Wollmilchcast #68 – Dumbo von Tim Burton

Dumbo

Mit Tim Burtons Alice im Wunderland begann vor fast zehn Jahren Disneys Flut von Live-Action-Neuverfilmungen seiner Klassiker. Nun legt Burton seine Version von Dumbo vor. Im Podcast diskutieren wir, ob die Handschrift des Regisseurs dem Blockbuster abzulesen ist, welchen Effekt die Erweiterungen der Story haben und ob Niedlichkeit als Spektakel eines Spielfilms taugt. Außerdem wird Robert Redfords fast-vielleicht-vielleicht-auch-nicht letzter Film als Darsteller, Ein Gauner und Gentleman, vorgestellt und in der Helmut Käutner-Retro geht es weiter mit einem der größten Erfolge des deutschen Regisseurs: Der Hauptmann von Köpenick, der Heinz Rühmann ein Comeback in der Nachkriegszeit bescherte. Viel Spaß beim Zuhören!

Shownotes:

  • 00:01:10 – Dumbo von Tim Burton (Spoiler!)
  • 00:48:17 – Ein Gauner und Gentleman (The Old Man and the Gun) von David Lowery
  • 00:55:33 – Der Hauptmann von Köpenick von Helmut Käutner (1956)
  • 01:08:04 – Verabschiedung

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Kontrapunkt: Robert Redford und die Absurdität des Lebens

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Ein roter Container treibt herrenlos im Meer. Plötzlich setzt ein Voice-Over ein, ein Mann spricht den Abschiedsbrief, den er in einer Flaschenpost auf den Weg schickte. „Es tut mir leid“, hebt er an, später: „Alles ist verloren.“. Es sind die gefassten Worte eines Schiffbrüchigen, den jede Hoffnung aufs Überleben verlassen hat. Ein Filmbeginn, der in seiner Tragik selten geworden ist.

„All is Lost“ lebt von lange nachwirkenden Szenen wie dieser, von einer tiefen Melancholie und Einsamkeit. Dieses intensive Drama ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein metaphysischer Kampf ums Überleben in einer lebensfeindlichen Umwelt. Nicht im luftleeren Raum des Weltalls findet er statt wie jüngst die spannende Weltraumoper „Gravity“, sondern auf der Erde, irgendwo im Indischen Ozean. Wie der Segler mit Rollennamen „Our Man“ an diesen feuchte Nicht-Ort geriet, bleibt ungeklärt. Doch nach einem Container voller Schuhe, der ein großes Loch in den Bauch seiner Yacht reißt, folgt gleich die nächste Unwägbarkeit: ein Sturm zieht auf und setzt Boot und Ein-Mann-Besatzung ordentlich zu. Natürlich gelingt es nicht, ein Notrufsignal abzusetzen, denn das Funkgerät ist defekt. Natürlich ist all das konstruiert, doch das fällt hier kaum ins Gewicht.

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Robert Redford spielt diesen Mann – die einzige Figur des Films – zunächst voll innerer Ruhe und Gelassenheit, dann jedoch mit zunehmender Verzweiflung. Er kann auch mit Reparaturen an seiner Yacht, mit Schadensbegrenzungsaktionen während des Sturms nicht dem Schicksal trotzen. Schließlich wird sein Schiff untergehen, er ohne Trinkwasser und Nahrung in seinem Gummi-Rettungsboot harren, nahe einer internationalen Handelsroute auf Hilfe hoffen. Er steht dem ungleich bedrohlicheren zweiten Hauptdarsteller ohnmächtig gegenüber: dem Sounddesign. Die reduzierte Tonkulisse mit dem Knarren und Bersten des Holzes, dem pfeifenden Sturm und donnerndem Gewitter wird fast unmerklich die beinahe schon zärtliche Musik von Alex Ebert untergemischt. Sie ist unaufdringlich und zurückhaltend, wie Redfords großes Schauspiel, spiegelt aber mit einer beklemmenden Verlorenheit die Tragik und Einsamkeit seiner Situation. Monologe hält der inzwischen 77-jährige Redford in seiner für den „Golden Globe“ nominierten Hauptrolle nicht, nur wenige Sätze kommen ihm in der Stille des Meeres über die Lippen. So bleibt viel Spielraum im Kopf des Zuschauers über das Innenleben dieser isolierten Figur, über die Absurdität ihres Lebens an sich in einer stummen, unendlich erscheinenden Welt des Wassers da draußen, die nicht antworten wird. Um ihn herum nie sichtbar, aber dennoch stets nah der Tod. Die Raubfische unter seinem Gummiboot lauern schon.

