Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (USA/GB/CDN 2010)

Kann ein Film zu rund sein? Wenn ja, dann ist Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt ein Vertreter dieser Spezies. Was Regisseur Edgar Wright in Hot Fuzz angedeutet hat, führt er hier zu einem frühen Höhepunkt, vielleicht sogar zu einer Vollendung: Eine extreme Dynamisierung der Narration mit Hilfe einer Aufweichung der Übergänge zwischen den einzelnen Einstellungen. Alles ist hier im ständigen Fluss, jede Szene droht, in wenigen Sekunden durch die nächste aus dem Bildrand geschoben zu werden, was auf ihren Inhalt aber keine Auswirkungen hat. So ist der Film, den Edgar Wright um die zentralen Kämpfe Scott Pilgrims gegen die sieben Evil-Exes von Ramona Flowers aufbaut, manchmal einfach ein bisschen zu schnell. Und ja, das sage ich als Fan von Tony Scott. Doch dieser, um eine kurze Zeit bei diesem ansonsten abwegigen Vergleich zu verweilen, verzichtet im nicht weniger schnellen Domino meistens darauf, irgendwelche visuellen Information in seiner Bilderflut unterzubringen. Edgar Wright dagegen will nicht das totale Zeigen, sondern das totale Erzählen, bei dem er Leerstellen in der Handlung überspringt, in denen eben nichts zu erzählen ist und den ganzen Film ungeachtet der Grenzen von Zeit, Raum und Popkultur in einen sich überstürzenden Redeschwall verwandelt, den man am liebsten nochmal zurück spulen möchte. Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt will uns all die interessanten Fakten, lustigen Pointen und moralischen Offenbarungen in seiner zu kurzen Spielzeit vorstellen, die er für wichtig hält. Alle sind schließlich irgendwie toll, awesome oder gar epic und müssen – jetzt – gleich – sofort erzählt werden. Zu Atem oder emotionaler Involviertheit kommt man dabei aber nur selten.

Edgar Wright ist einer der interessantesten Filmemacher, die derzeit im Mainstreamgeschäft unterwegs sind. Nach nur drei Filmen und einer Serie hat er einen eigenen, individuellen Erzählstil entwickelt, wobei „Erzählen“ und „Stil“ bei ihm, anders als bei vielen Kollegen, immer zusammengehen. Jede Einstellung scheint bei ihm seit „Hot Fuzz“ entsprechend des Rhythmus der Narration konzipiert, jede Einstellung vermittelt den Eindruck davon, was als nächstes kommt und das ist keinesfalls selbstverständlich. Edgar Wright weiß auch, wie man eine komödiantische Szene auflöst, ohne dass sie nach Fernsehen aussieht, deswegen sehen seine Komödien aus der Cornetto-Trilogie eben auch aus wie Kino, nicht wie Judd Apatow-Filme. Er fluktuiert zwischen den Genres, statt nur innerhalb eines Genres. Daher sehen seine Actionszenen innerhalb einer Ealing-Komödie (Hot Fuzz) genauso gut aus, wie sie in einem reinen Actionfilm aussehen sollten. Doch der beste Beweis für seine Könnerschaft ist vielleicht, dass es „Shaun of the Dead“ gelungen ist, die Figuren einer Zombie-Parodie lebensecht wirken zu lassen, so dass man sich sogar dazu gezwungen fühlt, mit ihnen mitzufühlen. Bei einem Genre, welches dermaßen mit der Überzeichnung arbeitet, ist das eine Seltenheit.

Genau dieser entscheidende Punkt will in Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt nicht funktionieren. Alles fließt so schnell vorbei, alles ist so awesome, dass die Mehrheit der Figuren keine Luft zum selbstständigen Atmen bekommt, sondern wie ein Sonnensystem um das Charisma-Loch Michael Cera kreist. Der würde beinahe unter der Last der Coming of Age-Konflikte der Figur Scott Pilgrim zusammenbrechen, würde er Anstalten machen, sich schauspielerisch mit diesen auseinanderzusetzen. Stattdessen steht er Mary Elizabeth Winstead (Ramona Flowers) gegenüber, seiner Film-Schwester Anna Kendrick (Stacey Pilgrim) und  einigen anderen, die alle die Hauptrolle eher verdient hätten, als diese Inkarnation des Scott Pilgrim. Doch der zentrale Stolperstein von Edgar Wrights drittem Spielfilm bleibt der Duktus der Erzählung, bleibt die anscheinende Proklamation der Montage: Jede Szene ist ersetzbar. Warum sich dann mit einer anfreunden?


Zum Weiterlesen:
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