Kontrapunkt: Sprachlos

Es kann einem die Sprache verschlagen, wenn man enttäuscht wird von einem vermeintlichen Klassiker der Filmgeschichte. Ein Film kann stumm sein oder die Protagonisten sind sprachlos, wenn sie plötzlich den Tiger von Mike Tyson im Badezimmer entdecken. Drei verschiedene Varianten, in denen es Menschen die Sprache verschlägt – und: drei Filme.

Jenseits von Afrika (USA 1985)

Vielleicht liegt meine Enttäuschung ob der Sichtung dieses siebenmaligen Oscargewinners auch daran, dass ich zuvor schon „Der englische Patient“, „Australia“ und „Der Pferdeflüsterer“ gesehen habe, die Bezüge auf „Jenseits von Afrika“ erkennen lassen. Die ersten beiden als Filme als Liebesepen, in denen den Liebenden nur wenig Zeit miteinander vergönnt ist; letzterer, weil Robert Redford mal wieder einen charmanten Naturburschen gibt, auf den die Hauptdarstellerin total abgeht. Doch in allen drei Filmen ist nicht ein derart larmoyanter Off-Kommentar zu hören wie hier, wenn Karen Blixen (Meryl Streep) eine Syphilis, allerlei Geldknappheiten und schließlich der Tod ihres Geliebten widerfahren. Viele epische Längen, in denen das ohnehin nicht sehr emotional vorgetragene Liebesdrama irgendwo zwischen schönen Bildern von Afrika und allerlei melodramatisch vorgetragenen Konflikten versickert, rauben dem inszenatorisch immerhin superben Film viel Tempo und machen ihn langweilig. Kein großes Liebesepos, sondern jenseits von Gut und Böse.

Juha (FIN 1999)

Nach einigen Worten zu Silent Movie und Der die Tollkirsche ausgräbt der dritte hier kurz besprochene „moderne Stummfilm“. Die Ausgangssituation dieses Melodrams im Stile von den Filmen Douglas Sirks ist simpel: Der hinterlistige Shemeikka (André Wilms) raubt die glücklich mit dem Bauern Juha (Sakari Kuosmanen) verheiratete Marja (Kati Outinen) und verspricht ihr ein besseres Leben in der Stadt. Doch der betrogene und einsame Ehemann schwört Rache, was sich in einem an die Stilrichtung des Deutschen Expressionismus erinnernden Showdown niederschlägt. Reich an Zitaten und Referenzen erzählt Aki Kaurismäki diese Geschichte ohne Sprache (nur mit Musikbegleitung), in Schwarz-Weiß und mit Zwischentiteln; nur selten wird die Stummheit des Films durch Geräusche unterbrochen. Das Ergebnis ist ein faszinierendes Stil-Experiment, welches man unter anderen Umständen irgendwo in der Übergangzeit zwischen Stumm- und Tonfilm Ende der 1920er Jahre verorten würde. Weiteres von mir dazu hier.

Hangover (USA/D 2009)

Nach einem Junggesellenabschied in Las Vegas erwachen die Partypeople am nächsten Morgen in ihrem verwüsteten Hotelzimmer mit einem Baby im Schrank, einem Tiger im Bad und ohne Erinnerung an die vergangene Nacht. Die Rekonstruktion der vergangenen Nacht und die Suche nach dem abhanden gekommen Bräutigam in spe führt die allesamt spleenig, aber simpel gezeichneten Charaktere (Weichei, freakiger Pädophiler, Lebemann) auf eine mit ulkigen Begebenheiten gepflasterten Odyssee quer durch Las Vegas. Eine Polizeiwache, die Villa von Mike Tyson und eine Kirche, wo sich einer von ihnen mit der netten Stripperin Jade (sehr süß: Heather Graham) verheiratet hat, sind nur einige der Stationen. Obwohl nicht alle Gags zünden und der Film von Regisseur Todd Phillips an die Klasse seines modernen Twen-Klamauks „Road Trip“ nicht heranreicht, ist „The Hangover“ ein sehr unterhaltsamer Film mit zwar tiefer gelegten Gags, aber tollen Soundtrack, der rockt!

