Visiting Ulli Lommel – The Boogeyman (USA 1980)

Das Exground Filmfest hat dieses Jahr Ulli Lommel seine erste Hommage gewidmet. Eine interessante Wahl. Eine unbequeme Wahl. Es bleibt vor allem nicht klar, ob das Exground damit eine Trash-Schiene bedienen oder Kunst bieten will. Das Programm feiert ihn als Kult-Regisseur. Nur in der Beschreibung von „Daniel, der Zauberer“ gibt es Hinweise auf Verrisse. Trotzdem scheinen sie sich im Klaren zu sein, das sie einen Regisseur eingeladen haben, der das Publikum zu spalten weiß.

Teil dieser Hommage war The Boogeyman, vom Programm groß als stilprägender Film angekündigt: „THE BOOGEYMAN avancierte in den frühen 1980er-Jahren neben HALLOWEEN zum tonangebenden Horrorfilm …“. Dieses Versprechen kann dieser Film aber nicht einhalten, eher unterläuft er alle Qualitätsstandards. Wenn er zum Beispiel eine bedrohliche Atmosphäre aufbauen möchte, macht er sich nicht die Mühe Plot, Bildgestaltung, Schnitt oder gar die total überforderten Schauspieler zu beanspruchen, sondern lässt Synthesizer plakativ brummen. Die Musik ist im Grunde das klägliche Flehen, sich doch bitte jetzt zu gruseln. Weshalb sollte man aber Angst haben? Weil das ernst gemeint ist? Wenn es einmal nicht die Musik ist, sind es fliegende Heugabeln, das Keuchen eines Unsichtbaren oder dämonisch strahlende Spiegelscherben, die im Zuschauer die rationelle Erkenntnis reifen lassen: „Ich soll mich gruseln.“, was das genaue Gegenteil von Psychoterror darstellt. So erschreckt sich die Hauptdarstellerin durch eine Hand, die ihr von hinten auf die Schulter fasst. Die Hand kommt aus dem Off und der Schreck der Figur soll auch der Schreck des Publikums werden, ein klassischer Schock eben. Doch Schnitt, Kamera, Darsteller und Musik sind dermaßen unpräzise, das nur ein ungläubiges Kopfschütteln zurück bleibt. Der einzige Schreck ist der Moment, wenn einem klar wird, dass das Gesehene dazu dienen sollte, einen zu erschrecken. Zudem reißt der unsichtbare Boogeyman den Frauen ständig die Kleider vom Leib, doch dies wirkt nicht wie das bedrohliche Geifern eines Sexmaniacs, sondern wie der Versuch Ulli Lommels etwas nackte Haut zu zeigen.

Auch die Umsetzung der eigentlich soliden Plotidee ist einfach nur kläglich. Ein Junge, Willy, bringt den sadistischen Liebhaber seiner Mutter um, nachdem seine kleine Schwester ihn vom Bett losgeschnitten hat, an welches er gefesselt war. Jahre später hat das inzwischen erwachsene Geschwisterpaar dieses traumatische Erlebnis noch nicht verarbeitet. Willy hat seit seinem Mord kein Wort mehr geredet. Seine Schwester Lacey hat Alpträume und unterbietet die Dialoge eines jeden „Kriechfilms“ (Filme wie „Die Rückkehr der Killerratten“, in denen die Akteure sich durch „bedrohliches“ Ambiente bewegen (kriechen) und größtenteils Offensichtlichkeiten austauschen wie: „Gehen wir dort lang!“ oder „Mach die Tür auf.“), indem sie konsterniert feststellt: für die Alpträume gibt es bestimmt Gründe. Also macht sie sich auf, den Ort der Tat zu besuchen, um sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen. Diese sind aber realer als sie denkt, denn als sie den toten Liebhaber im Schlafzimmerspiegel auf sich zukommen sieht, zerschlägt sie in Panik den Spiegel und befreit damit seinen dämonischen Geist. Der tötet nun willkürlich eingeführte Figuren, da die Familie nicht genug Opfer für den Film bereithält. Was folgt, ist eine inkonsistente Ansammlung von eigenen und abgekupferten („Halloween“ und „Der Exorzist“) Ideen.

