Kurtz & Knapp: Young Adult, Verblendung & Ghost Rider 2

Young Adult Poster
Young Adult (USA 2011)

Wenn einem Frank Capra nicht besonders liegt, dann müssen die Filme von Jason Reitman wie die schale, weil abgestandene und noch dazu schwarz gebrannte Kopie eines mittelmäßigen Schnapses vorkommen. Gab es in Thank You for Smoking zumindest noch einen Ansatz von eigensinnigem Biss zu spüren, versandeten Juno und Up in the Air in der so gar nicht schmerzenden Durchschnittlichkeit. Mit seinem neuen Diablo Cody-Projekt Young Adult macht Jason Reitman auf halber Strecke kehrt, um kurz vor Schluss doch noch in den kreativen Sonnenuntergang zu lenken. Charlize Theron spielt sich die Seele aus dem Leib, ohne dass sie einem diese Tatsache zwei Stunden auf die Nase bindet. Vielleicht hat die Schauspielerin des Jahres 2012™ deswegen keine Oscar-Nominierung bekommen. Wie ihre vom gewöhnlichen Leben gebeutelte Kinderbuchautorin mit dem Alkohol- und Schimpfwortproblem wider besseren Wissens versucht, ihre mittlerweile verheiratete Jugendliebe für sich zu gewinnen, gehört zu den tragischsten Selbsterfahrungstrips, die einem dieses Jahr abseits Dschungelcamp’scher Erniedrigungen unter die Augen kommen werden. Und das ist kein willkürlich gewählter Vergleich. Der beste Reitman bisher und ein Film zum Wiedererkennen.

Verblendung Poster
Verblendung (USA/UK/S/D 2011)

Von der positiven Überraschung ob der niedrigen Erwartungen hin zur negativen Überraschung trotz der niedrigen Erwartungen. Ich mag David Fincher. Sehr. Das liegt vor allem an „Sieben“ und „Zodiac“ und The Social Network. Der Rest ist Hit & Miss, für jedes straighte Genre-Werk wie „Panic Room“ gibt’s eine überkandidelte Egotour á la „Benjamin Button“. Aber selbst in seinen enttäuschendsten Momenten hat David Fincher für gewöhnlich etwas zu zeigen und wenn es nur seine elegante filmische Erzählweise ist, der im zeitgenössischen amerikanischen Mainstreamkino niemand das Wasser reichen kann. Verblendung jedoch wirkt wie die gelangweilte Auftragsarbeit eines satten Regisseurs, der seinem Vertrag mit Sony nachommen muss. Viel wurde über die mainstreamtaugliche Lisbeth Salander-Interpretation geschrieben, doch auch ohne die aufgestülpte Beziehung zu Mikael Blomkvist (Daniel Craig) hätte Lisbeth, pardon, Rooney [Mara] dank ihres seltsam gestelzten Dialekts deplatziert gewirkt. Die Vorhersehbarkeit der Story nagte schon an der Kinotauglichkeit der schwedischen Verfilmung, bei Fincher schlägt sie umso mehr ein. Trotz der vielversprechenden Kombination Hacker- meets Serienkillerfilm gleicht das Feelbadmovie dem solala-Aufsatz eines Spitzenschülers. In seinen Einzelteilen stilistisch schön zu lesen, insgesamt aber verschenktes Potenzial. Hoffen wir, dass der nächste wieder ein Hit ist.

Ghost Rider 2 Spirit of Vengeance
Ghost Rider 2 – Spirit of Vengeance (USA/UAE 2011)

… and now for something completely fucking different! Neveldine/Taylor in ihrer ersten Mainstream-Franchise. Was daraus werden würde, war imVorfeld weniger unklar als die Frage, wie weit sie ihren Stil im Mantel einer Comic-Verfilmung überhaupt erhalten. Die Antwort: Ein bisschen mehr Neveldine/Taylor, ein bisschen weniger Plotitis, hätten  Ghost Rider 2 in den notwendigen Adrenalinstoß mitten ins Herz eines Genres verwandelt, das es sich größtenteils in maximal selbstironischer Langeweile gemütlich gemacht hat. Tatsächlich ist Ghost Rider 2 „nur“ ein Multiplex-B-Movie, das in der Mitte kräftig durchhängt, wenn der Zwang der Erzählung wie eine schwere Kette an den Bildern hängt. Davor und mit Abstrichen auch danach drehen Neveldine/Taylor dafür ordentlich auf, lassen den Rider (Nicolas Cage) einen riesigen entflammten Schaufelbagger reiten, seinen Kumpel (Idris Elba) in Zeitlupe von einer Klippe stürzen und jagen mit ihren Kameras über die menschenleeren Landstraßen Osteuropas. Der eigentliche Schauwert des Films ist naturgemäß Nicolas Cage, der in den Händen der beiden Extrem-Filmer die Gewöhnlichkeit des Begriffs Overacting transzendiert und neue Höhen erklimmt, wenn es um die Verschmelzung von Rolle und Star Persona geht. Eine Szene, in der sich Johnny Blaze gefühlte zehn Minuten in einem Schwebezustand der Verwandlung in den Rider befindet, wird so erbarmungslos stur verfolgt, dass allein Cages Spiel genügt, um die Verwandlung physisch, quälend, im Sitz windend, spürbar zu machen.

