Top 100 – Der ausschweifende, komplett überbordende Prolog

Es folgt eine Ansammlung egozentrischer Gedanken mit Nostalgie geschnürrt. In erster Linie wird es um den Verfasser gehen und wie er Filme sah und nicht um Filme selbst. Soll niemand sagen, er sei nicht gewarnt worden.

Der gläserne Pantoffel läuft relativ häufig im deutschen Fernsehen. Bis gerade eben wusste ich nicht, wie der Film heißt. Bis ungefähr 2006, als ich noch einen Fernseher hatte und zufällig reinschaltete, war mir nicht bewusst, dass er existierte. Als ich ihn also vor 6 Jahren plötzlich vor mir sah, wurde mir binnen Sekunden ganz anders, dabei saßen Estelle Winwood und Leslie Charon einfach nur im Grün an einem See. Selbst jetzt, wenn ich nur Screenshots sehe, fühle ich Beklemmungen. Meine Gedärme ziehen sich zusammen. Dumpfes Pochen. Es ist schwer zu erklären, ich habe jedenfalls fast schon Panik, beim Gedanken diese sicherlich nette Aschenputtelvariation zu sehen. Unverarbeitete Berge hängen an diesem Film, den ich in meiner Kindheit schon einmal gesehen hatte. Aber nicht nur das, in der folgenden Nacht hatte ich davon geträumt – in einen Traum, den ich nie vergessen habe. Der an diesem See begann, mit dem Prinzen, Ella (der Aschenputtel hier) und der Fee Estelle Winwood, der aber dann ganz andere Bahnen nahm. Ganz andere.

The childs fragile eggshell mind (Jim Morrison)

Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, dann habe ich viele lebhafte Erinnerungen. Die Lebhaftesten hängen zumeist mit Filmen zusammen. Der Schrecken nach Tod auf dem Nil und Die Einsteiger, als ich im Bett lag und mich zu Tode fürchtete, vor meinen Mitmenschen bzw. Vampiren. Ein vernebelter Fluss, der einen Wikingerfilm eröffnet und den ich nie sehen sollte, weil ich ins Bett musste. Die regelmäßigen Besuche bei einem Freund, den ich immer wieder nötigte, Mad Mission 2 oder American Fighter 2 zu gucken, weil ich keine Videoaufnahme davon hatte. Seinen zunehmenden Unwillen. Der Zauber der ersten Videoaufnahme, die über den Fernseher flimmerte – einen brutalen Lorenzo Lamas-Film mit recht freizügigen Szenen (ich glaube, es war Kickboxer U.S.A., den mein Vater auf meinen Wunsch extra aufnahm, ich war wohl 10). Die Eskalation, als mein Vater mir ein Kabel vom Videorekorder in mein Zimmer legte und ich unabhängig war. Die unfassbare Menschenmenge bei Asterix bei den Briten, weshalb ich erst nach der römischen Invasion in der ersten Reihe landete. Der gescheiterte Versuch, sich in Stirb langsam – Jetzt erst recht zu schmuggeln. Wie ich krank alleine zu Hause saß und mir die ganzen Karate Tiger-Filme am Stück anschaute und Suppe trank. Wie ich mit 15 das erste Mal Sylvester mit Freunden feierte und vorschlug, diesen japanischen Porno zu gucken, den ich entwendet hatte. Wie immer mehr den Raum verließen und nur einer mit mir bis zum Ende durchhielt, weil es Im Reich der Sinne war und spätestens mit der Kastration in Großaufnahme für alle anderen der Spaß vorbei war. Feivel der Mauswanderer im Wilden Westen in Endlosschleife. Weinen bei E.T. im Kino. Wie ich tausend Mal mit meiner Mutter Dirty Dancing guckte … gezwungenermaßen natürlich. Und und und. Die Magie, das Staunen, die lächerlichen Versuche wie der Highlander oder Mister Miyagi zu sein. Unendlich viele solcher Erinnerungen habe ich, aber keine kann auch nur im Entferntesten einfangen, wie ich Kino und Film liebte und heute noch liebe. Nur Der gläserne Pantoffel kann es … und ein anderer für mich namensloser Film.

Als Kind kämpft wohl jeder mit der Realität und versucht sie zu verstehen. Das klappt mal mehr, mal weniger gut. Filmen können einem dabei helfen, weil sie erklären wie Menschen und vor allem wir selbst funktionieren, was in ihnen/uns vorgeht, was sie sich/wir uns wünschen. Sie können die Welt aufregender machen, als sie ist, sie können vor der Tristesse retten oder zeigen, dass sie gar nicht so trist ist. Sie können aber auch einfach nur den Verstand aushaken, jedes Verständnis von sich und der Welt zerstören und einen einfach nur ratlos zurücklassen. Nur sie konnten mir den süße Schrecken bereiten, wenn das, was ich gesehen hatte, wie eine schrecklich hohe Klippe war, vor der ich stand, die rational nicht fassbar war, die mich in Terror hinterließ und die in mir den nicht nachvollziehbaren Wunsch weckten, mich hinein zu stürzen. Das war vielleicht das, was ich am wenigsten verstand. Ich weiß nicht, wie alt ich war, meine Märchentapete hing noch über meinem Bett, vielleicht war ich 8 und ich träumte von Der gläserne Pantoffel, nur dass der Traum in einem riesigen Keller im Schloss endete. Es war wie eine gewaltige Bibliothek mit vielen bis zu 6 Meter großen hölzernen Regalen. In ihnen waren keine Bücher. Es waren parallel auf Schienen befindliche Holzwände, die herausgezogen werden konnten und an ihnen waren nackte Frauen angebracht. Ich wusste nicht wieso, ich verstand es einfach nicht, aber aus irgendeinem Grund konnte ich aus ihnen auswählen. Und ich war interessiert daran, aus ihnen auszuwählen. Sehr interessiert. Aber warum? Die Dunkelheit im Keller, die Steinmauern, das Grauen sich selbst nicht mehr zu verstehen, was doch so einfach sein sollte. Die Welt fiel in einen dunklen Abgrund. Dieses Gefühl kommt schon bei den Stills wieder. Der süße, schöne Schrecken.