Im Gegensatz zum eben Gesagten feiert Hans Schifferle in der epd Film 4/10 Ulli Lommels Kino der Unvollkommenheit als Platz der Magie (dies verdanke ich Alex P., der darauf auf diesem Blog hinwies). „Lommel scheint es niemandem recht zu machen, weder den Feuilletonisten noch den Genrefans, die an seinen amerikanischen Horror- und Exploitation-Movies ausgetüftelte Plots und perfekte Spezialeffekte vermissen.“ […] ‚Gerade in den Ungeschicklichkeiten der Begeisterung sollte man nicht eine Karikatur sehen, sondern den jugendlichen Überschwang eines Kinos, das uns teuer sein soll, wo alles dem Ausdruck, der Emotion, der Schärfe eines unbekannten Reflexes oder eines Blickes geopfert ist‘, hat einst Jacques Rivette gesagt.“1 Ob es auf seine anderen Filme zutrifft, kann ich nicht sagen, bei „The Boogeyman“ ist das Gesagte der blanke Hohn. Nicht die schlechten Tricks und nicht einmal der suboptimale Plot sind es, die diesen Film so schlecht machen, sondern seine Naivität, sein blinder Glaube, schlecht kopierte Genrekonventionen stünden für Ideen, Emotionen und Schärfe. Schauen wir uns einen ähnlichen Vertreter an: Ed Wood. Seine Filme wollten auch die große Kunst im Schund … und sind dabei kläglich gescheitert. Monsterfilme mit großem moralischem Gehalt sollten es werden, entstanden ist der naive Dilettantismus eines Träumers. Nichts gegen den Dilettantismus eines Träumers, doch „Glen or Glenda“, „Plan 9 from outer space“ oder „The Boogeyman“ werden durch die Träumereien ihrer Erschaffer nicht besser, weil diese mehr von der eigenen künstlerischen Größe träumen und dabei den Stoff der Träume hinten anstellen.

Schifferle argumentiert, dass Lommel absichtlich das Unvollkommene und Überzeichnete wählt. Überzeichnung ist deutlich zu erkennen, aber die Absicht des Unvollkommen? Wenn man keine anderen Lommel-Filme gesehen hat, ist das schwer zu beurteilen. „The Boogeyman“ wirkt aber wie der ernsthafte Versuch einen Horrorfilm zu machen und daran scheitert er völlig. Qualitativ bewegt sich der Film auf derselben Stufe wie ein Schülerprojekt. Neben der Freude des Filmemachens kann er kaum Substanz bieten. Dass es auch anders geht, zeigen Filmemacher wie Edgar G. Ulmer. Dieser zauberte im Korsett billiger B-Produktionen mit schlechten Drehbüchern kleine Meisterwerke wie „Detour“. Auch hier ist das Unvollkommene Programm. Was man Ulmer im Gegensatz zu Lommel aber anmerkt ist etwas Demut und vor allem Talent. Deshalb steht „The Boogeyman“ vor dem Problem, dass er als Genrefilm scheitert, welcher nicht anschaubar ist, selbst wenn man ihm Absicht unterstellt. Doch halt. Es stimmt nämlich nicht, dass Ulli Lommel es niemanden Recht macht. Trash-Fans werden bei diesem Film auf ihre Kosten kommen. Wem es dadurch aber nicht Recht gemacht wird, ist er selbst, denn die einzige Möglichkeit diesen Alptraum eines Filmes zu überstehen, ist zu lachen … und leider werden die Lacher selten auf der Seite von Ulli Lommel sein.