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Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

13 Antworten auf „Kontrapunkt: Sprachlos“

  1. Aber der Robert ist doch soooo süß!

    Nein, im Ernst. Jenseits von Afrika hat mit einzig wegen der Göttin, äh, Schauspielerin Meryl Streep gefallen. Wenn schon Epos und Liebe, dann doch lieber Vom Winde verweht. Da spielt wenigstens Clark Gable mit. :b

    Zu Juha: Wann kommt eigentlich mal eine La Antena-Kritik???

    Zu Hangover: Herr Burchardt fand den Film ja schrecklich, d.h. mir wird er wohl gefallen.^^

    „die Klasse seines modernen Twen-Klamauks „Road Trip““… kann ich noch immer nicht nachvollziehen. Vielleicht benötige ich dafür aber eine Geschlechtsumwandlung.

  2. Road Trip ist doch so ein toller Jungenfilm. Jetzt echt, wir haben uns im Kino schlapp gelacht. War irgendwie die Wiederentdeckung der 80er Jahre High School Komödie.;) Hangover interessiert mich aber überhaupt nicht, obwohl der schon ganz lustig sein wird. Weiß auch nicht warum.

    Jenseits von Afrika ist einfach nur langweilig, das ist wohl war. Ob der nun wirklich ein Klassiker ist, weiß ich noch nicht einmal.

  3. Zu „Road Trip“: Das ist ein Film, über den ich auch bei der 5. oder 6. Sichtung noch lachen kann (so oft habe ich ihn bestimmt schon gesehen). Ob Sex mit der Dicken und ihrem „Unterhöschen“, die Szene mit dem bekifften Viagra-Opa oder der Crash mitten im Wald: es gibt eine Menge Gags, an die ich mich gern immer wieder erinnere. Und (@ the gaffer) wenn du zukünftig willst, dass ich anstatt „Fight Club“ immer nur „Road Trip“ zitiere: kein Problem, denn „wir können nicht anders“ ;-).

    @ tumulder:
    Was ich noch nicht zu „The Hangover“ schrieb: es gibt vergleichsweise (Road Trip) wenige Gags. Ja, es passieren ein Haufen absurde und witzige Sachen, aber abseits dieser Situationskomik gibts nur wenige wirklich gute Sprüche. Das fand ich dann schon etwas enttäuschend, obwohl mich der Film alles in allem sehr gut unterhalten hat.

  4. @ the gaffer: Eine Rezension zu „La Antena“ ist geplant und kommt irgendwann. Wobei ich Angst habe, dass ich diesem göttlichen Film mit meinen Worten nicht einmal annähernd gerecht werden kann…

  5. an die Klasse seines modernen Twen-Klamauks „Road Trip“ nicht heranreicht

    Das ist mir in der Tat nicht begreiflich. Zwischen „Road Trip“ und „Hangover“ liegen imho qualitative Welten, und zwar in dem Sinne das „Hangover“ um Klassen besser ist als besagter „Road Trip“.

  6. @ C.H.:
    Wenn du mir das noch begründen könntest, würde ich mich vielleicht sogar überreden lassen. Aber irgendwie musste ich bei „Road Trip“ einfach mehr lachen und ich fand, dass es bei „The Hangover“ durchaus einige Filmminuten gab, wo eine gagtechnische Auszeit genommen wurde. Selbiges ist mir bei „Road Trip“ (der etwas infantiler daherkommt, das ist aber in diesem Falle nicht schlimm) nicht aufgefallen.

  7. Hangover haftet ja auch mehr als nur den Hauch eines Subtextes (oh da ist er wieder) an. Insofern ist es klar, dass hier nicht eine Dauergagparade herauskam. Andererseits muss ich sagen, dass der Film garantiert erst in der OmU die tatsächliche Chance hat, seinem Hype gerecht zu werden. In der deutschen wird er es jedenfalls nicht.

