Diary of the Dave #8

Bei einem Glas schweren Rotweines mit Wildbeeren-Aromen denke ich wieder einmal über den Sinn des Lebens nach. Nun ja… eigentlich denke ich eher bei einem erlesenen Dessert über Modernität und Rückständigkeit in der Geschichte und in der Gegenwart nach. Nein. Um konkreter zu sein: bei einem Schokoladenbrötchen denke ich über die absolute Unfähigkeit der Deutschen Bahn nach, bei dem kleinen bisschen Wind und Wetter, das wir gegenwärtig erleiden müssen, ordentlich ihre Fahrpläne einzuhalten. Geplant war: 16.22 Uhr in Halle/Saale einsteigen und 17.36 Uhr in Weimar wieder aussteigen. Was ist passiert? Kurz nach 16 Uhr waren 10 Minuten Verspätung angekündigt. 16.15 ging es über zu 30 Minuten Verspätung. 16.45 fiel der Zug dann aus. Einfach so. Also 17.22 Uhr den Zug nehmen. 17.15 Uhr war er da. Aber er fuhr letztendlich erst etwa 17.35 los. Ja! Ich bin schließlich dann losgefahren in Halle zu dem Zeitpunkt, an dem ich eigentlich schon am Ziel ankommen sollte. Bin schließlich 19.10 in Weimar angekommen (90 Minuten Verspätung). Das war das Ende meines Aufenthaltes in Halle bei meinem Kumpel, der Beamter auf Abruf ist und an einer Hüftprellung leidet.

Von Montag Abend bis Mittwoch Nachmittag. Dazwischen lagen viele Stunden interessante Gespräche, nostalgischer Erinnerungen, Verbitterung und auch des großartigem Genusses von Kultur. Nicht, dass ich in Halle wirklich was richtiges besucht hätte (das hole ich nächstes Mal auf, ganz bestimmt!). Nein: bei der Hinfahrt und jeweils nach dem Aufwachen las ich in einem der großartigsten Werke der Weltliteratur… Gogol‘s Die toten Seelen (für Leute die nachfragen: das ist kein Apostroph, sondern ein transliteriertes Weichheitszeichen!). Zugegeben, beim zweiten fragmentarischen Teil merkt man, dass Gogol‘ psychisch sehr sehr sehr sehr schwer gestört war (permanente Lücken im Manuskript weil er die Hälfte verbrannt hatte, permanente Sprünge im Handlungsgeschehen dadurch usw.). Aber der erste Teil: Literatur in ihrer reinsten Form, und ihrer groteskesten Form, Extremsatire der menschlichen Seele und des nikolajischen Reiches. Und auch eine Projektionsvorlage für heutige Kapitalismuskritik: wie man mit genug Profitgier aus wertloser Nicht-Materie („tote Seelen“) Geld machen kann. Und das natürlich auf Kosten des Staates und der Mitmenschen. Wäre denn Pavel Ivanovic Cicikov heute wohl Börsenspekulant?

Mein verbeamteter Freund besitzt übrigens etwa um die 700 Vinyl-Platten. So konnten mir Neil, Patti und Bruce viel Gesellschaft leisten bei diesem Besuch. „Drehste mal um“ war zu keinem Zeitpunkt eine Aufforderung zum beidseitigen Anbraten von Spiegeleiern! Und so konnte ich unverdünnt und zum ersten Mal „On the beach“ und „Tonight‘s the night“ auf Vinyl genießen… und dies hintereinander!!!

Im Fernsehen kam fast nur Müll. Zuerst Die Säulen der Erde Teil 3. Ich habe Teil 1 und 2 nicht gesehen und werde, so wie ich mich kenne, auch Teil 4 nicht sehen. Mein Gastgeber und ich konnten uns der historischen Ungenauigkeiten des Films gegenseitig vergewissern: nein, es gab im 12. Jahrhundert weder Langschwerter, noch Baguettes. Wenngleich hübsche Decolletés und ein bisschen Splatter auch dazugehörten (nur ein bisschen, denn Beginn des Ganzen war 20.15).

KinopunktTO bescherte uns die ersten drei Folgen von How I met your mother. Ehrlich gesagt: Barney ist die coolste Figur der Serie. Und obwohl er zugleich der größte Vollidiot ist, so sind die anderen doch… nur… „durchschnittliche“ Idioten. Das und auch die eingespielten Publikumslacher machen das ganze eher anstrengend. Zumal die Location New York vielleicht nicht völlig ausgereizt wird. Vielleicht ist mein Bild von New York zu stark geprägt von Martin Scorsese, Charlie Parker, Lou Reed, den Ramones, Miles Davis und sonstigen Ausgeburten von Jazz, Rock und Film.

