Der Traum alle Träume zu beenden – Der zerrissene Vorhang (USA 1966)

Hitchcocks Hinweis, er habe, u.a., zeigen wollen, »wie schwierig es wirklich ist, einen Mann zu töten«, ist selber mehrbödig: schließlich haben die Deutschen gerade zwei Jahrzehnte zuvor bewiesen, wie einfach dies doch ist, und gleich millionenfach.
(Klaus Theweleit – Deutschlandfilme)

Vor einigen Jahren habe ich eine Fotoausstellung in einem Kaufhaus gesehen. Das Thema war „Jena in den 80er Jahren“. Im Grunde sind nur wenige der Ausstellungsstücke bei mir hängen geblieben, weshalb es auch Bilder aus der gesamten DDR gewesen sein können oder welche aus anderen Jahrzehnten. Die, die hängen blieben, zeigten mir aber zusammengedampft die Welt, wie ich sie in den ersten 8 Jahren meines Lebens kennengelernt hatte. Ich hatte seltsamerweise das Gefühl, etwas zu verstehen und zu erleben, was ich schon vergessen hatte. Es waren Schwarz-Weiß-Bilder von Menschen, die auf der Straße saßen oder gingen. Nicht mehr. Hell waren sie und Licht strömte aus den Sommertagen hervor. Aber aus den Menschen war jede Hoffnung entwichen. Perspektivlosigkeit stand in ihren Gesichtern. Die Platten oder der Beton, aus dem der Weg war, sie waren zersprungen und in den Händen wurde oft ein Bier gehalten. Es waren die Menschen von nebenan, nicht irgendjemand bedeutendes. Es waren Menschen, die da saßen und ertrugen, was ihnen für Karten zugespielt wurden. Wunderschöne Aufnahmen einer kleinen, engen Welt, in der es keinen Glanz gab. Selbst zur Realitätsflucht gab es eben nur Bier. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich dies auch so runtergeschluckt hätte … im Wissen, dass es eh nichts Besseres gab. Ich will hier niemand verunglimpfen. Die DDR war Scheiße und besser war es anderswo sicherlich irgendwie, aber wo ist es schon schön. Diese Menschen jedenfalls, so traurig, hatten für mich etwas, dieses je ne sais quoi, das einem das Herz aufgehen lässt, es war etwas Heimat, Erinnerungen an ein andere Welt, die all die Scheiße und all das Schöne in sich trugen.

Torn Curtain spielt in einer anderen Zeit. Wahrscheinlich steckt deshalb etwas mehr Glamour hinter all den eintönigen Farben, die Alfred Hitchcock seinen Kameramann John F. Warren aufnehmen lässt. Die DDR hat viel von ihrer Trostlosigkeit bekommen, wie sie in besagter Ausstellung zu sehen war, aber doch ist etwas anders. Vielleicht kommt der Glamour einfach von der Handlung, in der es um Spione, Flucht und das Retten der freien Welt geht. Der amerikanische Wissenschaftler Michael Armstrong (Paul Newman) spielt ein doppeltes Spiel. Er tut so, als wäre er ein Überläufer, um in Leipzig dem ostdeutschen Genie Lindt eine nukleare Formel zu entwenden, welche die westliche Welt vor ein unlösbares Problem stellt und dem Klassenfeind einen Vorsprung im Weltretten/Wettrüsten gibt. Der Hahnenkamm, der hier dem ein oder anderem hochgegangen sein muss, ist jedenfalls deutlich zu spüren. Die kleine DDR in der Hand von welterschütternden Dingen. Die pompösen Wünsche einer biederen Arbeiter- und Bauernnation danach ein Global Player zu sein, hier in einem Film aus Hollywood werden sie wahr.

