Wollmilchcast #32 – Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Three Billboards outsie Ebbing, Missouri

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri geht am 4. März als einer der Favoriten ins Rennen um den Oscar 2018. Seit letzter Woche flucht sich Frances McDormand auch durch deutsche Kinos in dem neuen Film von Martin McDonagh (In Bruges). Das haben Matthias von Das Filmfeuilleton und ich zum Anlass genommen, um Ebbing bzw. Missouri bzw. Three bzw. Outside en detail zu besprechen. Dabei kommt das Texas Chainsaw Massacre ebenso zur Sprache wie Manchester by the Sea und der wunderbare Spitzname „Tupperware Tarantino“. Im zweiten Teil widmet sich Matthias dem Sleeper-Hit Wonder von Stephen Chbosky (The Perks of Being a Wallflower) und ich lese zwei Büchertitel ab für die Besprechung von Der Apfel ist ab von Helmut Käutner. Viel Spaß!

Shownotes:

00:00:54 – Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017) (Spoiler!)

Robbie Collins Thread über Three Billboards als Groteske

Does Three Billboards say anything about America? Well… (Wesley Morris)

00:46:30 – Wonder (DT: Wunder) (2017)

00:56:20 – Der Apfel ist ab (1948)

01:10:40 – Verabschiedung

Hört euch die Wollmilchcast-Folge an:

Bei Audiomack oder hier im Blog:

@Beeeblebrox

@gafferlein

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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)

Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)

Copyright Titelbild: 20th Century Fox

Kontrapunkt: Berlinale 2013 Rückblick

Ein kleiner Rückblick auf zwei volle Tage Berlinale 2013 – mit Kurzkritiken zu sechs der acht gesehenen Filme, inklusive persönlicher „Jury-Urteile“, absteigend nach Klasse. „Der Student von Prag“ (Deutschland 1913), den ich in der Volksbühne sah, kommt sowieso bald im Fernsehen und war natürlich großartig. Bei „Nobody’s Daughter Haewon“ (Südkorea 2013) bin ich eingepennt, kann ich also nicht einschätzen. Zu den anderen:

„Facettenreiche Aufarbeitung eines vielschichtigen Themas“:
Einzelkämpfer
(D 2013)
Perspektive Deutsches Kino
Leistungssport hatte einen hohen Stellenwert im real existierenden Sozialismus. Doch wie ging es hinter den Kulissen zu mit sportlicher Nachwuchsförderung, politischer Instrumentierung durch das SED-Regime, dem Verhältnis zur Staatssicherheit und Doping zu? DFFB-Absolventin Sandra Kaudelka, selbst in ihrer Kindheit als Wasserspringerin im System mit harter Hand gefördert, versammlte dafür vier ehemalige DDR-Spitzensportler und Olympiasieger um Läuferin Marita Koch vor der Kamera. Die wohl am meisten entlarvenden Worte findet dabei der ehemaliger Kugelstoßer Udo Beyer: Was Sport anging, exisitierte auch dort das kapitalistische Leistungssystem, bei dem nur den Siegern und Besten Privilegien zukamen. Und Doping erfolgte beinahe selbstverständlich – aber trotz Nicht-Aufklärung über die Nebenwirkungen freiwillig. Eine enorm ehrliche, intime und menschliche Dokumentation über die Schattenseiten des DDR-Spitzensports.

„Enorm anstrengendes, aber großes Schauspieler-Kino“:
Camille Claudel 1915
(Frankreich 2013)
Wettbewerb
Sie hatte eine Beziehung mit dem großen französischen Bildhauer Auguste Rodin und verbrachte die letzten 30 Jahre ihres Lebens in psychiatrischen Anstalt. Skandal-Regisseur Bruno Dumont („Twentynine Palms“) zeigt das Martyrium von Camille Claudel (Juliette Binoche) während ihres Psychiatrie-Aufenthalts in Montevergues in Südfrankreich, wo sie sie gegen ihren Willen, emotional labil und voller Angst vor Vergiftung durch Rodin gegen ihren Willen festgehalten wird. Juliette Binoches Leistung ist beeindruckend: Die Kamera lässt minutenlang nicht ab von ihrem Minenspiel, von ihrer Verzweiflung, ihren Tränen. Der Alltag in der Anstalt steckt voller menschlicher wie künstlerischer Entbehrungen, ihre einzige Hoffnung nach Befreiung (ein Brief) wird durch den Besuch ihres Bruders Paul (Jean-Luc Vincent), der sich als zu Gott gefundener Mann im Ersten Weltkrieg menschlich wie ideel von ihr distanziert hat, zunichte gemacht. Lange Einstellungen, keine Musik: Der Film ist so karg, so entbehrungsreich wie das Leben im ehemaligen Nonnenkloster. Ein Film, der anstrengt, fordert, aber formale Strenge einlöst.

