#133 – Bram Stoker’s Dracula von Francis Ford Coppola

Letzte Woche waren wir in Mexiko, diese Woche geht es nach Transsylvanien, wo Dracula (Gary Oldman) seiner geliebten Elisabeta (Winona Ryder) hinterher trauert. Francis Ford Coppola adaptiert Bram Stokers Vampirroman Dracula mit glühenden Farben und Leibern. Im Podcast über Dracula (1992) besprechen wir die visuellen Gegensätze des Films, wir fragen uns, wie sich Keanu Reeves sonderbares Schauspiel in die Szenerie fügt und wer mehr Leben in sich birgt: Der blutig rote Graf oder die verstockten Viktorianer. Viel Spaß!

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Das Leben und der Tod – Bram Stokers Dracula (USA 1992)

Bei der letzten Hausparty in unserer WG wurde mein Mitbewohner von drei Frauen in eine Ecke meines Zimmers gedrängt. Unter den Augen mehrerer Menschen wurde er wild und unverschämt befummelt. Hände fuhren über seinen Körper, Gürtelschnallen wurden lasziv geöffnet … und er wollte sich nur befreien, was er irgendwann auch schaffte. Später erzählte er mir, dass es unfassbar sei: ein Wunschtraum sei wahr geworden, aber als es geschah, war es nur unangenehm und er hatte nur seine Flucht im Kopf. Das Leben ist voller solcher Momente. So scheint es mir zumindest. Bilder des rauschhaften Unbehagens, die in der eigenen Phantasie nur lüsterne, sinistere Hingabe verlangen können, aber in der Realität Paralyse durch betäubende Alarmglocken hervorrufen. Die Phantasien und das Durchstehen solcher Situationen können die süßesten Erinnerungen sein, die jemand haben kann.

Bram Stokers Dracula ist eine Feier solcher Phantasien. Seien es die von Mädchen, Jungen, alten Herren oder alten Jungfern. Alle werden hier bedient und alle können ihre Lüste auf der Leinwand wiederfinden. Jeder kann sich unsittlich von den Bildern, dem Ton, den Farben, dem Rausch berühren lassen. Begehren, Körperflüssigkeiten, Selbstsucht, Schmerz, Unbehagen, trunkene Wonne delirieren vor den Augen vorbei. Ausgepresst aus den engen Fesseln der viktorianischen Welt des Verzichts spritzen sie aus den Gedanken der Männer und Frauen auf die Leinwand. Der Zuschauer wird zwangsläufig besudelt. Die Frage ist nur, ob es ihm gefällt.

Diese Phantasie erweckt eine Welt voll Verlangen und Grusel zum Leben, die das Leben selbst ist. Graf Dracula (Gary Oldman) symbolisiert dieses nicht nur, er ist es, das pure uneingeschränkte Leben. Er ist diese Energie, an die er sich festklammert, die ihn verbrennt, aber auch zum Verführer, zum Gebilde feuchter Träume macht. Er will das Leben mit all seinen Unzulänglichkeiten nicht von sich fahren lassen, auch wenn es ihn und andere auffrisst. Er verschanzt sich in eine verträumt hysterische Romantik, die aus der Zeit gefallen scheint und lockt die Wiedergeburt seiner großen Liebe (Winona Ryder) auf dem Pfad der Verderbnis oder des Glücks. Je nachdem.

Ihm steht Van Helsing (Anthony Hopkins) entgegen, der auch aus dem Film die anmutigen, würdevollen Lächerlichkeiten vertreibt, die Überblendungen, die Schattenspiele, die Farben, den kläglich prätentiösen Ton, den Rausch, das Begehren, das Leben selbst, das Dracula in jedem Bild, in jeder Szene begleitet. Van Helsing will den Tod. Er ist der Tod. Er ist die gesellschaftliche Ordnung, die Zivilisation und Ordnung bringt. Kalt erklärt er alles mit Wissenschaft. Wundern muss er sich nicht mehr. Ihn umgeben nur sittlich inszenierte Bilder, die das Leben Draculas in sieche Schreckensschemen verwandeln, aus denen alles Wilde ausgetrieben ist … mit Ausnahme des gefühllosen Wahnsinns seiner eigenen sarkastischen, makaberen Witze und Obsessionen für den Tod.

Aber wahnsinnig sind sie beide. Und wahnsinnig drehen sie sich um sich, in einem Tanz aus Verlangen und Unterdrückung, Dreck und Sauberkeit, Leben und Tod. Sie brauchen sich, weil das eine nicht ohne das andere kann. Der derwische Wirbel ihres Wahns wird sie ratlos zurücklassen. Selbst ihrer Einstellung werden sie nicht mehr sicher sein. Am Ende wird sich alles auflösen müssen.

Francis Ford Coppolas Dracula bietet eine viktorianische Welt dar, in der Frauen heiraten müssen, um ihr Leben zu erfüllen, in der Sex ruchlos ist und in der die Phantasie überschäumt. Frauen und Männer werden von Lust erfüllt, überflutet. Aus allen Poren schwemmt es aus ihnen raus und ihre Phantasie verwandelt sie in Monster, was das Ganze nur noch erregender gestaltet. Die, die sich dagegen wehren können, kämpfen so nur noch verbissener dagegen an. Nur trockener Tod scheint ihnen noch ein sinnvolles Überleben zu bieten.

Coppola erweckt diese Welt zum Leben. Er analysiert nicht. Bis ins Kleinste ist sie ausstaffiert … überschäumend von Ideen und liebevollen Schnörkeln. Verwoben, so dass sich die Widersprüche nie auflösen können. Die Phantasie des Zuschauers folgt ihm in diese Welt und verwandelt alles in einen süßen Traum, der nur für die Beteiligten vor allem Qual ist, … oder der Zuschauer sieht nur peinliche Versuche originell zu sein. Die Frage ist also, mit wem tanzen Sie?