  1. Schifferle, Hans: Ort des Verbrechens und der Magie, in: epd Film 4/10, S. 28. []

Exground Filmfest 2010

Zum dritten Mal in Folge ging es am 12. November nach Wiesbaden, um die 23. Ausgabe des Exground Filmfests in Augenschein zu nehmen. War es letztes Jahr noch etwas mehr als eine Woche, die ich trotz diverser leiblicher Läsionen in Wiesbaden verbringen durfte, beschränkte sich der Trip diesmal auf das erste Festivalwochenende. Unterstützung bekam ich u.a. von den Redaktionskollegen luzifus und vannorden, die ihren Senf zum Festival hier zweifellos noch posten werden. Traditionell in Reihen wie News from Asia, American Independents und Neues aus Deutschland unterteilt, bot das Festival diesmal eine Neuheit in Form einer Hommage an Ulli Lommel. Ja, richtig gehört, an den Ulli Lommel von „Daniel, der Zauberer“, doch mehr zu diesem Meisterregisseur später.

Eröffnungsfilm war schließlich Todd Solondz‘ Life During Wartime, ein Sequel wie nur Solondz es zustande bringen kann. Mit einem komplett neuen Ensemble erzählt der Film nämlich die Geschichte der Protagonisten seines Meisterwerks „Happinness“ weiter, erzählt wie die Schwestern Joy, Helen und Trish von dem Geschehenen verändert wurden, wie sie nun mit den Traumata zurecht kommen. So wird Joy vom Geist Andys verfolgt, der sich einst auf Grund ihrer Ablehnung das Leben genommen hatte. Eine Situation, welche der Satire nur einige von vielen tragikomischen Momenten beschert. Während Joy sich mit den Geistern ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss, weicht Trish diesen aus. Dass der Vater ihrer Kinder als Pädophiler im Gefängnis sitzt, verschweigt sie diesen. Er sei tot. So einfach ist das. Ein Umzug ins sonnige Florida genügt, um zu vergessen, um zu negieren. Dass Trish sich und ihrer Familie etwas vormacht, dass so gut wie keine der Figuren in „Life During Wartime“ einfach vergessen, geschweige denn vergeben kann, ist die bittere Krux eines Filmes, der es erstaunlicherweise schafft,  seinen Figuren respektvoll zu begegnen und zugleich einer gewissen Lächerlichkeit preizsugeben. Hervorzuheben sind an dieser Stelle die Leistungen der Damen, namentlich Allison Janney, Ally Sheedy und Charlotte Rampling.

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Eine runde Überleitung zum russischen Beitrag Pyatnitsa. 12 zu finden, der danach im Caligari Filmtheater gezeigt wurde, ist ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, nicht nur, was den qualitativen Abstieg betrifft. Vladimir Zajkins auf postmodern getrimmte Serienkillerklamotte ist in jeder Hinsicht überladen, zu lang und too much. Eine handvoll netter Ideen – selbstreflexive Reden der Figuren an den Zuschauer wie „Ich bin der Serienkiller soundso“, „Ich bin das Opfer“ usw. – machen noch keinen erträglichen Film, weshalb ich gegen Ende in der einladenden Weichheit des roten Kinosessels versunken und weggedöst bin. Am Samstag begann das Festivalprogramm vielversprechend mit Nicolas Entels Dokumentation Sins of My Father (Pecados de mi padre). Darin stellt sich Sebastián Marroquín, Sohn des berüchtigten Drogenbarons Pablo Escobar, den Taten seines Vaters und v.a. dessen Opfern. So verwandelt sich die Begegnung mit den Söhnen von im Auftrag Escobars getöteten Politikern zu einem Symbol der Hoffnung auf die Befriedung des noch heute von Gewalt gebeutelten Kolumbien. Die seltsame Undurchsichtigkeit Marroquíns tut daran keinen Abbruch. Wieviel er von den Geschäften seines Vater wusste und ob er, der zum Todeszeitpunkt des Vaters immerhin 16 war, darin involviert war, wird im Film nicht gefragt. Ebenso seltsam ist Marroquíns Begründung, warum er nicht ins Drogengeschäft eingestiegen sei: Weil das Geld sowieso nichts wert sei, wenn die Polizei vor dem Haus steht. Solche Ungereimtheiten und moralischen Fragwürdigkeiten steigern jedoch den Reiz von Entels beeindruckender Doku.