Zu der Zeit bin ich samstags auch immer um 6 Uhr frühs aufgestanden und habe mir Zeichentrickserien angeguckt. Manchmal bin ich auch früher aufgewacht und musste mich durch das langweilige Erwachsenenprogramm kämpfen, bis der Spaß anfing. Es war zumindest immer aufregend, weil mein Vater manchmal am Samstag auf Arbeit musste und um die Zeit vor meinem Fenster stand und auf seinen Kollegen wartete. Ich weiß noch, wie er einmal „Licht aus!“ hereinrief. Es war also so schon gefährlich als Kind sich in die Nacht herauszutrauen und gegen jede Regeln vor um sechs den Fernseher anzuschalten. Vielleicht hat diese Atmosphäre des Verbotenen dazu beigetragen, dass wieder so ein Moment wie bei Der gläserne Pantoffel mich packen sollte. Es kam ein Kostümfilm, der wohl so um die Zeit des Absolutismus bis zur Französischen Revolution spielte. Es ging um Cassanova, denke ich und ein Bild von Alain Delon, was ich neulich sah, hat den Verdacht in mir geweckt, dass er ihn spielte. Jedenfalls gab es diesen Moment, wo er eine Frau mit nacktem Oberkörper gegen eine hängende Schweinehälfte presste. Er hinter ihr, das Schwein vor ihr. Sie hatten keinen Sex, soweit ich das nachvollziehen kann. Es war nur dieses Bild, so simpel und natürlich dargeboten, welches mich in den Abgrund stieß. Es ergab keinen Sinn, ließ die Welt um mich verschwinden, war schön und unfassbar erschreckend, weil es mich packte, mich in seinen Klauen hatte, ohne dass ich gewußt hätte warum.

Ich liebe Filme, weil sie das können. Noch immer. Vielleicht nicht so stark wie damals, die Abgeklärtheit und die Verkommenheit greifen im zunehmenden Alter um sich. Aber wenn ich denke, dass mich nichts mehr schocken kann, dann kommen Filme wie Herbstromanze oder Lisztomania und wieder fühlt sich mein Verstand, wie ein zerschlagenes Ei an. Neue Perspektiven öffnen sich immer wieder.

Now the shit is explained […] let me take a trip down memory lane (Nas)

Das hört sich vielleicht pervers und verkommen an. Ist es aber nicht … denke ich. Ich pflege ja noch die Hoffnung ziemlich normal zu sein. Von der Genese ist mein Filmgeschmack wenn auch nicht übermäßig typisch, so doch alltäglich. Der Anfang ist natürlich nicht mehr auszumachen, welche die Filme waren, die im Fernsehen gekommen sein müssen, während ich unansprechbar (O-Ton meiner Eltern) davor hockte. Die erste große Liebe war Asterix und schnell folgte darauf ein riesiges Faible für Epik – Sandalen, Piraten, Wikinger, Zorro, Musketiere und natürlich Ritter. Je edler und tragischer, je besser. Über allem thronte Charlton Heston als El Cid, den besten aller Menschen, der dafür von seinem Umfeld bestraft wird. Wie er wollte ich sein. Er war alles, was diese Filme für mich ausmachten.

Lex Barker als Tarzan hat sich mir emotional aber viel tiefer eingebrannt, weil er im Gegensatz zum Cid, viel atavistischere Schichten von mir ansprach. In den Bildern, die bis heute durch meinen Kopf, durch meinen Körper spuken, kämpft er ständig mit dem Tod. Immer wieder scheint er tot. Sein lebloser nackter Körper in irgendwelchen Armen hängend, sein Leben für etwas Besseres gebend, mit dem Leben belohnt. Die Sinnlichkeit seines Körpers dabei genauso wichtig, wie seine Opferbereitschaft. Kein Gramm Rationalität diese Bilder begleitend. Da konnte nur Steve Reeves (König der Seeräuber, Romulus und Remus) mithalten … oder Winnetou … an den Marterpfahl gebunden.

