Harry Potter und der Halbblutprinz (USA/GB 2009)

Stilistisch gesehen haben die Verfilmungen der Erfolgsromane von J.K. Rowling mit dem dritten Teil „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ ihre Heimstätte gefunden. Die karge, dennoch romantische Berg- und Seenlandschaft um Hogwarts liefert seitdem den stimmigen Hintergrund für das zunehmend unheimlich anmutende Schulgebäude, dem die kindliche Freude an der Magie der sprechenden Gemälde und wandelnden Treppen von Film zu Film entzogen wird. Die Wiederauferstehung Voldemorts im Nachfolger, seine vermehrt öffentlich agierenden Todesser, das drohende Unheil einer erneuten faschistischen Diktatur in der Außenwelt stellt auch den Status des geliebten Zaubererinternats als Insel der unversehrten Glückseligen in Frage. So kulminiert der sechste Teil Harry Potter und der Halbblutprinz in der Einsicht, dass  die Kindheit in vielerlei Hinsicht vorbei ist. Geborgen in der Parallelwelt Hogwarts können Harry, Ron und Hermine nicht länger sein, denn die Schule und ihre Schüler sind endgültig Teil der Welt und ihrer erwachsenen Konflikte geworden. Hogwarts/die Kindheit barg eine schöne Zeit, doch diese hat unwiderruflich ihr Ende gefunden. Verantwortung und Autonomie heißen die Ingredienzen der Zukunft. Freud und Leid der Pubertät, wie es Regisseur David Yates und Drehbuchautor Steve Kloves so detailliert auf die Leinwand bringen, dienen dabei als vorwiegend komisches Symptom der Abnabelung Harrys von seinem väterlichen Surrogat Dumbledore. Der Schulleiter weiht ihn diesmal in seine Erinnerungen an den jungen Tom Riddle, den späteren Voldemort, ein, um den Auserwählten auf den unausweichlichen Endkampf mit diesem vorzubereiten. Zu allem Überfluss muss Harry (Daniel Radcliffe) sich mit seinen aufwallenden Gefühlen für Rons Schwester Ginny herumschlagen und die zwielichtigen Machenschaften Draco Malfoys (Tom Felton) im Auge behalten. Der hat tatsächlich einen Auftrag vom Dunklen Lord höchstpersönlich. Während die anderen Jugendlichen in den Gängen ausgiebig knutschen, wandelt dieser Draco wie ein schwarzer Schatten einsam durch die Gänge. Ihm sind Unschuld und Schutz längst entrissen worden.

Es ist schon eine unfreiwillige Tradition der Potter-Filme, dass bestimmte Nebenfiguren Harry, den Held und Heilsbringer der Geschichte, sowohl schauspielerisch wie auch in Sachen Charakterfülle in den Schatten stellen. Ob Malfoy, Severus Snape oder Tom Riddle selbst – mehrere Figuren in diesem Film tragen gewichtigere Konflikte mit sich herum als der Auserwählte. Selbst die Probleme innerhalb der nicht vorhandenen Beziehung zwischen Ron und Hermine, ihr Hin und Her zwischen Eifersucht und Zuneigung, werden nuancierter ausgeführt als Harrys hölzerne Liebelei mit der schauspielerisch überforderten Bonnie Wright alias Ginny Weasley. Durchweg überzeugt Radcliffe in seinem Zusammenspiel mit Jim Broadbent, der als  Professor Horace Slughorn zum Ensemble dazu stößt. Der Celebritiy-verrückte Slug liebt es, seine Beziehungen zur Zauberer-Prominenz aller Welt unter die Nase zu reiben und in seinen Augen gibt der Auserwählte naturgemäß ein glänzendes Exemplar für seine Sammlung ab. Broadbent zieht alle Gefühlsregister in seiner Rolle, die eine sympathischere, fachkundige Spiegelung des aufgeblasenen Gilderoy Lockhart aus dem zweiten Film darstellt. Einer nicht zu übersehenden Erbärmlichkeit dieses Lehrers, der seine Eitelkeit als Mentor eines exklusiven Schülerclubs füttert, setzt Broadbent mit seinen großen verzweifelt naiven Augen das verdrängte, unterschwellige Bewusstsein für seine Verantwortung am Aufstieg Voldemorts entgegen. Der Oscar-reife Auftritt des Briten reiht sich ein in die alles überragende Abwendung der Reihe von den Kinderbuchwurzeln.