„All is Lost“ ist eine Robinsonade auf dem Meer, eine puristische und dramaturgisch noch stärker reduzierte Version von „Cast Away – Verschollen“, doch dabei fokussiert auf den Überlebenskampf. Ein beeindruckendes Filmerlebnis ohne schmückendes Beiwerk, bei dem sich nur am Ende das Pathos in die Erzählung drängt. Doch da lässt man sie gern passieren, weil es in einem radikalen Realismus die längst verlorene Hoffnung wiedergibt.

Titel: All is Lost
Kinostart:
09. Januar 2014
Länge: ca. 106 Min.
Verleih: Square One/Universum Film (auch Copyright der Bilder)

Kontrapunkt: Sprachlos

Es kann einem die Sprache verschlagen, wenn man enttäuscht wird von einem vermeintlichen Klassiker der Filmgeschichte. Ein Film kann stumm sein oder die Protagonisten sind sprachlos, wenn sie plötzlich den Tiger von Mike Tyson im Badezimmer entdecken. Drei verschiedene Varianten, in denen es Menschen die Sprache verschlägt – und: drei Filme.

Jenseits von Afrika (USA 1985)

Vielleicht liegt meine Enttäuschung ob der Sichtung dieses siebenmaligen Oscargewinners auch daran, dass ich zuvor schon „Der englische Patient“, „Australia“ und „Der Pferdeflüsterer“ gesehen habe, die Bezüge auf „Jenseits von Afrika“ erkennen lassen. Die ersten beiden als Filme als Liebesepen, in denen den Liebenden nur wenig Zeit miteinander vergönnt ist; letzterer, weil Robert Redford mal wieder einen charmanten Naturburschen gibt, auf den die Hauptdarstellerin total abgeht. Doch in allen drei Filmen ist nicht ein derart larmoyanter Off-Kommentar zu hören wie hier, wenn Karen Blixen (Meryl Streep) eine Syphilis, allerlei Geldknappheiten und schließlich der Tod ihres Geliebten widerfahren. Viele epische Längen, in denen das ohnehin nicht sehr emotional vorgetragene Liebesdrama irgendwo zwischen schönen Bildern von Afrika und allerlei melodramatisch vorgetragenen Konflikten versickert, rauben dem inszenatorisch immerhin superben Film viel Tempo und machen ihn langweilig. Kein großes Liebesepos, sondern jenseits von Gut und Böse.

Juha (FIN 1999)

Nach einigen Worten zu Silent Movie und Der die Tollkirsche ausgräbt der dritte hier kurz besprochene „moderne Stummfilm“. Die Ausgangssituation dieses Melodrams im Stile von den Filmen Douglas Sirks ist simpel: Der hinterlistige Shemeikka (André Wilms) raubt die glücklich mit dem Bauern Juha (Sakari Kuosmanen) verheiratete Marja (Kati Outinen) und verspricht ihr ein besseres Leben in der Stadt. Doch der betrogene und einsame Ehemann schwört Rache, was sich in einem an die Stilrichtung des Deutschen Expressionismus erinnernden Showdown niederschlägt. Reich an Zitaten und Referenzen erzählt Aki Kaurismäki diese Geschichte ohne Sprache (nur mit Musikbegleitung), in Schwarz-Weiß und mit Zwischentiteln; nur selten wird die Stummheit des Films durch Geräusche unterbrochen. Das Ergebnis ist ein faszinierendes Stil-Experiment, welches man unter anderen Umständen irgendwo in der Übergangzeit zwischen Stumm- und Tonfilm Ende der 1920er Jahre verorten würde. Weiteres von mir dazu hier.

