Wollmilchcast #46 – Sicario 2 – Mamma Mia! Here we go again

Braucht die Welt noch einen Thriller über den Drogenkrieg im Grenzland von Mexiko und den USA? Wahrscheinlich nicht. Im neuen Wollmilchcast sprechen Matthias von Das Filmfeuilleton und ich trotzdem über Sicario 2 und darüber, was ihn im positiv wie negativ bis hin zu „interessant“ von seinem Vorgänger abhebt. Denn Denis Villeneuve, Roger Deakins und Emily Blunt sind verschwunden, stattdessen übernimmt Stefano Sollima (Sohn von Sergio!) die Verfilmung des Drehbuchs von Taylor Sheridan (mit Dariusz Wolski hinter der Kamera).  Was zeichnet Josh Brolin und Benicio del Toro in diesen männlichsten aller Männerrollen aus und warum besteht die Kulisse zu 25% aus leeren Snack-Automaten? Im Podcast findet ihr es heraus. Außerdem stellt Matthias das Jukebox-Musical-Sequel Mamma Mia! Here we go again vor und ich G.W. Pabsts vergessenen Flop Geheimnisvolle Tiefe, der beim Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna lief. Viel Spaß!
Shownotes:

  • 00:01:00 – Sicario 2 (!Spoiler!)
  • 00:51:25 – Mamma Mia! Here we go again (!Spoiler!)
  • 01:03:22 – Geheimnisvolle Tiefe (G.W. Pabst, 1949)
  • 01:11:49 – Verabschiedung

Hört euch die Wollmilchcast-Folge an:


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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)
Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)
Copyright Titelbild: Studiocanal

Che – Guerilla (USA/E/F 2008)

Che – Guerilla zeigt die mehrere hundert Tage dauernde Reise an das Ufer des Totenreichs der bolivianischen Revolution. In den entsättigten Bildern der verdürrt wirkenden Berglandschaft bewegt sich der Guerilla-Trupp mit stetig schwindender Hoffnung auf Erfolg, bis aus dem Umsturzversuch eine erbarmungslose Hetzjagd, aus der Hetzjagd der Exekutionsbefehl wird. Der durchdringend grüne kubanische Dschungel der Sierra Maestra scheint im Vergleich, obschon unwägbar und erstickend feucht, wie das fruchtbare Paradies, welches Legenden und eine Revolution gebären kann. In Bolivien lauert dagegen der Tod, denn Soderberghs zweiter „Che“ schildert die Geschichte aus der Sicht der wissenden Nachwelt. Wenn „Revolución“ durch Guevaras nachträgliche Einschätzung des Erfolges geprägt war, ist „Guerilla“ ganz wesentlich auch Soderberghs Verfilmung eines Scheiterns. Wie der Vorgänger basiert „Guerilla“ auf einem Tagebuch Ernesto ‚Che‘ Guevaras und ist ebenso wie „Revolución“ nicht den Regeln der konventionellen Dramaturgie unterworfenes Leben, sondern analytische Darstellung.

All jenen Faktoren, denen eine Rolle bei der Ausmerzung des Guerilla-Kampfes in Bolivien zukommt, trägt Soderbergh minutiös Rechnung. Was bei der Arbeit als Revolutionär im ersten Teil noch Früchte trägt – motivierende Ansprachen vor der Truppe, Rekrutierung und Ausbildung von Kämpfern, sich wiederholende Riten eines auf Egalität bedachten Guerilleros – steht nun im Schatten des Unglücks. An Dynamik will das Unternehmen nicht gewinnen. Der Zuwachs an Kämpfern ist gering und die Unterstützung der Bevölkerung von Anfang an auf tönernen Füßen gebaut. Mit den gezielten, durch die Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes versierten, Gegenschlägen der bolivianische Führung werden die Guerilleros endgültig von der Bevölkerung isoliert, als deren Befreier sie sich sehen. Sie werden erst bespitzelt, dann gejagt in den fremden Bergen und Stück für Stück, Mensch für Mensch dezimiert. Bis da nur noch der einzelne Kämpfer ist, der verwundet durch den Dreck robbt, während sich die Linien der Armisten zu einem eng geknüpften Fangnetz formieren.

Soderbergh, der ewige Formalist, ist ein intellektueller Filmemacher, gegen den jedes satirische Klischee dieser Gattung verblasst. Seine Filme existieren zuallererst als experimentelle Gedankenspiele, doch zu den misslungenen (wie z.B. „The Good German“) gehört der „Che“-Zweiteiler nicht. An Hand von zwei historischen Fallbeispielen untersucht er den bewaffneten Kampf. In Kuba gelingt es einer kleinen Gruppe den übermächtigen Staat in die Knie zu zwingen, in Bolivien nicht. Formal wie narrativ gleichen sich die Filme dem historischen Endprodukt an, ohne aber einen eklatanten Bruch zwischen den Teilen herzustellen. „Revolución“, der immer wieder Ausschnitte aus Guevaras US-Reise in den frühen 60ern zeigt, definiert mit diesen in schwarz-weiß gehaltenen Flashforwards die primäre Erzählebene des Films – den Kampf – schon als historisch und damit als siegreich. Dem gegenüber stehend, ähnelt „Guerilla“ einem verhängnisvollen Countdown mit seiner Abzählung der vergangenen Tage seit Beginn der Mission. Ein einziger Kontrast ist sein Zweiteiler und gerade dadurch gelingt es Soderbergh, der mit Benicio Del Toro auch noch einen großartig uneitlen Guevara-Darsteller vor der Kamera hat, jeden Frame in Guerilla das lauernde Verhängnis ausdrücken zu lassen. Die dennoch geradezu spiegelbildliche Schilderung der Abläufe – der Riten, des Werbens, des Kämpfens, des Wartens – schafft ein in seinen Wechselwirkungen faszinierendes Filmerlebnis. Der eine Teil könnte, intentional gesehen, ohne den anderen gar nicht existieren. Erst nach dem man Zeuge eines funktionierenden Guerilla-Krieges geworden ist, wird man der vollen Tragik des bolivianischen Unterfangens gewahr. Erst nachdem „Revolución“ Guevaras Wesen als das des Kämpfers gezeichnet hat, erscheint Bolivien nicht eigentlich als Niederlage, sondern als die Selbstverwirklichung eines Mannes bis zum bitteren Ende.