Je näher ein zweistelliges Alter kam, desto wichtiger wurde dann weniger astrale Helden. Vor allem kamen Bud Spencer und Terence Hill (und die ständig wiederkommende herzliche Freude meines Vaters, der sich bei Vier Fäuste für ein Halleluja bis heute an der Vorstellung verschreckter amerikanischer Edelwesternfans erfreut). Mit ihnen verschwand die Epik zusehends und eine entspanntere Sicht zum Leben öffnete sich. Kurz nach der Wende hatte ich relativ schnell eine anschauliche Playmobilsammlung und es gab immer diesen einen Cowboy, der auf einer Liege von seinem Pferd gezogen wurde. Ähnlich meines geliebten Huck Finn, der sich auf einem Floß durchs Leben tragen ließ, war dieses Bild immer das Paradies. Ohne Pläne durchs Leben zu ziehen und gucken, was kommt. Diese Figuren der laxen Tagediebe kamen mir sehr entgegen.

1992 machte ich mit meinen Eltern Urlaub in der Nähe von Barcelona. In einer mit Touristen überströmten Nacht entdeckte ich einen Laden mit Schwertern, vor allem japanische. In meinem Kopf war nur noch weißes Rauschen und der Wunsch eines zu besitzen. Ich hatte die Martial Arts entdeckt und zog mir alles rein, wo jemand mitspielte, der einem anderen ins Gesicht treten konnte … vor allem wenn ein Ninja mitspielte. Mein Vater gab mir zudem wertvolle Tipps für alte Hongkong-Filme (zum Beispiel Die Herberge am Drachentor von King Hu). Jackie Chan war ein gern gesehener Gast in meinem Zimmer, aber Michael Dudikoff und Chuck Norris war natürlich die Größten. Bis mir die ab 1995 gekaufte TV Spielfilm langsam offenbarte, dass einige der Filme militärverherrlichend waren. Der am Horizont aufziehende jugendliche Hippie fand das gar nicht cool. In Spanien kauften mir meine Eltern übrigens nur eine Spiderman-Figur. Deshalb habe ich jetzt wahrscheinlich noch beide Ohren.

Langsam flaute mein Liebe zu Filmen in der Mitte der Teens ab. Ich interessierte mich zunehmend für Musik und Bücher. Mit Schwarzenegger und Willis, so sehr ich ihre Filme liebte, kam die Zeit, in der Film immer mehr zu einer guten Unterhaltung wurde, einem netten Zeitvertreib.

Erst 1998, als ich Dead Man im Ersten aufnahm und sah, weil Neil Young die Musik gemacht hatte, änderte sich das wieder. Es war der langweiligste Film, den ich je gesehen hatte. Diesen Film durchzustehen war für meine damaliges Ich eine riesige Leistung … nur erreicht, weil ich wiedereinmal nichts verstand, weil wieder die Sicherheit im Film zerbrach. Die Zeit war reif, auch mal mit einem Film zu kämpfen. Und es war wunderbar. Ein ganz neuer, völlig unbekannter Kontinent abseits des Pro7-Abendprogramms lag plötzlich zu meinen Füßen und jeder Schritt ins Landesinnere ließ ihn immer unermeßlicher werden. Ich fing an, die TV Spielfilm alle zwei Wochen zu durchforsten und mir Listen zu machen, mit allen kommenden Terminen der potentiellen Bomben. Ich entdeckte komplett unbekannte, ungewürdigte Wahnsinnige, Träumer, Meister. Godard, Antonioni, Tarkowskij, Abel Ferrara, alle schaute ich, weil sie interessant klangen, weil es ungerecht war, dass sie niemand zu kennen schien und ihre seltsamen Meisterwerke nur in der Nacht liefen. Sowohl Die Chinesin, Blow-Up oder Bad Lieutnant nahm ich auf, schaute sie und überspielte sie gleich wieder, weil sie interessant waren, aber ich mir sicher war, dass ich sie nicht nochmal schauen würde. Ich war 18, dumm und bereute es schon wenige Tage später.

Ich kaufte mir Bücher und las darin, dass diese Filmemacher mitnichten unbekannt waren, dass es Film auch außerhalb des Fernsehens gab. Umberto Lenzi und Mario Bava tauchten am Horizont auf, verschwanden aber wieder. Ich arbeitete mich zunehmend am Fernsehen ab. Vor allem weil diese Filme leichter zu sehen waren. Für Peter Jacksons Meet the Feebles oder diversen Schlingensief-VHS‘ zahlte ich damals 60 DM. Preise, die ich mir nur alle zwei Monate leisten konnte. Alles was über das Fernsehen hinausging, konnte ich mir nicht leisten und im Fernsehen entdeckte ich genügend Unfassbarkeiten … zumindest eine zeitlang.

Auch die Liebe zum Kino packte mich, wie noch nie. Im Schillerhof, einem kleinen, etwas abgelegenen Kino in Jena, dass ich durch eine Jim Jarmusch-Retro entdeckte, war ich Dauergast. Die Frage zwischen 2001 und 2006 war nie ob, sondern wann ich mit meinen Freunden im Kino saß. Mindestens einmal in der Woche kam etwas Interessantes und ich war selten enttäuscht. Retros, Artsy Fartsy, Genre, Aktuelles auch mal in OmU, Pink, die Grenzen waren offen. Doch auch das änderte sich, dass Programm vertrübte sich und ich wurde immer abgeklärter. Immer seltener ging ich, immer öfter allein. Heute ist der Schillerhof nur noch ein Schatten seiner selbst (und das Jenaer Kinopublikum hat auch nichts besseres verdient … aber das ist eine andere Geschichte). Erst als mir meine Freunde 2008 an meinem Geburtstag sagten: “Pack deine Sachen, wir spendieren dir ein Wochenende Berlinale. In zwei Stunden fährst du los.”, wurde das Kino bei allen Macken der Berlinale wieder ein Ort des Zaubers … etwas.