Ich habe nicht daran gedacht, dies dem Anfang des Eintrags voranzustellen, deshalb:

Ich liebe dich / Nordberg, ich liebe dich auch / Nein, Boot / Ja Nordberg, wenn du wieder gesund wirst, dann machen wir zusammen eine Bootsfahrt, wir mieten ein Schiff und machen eine Kreuzfahrt / Nein, nein, Drogen, Drogen / Schwester, geben Sie dem Mann ein paar Drogen, sehen Sie nicht, dass er Schmerzen hat? / Nein, nein, Heroin, Heroin! / Nordberg, das ist schwer zu besorgen. Da musst du mir ein paar Tage Zeit lassen!

in memoriam: Leslie Nielsen!

Zwei Actionfilme bildeten den filmischen Höhepunkt meines Aufenthalts in Halle. Zwei Actionfilme, die sich sehr ähnlich sind… und sich doch so unglaublich unterscheiden. Vielleicht zunächst zum Gemeinsamen: es sind beide sehr spannungsreiche Actionfilme, die von A bis Z große Unterhaltung bieten. Beide haben eine ähnliche Story: ein einsamer Held kämpft gegen einen eigentlich absolut übermächtigen Feind!

Vielleicht zu den Unterschieden. Der Held… einer ist eine testosterongefüllte Brutalo-Killermaschine, ein völlig gestörter Frontkämpfer (Vietnam-Veteran), der eigentlich nur mit Gewalt kommuniziert. Und dabei sehr sehr „gesprächig“ ist! Der andere ist ein extrem „unsoldatischer“ Grenzgänger aus der werktätigen Klasse, den die meisten als „Schwächling“ bezeichnen würden. Auch er kennt sich nur mit seinem eigentlichen Arbeitswerkzeug aus: seiner Lokomotive!

Auch der Bösewicht unterscheidet die beiden Filme zumindest auf einer formal-inhaltlichen (sic!) Ebene wesentlich. Unsere liebe „Killermaschine“ kämpft gegen ein halb-unsichtbares und voll-ekliges Monster aus dem Weltall, während sich unser Lokführer gegen die Konföderierten-Armee schlägt. JA: The General vs. Predator.

Predator lief, sagen wir mal „halb-ungeschnitten mit Werbung“ um Mitternacht auf Sat1, und konnte den Schlaf meines Gastgebers dadurch um fast zwei Stunden verkürzen! Sicherlich kein besonders intellektueller Film, obwohl man durchaus eine Metapher für das Vietnam-Trauma der USA hinein interpretieren könnte. Eher ein Film für… ultra-harte Männer (also… zum Beispiel… mich…?) und Anhänger ultraharter Männer. Der Wahlspruch: „Wenn es blutet, kann man es auch töten!“. Der ganze Dialog des Films besteht aus solcher phatischer Kommunikation! ZURECHT! Denn wenn die involvierten Schauspieler anfangen würden, Schopenhauer zu zitieren… Nein! Auch wenn zwei von ihnen später Gouverneure wurden (einer davon ist Jesse Ventura). Als unterhaltsames nichtjugendfreies Gemetzel für die späte Abendstunde für einen Adressatenkreis, der aus mindestens zwei Personen besteht, die nicht mehr legal in der Lage wären, Auto zu fahren, hat dieser Film eine 100-prozentige Daseinsberechtigung! Ich habe „Predator 2“, „Die Rückkehr der Predatoren“, „Predators reloaded: die blutige Rache der Monster aus dem All“, „Alien vs. Predator“, „Predators“, „Freddy Krueger vs. Predators“ und die ganzen Pre- und Sequels dieser Filme nicht gesehen. Ich glaube aber, dass sie diesen muffigen (hier sehr positiv gemeint) 80er-Jahre-Geruch, als die Russen noch die Bösen waren und Actionhelden echte, harte und höllisch schwitzende Muskelprotze waren, die sich ihrer Männlichkeit und ihrer Männlichkeitsersatz-Maschinen (Stichwort: Miniaturkanone, mit der der halbe Urwald niedergemäht wird) nicht schämten, nicht haben… und ihnen damit wichtige Attribute von Predator fehlen…

