Gefühl und Verstand: Ang Lee

Meinen gestrigen Besuch einer Vorstellung von „Se, jie“ (Gefahr und Begierde) im örtlichen Lichtspielhaus habe ich mal zum Anlass genommen, das filmische Werk meines Lieblingstaiwanesen unter die Lupe zu nehmen.

Da ich die ersten drei Filme von Ang Lee noch nicht gesehen habe, beschränkt sich der Streifzug durch seine Filmografie auf die Spielfilme, die er nach Eat Drink Man Woman gedreht hat. Das ganze Rating ist natürlich höchst subjektiv.


7. Ride with the Devil (1999)

Der einzige Film, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Die Besetzung ist im Vergleich zu denen seiner anderen Filme in den Hauptrollen nur mittelmäßig (Skeet Ulrich? Jewel?).

Der Bürgerkriegswestern ist sicher immer noch besser als die meisten anderen Versuche in diesem Subgenre in den letzten Jahren – z.B. dem Minghella-Tiefpunkt Cold Mountain – doch dafür glänzt Ride with the Devil mit eklatanten Längen und zumindest in der deutschen Version einer schrecklich weinerlich-quietschenden Synchro von Toby Maguire, der man nur schwer zuhören kann.

6. Hulk (2003)

Von allen Comicverfilmungen der letzten Jahre (also seit Blade) gefällt mir diese neben Sin City noch am besten. Von Kritikern und Fans wird der Film noch immer gedisst (was für ein tolles Denglish!) und im nachhinein bleibt die Wahl des Regisseurs verwunderlich.

Das Ende ist unspektakulär vermurkst, Nick Nolte ist kein erinnerungswürdiger Bösewicht und ein Höhepunkt der CGI-Kunst ist der Hulk auch nicht. Dafür bleibt Ang Lees Konzept das radikalste aller Big-Budget-Blockbuster-Comic-Adaptionen. Mithilfe von Splitscreens, Freeze-Frames und dem ideal besetzten Eric Bana greift Hulk Lees Lieblingsthemen im Comicstil auf: unterdrückte Gefühle, garniert mit Generationskonflikten.

5. Wo hu cang long [Tiger and Dragon] (2000)

Allein mein – nach drei Jahren Studium überraschenderweise noch immer vorhandener – gesunder Menschenverstand hält mich davon ab, diesen Film auf Platz sechs hinter Hulk zu schieben. Tiger and Dragon hat poetisch choreografierte Kampfszenen, beeindruckende Spezialeffekte, eine twistreiche Story und die Schaupielergarde Chinas auf der Pro-Seite. Wo bleibt das Contra?

Unbestreitbar ein Höhepunkt im wuxia-Genre ist Tiger and Dragon, dennoch werde ich den Film auf ewig mit Zhang Yimou’s Hero vergleichen. Dabei zieht Ang Lees Film den kürzeren.

4. Se, jie [Gefahr und Begierde] (2007)

Ganz frisch ist noch das Kinoerlebnis und die Einordnung fällt schwer. Wieder haben wir Lees Lieblingsthemen, diesmal personifiziert durch die Beziehung der Spionin-im-Widerstand-gegen-die-japanischen-Besatzer (Tang Wei) mit dem Kollaborateur und Geheimdienstler (Tony Leung). Diesmal verhindern die politischen Umstände eine Flucht aus den angestammten Rollen. Sie prägen den Umgang der beiden „Feinde“.

Am stärksten ist Gefahr und Begierde, wenn die Blicke mehr sagen, als die Dialoge. Tang Wei ist eine Entdeckung, Tony Leung zeigt mit seinem fliegenden Wechsel zwischen Charme, brutaler Eiseskälte und Melancholie die beste Leistung seiner Karriere. Das fatale Spiel der beiden Hauptfiguren, das eher einer Tortur gleicht, lässt den Zuschauer gegen Ende wirklich gespannt auf der Kante des Kinosessels verharren.

3. Brokeback Mountain (2005)

Dass dieser Film bei den Oscars gegen Crash verloren hat, wird für immer ein Schandfleck auf der reichlich verdreckten Weste der Academy bleiben. Zum wiederholten Male beweist Ang Lee sein Können in der Darstellung der Natur als Gefühlslandschaft.

Das besondere ist nicht, dass Lee eine Geschichte von schwulen Cowboys erzählt. Er behandelt sie wie jede andere Liebesgeschichte, in der Charaktere gegen eine repressive Gesellschaft ankämpfen. Darin liegt eine Stärke des Films, der vom Gegensatz zwischen dem wortkargen Ennis (Heath Ledger) und dem sensiblen Jack (Jake Gyllenhaal) lebt. Episches Kino, das seine Figuren nicht vergisst.