Das Internet brachte dann die Rettung vor dem nahenden Erstickungstod. Ich war an einem Punkt, wo ich die unbekannten Filme im Fernsehen nicht mehr ertrug. Lisandro Alonsos Los Muertos war das Ende. Was im Fernsehen als Kunst lief, war steril, langweilig und vor allem eintönig und damit noch schlimmer, als die ständig selben „Filmklassiker“, die ich großenteils kannte. Erst die Möglichkeit Filme zu laden brachte wieder Lust neue Filme zu sehen. Und dann lernte ich Lutz kennen und mit ihm Jenny und durch sie bekam ich wieder Lust am Spaß im Kino, den Zauber des Actionfilms brachte sie wieder. Ich wurde eingeladen hier zu schreiben und das Ende des edlen Geschmacks, der mich fast zehn Jahre in den Klauen hatte, war gekommen.

Aber das sind alles nur arge Verkürzungen, welche die langsamen Übergänge gar nicht einfangen können, es sei denn ich würde das auf Größen aufblasen, die niemand lesen möchte. Außerdem kann ich es eh nicht mehr wirklich nachvollziehen. Alles, was aus einem Kopf kommt, ist Fiktion.

Schreiben kann also auch eine Art Filmschauen sein. (Sano Cestnik)

Seit zwei Jahren veröffentliche ich hier Texte. Vorher habe ich seltenst welche geschrieben. Ich habe auch äußerst selten überhaupt über Filme geredet. Alles was ich zu sagen hatte schien mir so nichtssagend, so unangemessen. Vielleicht habe ich durch das Schreiben begonnen, Filme aus anderen Perspektiven zu sehen (neben dem schlechten Einfluss von Christoph, der mir diesen Kommentar verzeihen möge). Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass sich viel getan hat. Ich schaue Filme, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mir gefallen könnten, und ich genieße Filme, die ich vorher öde fand. Vor allem schreibe ich über sie und plötzlich sehe ich sie mit anderen Augen. Wer schreibt, legt sich fest … oder besser, die Wörter legen einen fest. Die schwammigen, labyrinthischen, durchdrehenden Möglichkeiten im Kopf können nicht beibehalten werden. Ich jedenfalls habe beim Schreiben dauernd diese aha-Effekte, wenn ich plötzlich verstehe, warum ich einen Film mag oder nicht mag, oder das ein Film gar nicht so ist, wie ich dachte … weil es plötzlich schwarz auf weiß vor mir steht. Es kann einem neue Perspektiven liefern. Aber durch das Schreiben werden auch die jugendlichen, springenden Möglichkeiten in dement brabbelnde, verknöcherte Greise eines Textes, welche die Dinge profan machen können. Es kann auf jeden Fall so einflussreich sein, wie über Filme zu lesen und über sie zu reden … oder sie einfach zu schauen.

Warum diese lange Einleitung jetzt hier steht? Weil es hier demnächst eine Top 100 geben soll. Meine Top 100 und es ist bei solchen Listen wichtig zu wissen, wer sie macht. Ich weiß, dass ich seit der 7. Klasse Listen mache, wahrscheinlich schon länger. Alles wurde festgelegt. Top Ten meiner Lieblingsbands, Alben, Bücher, Filme und so weiter. Es gab mir eine Möglichkeit mir und anderen zu zeigen, wer ich bin. Dabei haben Listen diesen wahnwitzigen Aspekt, dass so eine Liste zeigen solle, wie toll man ist, was aber nur unter der Voraussetzung funktioniert, dass alle einen Geschmack teilen. Ein Projekt zum Scheitern. Es ist die Freude all diese Qualität zu nehmen, mit ihr zu jonglieren und mich festzulegen. Gleichzeitig ist es eine Qual, weil jede Menge Qualität ausgeschlossen werden muss und geliebte Filme auf unfassbar schlechten Plätzen landen. Ein Freund wollte mal eine Top Ten von mir, weil ich dauernd sagte, dass der und der Film zu meinen zehn liebsten gehörte. Am Ende war es eine Top 50.

Es ist fast schon ein Fetisch bei dem ich aus all den Filmen, die mich sprachlos zurücklassen, eine flüchtige Essenz auspresse. In dem ich aus der Wolke der Begeisterung das Skelett meines Geschmacks herausschabe. Eine Liste ist immer in Bewegung und wahrscheinlich kurz nach dem Posting, werde ich mich nur noch bedingt damit identifizieren können, aber für einen kurzen Moment, einen sehr kurzen Moment stand etwas fest. Was beruhigend sein kann und einen Punkt liefert, von dem losgesprungen werden kann. Wie ein Stein im Fluss inklusive aha-Effekten.

Mit einer Liste irgendeine Realität einzufangen, ist natürlich unmöglich. Manche Filme werden mit jeder Sichtung besser, mache immer weniger faszinierend. Manche fahren Achterbahn. Wirklich fair wäre nur, wenn ich alle Filme gleich oft und als letztes gesehen hätte, unter den selben Bedingungen. Aber so ist es einfach mit der Wissenschaft, wer sich die Hände an der Realität schmutzig macht, wird nie Objektivität erreichen. Die kommende Liste wird nicht fair sein und auch auf niemanden ein Licht werfen, als auf mich zur Zeit der Entstehung. Sie ist im Grunde auch nur für mich. Was nicht heißt, dass sie niemanden interessieren könnte. Hoffe ich.