Ansonsten herrschte aber eine Staatsideologie des Verzichts, die nach Mäßigung, kühlem Kopf und Kadertreue verlangte. Und darin lag das Gefängnis der DDR … auch für sich selbst. Irgendwie brach das Mehrwollen zwar immer wieder irgendwo hervor, aber die Realität war tief im Griff des trostlosen Begnügens. Torn Curtain zeigt diese triste Nation nicht wie sie realiter war, sondern wie sie im Herzen aussah … grau in grau. Bunt ist verboten. Gegen Ende, Newman mit seiner Sarah Sherman (Julie Andrews), seiner Verlobten, und der Formel auf der Flucht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat, treffen sie auf eine Frau, die einen farbenfrohen Schal trägt und vor Gefühlen überschäumt. Es ist die Bouboulina aus Alexis Sorbas (Lila Kedrova). Und auch hier hängt sie einer Phantasiewelt nach. Sie möchte fliehen aus dieser farblosen Welt und von den beiden erhofft sie sich eine Bürgschaft für ihr Visum. Ihre Gefühle am Rande der Hoffnung bersten auseinander. Diese Flut kann sie hinter dem brechenden Damm ihrer Fassade kaum noch zurückhalten. Verzweiflung und Hysterie ihrer Hoffnung machen erst deutlich, wie schlimm die abgelegten Hoffnungen der anderen Menschen wiegen. Erst hier wird klar, warum Hitchcock mit seinem Denunziationsstaat in Torn Curtain, in dem jeder einem jeden überwacht, genau ins Herz der DDR getroffen hat. Nicht die Stasi (wie die Gestapo vor ihr) hat funktioniert, weil sie Unmengen von Menschen dazu gebracht hat, sich gegenseitig zu verraten, sondern diese Leute haben sich verraten und die Stasi zu ihrem Erfolg verholfen, weil sie Angst hatten.  Angst, dass jemand im Gegensatz zu ihnen nicht auf seine Träume verzichten musste. Angst, dass sie das Wenige auch noch verlieren würden. Die gutmütigen Menschen sind entweder auch von dieser Angst gezeichnet oder sind so fremd in ihrer Umwelt, wie die ewig gutgelaunten Figuren in DDR-Komödien.

Solidarität braucht Träume. Die hat hier niemand. Weder die Doppeldenk-Koryphäen Heinrich Gerhard (Hansjörg Felmy als Stasi-Chef) und Karl Manfred (Günter Strack), leblose wie bedrohliche Robotermenschen, die ohne Innenleben ihrer Ideologie folgen und mit der einen Hand grüßen, während sie in der anderen schon das Messer bereithalten, noch Stasi-Agent Gromek (Wolfgang Kieling), der, weil die Zukunft nichts bringt, immer von der Vergangenheit in New York träumt, von einem anderen Leben, das aber unerreichbar ist, und noch so viele andere, sie alle haben vor allem aufgegeben. Ein paar Dissidenten, die um Herrn Jacobi (David Opatoshu) ihr Leben als Fluchthelfer für ein gerechtes Abenteuer riskieren, sie träumen noch etwas von der Freiheit anderer Menschen, aber auch sie stehen immer am Rand zum Verrat. Eine tschechische Ballerina wird gegen Ende auf einer Bühne ihre Pirouetten drehen. In den kurzen Pausen zum Schwungholen hält das Bild kurz an und zeigt uns – mit jeder Umdrehung immer näher kommend – ihren voll Wahnsinn und Hass starrenden Blick auf das Flüchtlingspaar im Publikum. Immer wieder im berstenden Stakkato der Schnitt zwischen Blick und einer zarten Hoffnung, kurz vorm Erlöschen, kurz vorm Ertapptsein.  Es ist, als schmeiße die Inszenierung die Niedertracht einer ganzen Nation in Form von filmischen Dolchen.

