Wollmilchcast #54 – Halloween von David Gordon Green

Halloween 2018

Michael Myers stutzt mal wieder die Lebenserwartung von Vorstadtbewohnern und das in einer direkten Fortsetzung des Klassikers von John Carpenter. Trotzdem heißt der neue Halloween-Film nicht Halloween 2 und im Wollmilchcast gehen Matthias von Das Filmfeuilleton und ich der Frage nach, was das für Auswirkungen auf den Horrorfilm von David Gordon Green hat. Außerdem entreißt Matthias heroisch Luc Bessons Johanna von Orleans dem Morast des Vergessens, während ich die handygestützte Action aus SPL 2: A Time for Consequences mit den Martial Arts-Recken Wu Jing und Tony Jaa vorstelle. Viel Spaß!
Shownotes:

  • 00:01:28 – Halloween von David Gordon Green (!SPOILER!)
  • 00:42:55 – Johanna von Orleans von Luc Besson (1999)
  • 00:55:15 – SPL 2: A Time for Consequences von Soi Cheang (2015)
  • 01:03:40 – Verabschiedung


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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)
Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)
Copyright Titelbild: Universal

Kontrapunkt: Flop Five 2010

Erst im neuen und hoffentlich – auch filmisch – viel besseren Jahr konnte ich den Schund, den ich mir 2010 angetan habe, schriftlich verdauen. Denn: It hurts! Los geht’s mit meiner persönlichen Flop Five 2010, wobei ich einige potenzielle Kandidaten dafür („Beilight“, „Zahnfee auf Bewährung“ und „Otto’s Eleven“) zum Glück nicht ertragen musste. Und als Schmankerl ganz synästhetisch und hirngaga mit getanzter Farbassoziation zum Titel vorneran.

Platz 5: A Nightmare on Elm Street (USA 2010)

Eine Neuverfilmung, die kein Mensch braucht. Jackie Earle Haley schlägt sich dabei noch am besten als der Nachfolger von Robert Englund, der als Freddy Krueger Teenager im Traum metzelte. Viel Gewalt, viel Blut (daher rote Farbe) und ein großer Verrat am Original, da aus dem unschuldigen Kindermörder Freddie ein schuldiger Pädophiler gemacht wurde. Eine schick gestylte, laute aber auch uninspirierte und ideenarme Achterbahnfahrt, produziert von Krawallbarde Michael Bay, besetzt mit hübschen Gesichtern, die aber alle zusammen schauspielerisch weniger beizutragen haben als Johnny Depp in seinem Filmdebüt allein. Kleiner Lichtblick: Rob Zombies „Halloween“ ist noch schlechter.

Platz 4: Du schon wieder (USA 2010)

Orange wie der Zicken-Neid im Hochsommer. Eine dümmliche Disney-Dramödie um ein in der Schule mies behandeltes, süßes Mädchen (dargestellt von Kristen „Veronica Mars“ Bell), die damit konfrontiert wird, dass ihre Widersacherin von damals („The Unborn“-Kamelhuf Odette Yustman) ihren Bruder ehelichen will und alles daran setzt, das zu verhindern. Jamie Lee Curtis als Mutter, die auch einen Disput mit der Schwiegermutter in spe auszufechten hat, spielt wie in „Freaky Friday“ auf Ecstasy, der Film nervt mit seiner Heile Welt-Pseudoproblem-Vorhersehbarkeit, in der das Anstößigste und Unkalkulierteste schon der Name des Regisseurs ist: Andy Fickman.

Platz 3: Jud Süß – Film ohne Gewissen (D/A 2010)

Deutschlands Vorzeigeeinfaltspinsel in Sachen Filmregie, Oskar Roehler, erzählt uns was über die Umstände, unter denen das berüchtigte Nazi-Propagandawerk „Jud Süß“ entstand. Da werden Fakten mit Hinzudichtungen kombiniert, darf Moritz Bleibtreu Goebbels karikieren, versucht sich Tobias Moretti als (solide verkörperter) Ferdinand Marian aus der Affäre zu stehlen, wird es Gudrun Landgrebe von ihm am offenen Fenster von hinten besorgt. So unfassbar dreist, so unfassbar dumm, dass man das deutsche Filmdilemma eigentlich sehen muss. Passend zum Farbstich der Filmbilder auch die Farbe. Mehr Verriss von mir: hier.