Im Booklet von … And Justice for All schreiben Metallica, dass sie auf eine Dankesliste verzichten, weil die eh niemand liest. Ich lese Listen. Je subjektiver, je besser. Ein Grund, warum ich die Sight & Sound-Listen so langweilig finde, ist, denke ich, dass die Beteiligten versuchen, objektiv die wichtigsten Filme der Filmgeschichte zu bestimmen. Citizen Kane ist sicherlich ein super Film, aber ich bezweifele, dass er dermaßen persönlichen Einfluss auf die Teilnehmenden hatte. Er wird genannt, weil er eben Citizen Kane ist und das ist nicht wenig. Aber meine Güte, es ist eben auch nur Citizen Kane. Aber vielleicht entgeht mir da einfach etwas. Mir, meinem Leben und meinem Filmverständnis sagt er nur bedingt etwas.

 And now the end is near (Paul Anka)

3200-3500 Filme habe ich bisher gesehen. Viel zu wenig. Wer einen ungefähren Einblick haben möchte, erhält hier in meiner imdb-watch-list Auskunft. Sie kann nach diversen Aspekten geordnet werden, außer nach den sinnvollsten, nach Veröffentlichung oder Produktion. Da ich sie auch erst letztes Jahr nachgeholt habe, sind riesige Lücken drin. Es fehlen einige Filme, weil ich nicht weiß, wie sie heißen (da ist zum Beispiel dieser asiatische Film, wo eine Schülerin eine sado-masochistische Beziehung mit ihrem Lehrer anfängt, den ich im Schillerhof sah, und wo das Mädchen auf dem Schulklo ihrer Freundin stolz die blauen Striemen auf ihrem Arsch zeigt), und andere, weil ich sie vergessen habe. Viele, unendlich viele Filme fehlen mir noch und ich werde nicht ruhen, bis ich sie alle gesehen habe … oder das Interesse verliere. Von dem, was ich bisher sah, ist das demnächst Folgende objektiv das Beste :D


Appendix I

DIE Lieblingsfilme, eine Entwicklung in chronologischer Abfolge (ohne Gewähr):

- König der Seeräuber [Morgan il pirata] ( I/F 1960)

- Die rechte und die linke Hand des Teufels [Lo chiamavano Trinità...] (I 1970)

- Mad Mission II [Zuijia paidang daxian shentong] (HK 1983)

- American Fighter II – Der Auftrag [American Ninja 2: The Confrontation] (USA 1987)

- Die Feuerwalze [Firewalker] (USA 1986)

- Missing in Action II – Die Rückkehr [Missing in Action II: The Beginning] (USA 1985)

- Stirb langsam – Jetzt erst recht [Die Hard: With a Vengeance] (USA 1995)

- The Untouchables [Die Unbestechlichen] (USA 1987)

- (Interregnum)

- The Addiction (USA 1995)

- Stalker (UdSSR 1979)

- L’eclisse (I 1962)


Appendix II

Acht Szenen, die mich verfolgen, die ich immer wieder ansehe, die mir fast alles bedeuten.

Die rechte und die linke Hand des Teufels und ein Pferd und eine Liege
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Bei Leben und sterben lassen wird jemand beerdigt. Nur wer?
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James Woods peitscht in Videodrome
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Glenda Jackson tanzt fiebrig mit ein paar Büffeln in Liebende Frauen.
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Die roten Schuhe tanzen mit Moira Shearer weit über das Fieber hinaus.
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Vor dem Crash wird ein Auto gekauft
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Ein tristes Frühstück voll Wahnwitz und Herbstromanzen.
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Pierrot le fou prätentioniert im Schilf
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Top 100

jetzt, ohne weitere Vorrede, geht es los

100. Cliffhanger [Cliffhanger - Nur die starken Überleben] (USA 1993)

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Robert Wagner (31) redet nicht viel. Geht es um Filme, kann man ihn aber kaum stoppen... das Krümelmonster des Films. Statt weiter die Krümel der Filmgeschichte auf seinem Pulli zu lassen, teilt er sie nun mit euch.

13 comments to Top 100 – Der ausschweifende, komplett überbordende Prolog

  • Das ist dann wohl dein Opus Magnum, Robert! Sehr schöner Text, sehr ehrlich, sehr persönlich und doch findet der Leser (also zumindest ich) sich selbst darin wieder. Fein auch, dass wir dir ein Stück weit die Liebe zum Kino zurückgeben konnten. Das macht stolz, sag ich dir! :D

  • Ja, wahrlich ein schöner Artikel. Mir kommt auch vieles bekannt vor und mit “Cliffhanger” auf der 100 kann ich mich durchaus anfreunden :)

  • “Ich schaue Filme, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie mir gefallen könnten, und ich genieße Filme, die ich vorher öde fand. Vor allem schreibe ich über sie und plötzlich sehe ich sie mit anderen Augen. Wer schreibt, legt sich fest … oder besser, die Wörter legen einen fest. Die schwammigen, labyrinthischen, durchdrehenden Möglichkeiten im Kopf können nicht beibehalten werden. Ich jedenfalls habe beim Schreiben dauernd diese aha-Effekte, wenn ich plötzlich verstehe, warum ich einen Film mag oder nicht mag, oder das ein Film gar nicht so ist, wie ich dachte … weil es plötzlich schwarz auf weiß vor mir steht.”