Fast zum verzweifeln ist es daher, dass die in den ersten Minuten des Films etablierte Atmosphäre allumfassender Bedrohung nicht konsequenter durchgehalten wird. Da gleitet die Kamera noch rasend schnell durch Londoner Straßen, gibt den Blick fliegender Todesser wieder, welche die Zauberer-Welt mit Entführungen in Angst und Schrecken versetzen. Da offenbart der Film seine Nähe zum Zeitgeschehen, wenn er einen Terroranschlag der Schergen Voldemorts auf die Londoner Millennium Bridge schildert, welcher in der Vorlage in dieser Ausführlichkeit nicht einmal vorkam. Unsicher über seine eigene erzählerische Haltung kontrastiert der Film allerdings jeden dramatischen Wendepunkt mit dem Comic Relief vertauschter Liebestränke und knutschsüchtiger Freundinnen. Eine Prise davon sorgt für Erheiterung in der ansonsten klaustrophobischen Umgebung Hogwarts,  charakterisiert durch die verschachtelten Gänge der mittelalterlichen Schule und die erdrückenden punktuellen Weichzeichner, welche aus den Erinnerungen von Dumbeldores Pensieve in den Schulalltag übergegriffen haben und die Figuren zusätzlich wie Gefangene  im Bild kadrieren. Im Übermaß wirken die pubertären Eskapaden dagegen aufgesetzt und geraten den Stärken des Films zum Nachteil. Einzelne Sequenzen überragen deswegen den Gesamteindruck, denn „Harry Potter und der Halbblutprinz“ gibt sich zu keiner Zeit erzählerisch so homogen wie sein Vorgänger, der „Orden des Phönix“, ebenfalls inszeniert von David Yates. Wieder einmal kann man einem Drehbuch von Steve Kloves – der nur den „Orden“ nicht geschrieben hat – den Vorwurf der episodenhaften Überführung des Buches auf die Leinwand machen. Schwerwiegender als dieser qualitative Abfall im Vergleich zum Vorgänger ist der Hang dazu, bei folgenschweren Ereignissen in der Handlung auf die große Dramatik oder auch nur weitreichende Gefühlsäußerungen zu verzichten. Gut kommt der Film ohne den pathetischen Ausklang der Vorlage aus, doch bleibt in Hinsicht auf die Entwicklungen in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ zu fragen, ob dem Auserwählten im Finale Wut, Zorn und Hass nicht etwas besser gestanden hätten als die unentschlossene Apathie, welche Kloves dem Helden angedeihen lässt. Harry ist zwar kein Kind mehr, aber noch immer keine vielschichtige Figur.

Ein vorwiegend inhaltsarmes Übergangsbuch war der „Halbblutprinz“ zum Leidwesen der Leser. Mit Blick auf das nun bekannte Finale der Serie haben sich die Filmemacher nicht dazu durchringen können, eine zumindest ansatzweise abgerundete Geschichte zu erzählen. Ein Übergangsfilm ist im selben Maße der filmische Halbblutprinz  geworden, der sich trotz vieler löblicher Kürzungen den abschließenden Paukenschlag versagt und den Zuschauer damit unsicher in die  zweiteiligen „Heiligtümer des Todes“ entlässt. Damit ist Harry Potter und der Halbblutprinz zwar vielschichtiger und unterhaltsamer als die meisten Fließbandblockbuster dieses Jahres; doch noch immer wartet man auf den Potter-Film, der auch nur im Entferntesten die Aussicht auf den zukünftigen Status als moderner Klassiker in sich birgt, vergebens.