#199 – Doctor Strange in the Multiverse of Madness von Sam Raimi

Zum ersten Mal seit Oz the Great and Powerful aus dem Jahr 2013 können wir einen neuen Spielfilm von Regisseur Sam Raimi im Kino anschauen.  Dabei wählte der Regisseur der ersten Spider-Man-Trilogie für seine Rückkehr ausgerechnet das Marvel Cinematic Universe. Inwiefern Raimis Handschrift in Doctor Strange in the Multiverse of Madness lesbar ist, diskutieren wir im Podcast. Viel Spaß!

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Kontrapunkt: Filmglosse Morning Glory (USA 2010)

Berufe im Medienbereich erfreuen sich genau wie das undurchdringbare Dickicht an Studiengängen dazu ungebrochener Beliebtheit. Dabei wird das zutreffende Klischee der gut aussehenden, jung-dynamischen Karrierefrau mit viel zu hohen Ansprüchen an Job, Luxusleben und die innere Spiritualität minutiös herangezüchtet. Für diesen komplizierten Archetypus fehlgeleiteter weiblicher Emanzipation müsste der Tag 48 Stunden haben, damit all ihre Ideen von Projektkonzeptionen und Ideale von der aus schnuckligem Metro-Mann und süßen Knutschkugel-Kindern bestehenden Jetset-Familie unter einen Gucci-Hut gebracht werden können.

Becky Fuller (schnuckelig: Rachel McAdams) erfüllt dieses Klischee – zumindest zu Beginn der Komödie Morning Glory – jedoch nur zu bedenklichen 50%. Irgendwie sympathisch, kein Mann da, dafür Job weg und die nächste Herausforderung als Produzentin der maroden Morningshow „Daybreak“ scheint nur ein Sterben auf Zeit. So einfach ist sie, die schnelllebige Fernsehbranche, die wie die internationale Realität im Arbeitsleben des Turbokapitalismus nur von egomanischen und eingebildeten Alphatierchen bevölkert wird. Ein Exemplar von ihnen: die dauergrinsende Moderatoren-Diva Colleen Peck (Diane Keaton), die sich trotz Allüren für keine Peinlichkeit vor der laufenden Kamera zu schade ist.

Was tun für die Quote? Diese Überlegung schießt nicht nur Fernsehproduzenten durch den Kopf wie eine Patrone aus Kurt Cobains Schrotflinte, sondern in Form von Auflagenzahlen auch Machern der Tageszeitungen, die spätestens in 30 Jahren ihr (Alt-)Papier auf dem Friedhof der Mediengeschichte wiederfinden werden. Becky hat eine Idee: Sie verpflichtet den gestandenen Anchorman Mike Pomeroy (herrlich knurrig: Harrison Ford) als Co-Moderator der Morningshow. Dass dieser unzufrieden ist mit der Berichterstattung auf RTL 2-News-Niveau und mit Colleen ein wahrhaftiges Ego-Battle anzettelt, ist abzusehen. Er verkörpert das Ideal vom Journalisten, der Qualität liefern will, aber Trash liefern muss. Es ist moderne geistige Prostitution, in die er hineingezwungen wird und für deren Zurschaustellung Morning Glory so hübsche 08/15-Pointen bereithält, die die Oberflächlichkeiten der Branche nur illustrieren, die Klischees gar zelebrieren, aber mangels eines scharfsinnigen Drehbuchs nicht kritisieren oder demontieren.

Wenn redaktionelles Arbeiten und die Zukunft eines „Was mit Medien“-Absolventen so zur Herausbildung einer „Idiocracy“ mit Bewohnern auf geistigem Hartz IV-Niveau beitragen, dann gute Nacht. Aber vorher kann man sich die vorhersehbare und unanstößige, dafür aber vergnügliche Komödie „Morning Glory“ noch im Kino anschauen – und sich über die Mechanismen der „Kulturindustrie“ mokieren, mit der man sich zuvor „einverstanden“ erklärt hat.

„Morning Glory“ startete am 13. Januar in den deutschen Kinos. Dieser Artikel ist heute in der thüringenweiten Studentenzeitung Lemma (Ausgabe 4) erschienen.


Und jetzt ganz im Moviepilot-Stil mal ein Diskussionsanreiz für die Leserschaft:

Diese Textgattung der Filmglosse, die Filmkritik und Satire miteinander mischen will, ist ein Experiment. Findet ihr es gelungen oder gescheitert?