Endloser neuer Trailer für Finchers The Girl With The Dragon Tattoo

So wie sich damals alle Welt (inkl. mir) gewundert hat, warum David Fincher diesen Facebook-Film dreht, geht bei jeder Neuigkeit zu The Girl With The Dragon Tattoo (Verblendung) ein Raunen durch die Kommentare. Unnötig sei das nach der schwedischen Verfilmung der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson. Und warum macht ausgerechnet Fincher die Remake-Adaption? Vielleicht kann man an diese Problematik auch anders herangehen: Wenn einer das Projekt interessant machen kann, dann ist es David Fincher. Der erste Teaser Trailer hat das bewiesen.

Für die amerikanischen Zuschauer gibt es nun einen ersten langen Trailer, der sich v.a. damit beschäftigt, die Story um Lisbeth Salander (Rooney Mara) und Mikael Blomkvist (Daniel Craig) zu erläutern. Schließlich erregten die schwedischen Filme auf der anderen Seite des großen Teichs nicht so ein großes Aufsehen wie hier.

(via filmbeef)

Ein Quantum Trost (USA/GB 2008)

Unmittelbar an „Casino Royale“ anschließend wirft uns Marc Forster zu Beginn von Ein Quantum Trost direkt in eine Verfolgungsjagd und damit ist eigentlich schon alles über diesen Film gesagt. Rasante Action dominiert das Geschehen, während emotionales Drama und selbst die ironischen Dialoge hintenangestellt werden bzw. stellenweise ganz verschwinden. Wer den ersten Re-Boot mit Daniel Craig nicht gesehen hat, wird sich kaum zurecht finden in dieser Story. Aber auch für die Nicht-Kenner gibt es einen Trost: Allen anderen ergeht es nicht einfacher.

Das Konzept einer Entwicklung vom Agenten Bond zu „Bond, James Bond“ wird also weitergeführt. So läuft die eindrucksvolle Titelsequenz tatsächlich diesmal zu Beginn des Films und umgehend erbringt sie den Beweis, dass Jack White noch ein paar weitere Bondsongs schreiben sollte. Die Entstehungsgeschichte auf zwei Filme auszuweiten, ist dennoch ein gewagtes Konzept. Anders als der Vorgänger es zunächst vermuten ließ, ist die „Bondwerdung“ noch immer nicht abgeschlossen. Es fehlen die Markenzeichen, die Eckpunkte, die das Stereotyp „Bond“ von Film zu Film trotz wechselnder Besetzung erkennbar machen. Es sind Kleinigkeiten, die das Fanherz enttäuschen, ob es sich nun um den Vodkamartini, die technischen Spielereien eines Q oder Miss Monneypenny handelt. Eine mehr platte als liebevolle Goldfinger-Referenz erfüllt die Sehnsucht nicht.

Schwerwiegender und für das Gelingen des Films folgenreicher ist die Konzentration auf jene Elemente aus Casino Royale, welche diesen Film als Reaktion auf moderne Agenten-Actionfilme wie die Bourne-Trilogie erscheinen ließen. Anscheinend mit der Mission betraut, Bond im 21. Jahrhundert überlebensfähig zu halten, geraten die Actionszenen in der Fortsetzung ähnlich körperbetont. Daniel Craig musste nicht umsonst einige Stunts selbst machen. Anders als der vom Bond-erfahrenen Martin Campbell gedrehte Vorgänger wirkt Ein Quantum Trost jedoch wesentlich nervöser. Marc Forster inszeniert nicht ganz so orientierungslos wie ein Paul Greengrass, kann zuweilen aber eine extreme Verwirrung beim Zuschauer bezüglich der Ursache-Wirkungs-Beziehungen nicht vermeiden. Bestes Beispiel dafür ist die viel zu lang geratene Verfolgungsjagd zu Wasser. Inwiefern das in diesem Film eingesetzte Stammpersonal der Bourne-Filme dafür verantwortlich ist, gehört ins Reich der Spekulation. Da sowohl der Stunt Coordinator als auch der Second Unit Director dazu zählen, darf ihr stilistischer Einfluss  sicherlich nicht unterschätzt werden.