Torn Curtain ist mit seinem Aufbau um einen Mann, der für die Welt kämpft, und einer Frau, die für ihre Liebe selbst in die DDR geht, mit all seinen Umwegen und der ewigen Flucht vielleicht einer von Hitchcocks tristesten Filmen. In Vertigo oder Die Vögel hatte er noch kurz zuvor Bilder voller Untiefen gezaubert, die Schatten warfen, in denen sich phantastische Welten verbargen. Hier gibt es zwar abermals Bilder, die er nach Belieben zusammenschob und die nichts mit Realität zu tun haben – wo auch mal aus einem Fenster der DDR in den 60ern Nachkriegsruinen zu sehen sind – doch hier steckt in ihnen nur das Grau einer farblosen Welt … mit kleinen Ängsten und ohne Träume. Und damit porträtierte er vielleicht nicht die realexistierende DDR, sondern Leute, die damit leben mussten, dass ihr Staat sie so haben wollte.

Kontrapunkt: Berlinale 2013 Rückblick

Ein kleiner Rückblick auf zwei volle Tage Berlinale 2013 – mit Kurzkritiken zu sechs der acht gesehenen Filme, inklusive persönlicher „Jury-Urteile“, absteigend nach Klasse. „Der Student von Prag“ (Deutschland 1913), den ich in der Volksbühne sah, kommt sowieso bald im Fernsehen und war natürlich großartig. Bei „Nobody’s Daughter Haewon“ (Südkorea 2013) bin ich eingepennt, kann ich also nicht einschätzen. Zu den anderen:

„Facettenreiche Aufarbeitung eines vielschichtigen Themas“:
Einzelkämpfer
(D 2013)
Perspektive Deutsches Kino
Leistungssport hatte einen hohen Stellenwert im real existierenden Sozialismus. Doch wie ging es hinter den Kulissen zu mit sportlicher Nachwuchsförderung, politischer Instrumentierung durch das SED-Regime, dem Verhältnis zur Staatssicherheit und Doping zu? DFFB-Absolventin Sandra Kaudelka, selbst in ihrer Kindheit als Wasserspringerin im System mit harter Hand gefördert, versammlte dafür vier ehemalige DDR-Spitzensportler und Olympiasieger um Läuferin Marita Koch vor der Kamera. Die wohl am meisten entlarvenden Worte findet dabei der ehemaliger Kugelstoßer Udo Beyer: Was Sport anging, exisitierte auch dort das kapitalistische Leistungssystem, bei dem nur den Siegern und Besten Privilegien zukamen. Und Doping erfolgte beinahe selbstverständlich – aber trotz Nicht-Aufklärung über die Nebenwirkungen freiwillig. Eine enorm ehrliche, intime und menschliche Dokumentation über die Schattenseiten des DDR-Spitzensports.

„Enorm anstrengendes, aber großes Schauspieler-Kino“:
Camille Claudel 1915
(Frankreich 2013)
Wettbewerb
Sie hatte eine Beziehung mit dem großen französischen Bildhauer Auguste Rodin und verbrachte die letzten 30 Jahre ihres Lebens in psychiatrischen Anstalt. Skandal-Regisseur Bruno Dumont („Twentynine Palms“) zeigt das Martyrium von Camille Claudel (Juliette Binoche) während ihres Psychiatrie-Aufenthalts in Montevergues in Südfrankreich, wo sie sie gegen ihren Willen, emotional labil und voller Angst vor Vergiftung durch Rodin gegen ihren Willen festgehalten wird. Juliette Binoches Leistung ist beeindruckend: Die Kamera lässt minutenlang nicht ab von ihrem Minenspiel, von ihrer Verzweiflung, ihren Tränen. Der Alltag in der Anstalt steckt voller menschlicher wie künstlerischer Entbehrungen, ihre einzige Hoffnung nach Befreiung (ein Brief) wird durch den Besuch ihres Bruders Paul (Jean-Luc Vincent), der sich als zu Gott gefundener Mann im Ersten Weltkrieg menschlich wie ideel von ihr distanziert hat, zunichte gemacht. Lange Einstellungen, keine Musik: Der Film ist so karg, so entbehrungsreich wie das Leben im ehemaligen Nonnenkloster. Ein Film, der anstrengt, fordert, aber formale Strenge einlöst.