„Ambitionierter Kinderfilm mit kleinen Schwächen im Drehbuch“:
Kopfüber
(D 2013)
Generation Kplus
Sascha (Marcel Hoffmann) ist ein schwieriges Kind. Er stiehlt im Supermarkt, ist emotional unausgeglichen, hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche und seine Mutter ist mit der Erziehung überfordert. Nach der Diagnose ADHS bewirken zwar Pillen bessere Leistungen in der Schule, aber tun sie Sascha tatsächlich gut? Sieht man über die arg holzschnittartig gezeichneten Figuren und etwas zuviel Motive des „Betroffenheitskinos“ mit wiederkehrenden Plattenbau-Panoramen hinweg, zeigt „Kopfüber“ Risiken und Nebenwirkungen einer inzwischen leider inflationär gestellten Diagnose und angewandten Therapie. Marcel Hoffmann und sein Pendant Frieda-Anna Lehmann als die Freundin von nebenan sind zwei beeindruckend aufspielende Kinderdarsteller. Und Hoffnung keimt auch auf bei den zahlreichen Aufnahmen schöner Fahrradwege rund um den Drehort Jena.

„Nette Unterhaltung mit vordergründigem Tiefgang“:
Dark Blood (USA/GB/NET 2012), Promised Land (USA 2012) , The Look of Love (GB/USA 2013)
Wettbewerb/Berlinale Special
Beide Beiträge deuten ihre Konflikte um die Unterdrückung der Indianer bzw. die Umweltzerstörung durch Erdgasbohrungen an, nehmen sie jedoch nur als Vorwand, um die Entwicklung eines simpel gestrickten Plots. Die von Psychopathie geprägte Präsenz von River Phoenix im Road Movie-Western-Mix „Dark Blood“ lässt Vorboten seines zu Zeit der Dreharbeiten unmittelbar bevorstehenden Drogentodes erkennen und hievte die nach knapp 20 Jahren durch Off-Kommentare von Regisseur George Sluizer bei fehlenden Szenen  rekonstruierte Fassung zu ihrer Weltpremiere in den Wettbewerb. Ein nur solider Film gehört da nicht hin. Doch auch „Promised Land“ ist nur nett, zeigt die Macht jedes einzelnen verarmten Farmers (allen voran der sichtlich gealterte Hal Holbrook) gegen das Sprachrohr (Matt Damon) eines umweltzerstörenden Konzerns auf und singt dabei mit Hubschrauberaufnahmen blühender Landschaften, leisem Humor und einer vorhersehbaren Moral von der Geschicht‘ ebenso wie der ungleich humorbefreite „Dark Blood“ eine Hohelied auf das Landleben, die Langsamkeit und Einfalt seiner Bewohner. An der Oberfläche kratzt auch leider nur das Biopic des britischen Larry Flynt Paul Raymond (Steve Cooper), der mit zahlreichen Unternehmungen im Erotik-Bereich seine Millionen verdiente. Der Film hetzt wie ein Teenager mit Viagra-Überdosis von Schauwert zu Schauwert – Zeitkolorit, stimmige Dekors und immer wieder nackte Frauen – ohne dass es jeweils eine Verschnaufpause für so etwas wie Tiefgang und die Charakterzeichnung von wichtigen Nebenfiguren gäbe. Mit „9 Songs“ hat Regisseur Michael Winterbottom ein wesentlich intimeres Porträt geschaffen und das von Menschen, die nicht nur in sich selbst verliebt sind – im Gegensatz zu Protagonist Raymond und zum Film, der sich zu sehr in seinen üppigen Tableaus verliert.


Das war für mich die Berlinale 2013. Ob ich auch 2014 wiederkomme, wird sich zeigen. Inzwischen 10 Euro für das Ticket eines meist eher durchwachsenen Wettbewerbs-Films und beliebig strukturierte, aber überteuerte Sektionen wie „Berlinale Special“ (13 Euro pro Karte) lassen mich jedenfalls erst einmal ins Grübeln kommen.