2. Sense and Sensibility [Sinn und Sinnlichkeit] (1995)

Ang Lees erster westlicher Film wird gleich zur besten Jane Austen-Adaption fürs Kino (oder kann jemand das Gegenteil beweisen?). Das Drehbuch von Emma Thompson bewahrt den humorigen und den gesellschaftskritischen Geist der Vorlage, während Lees Bildsprache auch nach der x-ten Sichtung noch beeindruckt.

Sense and Sensibility ist bis in die Nebenrollen treffend besetzt, neben Thompson, Winslet und Rickman glänzen besonders die Palmers (Hugh Laurie und Imelda Staunton). Selbst Hugh Grant passt irgendwie in das Ensemble, ohne den Film in eine RomCom zu verwandeln.

Dazu gibt’s einen der besten Soundtracks von Patrick Doyle (Henry V) und die Regie Lees, die, anstatt sich in romantischen Naturaufnahmen zu verlieren, die gesellschaftlichen Konventionen des frühen 19. Jahrhunderts und deren Auswirkungen visualisiert, fast schon anfassbar macht.

1. The Ice Storm [Der Eissturm] (1997)

Die Wahl von The Ice Storm zur Nummer eins mag den ein oder anderen verwundern, haben doch Filme, wie Tiger and Dragon oder Brokeback Mountain auffälligere Merkmale, die für diese Position sprechen. Tja, Pech gehabt!

So einfach geht’s natürlich nicht.

The Ice Storm funktioniert auf allen Ebenen. Ob als kritischer Blick auf das Amerika der 70er Jahre oder als tragisches Familiendrama. Das komplizierte Beziehungsgeflecht wird von Lee erbarmungslos, wie eine blutige Wunde, offen gelegt. Das ist hart mit anzusehen. Wenn schließlich der Abspann läuft, spürt man diesen nagenden Phantomschmerz, als gehöre man selbst zu den Familien Carver oder Hood.

Peter Sellers [1960-1963]

Nach Teil eins gibt’s nun die Fortsetzung meiner Einführung in das filmische Werk des vielleicht größten – und besten – Filmkomikers seit Charlie Chaplin:

In Folge des Gewinns des British Acadamy Awards für I’m All Right Jack und des internationalen Durchbruchs mit The Mouse that Roared beginnt die erfolgreichste Phase in der Karriere des Peter Sellers. Die Goon Show wird 1960 nach neun Jahren wöchentlicher Verrücktheiten eingestellt. Ein Abstecher auf die Theaterbühne in George Tabori’s Brouhaha bleibt eine Ausnahme. Mit dem steigenden internationalen Erfolg begrenzt sich sein Wirken auf die Kinoleinwand.

In nur vier Jahren wird er seine berühmtesten Rollen spielen, um wenig später (selbstverschuldet) in eine fast zehnjährige Phase von Flops hinein zu schlittern.

Die Zeit zwischen 1960 und 1963 ist die Übergangszeit vom beliebten Filmkomiker und Charakterdarsteller zum weltweiten Superstar. In diesen Jahren dreht er zwei seiner berühmtesten Filme: Stanley Kubrick’s Lolita und Blake Edwards‘ The Pink Panther.

Seiner Herkunft und seinen Ambitionen bleibt er dabei noch treu. So kennzeichnet diese Phase ein Ausflug in ernstere Rollen (mit unterschiedlichem Erfolg), sowie eine Reihe von Gaunerkomödien und Satiren, wie sie auch in den 50ern hätten entstehen können.

Noch hat die counter culture nicht auf die Leinwand abgefärbt und die 11 (!) Kinofilme, die er in dieser Zeit dreht, haben kaum etwas revolutionäres oder hippes in Machart und Thema an sich. Wäre da nicht eine gewisse Literaturverfilmung…


Eine Auswahl…

1. Never Let Go (1960) Regie: John Guillermin

Das Jahrzehnt beginnt mit einem Paukenschlag – oder einem Desaster, je nachdem, wen man fragt. Unter der Regie von Guillermin spielt Sellers zum ersten und letzten Mal in seiner Karriere (die immerhin mehr als 60 Filme umfasst) einen reinen, fiesen, unsympathischen, unkomischen, verrückten Bösewicht, wenn nicht gar Bastard, schließlich zertritt er in einer Szene die geliebten Schildkröten eines harmlosen alten Mannes.