Die Actionszenen, von denen nicht eine einzige an die Qualität etwa der Parcours-Verfolgung in „Casino Royale“ herankommt, müssen als Ergebnis einer realistischeren Bearbeitung des Bond-Stoffes betrachtet werden. Weiteres Element dieser Herangehensweise ist die bereits erwähnte Fortsetzungsgeschichte, der direkte Bezug auf den Neuanfang. James Bond muss schließlich den Tod Vesper Lynds rächen, für den die Verbrecherorganisation Quantum verantwortlich zeichnet. Dabei entfernt er sich zusehends von den Direktiven seiner MI-6-Vorgesetzten, speziell Ms (Judi Dench). Während seines Rachefeldzuges gerät Bond jedenfalls auf die Spur des Quantum-Mitgliedes Dominic Greene (Mathieu Amalric). Akzeptiert man den Ansatz der Weitererzählung – für einen Bond-Fan ist das kein leichtes Unterfangen – muss dennoch festgestellt werden, dass „Ein Quantum Trost“ dem neuerfundenen Charakter der Ikone nicht viel neues hinzuzufügen in der Lage ist. Bond wirkt, im Gegenteil, unfreiwillig dumm, wenn er jeden potenziellen Informanten tötet, ohne auch nur eine Frage zu stellen. Verantwortlich dafür zeichnet wohl das schwache Drehbuch, welches sich primär um die Aneinanderreihung von Actionsequenzen zu sorgen scheint.

Einem Regisseur wie Marc Forster war gerade eine solche Schwäche nicht unbedingt zuzutrauen gewesen. Zog sich Casino Royale gerade in der letzten halben Stunde noch unangenehm lang hin, gerät die Gegenbewegung hin zu einem möglichst großen Maß an Verkürzung nun zum gravierenden Mangel. So fällt auch die Gestaltung des Bösewichts traurig flach aus. Der dennoch überzeugende Amalric tut sein bestes, seine viel zu nichtssagende Vorlage mit einer ungewöhnlichen Mischung aus großäugiger Unschuld und innerer Kaltblütigkeit umzusetzen. Schlussendlich vermisst man allerdings die große Konfrontation der Kontrahenten, welche in „Casino Royale“ noch soviel Raum zur Verfügung hatte. Man denke nur an den genervten Mads Mikkelsen am Spieltisch oder die ziemlich unangenehme Folterszene gegen Ende.

Wirkt die Auflösung des geheimen Plots der Bösen diesmal im direkten Vergleich mit den Gigantomanien anderer Bond-Bösewichte auch einigermaßen belanglos, kann wenigstens Olga Kuryenko als Bond-Girl die durch Eva Green recht hoch gelegte Latte problemlos aufrecht erhalten (und das ist nicht zweideutig gemeint). Unabhängig von den oben aufgezählten Schwächen des Films ist die Freude am neuesten Bond-Abenteuer eine Frage der Einstellung. Wer die Reihe primär in Erwartung des wiederkehrenden Schemas verfolgt, also  der Kombination einiger Gadgets, eines überdimensionalen Bösewichts, eines geschüttelten, nicht gerührten Vodkamartinis oder auch nur des Auftritts eines intelligenten, sich am Rande des Anachronismus bewegenden britischen Spions; wer sich darauf freut, wird wohl oder übel enttäuscht werden. Daran ändert auch das vor dem Abspann erneuerte Versprechen nichts, dass Bond als Figur nun endlich komplett ist. Als Actionfilm, der seine Hauptfigur über mehrere Kontinente jagt, wird Ein Quantum Trost wenigstens bedingt seinem Unterhaltungsanspruch gerecht. Die Frage ist nur, ob die Verwendung des  James Bond-Labels dafür überhaupt gerechtfertigt ist.


Zum Weiterlesen:
Meinungen zum Film aus der Blogosphäre von Lalia, Isinesunshine, Symparanekronemoi und Kino, TV und Co.