2008: Das Jahr, indem wir Top Ten-Listen erstellten

…wie in jedem anderen Jahr auch.

Wie auch schon bei der Top Ten 2007 werden hier nur Filme berücksichtigt, die a) ihren deutschen Starttermin oder b) ihre (deutsche) DVD-Premiere im Jahre 2008 gefeiert haben. Die Einschränkungen sind recht wirr und dienen allein als seriös wirkende Ausrede dafür, dass ich die vielleicht wichtigsten amerikanischen Filme des Jahres – potenzielle Oscar-Anwärter z.B. – noch gar nicht gesehen habe, da deren deutscher Starttermin meist im Januar oder Februar 2009 liegt.

Noch dazu sei hinzuzufügen, dass ich aus verständlichen Gründen nicht alle 2008 produzierten Filme sehen konnte, da sonst mein Kopf platzen würde. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Mit anderen Worten: Diese Liste ist ein persönliches Resümee des Filmjahres 2008. Intersubjektive Nachvollziehbarkeit wird nicht garantiert:

10. Tödliche Entscheidung (USA/GB 2007)

Kaum zu glauben, dass Sidney Lumet „Die Zwölf Geschworenen“ vor 51 Jahren gedreht hat. Before The Devil Knows You’re Dead ist modern in seiner Form und unbarmherzig in seiner Schilderung menschlicher und familiärer Abgründe. Lumet hat wie schon vor einem halben Jahrhundert das beste aus seinem Ensemble herausgeholt, hier bestehend aus Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Marisa Tomei und Albert Finney.

09. WALL-E (USA 2008)

Letztes Jahr war es Ratatouille, dieses Jahr nimmt WALL-E den für Pixar reservierten Platz in meiner Top Ten ein. Die erste Hälfte des Films hätte ihn sogar auf Platz 1 katapultieren können. Da ist „WALL-E“ der beste Animationsfilm, den Charlie Chaplin nie gedreht hat. Mit der recht konventionellen zweiten Hälfte landet der liebenswerte Roboter immerhin auf Rang 9. Mal sehen, wie Up abschneiden wird. Immerhin trägt der nächste Pixar den Namen des besten Albums von Peter Gabriel. [Soviel zu unnützen Trivia-Infos]

08. Sweeney Todd – Der teufliche Barbier aus der Fleet Street (USA/GB 2008)

Ein düsteres Gothic-Musical ist Sweeney Todd, dass dank der Vorlage von Stephen Sondheim die für Tim Burton typische Oberflächlichkeit vermissen lässt. Wer hätte gedacht, dass Kannibalismus zu dermaßen eingängigen Liedern inspirieren kann? Auch für Nicht-Musical-Fans ist der Film mit Burtons Stammpersonal Johnny Depp und Helena Bonham Carter ein Muss.

07. Der Mongole (RUS/KZ/MGL/D 2007)

Dschingis Khan hat einen großen Film schon lange verdient. Sergei Bodrovs Der Mongole will das sein und wird dem Mythos der Steppe gerecht, ohne auf billiges Pathos oder auch nur eine klassische Erzählweise zu verfallen. Tadanobu Asano („Ichi the Killer“) gibt Temudjin auf seinem steinigen Weg zum Titel des Khan ein erhabenes Gesicht, während Sun Honglei („Die Sieben Schwerter“) als sein Freund und späterer Widersacher Jamukha wiedereinmal zeigt, warum er einer der besten Schauspieler Chinas ist. Um von den wuchtigen Landschaftsaufnahmen gar nicht erst zu reden…

06. The Dark Knight (USA 2008)

Vielleicht ist es DER Film des Jahres, wenn auch nicht der beste, den Christopher Nolan mit The Dark Knight gedreht hat. Ein Denkmal für Heath Ledger, sicher eine der besten Comicverfilmungen aller Zeiten und v.a. ein spannender, aber nicht dummer Actionthriller, der beträchtliche Lust auf eine Fortsetzung macht. Die Comic-Konkurrenz war dieses Jahr nicht zu unterschätzen (u.a. „Hellboy II“ und „Iron Man“), doch der Dunkle Ritter segelt souverän in die Top Ten.

