Der unvermeidliche Abstieg des Ernst Stavro Blofeld

Eine knappe Ansammlung persönlicher Notizen mit einigen Spoilern

Es gibt Filmfiguren, die werden verehrt, weil sie unseren Wünschen entsprechen. Von ihnen geht eine Faszination aus, weil sie unsere Helden und selbst mit ihren Fehlern perfekt sind. Ferdinand Griffon ist ein solcher Held für mich. Dann gibt es Figuren, die uns gerade faszinieren, da wir sie abstoßend finden (bei mir zum Beispiel Jens Albinus) oder weil von ihnen ein anziehender Schrecken ausgeht (Thulsa Doom). Eine meiner liebsten Leinwandpersönlichkeiten ist Ernst Stavro Blofeld, für gewisse Zeit der Erzfeind von James Bond, aber nicht weil er auch nur in einem Film wirklich überzeugen kann, sondern weil meine Vorstellungen von ihm überlebensgroß sind. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich darin, dass ich ihn über seine Abbilder kennen gelernt habe. Aber schauen wir uns erst einmal die Nummer Eins von S.P.E.C.T.R.E. an.

Blofeld und S.P.E.C.T.R.E. tauchen bei Ian Fleming gerade einmal in drei Büchern auf. Es sind die zu den letzten Romanen der Reihe gehörenden Thunderball, On Her Majesty’s Secret Service und You Only Live Twice. Vorher hatte James Bond oft mit Handlangern der SMERSH zu tun gehabt, dem eigentlich seit 1946 aufgelöstem Nachrichtendienst der UdSSR, doch mit der Entspannungspolitik entschied sich auch Fleming, andere Gegner zu suchen. So ließ er ein globales Verbrechersyndikat auftauchen, welches von einem gewissen Ernst Stavro Blofeld geleitet wurde. „[…]zwei Augen, die tiefen Teichen gleichen, umgeben, »wie die Augen Mussolinis«, von zwei Skleren von sehr klarem Weiß, […] die einen an Puppenaugen denken läßt, auch wegen der schwarzen, seidigen Frauenwimpern […] Der Gesamteindruck ist der der Verstellung, Tyrannei und Grausamkeit ‚auf shakespeareschem Niveau‘; er wiegt 120 Kilo.“[i] Am Anfang seiner Karriere arbeitet er in einem polnischen Telegrafenamt und fängt an mit geheimen Informationen zu handeln. Hier liegt der Ausgang von  S.P.E.C.T.R.E., das Syndikat, welches in einigen Verfilmungen den Platz der SMERSH einnehmen sollte (Dr. No, From Russia With Love).

Ian Fleming gibt Blofeld alles mit, was ihm Angst bereitet. Er ist sexuell nicht „normal“ (asexuell), nicht reinrassig (polnischer Vater, griechische Mutter), hat einen Bürstenschnitt und ist von niederer Herkunft. Doch all diese Beschreibungen sind die Krux. Sie machen aus Blofeld einen Bösewicht, der sich nur durch seine Organisation von den anderen Gegenspielern Bonds unterscheidet. Die Filme versuchen, aus ihm etwas Einzigartiges zu machen und nicht nur eine Schreckgestalt für Fleming. Sie reißen ihm die flemingschen Charakteristika vom Gesicht und erschaffen so ein Gespenst (spectre). Er ist nur ein Oberkörper mit einer Katze, ikonografisch simpel und einprägsam und durch das fehlende Gesicht setzt er der Fantasie keine Grenzen, um in totale Paranoia zu verfallen. Er ist sadistisch und hinterhältig selbst zu seinen Mitarbeitern und hat stets einen Knopf parat, der Menschen qualvoll in einen überraschenden Tod stürzen lässt. Sein einziges Charakteristikum ist das verkommene Wesen, das sonst nicht festzumachen ist. Hinter jeder Mauer kann sein Syndikat lauern, welches verschlagen und mächtig genug ist, um die Welt aus den Angeln zu heben. Der Schrecken hat zwar einen Namen, sonst ist er nur die Heimsuchung der eigenen Fantasie.