Platz 2: Kindsköpfe (USA 2010)

Adam Sandler blödelt sich selbst mal wieder durch einen bekloppten und lärmigen Film, der den Zuschauer den letzten Nerv und seinen Protagonisten die letzte Würde raubt – selbst Flachcomedian Rob Schneider, der im Film zwei heiße Schnecken als Töchter hat, die erstmal lasziv mit dem Po wedeln, wenn sie den Motor vom Auto reparieren (is klar!). Ein Ausflug einer Gruppe von Freunden am See inklusive der mitgebrachten Family versinkt in sexistischen und vulgären Zoten (Highlights: furzende Oma und Pinkeln im Freibad), die schon zu „Eis am Stiel“-Zeiten nicht witzig waren. Hellgelb, da kaum zu sehen (Fremdscham). Doch es geht noch mehr filmische Pein:

Platz 1: Zeiten ändern dich (D 2010, du Opfer!!!)

„Mama…“ – „Hm.“ – „Isch brauche Geld.“ – „Wofür denn, mein Junge?“ – „I… Isch möschte Drogen kaufen.“. Tja, so beginnt sie, die glorreiche Laufbahn von Bushido vom Drogendealer zum Gangstarapper, auf die sich Bernd Eichinger stürzte wie die Fliegen auf die Scheiße und schauspielerischen Hochkarätern wie Hannelore Elsner (sträflich unterfordert!), Moritz Bleibtreu (mit bescheuerter Türken-„Pate“-Attitüde!) und Uwe Ochsenknecht (als die abgetakelte Version von Uwe Ochsenknecht) mutmaßlich das Ende ihrer seriösen Schauspielerkarriere bereitete. Der Film ist – dieser Vulgarismus ist leider angebracht – eine beschissen platte Ansammlung dummer Klischees und unauthentisch wirkender Dialoge, die wie die (leider unfreiwillige) Parodie ihrer selbst wirken. Es geht um Respekt und das harte Leben auf den Berliner Straßen – zumindest, wenn man dem wie abgelesen wirkenden Off-Kommentar von Bushido himself glaubt, der ein extrem mieser Schauspieler ist und somit der „Klasse“ dieser krass kalkulierten, kotzigen Kacke in nichts nachsteht. Der behindertste und spastischste Opfer-Scheiß des Jahres! Aus diesem Grund übrigens auch die Dünnpfifffarbe. Das war übrigens ein Wort mit drei „f“ – genau wie Fuck off!

Im Verfolgerfeld:
Kinofilme: „When in Rome“, „Engel mit schmutzigen Flügeln“, „Easy Virtue“ und – natürlich! – „The Tourist“
DVD-Premieren: „Tekken“ und „Shank“

Kontrapunkt: Halloween – Die familiäre Triade

Pünktlich zu Halloween habe ich mir John Carpenters Klassiker des Slasher-Films noch einmal angeschaut. Doch neben einer nahezu perfekten Spannungskurve und einer äußerst subtilen Inszenierung sind mir bei der nunmehr vierten oder fünften Sichtung von Halloween – Die Nacht des Grauens auch andere Dinge aufgefallen: Der auffällige Umgang mit der Zahl Drei und – damit verknüpft – das Motiv der Familie.

Die erste Auffälligkeit gleich zu Beginn, zum Prolog im Jahre 1963: Der kleine Michael beobachtet aus einem Point-of-View das Herumalbern seiner Schwester Judith mit ihrem Freund. Er geht um das Haus herum, betritt es durch den Hintereingang. Erst läuft er durch die Küche, schnappt sich ein Messer, dann läuft er durchs Esszimmer. In der Mitte ein Tisch, an dem exakt drei Stühle stehen. Schon seltsam, wenn die Familie Myers aus fünf Mitgliedern, Eltern und drei Kindern, besteht. In dem Moment, in welchem Michael seine Schwester tötet, sind seine Eltern abwesend. Die familiäre Triade – Vater, Mutter, Kind – ist aufgebrochen, auch eine Ersatzfamilie als sozialer Kontrollmechanismus des Verhaltens ist durch das Verschwinden von Judiths Freund nicht vorhanden.