    Ich weiß jetzt, warum du besser schreibst als ich (“besser” ist natürlich ein nichtssagendes Adjektiv, also streng subjektiv zu verstehen: besser in dem Sinne, in dem ich “besser” begreife), oder warum ich finde, dass du eine assoziative Herangehensweise viel organischer mit Analytischem verbinden kannst, bzw. überhaupt bei aller Assoziativität noch analytisch sein kannst. Es ist so dumm, so einfach, dass ich nicht fassen kann, das in diesem Moment zu schreiben, dass ich den Eindruck habe, auf diesen Gedanken schon früher hätte kommen zu müssen – aber mir geht es genau umgekehrt. Die Aha-Erlebnisse überrollen mich beim Filmegucken, pausenlos, die ganze Zeit, ich werde plattgewalzt davon, von meiner Verblüffung, meiner Freude über all diese Erkenntnisse, diese Gedanken- und Gefühlsketten, Brücken zu anderen Filmen, Wahrnehmungen ganz bestimmter, einzigartiger Bewegungen und Veränderungen… Wenn ich dann sehe, was ich dazu geschrieben habe, fühlt sich all das wie ein verbilligter Schatten an, habe ich das beschämende Gefühl, gar nicht mehr zu wissen, was und warum eigentlich. Dabei war alles so luzid, ergab soviel Sinn, war so wichtig und gleichermaßen persönlich wie “filmvermittelnd”, war soviel großartiges Material für einen wirklich interessanten Text da, war ein mühelos en passant erbautes Gebäude vorhanden, dass sich einfach so aus dem Boden hob, ohne Mutwillen. Mir fehlt es an Aha-Erlebnissen danach, sofern ich schreibe. Ohne rollen sie auch nach, driften weiter heran. Das Schreiben über Filme nimmt mir meine Gedanken und Gefühle zu den Filmen weg. Oder verwandelt sie mindestens in etwas Verlogenes, Ordinäres, Künstliches. Deshalb ist es mir eine solche Qual geworden, und dass ich immer noch nicht damit aufgehört habe, ist vermutlich Masochismus im Endstadium – oder pervertierter Idealismus. Ich habe auch die Hoffnung aufgegeben, mittels harter Arbeit an das heranzukommen, was mir immer verloren geht. Alle Versuche in diese Richtung haben das Geschilderte nur noch verschlimmert und um ein Vielfaches potenziert. Trotzdem, manchmal, hin und wieder, sabotiert mich auch die Faulheit. Ich bin Feuer und Flamme für deine Ausführungen, Robert, sie sind wunderbar und haben mich dazu verleitet, wieder von meiner eigenen Cineerweckung zu träumen, und von jener spezifischen Intensität, von der ich manchmal glaube, dass sie nie wieder so kommen kann, auch in Momenten, in denen ich glaube, an einem Film von Bo Widerberg oder Jess Franco oder William Wyler oder an den WILDEN ENGELN VON HONGKONG einzugehen. Dieser absolute, unbedingte Zauber dieser Zeit, diese Assoziationen, die unerklärlich sind, weil man keinen Horizont in sich selbst findet, aus dem sie sich hätten speisen können. Oder zumindest zu finden meint. Ich will derzeit einen Text schreiben zu AMORE E MORTE NEL GIARDINO DEGLI DEI, und ich müsste etwa beschreiben, welche überwältigende Mystik die Vorstellung überwucherter, alter Gärten für mich als Kind hatte. Da müsste ich hin. Das ist nur ein Beispiel, es ist etwas sehr Fundamentales. Ich muss diese Tür in mir irgendwie opfern, ich muss auch meinen lahmen, feigen Einleitungstext zu meiner “Aktion Deutscher Film”-Liste, in dem ich auch ein wenig über meine Kindheit schrieb und eigentlich nichts erzählte, nichts wirklich Wichtiges darüber, kompensieren, indem ich, deinem Beispiel folgend, alles rauslasse und mir solche Gespenster zurückhole. Die Lektüre deines Textes hat mir das zum Bedürfnis gemacht. Was ich in meinen Texten und Kommentaren immer am meisten vermisse, sind Emotionen, Empathie, die Ideen, die die Begeisterung erst auslösen, Ehrlich- und Sinnlichkeit, und an das kommt man nicht heran, wenn man sich nicht an diese Winkel im Inneren heranlässt, wenn man sie vor sich zu sehr beschützt und ihnen nicht zuhören und zusehen kann oder will. Das klingt auch alles erschreckend nach einer Art Selbsterlösungsphantasie, das sollte es natürlich nicht. Der Kampf mit den Worten. Wie auch immer. Ich könnte noch ewig so weiterschreiben, es ist alles müßig. Der Mut muss kommen, der Mut muss kommen. Ich glaube in diesem Moment, dass ich schlicht zu feige bin, um wirklich zu versuchen, so zu schreiben, wie ich möchte. Ich weiß nicht, ob du wirklich mutiger bist oder ich das nur glaube, aber in jedem Fall besitzt du, denke ich, die wundersame Gabe, dich gehen zu lassen, dich von deinem inneren Strom treiben zu lassen, also loszulassen von dieser inneren Kontrolle. Du hast den Mut, das, was ich gegenüber Silvia Szymanski vor Kurzem, auf meine eigene Hilflosigkeit bezogen, als “kindisches Gebrabbel, das am Ende übrigbleibt” beschrieb, aufzuschreiben und genau aus dieser Furchtlosigkeit heraus kann sich die grundsätzliche Weisheit und Ausgeglichenheit darin offenbaren. Glaube ich. Das ist so toll. Ich danke dir für diesen Text. Ich könnte nicht einmal bestimmen, was mich daran so überwältigt hat (vielleicht, dass er sich wirklich so unangestrengt anfühlte – oder, dass ich zum ersten Mal Glaube, anhand von Erinnerungen an Filme, Erinnerungen der vorzeitlichen Art, wirklich etwas über meine Persönlichkeit erfahren zu können – auch das eine naive Einsicht, die aber ebenfalls andeutet, wie sehr ich mich beim Schreiben mir selbst verschließe), aber es war wunderbar, ihn zu lesen, und es hat mich unglaublich inspiriert. Danke.

