Ohnmacht oder Freiheit – Eine kurze Notiz zu den Poliziotteschi der 70er

Eine der schönsten Tendenzen des italienischen Kinos in den 70er Jahren ist, dass der Zuschauer ernst genommen wird, dass sowas wie die Utopie eines mündigen Zuschauers durch viele Filme weht. Vielleicht war das Problem schlicht und einfach, dass die Regisseure und Drehbuchautoren nicht ein noch aus wussten. Dass sie nicht zwanghaft perfekt durchdachte Positionen ausformulierten, um ernst genommen zu werden. Sie hatten Narrenfreiheit, da von ihnen auch nichts anderes erwartet wurde als reißerische Thriller.

In den Poliziotteschi* ist es am dringlichsten zu spüren. Oft wird eine Ohnmacht in ihnen gesehen, die vor den Gegebenheiten der italienischen Gesellschaft kapituliert. Ein Blick auf stilprägende Vertreter wie Das Syndikat (La polizia ringarazia) oder Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert (Confessione di un commissario di polizia al procuratore della repubblica) kann zeigen, dass dem so ist oder dass es total aus der Luft gegriffen ist. Je nach Perspektive können die am Ende sterbenden Polizisten, die zwischen umgreifender Gewalt und Korruption sowie der Wahrung der Menschrechte aufgerieben werden, das eine wie das andere repräsentieren.

Der große und entscheidende Unterschied zu anderen Action- und Polizeifilmen ist aber genau diese unklare Position, welche die Filme beziehen. Die Polizisten in ihnen haben nicht den Vorteil von Harry Callahan, der alle Problem nach und nach abarbeiten kann. Erst kann er in Selbstjustiz einen Serienmörder zur Strecke bringen (Dirty Harry) und sich dann in Dirty Harry II (Magnum Force) in aller Ruhe von einer institutionalisierten Selbstjustiz distanzieren, indem er Polizisten in Selbstjustiz zur Strecke bringt, die freigesprochene Kriminelle hinrichten. Alles nach einander, alles klar getrennt.

In Italien passiert das aber alles gleichzeitig. Kleine Kriminelle rauben und töten rücksichtslos in den Straßen. Die Mafia und andere Mobster kaufen sich immer wieder frei und werden von korrupten Staatsbeamten geschützt. Die Presse und die Staatsanwälte hetzen gegen die Polizei, sobald sie zu hart durchgreifen. Polizisten greifen zu hart durch, weil sie die Geduld verlieren oder eh schon Faschisten sind. Oder sie schließen sich gleich mit anderen hohen Staatsbeamten zu Lynchjustizmobs zusammen. Und die Bürger schließlich wollen in Ruhe gelassen werden und laufen Sturm wenn nicht Ruhe und Ordnung herrscht. In all diesem Chaos auf dem schmalen Grat der Rechtschaffenheit zu wandern, der auch zur Verbesserung der Verhältnisse führt, ist fast eine Unmöglichkeit, die meist in den Tod führt, sei es durch die gezielte Ermordung durch die gefährdeten Verbrecher oder durch Kapitulation vor der Ausweglosigkeit im Selbstmord. Das alles wird eingefangen in einer reißerischen Form, einer Form, die den Zuschauer mit all den Dialogen, Fakten, Zooms, Schnitten und Personen nicht einfach nur überfordern kann, sondern ihn auch nicht in Ruhe genießen läßt.