Den Produzenten Saltzman und Broccoli kann vorgeworfen werden, dass sie in Man lebt nur zweimal Blofeld ein Gesicht geben ließen und damit seinem Untergang zu einer Witzfigur ausgelöst haben. Doch das eben Beschriebene ist das Bild von Blofeld in meiner Fantasie, denn die Filme haben den Mythos, das Gespenst von Anfang an mit Stücken von Wirklichkeit kontaminiert. Die Ausnahme bleibt James Bond 007 jagt Dr. No. S.P.E.C.T.R.E. wird nur kurz erwähnt und bleibt so für den Zuschauer ein bedrohliches Mysterium. In Liebesgrüße aus Moskau und Feuerball, so geheimnisvoll sie Blofeld auch beginnen aufzubauen, wird das mögliche Mysterium aber schon abgeschwächt. Jedes Mal sitzt er Menschen gegenüber, mit denen er interagiert. Er ist aus Fleisch und Blut und nur dem Zuschauer wird das Gesicht vorenthalten. Dr. Claw oder die Anführer von F.O.W.L., beides deutliche Epigonen von Blofeld, haben die Lektion gelernt, sie sind nur per Fernsehübertragung zu erreichen und selbst für ihrer Mitarbeiter Phantome. Doch der schlimmste Makel in diesen Filmen ist vor allem die Durchnummerierung der S.P.E.C.T.R.E.-Mitglieder… streng nach Rang und Können. Diese magenverkrampfende Versinnbildlichung von Leistungsdruck, reißt Blofeld aber in einen Malstrom gen Enträtselung. Nachdem Bond die Top Ten getötet hat, kann er kaum gegen den Bodensatz oder gegen eine neue Nummer Zwei kämpfen. Ihm bleibt nur das I-Tüpfelchen.

Donald Pleasence spielt in Man lebt nur zweimal einen beeindruckenden Blofeld. Die Macher gaben sich alle Mühe, dem von ihnen geschaffenen Mythos gerecht zu werden. Doch danach wurde er zu einem überflüssigen Anhängsel. Er wurde das, was die Filme bisher verbargen, denn durch den Beweis seiner Realität wurde er zu einer Witzfigur die sich hinter lächerlichen Jalousien versteckt oder auf Jachten hockt, böses Genie spielt und über Fische philosophiert. Er war kein Phantom mehr, sondern für jeden sichtbar und damit uninteressant, weil verarbeitet, denn Angst verbreitet nur das Unbekannte.

Im Geheimdienst ihrer Majestät und Diamantenfieber versuchen auch kaum zu verstecken wie wenig Mühe sie sich mit der Figur geben. Telly Savalas spielt ohne Narbe und wühlt im Dreck der Wirklichkeit, sprich: er jagt Bond auf Skiern und mit Schnellfeuerwaffe hinterher und prügelt sich gar mit ihm. Eine Katze ist nirgends zu sehen. Und warum erkennen sie sich nicht, sie haben sich doch bereits getroffen? Sein Abgang dient auch nur noch als Sprungbrett für einen Treppenwitz. Diamantenfieber versucht nochmals mit dem einführen von chirurgisch gefertigten Doppelgängern, Blofeld Richtung Fantômas oder Dr. Mabuse zu rücken, aber sichtlich uninspiriert tötet Bond diese einfach. Zurück bleibt ein Feigling (Hatte der nicht mal ne Glatze? Sieht er nicht irgendwie wie Dikko Henderson aus Man lebt nur zweimal aus?), der wieder einmal schon vorm endgültigen Scheitern flieht (darf er doch nicht gefasst werden) und von Bond der Lächerlichkeit preisgegeben wird, da er in seiner U-Boot-Kapsel von Bond am Kran gefangen und hilflos wie von einem Puppenspieler gehandhabt wird. Kläglich verhallen seine Schreie, welche den ihm gebührenden Respekt einfordern. Augenscheinlich hatte er noch nicht erkannt, wie tief er gesunken ist.

Mit dem Auftritt von Roger Moore verschwindet dann auch Blofeld. Zu sehr hatte er sich überlebt. In In tödlicher Mission taucht er nochmal auf, aber nur um kurz zu Beginn von Bond in einen Schornstein geworfen zu werden. Ohne ihm Würde zu geben, wird er abserviert… mit einem herablassenden Klaps auf die Fontanelle wurde er entsorgt. Ich habe ihn über Inspektor Gadget und Darkwing Duck kennen gelernt und träume immer wieder den Traum eines gesichtslosen Schreckgespenstes, dass die Welt in ihren Klauen hält. Wenn ich die Filme sehe, wird mir aber immer wieder klar, dass es dieses nie gegeben hat.


[i] Eco, Umberto: Die erzählerischen Strukturen im Werk Ian Flemmings, in: Ders.: Apokalyptiker und Integrierte, Frankfurt am Main 1986, S. 273-312, S. 281.