Kontrapunkt: Schuld und Sühne im Trash-Gewand

Only God Forgives Plakat Ryan Gosling„Drive“ war ein Meisterstück des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn aus dem Jahre 2011. Ryan Gosling spielte damals wie heute den Protagonisten – eine leblose Hülle. Eine Figur ohne Charakterzeichnung, die sich an die wenigen Eigenschaften klammert, die ihr vom Drehbuch zu teil werden, welches sich einem audiovisuellen Konzept unterordnet. Hier spielt er Julian, den Besitzer eins Box-Clubs in Bangkok. Als sein Bruder Billy nach einer Gewalttat an einer 16-jährigen Prostituierten von ihrem Vater ermordet wird, fordert ihn seine Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas) auf, Rache zu nehmen. Doch Julian wirkt wie gelähmt; bei ihm halten prophetische Tagträume voller Blut Einzug in seine vernebelten Gedanken. Doch je öfter sie versuchen, den Polizisten Chang (Vithaya Pansringarm) als den Verantwortlichen zu töten, desto näher kommt ihnen dieser Racheengel mit seinem Samuraischwert.

„Only God Forgives“ ist ein unzähmbares filmisches Monster. Eine Geschichte um Rache und Vergeltung, die stets auf dem schmalen Grat zwischen dem Fantastischen, tiefem menschlichen Drama und überkandideltem Trash wandelt. Kameramann Larry Smith („Eyes Wide Shut“, 1999) folgt den Figuren exakt, verschiebt die Kadrierung im 90-Grad-Winkel zu ihrer Laufrichtung, versprüht dabei in langen Einstellungen einen ungeheuren Mut zur Komposition, verstört immer wieder mit Nahaufnahmen, in denen Julians Gesicht nahezu in den Schatten versinkt, die auf ihm liegen, während das tiefe Licht durch die Schlitze der Wand dringt – „the horror… the horror“. Das Bewusste, die verrückte Realität und das Reich der Alpträume stehen sich in „Only God Forgives“ stets gegenüber. Die Exploitation-Welt des Blutes und der Gedärme bitten im Samurai-camp um Einlass. In der Postmoderne treffen sich Bilder und Töne, die ästhetische Reize im Überfluss verströmen.

Only God Forgives Ryan Gosling Nicolas Winding Refn
Die Musikuntermalung durch ihre brummenden Tiefen schürt unheilvolle Erwartungen oder wirkt durch Synthie-Orgeln wie eine überlebensgroße Stilisierung des alten Kampfes Gut gegen Böse, bei dem die klaren Fronten verwischt sind. Chang ist kein Sympathieträger, agiert jedoch auf der Seite des Gesetzes, Julian eine sich zurückhaltende Identifikationsfigur, dessen mitleidiger oder erschrockener Blick bei einem Besuch im Sex-Club zur Masturbation seiner Gespielin mehr sagt als tausend Worte. Die Szenen in diesem Etablissement sind zugleich ein Meisterstück der Farbdramaturgie. Das Rot der körperlichen Liebe und der Warnung vor der lauernden Gefahr bestimmen diese Bilder, die wirken, wie aus einer Parallelwelt entsprungen. Später soll Chang einen Handlanger von Julians rachsüchtiger Mutter erst mit Messern foltern, dann töten. Die Prostituierten in ihren hübschen Kleidern und mit geschlossenen Augen wirken in dem Dekor des Raums voller Blumen und Früchte wie Beigaben zu einem absurden Stillleben – Godard oder Kubrick sitzen irritiert hinter der Kamera und trinken einen Verdauungsschnaps. Und dazu die zahlreichen Zeitlupen, die Übermacht der Bilder wie der pathetischen Musikuntermalung: Bedeutung wollen sie vermitteln, die jedoch unter der Oberfläche der Stimuli nur schwerlich zu finden sind.

Denn dem Reichtum der Stilmittel zum Trotz irritiert „Only God Forgives“ mit seiner Gehaltlosigkeit. Der nahezu banal simple Plot um Rache wirkt wie ein durch die Üppigkeit des Körpers aufplatzendes Korsett, welches die brillanten Ideen des Regisseurs, der ein beeindruckendes Gespür zur Szenenauflösung und Filmkomposition besitzt,  nur notdürftig zusammenhält. Kausalketten werden Lügen gestraft, brutale Gewalt bricht herein, Karaoke-Szenen wirken wie gewollt irritierende Fremdkörper, Crystal ist eine vulgäre Zynikerin und als Figur kaum ernst zu nehmen, wenn sie über die Penisse ihrer Söhne schwadroniert. Nicolas Winding Refn hat „Only God Forgives“ den von ihm bewunderten chilenischen Regisseur Alejandro Jodorowsky gewidmet, dessen an Absurditäten reiche Werke wie der mit Konventionen brechende Western „El Topo“ (1970) heute Kultstatus genießen. Vielleicht sollte man „Only God Forgives“ deshalb als das betrachten, was er am ehesten ist: ein bedeutungsschwangeres, aufgeblasenes Absurditätenkabinett. Aber eines, an dem Cineasten ihre helle Freude haben.

Only God Forgives startet am 18. Juli im Kino im Verleih von Tiberius Film.
In Thüringen ist er hoffentlich ab 25. Juli zu sehen (im Schillerhof in Jena).

Kontrapunkt: Kino pur V

Da bin ich ja mal wieder sehr kreativ bei den Filmen, die ich innerhalb der letzten Tage gesehen habe, aber was soll’s.

Repo Men (USA/CDN 2010)

Ein abartig blutiges und brutales Herumgeschnetzel mit wenig originellen Ideen, das von „Die Insel“ über „Repo! The Genetic Opera“ bis hin zu „Blade Runner“ die Filmgeschichte der letzten fast 30 Jahre plündert. In einer merkwürdigen Zukunftswelt können dabei Organe synthetisch erzeugt und dem zahlenden Kunden eingepflanzt werden. Doch wenn der nicht zahlt, werden die ihm wieder entnommen. Eines Tages gerät – na klar – einer der „Entnehmer“ (blass: Jude Law) in dieselbe missliche Lage und will zusammen mit einer weiblichen Ansammlung von Ersatzorganen das System zerstören. Hübsch anzuschauen mit einem ziemlich kranken (unfreiwilligen?) makabren Humor, aber bar jeglicher Intelligenz und mit einem Forest Whitaker, der sich als dümmlicher Sidekick gehörig blamiert. Mehr dazu von mir bei MovieMaze.

Easy Virtue – Eine unmoralische Ehefrau (GB/CDN 2008)

Oder: Wie man den Zuschauer über 90 Minuten mit der Unvereinbarkeit von lockerer amerikanischer Lebensart und britischer Aristokraten-Etikette nervt. Die Fettnäpfe, die Amerikanerin Larita (Jessica Biel) beim Besuch der Familie ihres englischen Mannes nicht auslässt, sind hin und wieder witzig (versehentlich getöteter Hund, Entehrung einer blankziehenden Tochter der Familie), vermögen aber diesen zähen und wendungsarmen Mischmasch aus Familiendrama und Lebensart-Komödie nicht zu tragen. Öde schleppt sich der Zickenkrieg zwischen Larita und der argwöhnischen Schwiegermama (Kristin Scott Thomas) mit einigen Lachern und – das Highlight – einem souverän agierenden Colin Firth als sarkastischem Familienvater bis zum offenen Ende dahin, das man irgendwann auch flehend herbeisehnt. Dann doch lieber weniger Cultureclash und noch einmal „Meine Braut, ihr Vater und ich“ schauen.