Transformers 3 (USA 2011)

Eine Fahrt in das Auge des Maschinenwesens. Aus den filigranen Innereien setzt sich die breitschultrige Ansage zusammen: Transformers 3. Das dreifache Ausrufezeichen muss mitgedacht werden. Dann beginnt das Aerosmith-Video. Wir folgen dem Hintern des unzureichenden Megan Fox-Ersatzes Rosie Huntington-Whiteley (ein Name, nicht für Filmposter gemacht, aber die brauchen keine Menschen) die Treppe hinauf. Das ist Michael Bay. Das ist ein Regisseur, der Filme aus Money Shots zusammensetzt, nicht aus Geschichten, nicht aus Emotionen. Ein Hintern mit nichtssagendem Gedudel unterlegt, ein Auto, das sich im Flug in einen Roboter verwandelt, eine Gruppe von schwitzenden Soldaten vor der amerikanischen Flagge. Das ist der Stoff, aus dem Michael Bay-Filme gewoben sind, oder sagen wir lieber: das sind die Fetzen, aus denen Transformers 3 besteht, denn ein homogenes Gewebe mit nahtlosen Übergängen kommt nicht zu Stande.

Der Hintern von Rosie Huntington-Whiteley also führt uns in die übersexualisierte Gegenwart, deren Frauenmode eher an 80er Jahre, an schlechte Miami Vice-Verschnitte erinnert. Räkelte sich Megan Fox noch verführerisch auf einem Motorrad und gebar so eine Symbiose von Männerträumen, wird ihre Nachfolgerin gänzlich mit einem Auto gleichgesetzt, wenn die Kurven eines Gefährts beschrieben werden, während die Kamera lasziv über die ihren gleitet. Doch Frau Huntington-Whiteley muss sich keine Sorgen machen, als einzige im Film zum Gegenstand herabgestuft zu werden. Vielmehr befindet sie sich in bester Gesellschaft mit einer Bay’schen Weltbevölkerung, die höchstens aus Attributen zusammengesetzt ist, wenn sie überhaupt ins Scheinwerferlicht darf. Denn menschliches Leid oder auch nur die Tatsache, dass im Laufe des Films mindestens Tausende von Menschen sterben, interessiert Transformers 3 nicht im Geringsten. Da steht die Frage tatsächlich im Raum, warum die Autobots gegen die bösen Decepticons überhaupt vorgehen. Fürchten sie die Materialschäden? Für die nimmt sich der Film umso mehr Zeit, wenn sich etwa ein durchaus beeindruckender Decepticon wie eine Krake um ein Hochhaus windet, es zerdrückt, dessen Innereien nach außen presst. Ein Augenschmaus ist die Sequenz in Einzelmomenten. Einer, den man als teure Powerpoint-Präsentation wahrnimmt, nur eben von der hintersten Bank des Klassenzimmers aus.

Michael Bay-Filme zu beschreiben, hat immer etwas von einem Déja-vu, zumindest seitdem sich sein Stil nach der Jahrtausendwende gefestigt hat. Bis auf ein paar längere Einstellungen hat sich die Inszenierungsweise seit dem ersten Teil des Transformers-Franchises nicht wesentlich gewandelt. Auch der erstmalige Einsatz der 3D-Technik hat daran nichts geändert, was sich insbesondere dadurch aufdrängt, dass die Dreidimensionalität überhaupt nicht ausgenutzt wird. Stattdessen das selbe alte Spiel, bzw. der selbe alte Stil. Powerpoint-Folie nach Powerpoint-Folie wird über die Leinwand gejagt. Denn Michael Bays Filme denken nicht in Bildfolgen, sondern maximal in einem Kader auf einmal. Sofern das Wort „Denken“ angemessen ist. Auch die dritte Robo-Schlacht vermittelt deshalb die meiste Zeit den Eindruck einer Warenpräsentation für potenzielle Käufer. Hier ein neues Feature, dort ein Schwenk über das neue Design. So erweist sich Transformers 3 schon in den ersten Spektakelszenen als Abfolge von Einstellungen, deren Montage von einem abwesenden Gespür für rhythmische Bewegungen in ihren rudimentären Formen zeugt.

Natürlich ist „Transformers 3“ zuvorderst als Produkt gedacht, welches an die Massen gebracht werden muss. Kaum ein Filmemacher hat die Meriten des Blockbusterkinos allerdings derart auf diese eine Funktion heruntergebrochen, wie Michael Bay es in den Transformers-Filmen zur Schau stellt, speziell in Teil 2 und 3. Da hilft es nicht, dass Charakterdarsteller wie Frances McDormand und John Turturro für die Ausgestaltung des Hintergrunds zuständig sind. Ihnen wird ebenso wenig Menschlichkeit zugesprochen wie den gigantischen Robotern. Da fällt es gar nicht weiter auf, dass die Transformers nun sogar Blut verlieren, so dass der Streifen zu einer Art R-Rated-Reißer für Kiddies degeneriert. Einzig John Malkovich macht das Wesen von Transformers 3 zur Methode. Mit falschen Zähnen und uninspirierten Overacting-Einlagen ordnet er sich geflissentlich in die leblose Kulisse dieses Maschinenpornos ein.