„Ambitionierter Kinderfilm mit kleinen Schwächen im Drehbuch“:
Kopfüber
(D 2013)
Generation Kplus
Sascha (Marcel Hoffmann) ist ein schwieriges Kind. Er stiehlt im Supermarkt, ist emotional unausgeglichen, hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche und seine Mutter ist mit der Erziehung überfordert. Nach der Diagnose ADHS bewirken zwar Pillen bessere Leistungen in der Schule, aber tun sie Sascha tatsächlich gut? Sieht man über die arg holzschnittartig gezeichneten Figuren und etwas zuviel Motive des „Betroffenheitskinos“ mit wiederkehrenden Plattenbau-Panoramen hinweg, zeigt „Kopfüber“ Risiken und Nebenwirkungen einer inzwischen leider inflationär gestellten Diagnose und angewandten Therapie. Marcel Hoffmann und sein Pendant Frieda-Anna Lehmann als die Freundin von nebenan sind zwei beeindruckend aufspielende Kinderdarsteller. Und Hoffnung keimt auch auf bei den zahlreichen Aufnahmen schöner Fahrradwege rund um den Drehort Jena.

„Nette Unterhaltung mit vordergründigem Tiefgang“:
Dark Blood (USA/GB/NET 2012), Promised Land (USA 2012) , The Look of Love (GB/USA 2013)
Wettbewerb/Berlinale Special
Beide Beiträge deuten ihre Konflikte um die Unterdrückung der Indianer bzw. die Umweltzerstörung durch Erdgasbohrungen an, nehmen sie jedoch nur als Vorwand, um die Entwicklung eines simpel gestrickten Plots. Die von Psychopathie geprägte Präsenz von River Phoenix im Road Movie-Western-Mix „Dark Blood“ lässt Vorboten seines zu Zeit der Dreharbeiten unmittelbar bevorstehenden Drogentodes erkennen und hievte die nach knapp 20 Jahren durch Off-Kommentare von Regisseur George Sluizer bei fehlenden Szenen  rekonstruierte Fassung zu ihrer Weltpremiere in den Wettbewerb. Ein nur solider Film gehört da nicht hin. Doch auch „Promised Land“ ist nur nett, zeigt die Macht jedes einzelnen verarmten Farmers (allen voran der sichtlich gealterte Hal Holbrook) gegen das Sprachrohr (Matt Damon) eines umweltzerstörenden Konzerns auf und singt dabei mit Hubschrauberaufnahmen blühender Landschaften, leisem Humor und einer vorhersehbaren Moral von der Geschicht‘ ebenso wie der ungleich humorbefreite „Dark Blood“ eine Hohelied auf das Landleben, die Langsamkeit und Einfalt seiner Bewohner. An der Oberfläche kratzt auch leider nur das Biopic des britischen Larry Flynt Paul Raymond (Steve Cooper), der mit zahlreichen Unternehmungen im Erotik-Bereich seine Millionen verdiente. Der Film hetzt wie ein Teenager mit Viagra-Überdosis von Schauwert zu Schauwert – Zeitkolorit, stimmige Dekors und immer wieder nackte Frauen – ohne dass es jeweils eine Verschnaufpause für so etwas wie Tiefgang und die Charakterzeichnung von wichtigen Nebenfiguren gäbe. Mit „9 Songs“ hat Regisseur Michael Winterbottom ein wesentlich intimeres Porträt geschaffen und das von Menschen, die nicht nur in sich selbst verliebt sind – im Gegensatz zu Protagonist Raymond und zum Film, der sich zu sehr in seinen üppigen Tableaus verliert.


Das war für mich die Berlinale 2013. Ob ich auch 2014 wiederkomme, wird sich zeigen. Inzwischen 10 Euro für das Ticket eines meist eher durchwachsenen Wettbewerbs-Films und beliebig strukturierte, aber überteuerte Sektionen wie „Berlinale Special“ (13 Euro pro Karte) lassen mich jedenfalls erst einmal ins Grübeln kommen.