Hangover (USA/D 2009)

Nach einem Junggesellenabschied in Las Vegas erwachen die Partypeople am nächsten Morgen in ihrem verwüsteten Hotelzimmer mit einem Baby im Schrank, einem Tiger im Bad und ohne Erinnerung an die vergangene Nacht. Die Rekonstruktion der vergangenen Nacht und die Suche nach dem abhanden gekommen Bräutigam in spe führt die allesamt spleenig, aber simpel gezeichneten Charaktere (Weichei, freakiger Pädophiler, Lebemann) auf eine mit ulkigen Begebenheiten gepflasterten Odyssee quer durch Las Vegas. Eine Polizeiwache, die Villa von Mike Tyson und eine Kirche, wo sich einer von ihnen mit der netten Stripperin Jade (sehr süß: Heather Graham) verheiratet hat, sind nur einige der Stationen. Obwohl nicht alle Gags zünden und der Film von Regisseur Todd Phillips an die Klasse seines modernen Twen-Klamauks „Road Trip“ nicht heranreicht, ist „The Hangover“ ein sehr unterhaltsamer Film mit zwar tiefer gelegten Gags, aber tollen Soundtrack, der rockt!

Von Löwen und Lämmern (USA 2007)

Erst der wie eh und je genervt brüllende MGM-Löwe, begleitet vom United Artists-Logo, dann der Titel „Von Löwen und Lämmern“, der in einer anderen Zeit auch einen Film von Michael Curtiz oder William Wyler hätte segnen können.

Ungeachtet der aktuellen Thematik wirkt Robert Redfords siebte Regiearbeit in vielerlei Hinsicht altbacken. Das ist nicht notwendigerweise schlecht. In einem Drama, das im wesentlichen von seinen Dialogen lebt, kann eine überdrehte Kameraarbeit à la „24“ nur ablenkend wirken. Dennoch wünscht man sich, Redford hätte hinsichtlich seiner Inszenierung mehr gewagt. An den gravierenden Schwächen des Drehbuchs hätte das aber wohl auch nichts geändert.

Auf drei Erzählebenen, die gleichzeitig und in Echtzeit ablaufen, diskutiert Von Löwen und Lämmern“ (Lions for Lambs) das außenpolitische Engagement der USA und die Rolle des einzelnen Staatsbürgers in der Ära des US-Interventionismus.
Eine Journalistin (Meryl Streep) interviewt den republikanischen Senator Jasper Irving (Tom Cruise) in Washington.
Ein College-Student (Andrew Garfield) in Kalifornien sitzt in der Sprechstunde seines Profs (Robert himself).
Zwei US-Soldaten (Michael Pena und Derek Luke) harren verletzt auf einem Plateau irgendwo in einem afghanischen Gebirge aus und warten auf ihre Rettung.

Die inszenatorische Verbindung dieser drei Erzählstränge erreicht zwar niemals das Niveau der Filme eines, Alejandro González Inárritu spannend ist der Film allemal. Unverhüllt ist die Kritik an der Politik der (nie offen genannten) Bush-Administration, die durch Senator Irving verkörpert wird.

Hat man die erste Paralysierung durch die ungesund strahlend weißen Zähne des Mr. Cruise erstmal überstanden, so muss man zugeben, dass das Casting des aufstrebenden rebublikanischen Politikers kein völliger Fehlschlag ist. Das schleimig-zynische Saubermann-Charisma steht unserem Lieblingsscientologen sehr gut. Leider hat Tom das Pech, gegen Meryl Streep anzuspielen, die ihn nicht nur an die Wand, sondern wie ein oscarverwöhnter Robocop geradezu durch die Wand hindurch rammt..äh..spielt.