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Weniger überzeugend war im Vergleich der danach im Murnau Filmtheater gezeigte kolumbianische Beitrag Crab Trap (El vuelco del cangrejo), dessen Held das Festivalposter ziert. Das lag weniger an handwerklichen oder schauspielerischen Defiziten, als an der Tatsache, dass ich diesen Film gefühlt schon zwanzig mal gesehen habe. Ein offensichtlich von einem nicht näher definierten Trauma verfolgter Protagonist begibt sich in die Natur zwecks Flucht und/oder Katharsis. Er trifft urtümlich lebende Menschen, schweigt diese an, sie schweigen ihn an und der Zuschauer darf sich den Rest denken. Das ist alles unglaublich, wahnsinnig modern, weil es auf das europäische Autorenkino der Sechziger zurückgeht, und so. Dank der exotischen Schauplätze bleibt der Zuschauer wach. Es gibt ja schließlich etwas zu sehen, auch wenn es nicht sonderlich einfallsreich inszeniert ist. Letztes Jahr hieß der Film „Delta“ oder war es „Herbst“? Keine Ahnung. Mainstream-Arthouse-Weltkino nennt man das wohl und die Festivalprogrammatiker scheinen darauf zu stehen. Nein, danke!

Was schweigsame Protagonisten angeht, stand Northless (Norteado) „Crab Trap“ zwar in nichts nach, entschied sich dann aber glücklicherweise dazu, einfach „nur“ eine realistische Skizze eines Migrantenschicksals zu sein. Der junge Mexikaner Andrés will in die USA und da das für Leute wie ihn nur illegal möglich ist, versucht er  im Verlauf des Films wiederholt, die Grenze zu überqueren. Von der amerikanischen Polizei aufgeschnappt, landet er in Tijuana und lernt zwei Frauen kennen, die gestrandet zu sein scheinen an diesem Ort, an dem ihre Männer sie auf dem Weg in den Norden verlassen haben. Sparsam und auf’s Wesentliche beschränkt ist „Northless“, kommt so gut wie ohne Verzierungen aus und schildert doch eindringlich das Grenzleben aus Sicht der Zurückgebliebenen. Das man in „Northless“ nie den verheißungsvollen Norden zu sehen, nie das Versprechen des sozialen Aufstiegs visualiert bekommt, kann durchaus als Statement des Films betrachtet werden.

Und wieder dieses Problem mit der Überleitung. Dann eben anders: „Northless“ lief im Caligari und Ulli Lommels The Boogeyman auch. Reicht das? Ulli Lommel ist, wie oben bereits geschrieben, Objekt der ersten Hommage in der Geschichte des Exground Filmfests. Klar, der Mann hat mit Fassbinder (wer nicht?) und mit Warhol (wer nicht?) gearbeitet, aber der Mann hat eben auch „Daniel, der Zauberer“ und besagten „The Boogeyman“ gemacht. Letzterer lief nun am Samstag mit einiger Verspätung in der mäßig besuchten Mitternachtsvorstellung, war angeblich ein großer Hit in den US of A, aber wen interessiert das, wenn man das Endprodukt gesehen hat? Dieser Film ist schlecht. Ein inhaltlich bescheuerter (ich versuch gar nicht zu erklären, was der Boogeyman ist) Slasher, der sich im wahrsten Sinne des Wortes seiner Freud’schen Hausfrauenpsychologie brüstet. Ödipuskomplex gone bloody wrong. Nix neues in der Horrorwelt, auch damals 1980 nicht. Verzichtbar, unfreiwillig komisch, furchtbar schlecht geschnitten, Uwe Boll lässt grüßen. Mir fällt nichts mehr ein, außer: „Blubb“.

Ein schönes Festival bleibt das Exground, wenn es sich am ersten Wochenende auch nicht so stark präsentierte wie zuvor. Letztes Jahr liefen da immerhin „Humpday“ und „Captain Berlin versus Hitler“. Vielleicht sehen wir uns 2011 wieder.