmanten Naturburschen gibt, auf den die Hauptdarstellerin total abgeht. Doch in allen drei Filmen ist nicht ein derart larmoyanter Off-Kommentar zu hören wie hier, wenn Karen Blixen (Meryl Streep) eine Syphilis, allerlei Geldknappheiten und schließlich der Tod ihres Geliebten widerfahren. Viele epische Längen, in denen das ohnehin nicht sehr emotional vorgetragene Liebesdrama irgendwo zwischen schönen Bildern von Afrika und allerlei melodramatisch vorgetragenen Konflikten versickert, rauben dem inszenatorisch immerhin superben Film viel Tempo und machen ihn langweilig. Kein großes Liebesepos, sondern jenseits von Gut und Böse.

Juha (FIN 1999)

Nach einigen Worten zu Silent Movie und Der die Tollkirsche ausgräbt der dritte hier kurz besprochene „moderne Stummfilm“. Die Ausgangssituation dieses Melodrams im Stile von den Filmen Douglas Sirks ist simpel: Der hinterlistige Shemeikka (André Wilms) raubt die glücklich mit dem Bauern Juha (Sakari Kuosmanen) verheiratete Marja (Kati Outinen) und verspricht ihr ein besseres Leben in der Stadt. Doch der betrogene und einsame Ehemann schwört Rache, was sich in einem an die Stilrichtung des Deutschen Expressionismus erinnernden Showdown niederschlägt. Reich an Zitaten und Referenzen erzählt Aki Kaurismäki diese Geschichte ohne Sprache (nur mit Musikbegleitung), in Schwarz-Weiß und mit Zwischentiteln; nur selten wird die Stummheit des Films durch Geräusche unterbrochen. Das Ergebnis ist ein faszinierendes Stil-Experiment, welches man unter anderen Umständen irgendwo in der Übergangzeit zwischen Stumm- und Tonfilm Ende der 1920er Jahre verorten würde. Weiteres von mir dazu hier.

Hangover (USA/D 2009)

Nach einem Junggesellenabschied in Las Vegas erwachen die Partypeople am nächsten Morgen in ihrem verwüsteten Hotelzimmer mit einem Baby im Schrank, einem Tiger im Bad und ohne Erinnerung an die vergangene Nacht. Die Rekonstruktion der vergangenen Nacht und die Suche nach dem abhanden gekommen Bräutigam in spe führt die allesamt spleenig, aber simpel gezeichneten Charaktere (Weichei, freakiger Pädophiler, Lebemann) auf eine mit ulkigen Begebenheiten gepflasterten Odyssee quer durch Las Vegas. Eine Polizeiwache, die Villa von Mike Tyson und eine Kirche, wo sich einer von ihnen mit der netten Stripperin Jade (sehr süß: Heather Graham) verheiratet hat, sind nur einige der Stationen. Obwohl nicht alle Gags zünden und der Film von Regisseur Todd Phillips an die Klasse seines modernen Twen-Klamauks „Road Trip“ nicht heranreicht, ist „The Hangover“ ein sehr unterhaltsamer Film mit zwar tiefer gelegten Gags, aber tollen Soundtrack, der rockt!

Mamma Mia! (USA/GB/D 2008)

Grüne, maskierte oder betrunkene Superhelden, verpeilte Piraten und die Filme eines Michael Bay, welcher bekanntlich als „Regisseur“ bezeichnet wird, zieren zumeist das sommerliche Kinoerlebnis. Dabei vermitteln weder diese Blockbuster noch die wiederbelebten TV-Serien, die sich in den hinteren Rängen der Box Office einfinden, ein Gefühl für die Freuden der sonnigen Jahreszeit.

Die Dichte actionlastiger Abenteuergeschichten, mit deren hanebüchenen Drehbüchern man nicht einmal einen wackligen Stuhl vernünftig stützen könnte, spricht vielmehr dafür, dass die Studiobosse den Zuschauern in den heißen Monaten des Jahres im wesentlichen die Intelligenz absprechen. Gebratene Hirnzellen nehmen C.G.I.-Yetis und Ufos eben, ohne sich zu beschweren, in Kauf.

Freilich erfordert der Genuss eines Musicals ebenso wenig geistige Aufmerksamkeit, sofern es sich nicht um einen potenziellen Oscarbewerber handelt. Andererseits starten diese ja sowieso nur im Winter, was sie aus der Diskussion ausschließt, aber zurück zum eigentlichen Thema: Mamma Mia! ist weder Rheingold noch Götterdämmerung, aber wer braucht die große Kunst, wenn er das große Vergnügen sein eigen nennen darf? Der Verzicht fällt bei 30 Grad im Schatten jedenfalls leicht, denn Mamma Mia! ist für den Sommer geschaffen.