In diese Leerstelle sticht Michael Myers als Sanktionierung des unzüchtigen Fehlverhaltens buchstäblich mit dem Messer hinein. Als er dann, als seine Eltern nach Hause kommen, mit der Rüge seines kolossalen Fehlverhaltens, indem er mit seinem Status als Störfaktor der familiären Ordnung konfrontiert wird, reagiert er mit einem Schock. Einem anhaltender Schockzustand, der sich in der fehlenden Differenzierung von Gut und Böse, richtig oder falsch und dem Fehlen jeglicher Moral manifestiert, wie Psychiater Dr. Loomis (Donald Pleasance) Michaels Psyche später beschreibt.

In der Halloween-Nacht 1978* fallen Michael Myers drei Teenager zum Opfer. Allesamt jedoch nicht in den Momenten ihrer körperlichen Zusammenkunft, sondern in der Situation davor oder danach, im Zustand, als die Paar-Dyade aufgesprengt ist. Annie wird im Auto von Michael getötet, als sie zu ihrem Freund fahren will – also in dem Moment, als sie ihre Aufsichts-, also Fürsorgepflicht als Babysitterin vernachlässigt und auch so die funktionierende (Ersatz-)Mutter-Kind-Dyade aufsprengt. Lynda und Bob werden auch erst nach dem Sex von Michael getötet, als Bob Bier holen geht und sich das Paar physisch voneinander trennt. Dennoch tritt Michael Myers immer als Störfaktor auf, dringt in die Privatsphäre der Paare ein und irritiert durch sein Wahrnehmen der amourösen Paar-Gefühle des „sensitiven Verbundenseins“**. Aus diesem Grunde wird jedes Mal die Zweisamkeit aufgebrochen, bleibt das Paargefüge ungleich seiner Eltern nicht intakt.

Die letzten Minuten des Films sind dabei der Supergau der Dreierkonstellationen. Erst findet Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) die drei Leichen ihrer Freunde, wobei der Grabstein über Annies Leiche, die auf dem Bett mit ausgebreiteten Armen drapiert wurde, auf die Geschichte der Familie Myers hinweist, gleichzeitig jedoch auf die zerstörte (Ersatz-)Familientriade referiert. Dann werden die drei bis dahin parallel verlaufenden Handlungsstränge um Loomis’ Ermittlungen, Myers’ Heimkommen nach Haddonfield und Laurie Strodes Vorbereitungen auf den Halloween-Abend zusammengeführt. Laurie erlebt die größte und unmittelbarste Bedrohung für ihr Leben, als sie mit den beiden Kindern, Tommy und Lindsay allein ist, also in einer Situation, in der eine „Störung (…) der reinen und unmittelbaren Gegenseitigkeit“*** stattfindet. Lindsay wurde zuvor von Annie bei Laurie abgeliefert und just in diesem Moment schreitet Michael Myers zum ersten Mal in der Halloween-Nacht zur Tat.

Beim Showdown treffen wir die Zahl Drei wieder an. Mit der Ankunft von Dr. Loomis im Haus entsteht wieder die Dreierkonstellation, allerdings in pervertierter Form. Bruder und Schwester werden in einer nahezu inzestuösen Intimsituation überrascht, in der der Tötungstrieb anstelle des Sexualtriebs getreten ist. Loomis wird zum störenden Dritten, trennt die pervertierte Dyade durch seine Handfeuerwaffe. Michael Myers stirbt den dritten seiner drei Tode (Nadel im Hals, Messer im Bauch, erschossen).

* Dieser Essay bezieht sich nur auf die Geschehnisse von Teil eins.
** Georg Simmel: „Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe“. In: ders.: „Schriften zur Soziologie“, S. 258
*** ebd., S. 259