  8. Was meinst du mit Subtext? Hat sich mir eine Bedeutungsebene des Films tatsächlich nicht erschlossen oder soll das jetzt nur p. Gefasel werden? ;-P

  9. Vielleicht wird es ja prätentiöses Gefasel, wenn ja, dann unbeabsichtigt. Das folgende ist allerdings weniger eine abgeschlossene Interpretation, als ein Brainstorming:

    Aaaaalso, *lufthol*, so ganz bin ich auch noch nicht hinter die Message des Films gestiegen, aber worüber ich mir in der Bahn auf dem Weg zurück ins Trabantenviertel Gedanken gemacht habe, ist folgendes:

    Offensichtlich erzählt der Film ja von verschiedenen Graden einer verspäteten Adoleszenz. Der Junggesellenabschied in Vegas ist schließlich nur ein verkapptes Statement im Sinne von: Die Ehe wird dich erwachsen machen, viel Spaß im Käfig, denn was anderes wirst du nie wieder sehen.

    Die vier Männer verkörpern verschiedene Stufen nicht nur des Erwachsenwerdens im allgemeinen, sondern auch der Domestizierung. Da ist der mit Kindern und einer Frau versehene Lehrer und Boss der Gruppe (Bradley Cooper), derjenige im Übergangsstadium (zukünftiger Bräutigam), der in einer anscheinend festen Beziehung mit der Terror-Freundin, die zugleich das Albtraumbild einer Ehefrau abgibt und das ewige Kind (Zach Galifianakis).

    Der Film ist am Ende, was die Message betrifft, recht ausgewogen, denn zum einen kommt es zur Eheschließung (samt versauter Band^^), Bradley Cooper wirkt mit Frau und Kindern glücklich usw. Auf der anderen Seite darf Ed Helms mit Heather Graham noch mal neu starten, d.h. der scheinbare Musterehemann bekommt die Stripperin.

    Am interessantesten ist aber IMO die Figur von Zach Galifianakis. Zunächst ist dieser für das Unheil(?)/die wilde Nacht verantwortlich und damit das Element des Chaos im Film. Im folgenden wird er ständig mit Kindern assoziiert, z.B. das Baby, das er trägt und ihm mit der Sonnenbrille sogar gleicht oder das Kind (war es ein Mädchen?) in dem anderen Auto während der Fahrt nach Vegas. Er verhält sich ja auch entsprechend, ist unverantwortlich, denkt nicht an die Folgen seiner Taten und ist alles in allem extrem infantil (und deswegen sehr lustig).

    Er ist zu Beginn des Films – vielleicht auch auf Grund seines Reifegrades – der Außenseiter der Gruppe. Einzig der Bräutigam kennt ihn und der verschwindet. Was passiert aber gegen Ende? Er freut sich darüber (lautstark), dass sie Freunde geworden sind. An sich ist das nichts besonderes, aber er treibt es weiter, nämlich in seiner Beziehung zu Bradley Coopers Figur. Die ist ja ausgerechnet ein Lehrer und er nimmt diese zum Vorbild. Er plappert Coopers Sätze nach, kopiert seine Frisur… er ist es auch, der als Rain Man-Verschnitt (mit Cooper in der Cruise-Rolle) das Geld im Casino gewinnt und die Jungs damit zumindest aus der Gefahrenzone rettet.

    Der Film erzählt gewissermaßen von diesem Kind (Galifianakis), das sich in der Erwachsenenwelt (die Gruppe) wiederfindet. An sich ist das ja eigentlich tragisch, weil sein Wesen ihn unter den anderen automatisch zum „Fremden“ macht. Wie sieht seine Reaktion aus? Imitation der Gruppenautorität. Ist er am Ende erwachsen? Wohl kaum, aber sein Dasein hat bewiesen, dass man auch als Erwachsener einen Schuss Unberechenbarkeit zulassen sollte, einen Schuss Infantilität. Es könnte ja Spaß machen. ;)

    Soweit gehen meine unabgeschlossenen Ideen zum Film. Dank Schienenersatzverkehr hatte ich viel Zeit zum nachdenken.