Auch „Guerilla“ ist kein Biopic, also keine umfassende Zeichnung des titelgebenden oder irgendeines anderen Charakters. So wenig involvierend dieser Kriegsfilm dadurch wird, so lohnenswert ist doch der Zeitaufwand für dieses intellektuelle Experiment. In seinem Zweiteiler wühlt sich Soderbergh durch die Barrieren, welche die Mythenbildung mit sich bringt, um eine vielleicht nicht neue, aber vormals verschüttete Sicht auf Guevara zu gewähren. Er nähert sich dem Selbstbild eines Soldaten an, eines argentinischen Arztes, der in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Revolutionär wurde und als solcher 1967 in Bolivien starb. „Guerilla“ beweist, dass Soderbergh der perfekte Regisseur für diesen Job ist.

Che – Revolución (USA/E/F 2008)

Ein Handwerk, das ist die Revolution. Man übt diesen Job eben aus. Die Bezahlung? Für die einen vielleicht der Sieg. Für die anderen die Selbstverwirklichung in der konkreten Tat. Die quälende Wanderung durch den Dschungel, die sich stetig wiederholenden, motivierenden Reden vor der Truppe. In ihrer Ritualisierung stehen sie den ausgiebig eingefangenen Begrüßungen zwischen den Revolutionären in nichts nach. Zwei Kompanien treffen sich wieder. Che geht die Reihen durch, jeden seiner Kameraden umarmt er. Äußerlich wohl ein Zeichen der Freundschaft, ist das alles Teil des Jobs. So wird der Zusammenhalt innerhalb der Truppe sichergestellt, wie auch der für das Gelingen der Revolution unabdingbare Rückhalt in der Landbevölkerung mit der persönlichen Geste, dem Handschlag, zementiert wird. Wieder muss unter den Bewerbern aussortiert werden. Wieder die Fragen: Wer hat eine Waffe? Wer kann lesen und schreiben? Wie alt seid ihr? Die Revolution als Fließbandarbeit, welche sich durch immer gleiche Handgriffe und Gesten auszeichnet.

Che – Revolución ist kein Drama, kein Biopic, sondern unbeteiligte Beobachtung. Stirbt einer der bewaffneten Kämpfer, verweigert der Film die Stilisierung des Moments als tiefen Einschnitt in der Geschichte, denn es gehört eben dazu, genau wie das Nachladen, das Schwitzen und das Warten. Eine ‚Geschichte‘ will „Che“ wohl auch gar nicht erzählen, denn es fehlt die gewöhnliche Dramaturgie, dank der Abwesenheit von konstruierten Höhe- und Wendepunkten. „Che“ erzählt nicht, es wird stattdessen der Ablauf der Revolution beobachtet, inbegriffen die Distanzierung und tendenzielle Unübersichtlichkeit, die solch ein filmisches Vorgehen eben mit sich bringt. Wann immer – das ist glücklicherweise selten – der Film in Versuchung gerät von der Unpersönlichkeit abzuweichen, stechen ein paar Sekunden oder wenige Minuten grell heraus aus dem atmosphärisch unterkühlten, selbst in seinen bunten Phasen wie ein schwarz-weiß-Film wirkenden Prozedere.

Über Motive will man etwas erfahren und über die Psychologie hinter dem Mythos, der in den letzten Jahrzehnten zur rot-schwarzen Schablone verkommen ist. Wie tickt denn so ein Großer der Geschichte? Wenn auch viel geredet wird über die Grundlagen einer Revolution und des Guerilla-Krieges, ist das Bild des schwer atmenden, von einem Asthma-Anfall geplagten Revolutionärs auf seinem mühsamen Weg durch die Sierra Maestra an Aussagekraft über sein Dasein unübertroffen. Tiefschürfende Psychologisierung wäre in den 134 Minuten nur ein störender Fremdkörper. Warum geht Che nach Kuba? Er will die Welt verändern. Hat er es geschafft? Ja. Wie ist’s abgelaufen? Schaut es euch an.

Benicio Del Toros Che ist ein charismatisches Konglomerat aus ideologischen Grundsätzen und Taten. Es ist nicht das Abziehbild der Ikone, kein vom Sockel gestürzter erbärmlicher Schatten und erst recht nicht der posierende Held, dem man dramaturgisch manipuliert zujubelt, mit dem man sich – wie sagt man so schön – ‚identifiziert‘. Er ist ein Revolutionär, der seiner Arbeit nachgeht und revolutioniert. Er kämpft, redet, hustet, verhandelt und befolgt die Befehle seines Vorgesetzten, Fidel Castro. Noch erreicht er sein Ziel, doch irgendwann im zweiten Teil dieser Produktionshistorie, wird das Fließband stocken, wird er beim Zusammensetzen seiner zweiten Revolution nicht hinterher kommen und schließlich ins Leere greifen. Nach Che – Revolución will ich das Scheitern im Job auch sehen.