Kontrapunkt: Genialität goes Ghettoslang – „Victoria“

Heiße Spanierin nachts in Berlin mit Sonne, Boxer und Blingbling unterwegs
Die Spanierin Victoria (Laia Costa) ist in Berlin mit Sonne (Frederick Lau, links) und seiner Gang unterwegs.

In einem Berliner Club lernt die Spanierin Victoria (Laia Costa) nach einer durchtanzten Nacht eine Männerclique kennen. Sie lässt sich vom Charme von Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski) und Co. mitreißen und feiert mit ihnen noch etwas auf einem Hochhausdach, bevor die vier Freunde einen Anruf bekommen. Boxer ist einem ehemaligen Knastkumpel noch einen Gefallen schuldig. Victoria springt als Fluchtfahrerin ein – und gerät in einen Strudel der eskalierenden Gewalt.

Zwei Stunden in Berlin, gefilmt in einer 130-minütigen Plansequenz ohne einen einzigen Schnitt: „Victoria“ begeistert durch eine herausragende organisatorische Leistung und Übersicht, für die Kameramann Sturla Brandth Grøvlen vollkommen zu Recht auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Immer nah dran an den Figuren und am Geschehen ist der Thriller eine ungemein intensive Erfahrung. War an einigen Stellen mutmaßlich der Ton nicht zu gebrauchen, wurde pragmatisch einfach sphärische Musik unter die Bilder der beweglichen Kamera gelegt. Schließlich war Victoria einst auch Klaviervirtuosin, bevor sie drei Monate zuvor nach Berlin kam und bisher keinen Anschluss fand.

Laia Costa ist auch das emotionale Zentrum des Films. Mal frech und verführerisch, mal pflichtbewusst und mit großem Herz, am Ende ebenso verliebt wie verzweifelt dient sich als Seismograph der Stimmungen zwischen Euphorie und Angst. Mit ihrer natürlich anmutenden Schüchternheit bildet sie einen Kontrapunkt zu den flachen Charakteren der „eingeborenen“ Berliner Jungs, die sich gegenseitig mit „Digga“ ansprechen oder eine Stunk verursachende Meute als „Hurenkinder“ beschimpfen. Während die Regie von Sebastian Schipper („Absolute Giganten“) wohl überlegt und ausgeklügelt ist, fehlt dem Drehbuch besonders in solchen Ghettoslang-Dialogzeilen der letzte Schliff an authentischer Milieuzeichnung.

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Doch sei’s drum: „Victoria“ ist ein junges, erfrischendes Stück deutsches Genre-Kino, das den Zuschauer beinahe schon physisch die Ereignisse dieses chaotischen frühen Morgens miterleben lässt. Enorm packendes Kino also – wenn auch mit kleinen Schönheitsfehlern.

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Titel: Victoria
Regie: Sebastian Schipper
Laufzeit: ca. 136 Min.
FSK: ab 12
Kinostart: 11. Juni

Diese Rezension ist erstmals gestern auf der Filmseite im Buch „Tipps und Termine“ der Mitteldeutschen Zeitung erschienen.

Kontrapunkt: In Memoriam Frank Giering

Als er im Alter von gerade einmal 38 Jahren an einer Gallenkolik starb, war der aus Magdeburg stammende Familienmensch gerade gut im Geschäft. Die drei nachfolgenden, zum Teil unbekannten Filme aus meiner Sammlung zeigen das breite Rollenspektrum, welches von Frank Giering bereits kurz nach seinem Durchbruch Ende der 90er Jahre mühelos abgedeckt werden konnte.

Absolute Giganten (D 1999)

„Freundschaften sind wie Sehnsüchte: Toll, groß, absolut gigantisch. Und wenn sie dich erstmal gepackt haben, lassen sie dich nicht mehr los. Manchmal nie mehr.“ Floyd hat gerade die Sozialstunden von seiner Jungendstrafe in einem Krankenhaus abgeleistet und plant, am nächsten Morgen mit einem Containerschiff Hamburg zu verlassen Richtung Kapstadt. Seine Rückkehr schließt er aus. Zusammen mit seinen beiden Freunden Walter (Antoine Monot Jr.) und dem aufbrausenden Ricco (Florian Lukas) verlebt er eine letzte, ereignisreiche Nacht. Die Rolle des Floyd scheint auf Giering von außen betrachtet am Besten zu passen: Ein melancholisch dreinblickender, nachdenklicher junger Mann, auf der Suche nach seinem Platz in der Welt, nach dem Ort, wo er „hingehört“. Sebastian Schipper zauberte daraus ein ebenso wehmütiges wie witziges Road-Movie mit köstlichen Dialogen („Hitler war faul!“) und wahnwitzigen Szenen (das spannende Kickerspiel). Ein großartiges Werk!

Ebene 9 (D 2000)

In dem Regiedebüt von Maren Ade („Alle anderen“, 2009) spielt Giering einen verschmähten Ex-Lover namens Gregor, der in einem Club zufällig seine Verflossene (Laura Tonke) wieder trifft. Nachdem Beide sich über vergangene Zeiten unterhalten, kommen sie sich wieder näher. Doch als Philipp zu weit geht und Nina ihn zurückweist, kommen bei einem Angsthasenspiel seine psychopathischen Züge zum Ausdruck. Giering spielt diese Rolle mit der gewohnten Lässigkeit, dazu mit latentem Wahn, der frösteln lässt und an seine Performance in Michael Hanekes „Funny Games“ (1997), seinen Durchbruch als Schauspieler, erinnert. Der Kurzfilm-Thriller überzeugt mit einer stimmungsvollen Lichtsetzung in einem schummrigen Parkhaus und generiert dadurch große Spannung.

Die Aufschneider (D 2000)

Die Kleinkriminellen Nick (Frank Giering) und Henry (Jochen Nickel) planen, ihre Chefin zu linken und sich nach einem eigenmächtigen Drogenverkauf abzusetzen. Dumm nur, dass die kolumbianische Kurierin, in deren Körper sich der Stoff befindet, plötzlich im Bad das Zeitliche segnet und die Beiden nur auf blutigem Wege an die Drogen kämen. Giering spielt dabei mit jugendlichem Charme einen verträumten Gauner mit Mut zum Zeigen von Schwäche, der sich sofort in die Kurierin verliebt, während Nickel seinen ausgekochten Kumpanen gibt. Diese absurde Krimikomödie mit urkomischen Dialogen ist der zweite Kurzfilm von der TV-Regisseurin Annette Ernst und spielt nur in einer Wohnung.