05. There Will Be Blood (USA 2007)

Auch wenn „There Will Be Blood“ gegen Ende Gefahr läuft, von seiner Hauptfigur erschlagen zu werden und Paul Thomas Anderson sich das Einfühlungsvermögen, welches er seinen geplagten Figuren in „Magnolia“ noch in Hülle und Fülle hat zukommen lassen, in seinem aktuellen Film leider versagt, verdient die Geschichte um Daniel Plainview einen Platz in der Top Ten. Filme, die sich mit dem Klassischen Hollywoodkino messen können, gibt es eben viel zu selten. Die eigentliche Überraschung in There Will Be Blood heißt aber nicht Daniel Day-Lewis, sondern Paul Dano.

04. Brügge sehen… und sterben? (GB/USA 2008)

Politisch inkorrekt, brutal, komisch, traurig und gesegnet mit einer Ansammlung menschlicher Matschepampe. All das trifft auf Brügge sehen.. und sterben? zu. Es deutet möglicherweise auch darauf hin, dass das Debüt von Martin McDonagh nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Wer Genrefilmen nicht abgeneigt ist, wird freilich schnell erkennen, dass McDonagh den (britischen) Gangsterfilm zu neuen Höhen geführt hat. Noch dazu ist ihm aufgegangen, dass Colin Farrell kleine besoffene Loser viel besser spielen kann als große makedonische Könige.

03. Michael Clayton (USA 2007)

Dass Anwaltsthrillern nach all den langweiligen John Grisham-Verfilmungen noch etwas neues abzugewinnen ist, das hatte zumindest ich kaum noch zu hoffen gewagt. Michael Clayton war daher ein leicht zu unterschätzender Oscaranwärter, dem das Label Epos dank des Mangels an weiten Landschaften, Pferden und Ölbaronen offensichtlich nicht zugeschrieben werden kann. Tony Gilroys Film verdient den dritten Platz, weil er mit einfachen Mitteln die dunklen Seiten großstädtischer Arbeitsexistenzen, die unschönen Seiten unserer Dienstleistungsgesellschaft aufdeckt.

02. No Country for Old Men (USA 2007)

Was „Michael Clayton“ an vordergründigen Eposqualitäten fehlt, findet sich in der Cormac McCarthy-Verfilmung der Coen Brüder. „Mitleidlos“ ist wohl das Wort, das am ehesten auf No Country for Old Men zutrifft. Verkörperung des kaltblütigen Zufalls ist Anton Chigurh (Javier Bardem), ein Killer, der in seiner soziopathischen Vorgehensweise einer Naturgewalt ähnelt. Tommy Lee Jones und Josh Brolin geben dem Film das dringend nötige menschliche Antlitz, was alles eigentlich noch unangenehmer macht.

01. Waltz With Bashir (IL/D/F/USA 2008)

Animierte Dokumentation, dokumentarischer Animationsfilm… Wie auch immer man Ari Folmans Film bezeichnen will, Waltz With Bashir landet hier auf Platz 1. Das verbildlichte Trauma des Regisseurs ist von allen hier genannten Filmen der innovativste. Innovation allein berechtigt aber noch nicht zur Spitzenposition. „Waltz With Bashir“ schafft genau das, was das sogenannte „Betroffenheitskino“ gerne sein möchte. Er greift Verdrängungsmechanismen auf, zehrt das Grauen aus einer subjektiven Sicht an die Oberfläche und zwingt zur Auseinandersetzung. Vergangenheitsbewältigung auf der großen Leinwand.


Im Verfolgerfeld:

„All the Boys love Mandy Lane“

„Hellboy II: Die Goldene Armee“

„Mamma Mia!“

„The King of Ping Pong“

„Tropic Thunder“

Der Beste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe und auch nach der dritten Sichtung nicht kapiere:
The Sun Also Rises

Die größte Enttäuschung des Jahres:

„Ein Quantum Trost“.

Und Britney Spears, die immer noch „Musik“ macht.

Heißer Anwärter auf die Kategorie „Filme, die die Welt nicht braucht“:

„Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“

Der beste Trailer des Jahres mit überbordendem Zeitlupeneinsatz:

Watchmen – unterlegt mit „The End Is The Beginning Is The End“ von den Smashing Pumpkins.