Die Dialoggefechte, die sich Streep erst mit Cruise, dann mit ihrem Vorgesetzten liefert und ihre damit einhergehende Verzweiflung über den Zustand der Medienlandschaft, über den Verfall der Werte ihrer eigenen Profession, bilden die erfolgreichsten Momente des Films. Wenn Streep erscheint, funktioniert Von Löwen und Lämmern.

Die Streep-Episode ist schlichtweg besser konstruiert, als die beiden anderen. Klare Fragen werden hier aufgeworfen: Inwiefern hat die ach so kritische Presse Anteil an den Debakeln im Irak und in Afghanistan? Was weiß der Armani-tragende Politiker in Washington schon von der Realität des Lebens der Soldaten, die er in den Tod schickt? Welche Opfer kann die Außenpolitik in Kauf nehmen um ein unklares, idealistisches Fernziel zu erreichen?

Die relative Offenheit des Films – er verweigert vielfach den eigenen Standpunkt – gerät bei dieser Erzählebene nicht zum Nachteil. Das unlösbare Dilemma der Journalistin, das Gefangensein in einer nach ökonomischen Prinzipien funktionierenden Medienwelt, dessen Folgen ihrem Ehrenkodex keinen Raum geben, dieses Dilemma legt der Film bloß. Hier bringt er nicht nur eine konkrete Kritik an, er zeichnet auch einen glaubwürdigen, vielschichtigen Charakter, der aus dem Leben gegriffen scheint.

Redford als Mentor-Professor dagegen ist eine Idealfigur (besonders für Studenten an Massenuniversitäten), ebenso wie sein hochbegabter, aber resignierter Student. Die beiden diskutieren darüber, ob es sich lohnt, Engagement zu zeigen in einer korrumpierten Welt, deren Ideale verschüttet in den Trümmern der Dörfer des Nahen Ostens liegen.

Die Antwort in diesem dialogschwachen Erzählstrang wird angdeutet, nicht ausformuliert: Reiche Jungs gehen in die Politik, arme in den Krieg?

Die auffälligsten Schwächen des Films offenbaren sich in der Story der beiden Soldaten. Sie haben das Engagement für ihr Land wörtlich genommen und werden folglich als Helden dargestellt. Von Löwen und Lämmern verstrickt sich an dieser Stelle in Widersprüche, schließlich wissen die beiden um die fadenscheinige Argumentation der Regierung. Hätte man in der Opposition gegen den unrechten Krieg nicht mehr bewirken können? Als würde es einen Unterschied machen, wenn man als Fußsoldat im Nirgendwo stirbt.

Besonders in der ersten Hälfte bleibt dieser Strang ein Mittel zur künstlichen Spannungserzeugung, dessen Existenzberechtigung in einem dialoglastigen Drama sich nur schwer erschließen lässt. Sidney Lumet hat es doch auch ohne Maschinengewehre geschafft!

Die Ziellosigkeit dieses Erzählstranges, die Unbestimmtheit in seiner Argumentation weitet sich gegen Ende auf den ganzen Film aus. Man hat das Gefühl, dass es jemand sehr gut gemeint hat, dass jemand nicht nur einseitig eine liberale Message in die Köpfe hämmern wollte.

Man hat das Gefühl, dass jemand die Zuschauer zum Denken anregen wollte. Das würde nur leider um einiges erfolgreicher sein, wenn nicht zwei Drittel des Films ins Leere laufen würden.


PS.: Selten hat mich in den letzten Monaten etwas so genervt, wie das ewige hereinge-c.g.i.-en deutscher Texte in die Szenen dieses Films. Ob Zeitungsüberschriften oder Collegeakten. Eine wacklige deutsche Schrift vereinfacht uns allen das Verständnis, denn für Untertitel sind wir alle zu blöd. Juhu, zurück in die Fünfziger!
PPS.: Hiermit beantrage ich die Anerkennung des Wortes „etwas herein-c.g.i.-en“ zum Zwecke der Bereicherung der deutschen Sprachwelt.