Das auf den Songs der schwedischen Popgiganten ABBA basierende Musical vereinigt in sich die Quintessenz dessen, was so toll am Sommer ist. Jeder Song ist eine Variation des unersetzbaren Gefühls, das einen beschleicht, wenn man aus dem Winterschlaf aufwacht, aus dem Fenster schaut und den ersten strahlenden blauen Himmel seit Wochen sieht; man nach acht Stunden im Büro in die warme Sonne hinaus tritt, wissend, dass nun das Wochenende beginnt und die Welt einem für zwei Tage zu Füßen liegen wird.

Abgesehen von der Tatsache, dass hier Lieder die Hauptrolle spielen, die man einfach kennt, egal ob man ein Stammgast bei Siebziger Jahre-Parties ist oder nicht, ist der Ort der Handlung – eine kleine griechische Insel – der Ferienatmosphäre nicht gerade abträglich. In nahezu jeder Szene entfacht das blau leuchtende Mittelmeer seinen verführerischen Sog, während im Vordergrund Meryl Streep, Julie Walters und Kollegen ihre aufmunternden Gassenhauer trällern. Und das mit einer Spielfreude und Agilität, die wohl nur bei wirklich guten Schauspielern nicht ins Lächerliche abgleitet.

Wer kann schon bei klarem Verstande behaupten, Meryl Streep sei eine schlechte Schauspielerin? Mamma Mia! könnte man auch als die Meryl Streep-Show bezeichnen, denn wieder einmal liefert ein Film den Beweis, dass Musicals für die Leinwand besser auf eben dort beheimatete Stars zurückgreifen sollten. Zwar ist Phyllida Lloyds Verfilmung mit den vielen Massenszenen und choreografierten Tänzen ganz der eigenen Herkunft von der Bühne verpflichtet und im Vergleich zu Sweeney Todd oder Across the Universe recht „klassisch“. So steif und verkitscht wie das Phantom der Oper gerät Mamma Mia! allerdings zu keiner Sekunde.

Das Ensemble bringt schließlich genügend schauspielerische Lebhaftigkeit ins Geschehen, um die bewusst banale Geschichte einer Braut, die zum Missfallen ihrer Mutter drei Männer aus deren Vergangenheit zur ihrer Hochzeit einlädt, zum Augen- und Ohrenschmaus werden zu lassen.

Während ihre männlichen Co-Stars, also die drei potenziellen Väter der Braut (Pierce Brosnan, Stellan Skarsgard (!) und Colin Firth), kaum gesanglich gefordert den Esprit gut gelaunter Urlauber versprühen und sich selbst beim Abspann aus Freude an der Sache für nichts zu schade sind, schmeißt die Streep sich in die Rolle der Donna, als würde der Film sich um die Oscars und nicht nur die Zuschauer bemühen.

Im Gegensatz zu ihrer jungen Gesangspartnerin Amanda Seyfried, die ihre Tochter spielt, weiß Streep mit dem fliegenden Wechsel zwischen dramatischem Ernst und charmanter Selbstironie zu überzeugen. Dabei vermittelt sie stets den Eindruck, als würde das Wissen um den geringen Gehalt dieses Filmes sie nur noch weiter anspornen, alle Zurückhaltung über Bord zu werfen und einfach Spaß zu haben. Einen ähnlichen Habitus merkt man auch Julie Walters und Christine Baranski an, die sich als Donnas beste Freundinnen die Ehre geben.

Diese heitere, ganz und gar nicht alte Garde läuft in Mamma Mia! den seelenlosen Modelkörpern der Jugend problemlos den Rang ab. Befindet sich deren Niveau noch deutlich über High School Musical-Verhältnissen, legt die Verteilung der Gesangspartien, welche abgesehen von der weitgehend überzeugenden Seyfried die Jungschauspieler arg vernachlässigt, doch Zeugnis ab über die wahren Könner im Cast. Gesangliche Perfektion ist in Mamma Mia! zum Glück nicht alles.

Stattdessen erntet der Film verdientermaßen durch seine heiteren Comedy-Einlagen, seine zu Hochform anlaufende Hauptdarstellerin und durch die Tatsache, dass er seinem sommerlichen Starttermin vollkommen gerecht wird, uneingeschränkt Beifall.