    Den Nebenverweis auf mich habe ich übrigens nicht verstanden, glaube ich. Vielleicht bin ich in diesem Augenblick nur übermüdet.

  • avatar vannorden

    Das ist hier ja schon wie bei den Anonymen Alkoholikern. Je subjektiver der Bericht, desto mehr können sich die Zuhörer/Leser mit identifizieren. :D Schön jedenfalls, dass es euch was sagt.

    @Jenny: Kannst du auch sein. :P Bei den Längen, die meine Texte inzwischen erreichen oder haben würden, wenn ich mich nicht arg zusammenreißen würde, geben mir die Hoffnung, dass ich das noch schlagen kann. :)

    @bullion: Danke und naja … hähä, “Cliffhanger” wird nicht auf der 100 sein. Das war mehr so ein Witz, Cliffhanger und so … der Text endet, wenn das wirklich interessante bevorsteht. Naja, Renny Harlin ist bisher nicht so meins und Cliffhanger habe ich erst einmal gesehen, im Bus nach Hause von einem Skikurs … also alles andere als optimal. Vielleicht sollte ich ihm mal eine Chance geben.

    @Christoph: Vielen Dank für deine Worte. Ich kann dich auch sehr gut verstehen, andererseits aber auch gar nicht. Ich habe mir diesen Text über zwei Wochen hinweg abgekrampft. Ich musste immer wieder umschreiben und eine Form zu finden, die einfach sagt, was ich möchte und nicht sich versteckt hinter Andeutungen und “krummen” Formulierungen. Es einfach runter brechen. Wenn ich es jetzte lese oder über die letzten Wochen las, da wurde mir teilweise auch ganz anders, weil meine Erinnerungen und Gedanken so viel größer erscheinen, alles was hier steht so banal. Teilweise bin ich schon Stolz, weil ich gesehen habe, wie viel schlimmer dieser Text schon aussah. Hier kann ich mir vorstellen, dass er irgendwie ran kommt, so sehr wie ein (so kurzer) Text kommen kann. Aber auch die Unsicherheit sich hier zum Affen zu machen und verkürztes Gebrabbel über sich zu liefern, die alle Leser nur amüsiert und mich nicht wiedergibt, kenne ich nur zu gut. Das ich das so veröffentlichen konnte, ging auch nur durch diesen wunderbaren Kommentar von Silvia in deinem Sehtagebuch vor kurzem. Das zu lesen war wunderbar und hat mir soviel Mut gegeben … und sowas zu machen, den Funken hat ja auch dein Einführungstext zu DÖS erzeugt. Ich fand ihn wunderbar und ich weiß gar nicht, ich habe mich glaube ich damals gar nicht getraut, dass zu kommentieren, weil das zu persönlich und schön war, um von meinen profanen Anmerkungen entstellt zu werden (Jenny habe ich es aber sehr ans Herz gelgt, das zu lesen, weil sie muss,weil es wunderbar war). Wir haben eigentlich sehr ähnliche Ausgangslagen, was mich immer etwas perplex zurücklässt, warum du deine wunderbaren Texte immer so runter machst. Sicherlich geben sie nicht die wunderbaren Welten in dir wieder, dass tun meine auch nicht, aber für den Leser, der deine Gefühl nicht kennt, bekommt sie durch die Phantasie, die deine Worte auslösen, so viel Bedeutung … Texte lesen ist auch wie einen Film zu gucken. Ich bekomme vielleicht nicht total und deckungsgleich mit, was du fühlst und denkst, aber du erweckst Bilder in meinem Kopf. Und das ist das beste, was ein Text kann. auf mehr habe ich auch keine Hoffnung mehr und der Mut zur Lücke hat mir wirklich geholfen, nicht an mir/meinen Texten zu verzweifeln. Vielleicht bin ich auch nur zu faul, mich wirklich dahinter zu klemmen, etwas zu schreiben, was mich genau wiedergibt. Ich weiß nicht, ich will es dir auch nicht antun, zu sehr in dich “reinhören” zu wollen, ich finde es aber wirklich wunderschön, dass ich scheinbar ähnliche Gefühle bei dir wecken konnte, wie du mit deinem DÖS-Text bei mir. Mehr konnte ich mir gar nicht wünschen.
    Der Nebenverweis auf dich war nur ein Dank für die Inspirationen (vor allem) und die Filme. :)