Als Lionel Meadows fletscht Sellers 90 Minuten psychopathisch seine Zähne. Er ist kein stilsicherer Pate, sondern ein Ganove, der gern einer sein würde. Seine manische, unkontrollierbare Energie durchbricht bald seine legale Fassade und führt ihn zwangsläufig in den Untergang.

Die unscheinbare Story um einen Vertreter (Richard Todd), der sein gestohlenes Auto wieder haben will, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, war ein Flop und erhielt sogar ein X-Rating in Großbritannien. Die Zurückweisung von Publikum und Kritikern veranlasste Sellers dazu, nie wieder ein solches Risiko einzugehen.

Für mich bleibt Lionel Meadows eine seiner besten Rollen, auch wenn er sie leicht übertrieben hat. Jedweder Sellers-typischer Manierismus verschwindet hier, kein lustiger Akzent verwässert das monsterhafte Wesen, auch spielt er seinen Bösewicht nicht (wie etwa Basil Rathbone) elegant, trotz der angenommen Intelligenz.

Meadows ist kein Hannibal Lecter, auch kein Hans Gruber. Nein, er ist einfach nur ein abstoßendes Scheusal.

2. Only Two Can Play (1962) Regie: Sidney Gilliat

Kontrastprogramm! Wieder eine sehr gute britische Rolle für Sellers, doch der Unterschied zu Never Let Go könnte kaum größer sein. Inspiriert von den Innovationen der British New Wave erzählt Only Two Can Play die Geschichte des walisischen Bibliothekars John Lewis (Sellers), der durch die glamouröse Liz zum Ehebruch verleitet wird.

Die Story an sich gibt nicht viel her, dafür glänzt der Film mit einer beeindruckend subtilen Leistung von Sellers und einigen kautzigen Provinzlern (u.a. Richard Attenborough und Kenneth Griffith). Dazu gibt’s dieses undefinierbare wohlige Gefühl, das einem nur britische Filmkomödien verschaffen.

3. Lolita (1962) Regie: Stanley Kubrick

Ein Standout wäre dieser Film in jeder Schauspielerkarriere, doch Sellers‘ Clare Quilty brennt sich ins Zelluloid der Filmgeschichte auf ewig ein. Muss ich noch anmerken, das ich diesen Film toll finde? Trotz seiner Überlänge. Trotz des abrupten, unbefriedigenden Endes. Kubrick lieferte eine geniale, skandalträchtige Literaturverfilmung mit satirischen Untertönen ab. Das war nach Spartacus ein Befreiungsschlag erster Güte (Nimm das, Kirk Douglas!).

James Mason und Shelley Winters (keine spielt hysterische Frauen, wie sie!) präsentieren sich auf dem Höhepunkt ihres Könnens und was tut Sellers? Kubrick, der Egomane, der Kontrollfreak, der Take-after-Take-Foltermeister, er lässt Sellers tun, was er will.

Die Freiheit, mit der er improvisiert, sagt mehr über das Können Kubricks als Filmemacher aus, als irgendein fliegender Knochen. Er wusste, wann er Gold in den Händen hielt und wie es zu nutzen war. Kaum ein Regisseur hat Sellers in solche Höhen navigiert.

4. The Pink Panther (1963) Regie: Blake Edwards

Zwei Wochen vor Drehbeginn hatte Peter Ustinov keine Lust mehr, also nahm man einen anderen Briten. Der Rest ist Filmgeschichte. Sellers stiehlt den Film, er ist die einzige, beeindruckende Auffälligkeit abgesehen von Henry Mancini’s Musik. Warum liste ich den Film überhaupt auf?

Ganz einfach weil die ersten beiden Teile der Franchise sich durch die Zurückhaltung im Spiel des Hauptdarstellers auszeichnen. Ein überdrehter Sellers ist durchaus witzig, aber ein subtiler – mit anderen Worten „normaler“ – Sellers macht mehr Spaß. Bevor die Pink Panther-Filme zu comicartigen Slapstickkomödien wurden, hatten sie Stil.

Der melancholische Kleinbürger Clouseau aus Teil eins und zwei wird nur noch durch Chance the Gardener und Hrundi V. Bakshi übertroffen. Sellers ist hier mehr Schauspieler als Komödiant. Vergleiche mit Stan Laurel sind angemessen.


Teil drei wird sich um die Jahre 1964-1966 drehen. Vom Höhepunkt Dr. Strangelove bis zum Flop Caccia alla volpe.