  10. @ luzifus: Kann ich gerne beründen, habe ich gestern sogar schon gemacht (aber nicht hier). Am Montag lief ja „Road Trip“ im NDR und ich hab die Gelegenheit genutzt den Film nach der Kenntnisnahme einer zweiten Sichtung zu unterziehen. Aus Gründen des Zweckrationalismus erlaube ich mir einfach mal mir doppelte Tipperei zu sparen, und verweise einfach auf meinen aktuellen Beitrag PS: Und nimmm die Polemik in meinem letzten Satz in meinem Abschnitt zu „Road Trip“ nicht zu ernst. ;-)

    @ Jenny: Da sind dir zu „Hangover“ ja duchaus interessante Dinge eingefallen. Ich hab über den Film gar nicht so genau nachgedacht, wollte ich auch gar nicht, sondern hab mich nur köstlich amüsiert. Jedenfalls scheint deine Argumenation in sich durchaus schlüssig. Und so lange ich nicht diese nölige „Hangover-ist-so-zahm-weil-der-Eskapismus-nur-unter-dem-Deckmantel-eines-konservativen-Weltbildes-Interpretation“ hören muss, ist sowieso alles super… :)

  11. @ Jenny:
    Also man kann auch viel in Filme hereininterpretieren, wie deine Deutung beweist. Auch wenn ich es nicht für so p. halte, wie zunächst gedacht. Immerhin interessante bis bemerkenswerte Dinge, die du da ansprichst. Nun würde mich allerdings die Übertragung dieser 4 „Erwachsenenstufen“ auf die Figuren in „Road Trip“ interessieren. Dort lassen die sich nämlich meines Erachtens auch finden. Da haben wir wiederum das Muttersöhnchen, der einen „Geparden erlegt“ und damit seine erste sexuelle Erfahrung macht, den Infantilen (Seann William Scott), der nur von Sex schwafelt, aber doch beziehungsfähig ist (wie sich ganz am Ende herausstellt), den Kiffer (der ziemlich klug zu sein scheint) und eben den Anführer Josh, der seine Beziehung um jeden Preis retten will und als Anführer wieder am reifsten scheint. Nun ja, darüber könnte man noch etwas detaillierter nachdenken, aber auch diesen Figuren kann man eine gewisse Logik in Hinsicht auf sexuelle Adoleszenz unterstellen.

    @ C.H.:
    Ich habe dein „Kurz und Knackig“ gelesen und muss zunächst einmal eine Lanze für „Road Trip“ brechen. Natürlich kann man den Film durchaus als Abklatsch von „American Pie“ sehen. Die Kinostarts seinerzeit lagen ja auch nicht soweit auseinander und „AP“ war natürlich „eher da“. ABER: Ich finde, dass „Road Trip“ schlicht und ergreifend gelungener ist – auch was den Humor angeht. Die Finger-im-Po-Szenen und die Zubereitung des French Toast sind freilich enorme Niveau-Tiefpunkte des Humors. Aber allein mit der mangelnden Originalität und der Vermeidung von „plakativer Visualisierung“ selbiger Humor-Ausrutscher einen Klassenunterschied zwischen „Hangover“ und „Road Trip“ zu begründen, finde ich unfair (zumal es sich nur um 2 Szenen handelt, die mir jetzt einfallen). Auf der einen Seite hat man irgendwelche College-Boys, bei denen es vertretbar ist, dass sie so fixiert sind auf sexuelle Erfahrungen, auf der anderen Seite Twens, bei denen diese „wilden Zeiten“ schon hinter ihnen liegen. Vielleicht ist dies von Phillips bewusst so gewählt wurden, der höhere Adoleszenzgrad der Figuren in „Hangover“ beabsichtigt, aber das Credo „Wir machen erste und krasse Erfahrungen“ hätte als Konzept bei den Figuren auch nicht mehr gepasst, weil sie diesem Lebensabschnitt entwachsen sind. Das unterscheidet eben College-Komödie von Junggesellenabschieds-Komödien. Und „The Hangover“ kann man auch nicht gerade Originalität unterstellen: „Very Bad Things“ gab es bspw. auch schon eher. Und das war jetzt nur der erste Film, der mir jetzt einfiel.
    Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich nach wie vor die Figuren in „Road Trip“ sympathischer finde als in „The Hangover“ (hat evtl. auch etwas mit dem Identifikationsgrad zu tun), von daher bin ich schon befangen. Ich glaube aber auch objektiv ausgemacht zu haben, dass „Road Trip“ auch mehr Gags lieferte als „The Hangover“. Und dass dabei ein paar Ausrutscher dabei sind, ist normal, denke ich…
    (Ich poste dasselbe gleich nochmal bei dir.)

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