The General besticht natürlich durch seine für 1927 doch ziemlich mobile Kamera und durch die total geilen und awesomen Stunts, ausgeführt von Buster Keaton höchstpersönlich. Dies war auch das, was meinem lieben und verbeamteten Kumpel als erstes auffiel: „Oh Mann, wenn er jetzt hier ausgerutscht wäre, hätte er wohl beide Beine verloren“ und ähnliche Ausrufe begleiteten die Sichtung des Films auf DVD. Worüber ich aber zum erstem Mal nachdachte (zum ersten Mal sah ich ihn im Weimarer Mon-Ami-Kino, als ich noch Schüler war… also zwischen 2001 und 2004): im Grunde ist The General ein protorevisionistischer Western, denn die Bösewichte sind die Nordstaatler, während unsere ganze Sympathie als Zuschauer „Johnnie Gray“ zufällt (Johnnie Gray als nordstaatliche Bezeichnung für den typischen Südstaatler). Die Spannungsbögen und die Action überlagern jedoch auch das nicht gerade sehr progressive, bzw. nicht sehr vorteilhafte Frauenbild des Films. Denn wie hier mit dem Medium Film gespielt wird ist atemberaubend. Im Grunde ist dies der absolut ideale Stummfilm für Personen, die nichts mit Stummfilmen anfangen können… oder Hemmungen gegenüber Stummfilmen haben. Und wenn ich‘s mir recht überlege, könnte es vielleicht sogar der erste Stummfilm sein, den ich gesehen habe (vielleicht mit Ausnahme von Murnaus „Nosferatu“?). Für zumindest die DVD-Version, die ich besitze, empfiehlt es sich, keine Abneigung gegen Johann Strauss Sohn und seiner Musik zu hegen (was ich durchaus nicht tue… der Soundtrack hört sich aber trotzdem wie ein Best of Strauss an, mit Auflockerungen durch „Pomp and circumstances“, dem slawischen Marsch und dem Säbeltanz).

Also… gelungener Aufenthalt in Halle oder nicht? Die Rückkehr war ätzend! Der Aufenthalt war auch nicht wirklich beruhigend im engeren Sinne. Aber… mit einem guten Kumpel bei Pizza, Bier, guten Filmen, schlechten Serien, GEZ-finanzierten Pseudo-Dokus (ja, wir haben die Episode „August der Starke“ aus der Doku-Serie „Die Deutschen“ geschaut oder besser gesagt, erlitten), gutem Vinyl, und herrlichen Actionfilmen verweilen… das kann man eben und sollte man auch nicht die ganze Zeit im Thüringischen Bermuda-Dreieck machen! Und das ist gut so!!!

Kontrapunkt: Trash VIII

Never ending story of bad movies. Dieses Mal: Trash meets Kult… irgendwie.

Road House (USA 1989)

Patrick Swayze tanzt diesmal nicht schmutzig mit Frauen, die Baby heißen, sondern brutal mit streitlustigen Störenfrieden in einer Provinzkneipe. Da die Stadt jedoch unter der Fuchtel eines fiesen Wüstlings steht, der Schutzgelder erpresst, addieren sich seine Feinde fleißig weiter, bevor er seinen Rausschmeißer-Kumpel (lässig: Sam Elliott) zur Hilfe ruft und es zum Showdown kommt. Coole Sprüche vom mächtig gestählten Swayze („Wer nicht pariert, marschiert.“) und die flotte Musik von „The Jeff Healey Band“ (auch im Film zu sehen) machen diese tumbe Ansammlung von ausufernden Prügeleien, stereotypen Charakteren und pyrotechnischen Effekten erträglich. Hohler Actionkrawumms, den man am besten – wie ich – mit ein paar Bier in einer Männerrunde genießt.

Mortal Kombat (USA 1995)

Die enervierend wummernde Techno-Mucke dazu ist so 90s, das geht eigentlich gar nicht, ist aber umso kurzweiliger. Die auf dem gleichnamigen Videogame basierende Story um ein sagenumwobenes Turnier, deren Ausgang über das Schicksal der Welt entscheidet, verliert sich in den mehr oder minder sinnfrei und grell aneinandergereihten Prügelorgien in zahlreichen immerhin aufwendig gestalteten Sets und düsteren Kulissen. Die Charaktere sind erwartet stereotyp, die SFX aus heutiger Sicht lausig. „Highlander“ Christopher Lambert versucht mit Coolness gegen unfreiwillige Komik und dämliche Dialoge anzukämpfen, verdient aber als Lord Rayden mit grauer Perücke, Jesuskutte bzw. zerlumptem Strickjäckchen und Strohhut einen Preis fürs bescheuertste Kostüm.

Hercules in New York (USA 1969)

Arnold Schwarzenegger hieß hier noch Arnold Strong und sein Ösi-Englisch war so mies, dass es später nachsynchronisiert wurde. In seinem Filmdebüt griff er der Rolle des „Conan“, die ihm zum Durchbruch als Schauspieler verhelfen sollte, jedoch trotzdem vor: Während er dort ein (echtes) Pferd bzw. Kamel buchstäblich umhaute, war es hier ein Mann im Bärenkostüm. Nicht das einzige unfreiwillig komische Element in diesem Film, wo Hercules (Schwarzenegger) das Leben im arg an einen Stadtpark erinnernden Olymp satt hat („Eim teierd of de same old faces, de same old sings!“) und zum Groll von Zeus New York erkundet. Zwischen all den lächerlichen Kostümen, der preisgünstigen Inszenierung und dem seltsamen Humor beweist Hercules dabei immer wieder seine Kraft bei leichtathletischen Disziplinen und im Vermöbeln zahlreicher Leute – untermalt von alsbald nervigen Sirtaki-Klängen. Ein filmisches Kuriosum und Trash in Reinkultur, den man sich als Arnie-Fan jedoch mal anschauen sollte.