Zum Weiterlesen:

Überblick über die Kritiken bei Film-Zeit.de.

Burn After Reading (USA/GB/F 2008)

Treffen sich zwei Kinobesucher nach einer Vorstellung von Tropic Thunder, wird sich ihr Gespräch sehr bald auf den Auftritt von Tom Cruise als fetten, haarigen Produzenten drehen. Der eine freut sich dann über die Art und Weise wie der Scientologe und Superstar sein Image als Schönling auf die Schippe nimmt. Der andere wird entgegen halten, dass sein ewiges Herum- getanze doch mehr peinlich als lustig ist. Vielleicht entzünden sich beim Anblick des neuen Filmes von Joel und Ethan Coen ähnliche Diskussionen. In Burn After Reading spielt schließlich Brad Pitt – zweimaliger Sexiest Man Alive – einen etwas dümmlichen Fitness Studio-Angestellten, samt hautengen Shirts und geschmackloser Frisur. Seine Figur Chad Feldheimer ist der Typ Mensch, dessen Mund weit offen steht, wenn das Hirn nicht mehr hinterher kommt. Mit seiner Arbeitskollegin Linda Litzke (Frances McDormand) erpressen sie nach dem Fund vergessener Top Secret-Daten des CIA dessen Besitzer. Oder sie versuchen es zumindest. Man kann sich wohl durchaus vorstellen, dass Chad und Linda, die das Gros ihres Tages mit Ergometern, Laufbändern und anderen hoch interessanten Geräten verbringen, keine geborenen Profis im Geheimdienstgeschäft sind. Seltsamerweise scheint in Burn After Reading keiner von irgend etwas einen Plan zu haben. Auch nicht der betroffene Agent Osbourne Cox (John Malkovich). Von seiner Frau (Tilda Swinton) betrogen und verachtet, von seiner Firma gefeuert, wünscht man dem Alkoholiker Cox eine ordentliche Gruppentherapie.

Auch Harry Pfarrer (George Clooney – ebenfalls zweimaliger Sexiest Man Alive) hat so seine Probleme. Als wären eine Frau und eine Geliebte (Swinton) nicht genug, sucht Harry übers Internet-Dating weibliches Frischfleisch. Und lernt dabei Hobby-Erpresserin Linda kennen. Man könnte großspurig sagen, das Schicksal der Figuren in „Burn After Reading“ sei vernetzt, die verschiedenen Lebenspfade würden sich kreuzen, mit verhängnisvollen Folgen usw. Die Feststellung liegt allerdings nahe, dass schlicht alle Figuren in diesem Film unglaublich dumm sind. Die Akzeptanz dieser Gemeinsamkeit genügt jedenfalls, um an diesem Film großes Gefallen zu finden. Nicht alle teilen Chads Grad von Dummheit, aber fast. Ausgenommen Tilda Swinton, deren Eisblock-Anwesenheit zuweilen deplatziert wirkt. Glücklicherweise teilt sie eine der witzigsten Szenen des Films mit Clooney und einem Berg Karotten. Welche Schaupielerin kann das schon von sich behaupten?

Eine Horde beschränkter Figuren dabei zu beobachten, wie sie versuchen ans große Geld zu kommen, muss nicht unbedingt lustig sein. Selbst in der Filmografie der Coen-Brüder existiert der großartige The Big Lebowski neben The Ladykillers, einem weiteren Remake, dass kein Mensch braucht. Burn After Reading ist vielleicht nicht auf der Höhe des Dudes, dafür ist das Geschehen zunächst zu chaotisch, wirkt der ganze Film wie eine Fingerübung nach Feierabend. Einen wie den Dude gibt’s wohl nur einmal im Leben. Dennoch sind die Eskapaden von Linda Litzke und ihren Kollegen höchst amüsant.

Die Coens spielen nämlich mit dem dramatischen Repertoire verschiedener Genres, allem voran denen des Agenten-Films, um deren Regeln genüsslich auf den Kopf zu stellen. Und sie spielen mit unserer Erwartung bezüglich der Besetzung. Wann treffen etwa die beiden „Oceans Eleven“-Stars Pitt und Clooney endlich aufeinander? Die Antwort auf diese Frage aller Fragen wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Ihre Auflösung ist aber nur einer der Gründe, warum Burn After Reading absolut sehenswert ist. Ein anderer ist Pitt selbst, dessen erbärmliche Versuche, auf Cox bedrohlich zu wirken, für die größten Lacher sorgen. Dieser Film ist ziemlich makaber, birst vor schwarzem Humor und wird stets von einem Hauch von Belanglosigkeit begleitet. Aber wen interessiert’s?