Doch die Filme kapitulieren nicht. Nicht die beiden Genannten und auch nicht die meisten anderen. Was vielleicht wie Ohnmacht wirkt, ist der einfache Umstand, dass keine Lösungen angeboten werden. Kein einfacher Weg, der alles beendet, kein Held, der den Tag rettet. Das kann leicht mit Ohnmacht verwechselt werden, aber zu keinem Zeitpunkt geben sie sich mit der Kapitulation zufrieden. Immer ist da jemand, in beiden Fällen der Anwalt, der weiter macht und versucht, auf dem Pfad der Gerechten zum Erfolg zu kommen. Wie jeder dazu steht, wird aber jedem selbst überlassen. Der Zuschauer muss selbst nach Lösungen suchen oder entscheiden, ob es überhaupt eine gibt. Nirgends ein Versuch, ihn von Positionen zu überzeugen. Nichts wird ihm abgenommen.
* spezielle Unterform des Polizeifilms in Italien, die zwischen 1968 und 1982 ihre Hochzeit hatte. Meist geht es um harte Polizisten, die gegen das organisierte Verbrechen, Korruption und Selbstjustiz vorgehen. Die Verbrecher sind meist rücksichtlose Soziopathen oder aalglatte Mafiabosse.

Wichtige Regisseure: Steno, Enzo G. Castellari, Damiano Damiani, Umberto Lenzi, Fernando di Leo (um nur die bekanntesten zu nennen)
Einige Filme: Banditi a Milano (1968), Milano Kaliber 9 (1971), Tote Zeugen singen nicht (1973), Der Berserker (1974), Die Kröte (1978)

Aktion – Das Schlitzohr und der Bulle (I 1976) & Nur 48 Stunden (USA 1982)

Das Original und sein Remake. Als Walter Hills Nur 48 Stunden 1982 in die Kinos kam, wussten wohl nur die Wenigsten, dass er seine Grundidee bei einem billigen italienischen Polizeifilm (Das Schlitzohr und der Bulle) abgeschaut hatte. Beide handeln von einem Polizisten, der einen Verbrecher stellen muss, keine Zeit dafür hat und deshalb einen inhaftierten Delinquenten aus dem Knast holt. Das war es dann aber auch an Gemeinsamkeiten. Der Plot und die Umsetzung liegen Meilen auseinander. Jeder der Regisseure wäre wahrscheinlich auch gar nicht in der Lage, Filme zu machen, welche dem anderen ähneln. Gerade aber ein Vergleich bringt die Eigenheiten der beiden Filme nur deutlicher hervor.

Jeder, der Umberto Lenzis Werk kennt, weiß, dass es immer zweifelhafter Natur ist, sich seinen Filmen über die Handlung zu nähern, aber Pro forma hier der Inhalt von Das Schlitzohr und der Bulle: Die Gangsterbande um den skrupellosen Brescanelli, dargestellt vom ewigen Zweitklassemafioso Henry Silva (als das, was er am besten kann: einen zweitklassigen Mafioso), entführt ein Kind. Die Nieren des Kindes sind aber nicht mehr intakt, weshalb es dringend eine Dialyse braucht. Die Uhr tickt. Kommisar Antonio Sarti holt deshalb den Ganoven Sergio Marazzi (Tomas Milian) aus dem Gefängnis, weil er keine Lösung diesseits der Legalität sieht. Mit anderen Gefährten Marazzis schießen und foltern sie sich in die Nähe Brescanellis… nur um immer wieder in Sackgassen zu landen.

Doch das eben Wiedergegebene ist nur so etwas wie das grobe Tau, welcher den Film notdürftig zusammenhält. Denn was Das Schlitzohr und der Bulle vor allem ausmacht, ist Aktion. So etwas wie einen Plot kennen Umberto Lenzi und sein Mitautor Dardano Sacchetti offensichtlich nicht. Zumindest kümmern sie sich nicht darum. Man kann nicht mal davon sprechen, dass Tomas Milian der Hauptdarsteller wäre. Dafür müsste es einen Mittelpunkt der Handlung geben. Der Film ist nur Spektakel. Eine Aneinanderreihung  von Szenen, die durch ihre Gewalt, ihren Witz, durch ihre Aktionen bestimmt sind. Das alles am Ende doch noch zu so etwas wie eine Geschichte zusammenfällt – man muss unweigerlich an Mikado denken – ist wahrscheinlich nur Lenzis Zugeständnis an die Produzenten und den Zuschauer. Interessieren tut es ihn nicht. Monnezza kommt aus dem Knast frei: Doch warum gerade er? Wie ist dieser Schritt innerhalb der Jurisdiktion legitimierbar? Wen interessiert das? Lenzi nicht. Der Zuschauer bekommt die Umstände hingeworfen und er muss fressen… oder sterben. Denn der Film möchte nicht erklären, viel lieber zeigt er uns menschliche Gefühle, aufs atavistischste reduziert in einem Kaleidoskop der Coolness… und wenn jemand das kann, dann seine Merkwürden Umberto Lenzi.

