Kontrapunkt: Robert Redford und die Absurdität des Lebens

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Ein roter Container treibt herrenlos im Meer. Plötzlich setzt ein Voice-Over ein, ein Mann spricht den Abschiedsbrief, den er in einer Flaschenpost auf den Weg schickte. „Es tut mir leid“, hebt er an, später: „Alles ist verloren.“. Es sind die gefassten Worte eines Schiffbrüchigen, den jede Hoffnung aufs Überleben verlassen hat. Ein Filmbeginn, der in seiner Tragik selten geworden ist.

„All is Lost“ lebt von lange nachwirkenden Szenen wie dieser, von einer tiefen Melancholie und Einsamkeit. Dieses intensive Drama ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein metaphysischer Kampf ums Überleben in einer lebensfeindlichen Umwelt. Nicht im luftleeren Raum des Weltalls findet er statt wie jüngst die spannende Weltraumoper „Gravity“, sondern auf der Erde, irgendwo im Indischen Ozean. Wie der Segler mit Rollennamen „Our Man“ an diesen feuchte Nicht-Ort geriet, bleibt ungeklärt. Doch nach einem Container voller Schuhe, der ein großes Loch in den Bauch seiner Yacht reißt, folgt gleich die nächste Unwägbarkeit: ein Sturm zieht auf und setzt Boot und Ein-Mann-Besatzung ordentlich zu. Natürlich gelingt es nicht, ein Notrufsignal abzusetzen, denn das Funkgerät ist defekt. Natürlich ist all das konstruiert, doch das fällt hier kaum ins Gewicht.

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Robert Redford spielt diesen Mann – die einzige Figur des Films – zunächst voll innerer Ruhe und Gelassenheit, dann jedoch mit zunehmender Verzweiflung. Er kann auch mit Reparaturen an seiner Yacht, mit Schadensbegrenzungsaktionen während des Sturms nicht dem Schicksal trotzen. Schließlich wird sein Schiff untergehen, er ohne Trinkwasser und Nahrung in seinem Gummi-Rettungsboot harren, nahe einer internationalen Handelsroute auf Hilfe hoffen. Er steht dem ungleich bedrohlicheren zweiten Hauptdarsteller ohnmächtig gegenüber: dem Sounddesign. Die reduzierte Tonkulisse mit dem Knarren und Bersten des Holzes, dem pfeifenden Sturm und donnerndem Gewitter wird fast unmerklich die beinahe schon zärtliche Musik von Alex Ebert untergemischt. Sie ist unaufdringlich und zurückhaltend, wie Redfords großes Schauspiel, spiegelt aber mit einer beklemmenden Verlorenheit die Tragik und Einsamkeit seiner Situation. Monologe hält der inzwischen 77-jährige Redford in seiner für den „Golden Globe“ nominierten Hauptrolle nicht, nur wenige Sätze kommen ihm in der Stille des Meeres über die Lippen. So bleibt viel Spielraum im Kopf des Zuschauers über das Innenleben dieser isolierten Figur, über die Absurdität ihres Lebens an sich in einer stummen, unendlich erscheinenden Welt des Wassers da draußen, die nicht antworten wird. Um ihn herum nie sichtbar, aber dennoch stets nah der Tod. Die Raubfische unter seinem Gummiboot lauern schon.

„All is Lost“ ist eine Robinsonade auf dem Meer, eine puristische und dramaturgisch noch stärker reduzierte Version von „Cast Away – Verschollen“, doch dabei fokussiert auf den Überlebenskampf. Ein beeindruckendes Filmerlebnis ohne schmückendes Beiwerk, bei dem sich nur am Ende das Pathos in die Erzählung drängt. Doch da lässt man sie gern passieren, weil es in einem radikalen Realismus die längst verlorene Hoffnung wiedergibt.

Titel: All is Lost
Kinostart:
09. Januar 2014
Länge: ca. 106 Min.
Verleih: Square One/Universum Film (auch Copyright der Bilder)

Wollmilchcast #9 – The Lone Ranger & This is the End

The Lone Ranger
(c) Disney

Vor zwei Wochen waren wir zu Gast beim Kontroversum Podcast, um uns über James Mangolds The Wolverine auszutauschen. Da wir beim Wollmilchcast nicht nochmal ausführlich über den klingenden, leider nicht singenden Superhelden sprechen werden, sollten alle Interessenten dem obigen Link folgen. Außerdem sprechen wir bei den gastfreundschaftlichen Podcast-Kollegen über El Topo, Only God Forgives, Bloodsport, Only God Forgives, Universal Soldier – Day of Reckoning und Only God Forgives.

Im Wollmilchcast geht es diesmal leider nicht um Only God Forgives. Stattdessen reden Matthias von Das Filmfeuilleton und ich über Only God Forgives Gore Verbinskis The Lone Ranger sowie This is the End von Seth Rogen und Evan Goldberg. Zu den besprochenen News zählen einige spannende Trailer, unter anderem für David O. Russells American Hustle/Bullshit/Bustle. Das Regiedebüt von George Lucas und ein etwas enttäuschender Helmut Käutner runden den Podcast ab.

Shownotes:

00:00:00 – The Secret Life of Walter Mitty, American Hustle, All is Lost 
00:14:25 – The Lone Ranger
00:48:50 – This Is The End
01:06:00 – 3 Typen für den perfekten Weltuntergang
01:10:25 – Auf Wiedersehen, Franziska
01:16:09 – THX 1138
Wollmilchcast
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