Der beste Song, der sowohl im Trailer als auch im Film auftaucht:

Bedroom Walls – „In Anticipation of Your Suicide“ („All The Boys Love Mandy Lane“ O.S.T.)

Unglaubwürdigste Gesichtsbehaarung des Jahres:

Leonardo DiCaprio in „Der Mann, der niemals lebte“.

Preisverdächtigste Gesichtsbehaarung des Jahres:

Robert Downey Jr. in „Iron Man“ und „Tropic Thunder“.
Peinlichster Auftritt einer Gruppe Yetis in der Geschichte der Menschheit:
„Die Mumie – Das Grabmal des Drachenkaisers“
Bestes Festivalerlebnis des Jahres:
„Sparrow“ von Johnnie To in der Caligari-Filmbühne zu Wiesbaden zu genießen.
Ein Autogramm von David Bordwell in Bologna zu ergattern.

Die gehypten Filme, die wahrscheinlich einen Platz in der Top Ten verdienen, ihn aber nicht bekommen, weil ich sie noch nicht gesehen habe:

„Schmetterling und Taucherglocke“

„So finster die Nacht“

Michael Clayton (USA 2007)

Michael ClaytonAus George Clooney ist ein Schauspieler geworden!“ Das war meine erste Reaktion auf Michael Clayton, das mehrfach für den Oscar nominierte Regiedebüt von Tony Gilroy, der u.a. die Drehbücher der Bourne-Filme geliefert hat.

Als treuer Emergency Room-Zuschauer war mir der Charme des Herrn Clooney geläufig gewesen, doch bisher hatten sich seine überzeugenden Rollen auf (Gauner-)Komödien á la Out of Sight und Ein Unmöglicher Härtefall beschränkt.

Mit Cary Grant und Clark Gable wurde er nicht zuletzt auf Basis dieser Filme in Verbindung gebracht. Sein Spiel scheint gerade von Grants Screwball-Komödien und dessen späte Rollen, wie neben Audrey Hepburn in Charade, geprägt zu sein. Entspannte Womanizer im feinen Zwirn, die durch ihre Selbstironie die Herzen der weiblichen Hauptfiguren und hingerissenen Zuschauerinnen im Sturm gewinnen.

Die größten Rollen von Cary Grant waren untrennbar mit seinem Starimage verbunden, man fordert es noch heute beim Ansehen seiner Filme geradezu ein. Ein Cary Grant-Film wird nicht auf dieselbe Weise geschaut, wie ein Robert DeNiro-Film. Man will das eigene Bild von Cary Grant wieder und wieder in Variationen bestätigt sehen, nicht den detailgenauen Method Actor, der hinter seiner Figur verschwindet. Dank Grants komödiantischem Vermögen bleibt das auch interessant, egal wie viele seiner Filme man nun sieht.

Clooney hätte sich eine veritable Karriere auf ähnliche Weise aufbauen können, doch schon einer seiner „frühen“ großen Kinofilme, Robert Rodriguez‚ Roadmovie-Vampir-Slasher From Dusk Till Dawn, bewies seinen Hang zu Filmen abseits ausgetretener Blockbusterpfade. Mit den eigenen Regiearbeiten (Confessions of a Dangerous Mind, Good Night and Good Luck) und seiner Zusammenarbeit mit Steven Soderbergh bestätigte er diese Tendenz auch im neuen Jahrtausend. Hinter der Kamera hatte er so sein – für viele überraschendes – Können bewiesen. Dass er auch vor der Kamera souverän als Schauspieler – nicht Star – agieren kann, hätte zumindest ich nicht gedacht. Soviel zur Lobdudelei im voraus.

Michael Clayton ist ein Anwaltsthriller. Das ist ein ausglutschtes Genre, denkt man. Bitte nicht noch eine Grisham-Verfilmung/Kopie, denkt man. Gute Einwände gegen weitere Leinwandabenteuer im Gerichtssaal gibt es zuhauf, sie alle haben ihre Berechtigung. Tony Gilroy jedenfalls tat einen ersten lobenswerten Schritt, indem er einen Film über Anwälte gedreht hat, der ohne einen Gerichtssaal auskommt. Regisseur und Autor Gilroy hat einen zweiten, vorteilhaften Schritt dadurch unternommen, dass er seine Erzählung nicht auf das Ankurbeln des Plots beschränkt.