Im Gegensatz dazu nimmt einen Nur 48 Stunden schon mit den ersten Bildern in den Arm. Es ist als ob Onkel Walter Hill uns beiseite nimmt, um uns eine gute, alte Geschichte zu erzählen. Die Geschichte von Jack Cates (Nick Nolte) und dessen Jagd auf den entflohenen Häftling Albert Ganz (James Remar). Letzterer hat auf der Flucht Cates Dienstwaffe entwendet und zwei Polizisten brutalst getötet. Ersterer ist folglich ziemlich sauer, motiviert und ungeduldig, weshalb er einen alten Geschäftspartner von Ganz aus dem Gefängnis holt, damit dieser ihm helfe. Dabei handelt es sich um Reggie Hammond (Eddie Murphy), der selbst höchst unerfreut über die erfolgte Flucht ist. Schließlich hat er nun einen Konkurrenten um die zusammen entwendeten 500.000$, welche in Hammonds Auto auf einen der beiden warten.

Wie gesagt ist Walter Hill dabei ein Geschichtenerzähler alter Schule, der mit Nur 48 Stunden eine mindestens 20 Jahre haltende Welle an Buddy-Cop-Movies losschlug. Natürlich gibt es auch Lücken in seinem Film, so erklärt er auch nicht näher, wieso gerade Hammond für Cates so wichtig ist, dass er ihn mehr oder weniger illegal aus dem Knast holt. Doch das sind nur Kleinigkeiten, welche einem in der sich straf abspulenden Dramaturgie kaum auffallen. Die Folge ist ein teilweise sehr eleganter Film – man denke nur an die Plansequenz im Polizeirevier zu Beginn – dierzu jeder Zeit das richtige Maß aus Geschichte, Action und Witz findet. Das Ganze ist somit nicht einfach nur viel nachvollziehbarer, sondern es ist auch viel nachvollziehbarer ein guter Unterhaltungsfilm… im Gegensatz zu seinem italienischen Pendant… aber eben auch viel sicherer und weniger gefährlich.

Der qualitativ wichtigste Unterschied der beiden Filme heißt aber Eddie Murphy. Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben, aber es gab Zeiten, als er über Charisma und Witz verfügte und zu Recht seine Filmkarriere mit diesem Film durchstarten lies. Schon sein Lispeln, das an kleine Kinder erinnert, gibt ihm etwas schelmenhaftes, eine Aura, die ihm leicht verzeihen lässt und ihn grundsympathisch macht … dasselbe Lispeln, wie es auch Mike Tyson mit sich führt, durch welches man gerne mal vergisst, was er in seinem Leben schon angestellt hat. Jedenfalls ist alleine die Szene, in der Eddie Murphy wie eine Naturgewalt durch eine Bar voll Rednecks zieht, Grund genug, den Film gesehen zu haben. Gleichzeitig bedrohlich und urkomisch nutzt er das ausgelassene Aufeinanderprallen der Klischeewelten (zurückgebliebene, rassistische Hinterwäldler vs. schwarze, eloquente Revange), um sich und seine Rolle in den Köpfen der Zuschauer zu verewigen („Let’s see with what we can fuck next“). Im Gegensatz dazu bietet Das Schlitzohr und der Bulle nur die Clownerie von Tomas Milian. Dessen Naivität und Kläglichkeit beim Versuch, witzig zu sein, schlägt nur den letzten Nagel in den Sleaze-Sarg. Mit allem Respekt.