Wie will man sonst die Existenzberechtigung einer Sequenz erklären, in der Karen Crowder (Tilda Swinton) vor dem Spiegel steht, um wieder und wieder die vorbereiteten Sätze für ein Fernsehinterview von sich zu geben? Sie ist eine Perfektionistin, sagen uns die Bilder. Sie ist unsicher, nervös und würde wohl alles dafür tun, ihre Karriere in Gang zu halten. Der Film baut einige solcher zeitlichen Nullpunkte ein, um seine Figuren und die verkommene, urbane Geschäftswelt, in der sie leben, näher zu beleuchten.

Angefangen bei den Monologen des verrückt gewordenen Staranwalts Arthur Edens (Tom Wilkinson), der in seinem Wahn die amoralische, dunkle Seite seiner Profession durchschaut, bis hin zur Schilderung der privaten Katastrophen des Ausputzers Michael Clayton (Clooney) selbst, verfolgt Gilroy in der ersten Hälfte des Films, um es übertrieben auszudrücken, die Schilderung der Krankheit Zivilisation. Deren schlimmste Auswüchse scheinen die großen Anwaltskanzleien zu sein, die Milllionen mit der Verteidigung über Leichen gehender Chemiekonzerne verdienen. Einzig die Natur und die Geborgenheit des Familienverbandes scheinen den geplagten Großstädter Clayton die Freiheit verheißen zu können.

Denn er ist am Ende, ist ausgebrannt, müde, durch seinen Job, in dem er reiche Klienten als juristischer Expressdienst in den ersten Minuten nach ihrem Vergehen berät, sie vor dem Gefängnis bewahrt. Vom Glamour des Danny Ocean sieht man in Clooneys Spiel nichts. Der ehemals Spielsüchtige (was für eine Ironie im Hinblick auf die Filmografie des Hauptdarstellers!) scheint sich in einem aus Glas und Stahlbeton bestehendem Gefängnis zu befinden. Erst als sein Freund Arthur sich während einer Vorverhandlung vor aller Augen nackt auszieht, damit die Verteidigung des Chemiegiganten U-North in Gefahr bringt und Clayton die Kohlen aus dem Feuer holen soll, keimt der Zweifel an seiner Profession gemächlich in ihm auf.

Der Verdienst des Drehbuchs ist die ausgeklügelte Figurenzeichnung, die Clayton nicht zum Heiligen ausstaffiert und Swintons Figur (eine U-North-Anwältin) nicht zur alles kontrollierenden Antagonistin. Für Zuschauer, die einen konventionellen Thriller erwarten, könnte das in ein paar Längen resultieren, doch Gilroy weiß durch so manchen Schock zu überraschen. Oft schlägt hierbei weniger der Plot die Haken, stattdessen geht die Inszenierung Wege, die man als Kenner des Genres schlicht und einfach nicht antizipiert. Selbst das etwas formelhafte Ende wird uns glaubhaft verkauft, weil der Film nie die Entwicklung seiner in der Grauzone der Moral agierenden Figuren vernachlässigt und eine der befriedigensten letzten Einstellungen des Jahres enthält.

Als ein weiteres großes Glück muss man die Tatsache betrachten, dass Tony Gilroy sich in seinem Debüt nicht an der Handkamera-Ästhetik der Bourne-Regisseure orientiert hat. Michael Clayton ist mehr The Insider, mehr Michael Mann oder Sidney Pollack (der auch mitspielt), als Paul Greengrass und erbringt den Beweis, das ein Realismuseffekt auch ohne die intensified continuity, wie David Bordwell den Trend bezeichnet, zu erreichen ist.

Michael Clayton war der Oscar-Film mit den meisten Schauspieler-Nominierungen (insgesamt drei), was nicht unbegründet geschah. Die ausgeglichenen Leistungen des Ensembles, in dem ein Clooney auch nicht gegenüber der großartigen Swinton verblasst, machen den Anwaltsthriller am Ende zu einem überzeugenderen Beitrag als das unter seine angestrebte Größe zu ersticken drohende Ölepos There Will Be Blood.