  • avatar david

    Welch großartiger „Recall“! Er übertrifft sogar dein „L‘ultima orgia del III Reich“-Artikel, den du als dein „Schlüsselwerk“ bezeichnet hast (zugegeben mit Smiley). Ein großartiges Plädoyer für die Liebe zum Film. Er hat mich gestern auf jeden Fall schwer erschüttert. So viele Anregungen zu persönlichen Gedanken darüber, wie man Filme schaut, welche Filme man schaut, wie man Filme lieben kann und soll und wie man über sie schreibt (oder wie man im allgemeinen schreibt). Ein erstes Fazit lautet sicherlich: Scribo, ergo sum!
    Über die meisten Aspekte muss ich mir noch sehr viel weitergehende Gedanken machen, ehe ich das in Worte fassen kann. Deshalb hier nur einige ungeordnete Gedanken, Bemerkungen und Fragen:
    - „Dead Man“: da kommt also die Anspielung im „Recall“-Logo her! What a revelation.
    - Lorenzo Lamas sollte vielleicht bei „The Expendables 3“ mitmachen…
    - „weil es ungerecht war, dass sie niemand zu kennen schien“: gerade letztens hat luzifus in einer größeren Runde eine Bemerkung über Sam Peckinpah gemacht, die ich ganz lustig fand. Alle anderen haben uns komisch angeschaut und irgend etwas in Richtung „Ach wieder diese Film-Nerds“ gesagt… Kon-stern-nier-end!
    - „und das Jenaer Kinopublikum hat auch nichts besseres verdient … aber das ist eine andere Geschichte“: diese Geschichte würde ich sehr gerne hören ;-)
    - „dieser asiatische Film, wo eine Schülerin eine sado-masochistische Beziehung mit ihrem Lehrer anfängt, den ich im Schillerhof sah, und wo das Mädchen auf dem Schulklo ihrer Freundin stolz die blauen Striemen auf ihrem Arsch zeigt“… solche Filme liefen mal im Schillerhof???
    - auf die große Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber: „dieser asiatische Film, wo eine Schülerin eine sado-masochistische Beziehung mit ihrem Lehrer anfängt, den ich im Schillerhof sah, und wo das Mädchen auf dem Schulklo ihrer Freundin stolz die blauen Striemen auf ihrem Arsch zeigt“… SOLCHE FILME LIEFEN MAL WIRKLICH IM SCHILLERHOF… wurden sie vielleicht nach und nach eingestellt, weil sowieso nur immer ein und der selbe Typ sie sich angeschaut hat…
    P.S.: Von deinen Lieblingsfilmen habe ich immerhin drei schon gesehen (27 %). Bei deinen Lieblings-Szenen-Filmen sind es gar 63 %, also fünf Stück. Ich liebe Listen auch, und mache gerne Statistiken darüber, von welchen Segmenten ich wieviel Prozent gesehen habe. Das Resultat lautet niemals 100 % und fällt daher immer frustrierend aus bzw. dient als Ansporn (je nach Tagesform).
    P.P.S.: ich freu mich schon auf die Liste

  • avatar vannorden

    Danke auch dir David. Ich verstehe jetzt nicht ganz, warum ich so viele Löbs hierfür bekomme, ich finde den Text recht banal. Aber Hauptsache das Publikum ist zufrieden :)
    - mit DEAD MAN ist es nicht ganz so einfach, aber im Grunde ja, genau.
    - das mit dem Jenaer Publikum beantwortest du dir ja im Grunde selbst, mit deiner Mutmassung warum das Programm des Schillerhofs sich eintrübte. Da liefen mal Unfassbarkeiten und je wilder es war, desto leerer. Kon-ster-nier-end! Bei besagten asiatischen Film ist das Publikum sogar während der Vorstellung geschrumpft, also zahlenmäßig. Kaum zu glauben. Ich werde vll nie verstehen, warum sich jemand nette Filme anguckt, wenn er komplett durche sehen kann. :P
    - kannst mir dann mal vorrechnen, wie die Prozentzahlen dann bei der Top 100 sind. Würde mich sehr interessieren.

  • avatar david

    Banal? Ein schönes Beispiel, wie sich ein Text vom Autoren “emanzipieren” kann und ein Eigenleben annimmt.
    Man müsste dich halt eben dutzendfach klonen, damit du die etwas abseitigeren Filmvorführungen mit ganz vielen Zuschauern bevölkern kannst ;-)
    Meine überraschende Prozentrechnung für die Top 100-Liste folgt gleich im Anschluss.

  • avatar vannorden

    Das will niemand erleben. Vor allem ich. Mit mir selbst zu tun haben. Oh Gott. Da fährt ja jede selbstgerechte Selbstverliebtheit vor die Wand.

  • So, habe mir nun auch endlich mal die (aber auch wirklich benötigte!) Zeit genommen, um deinen Beitrag in Ruhe durchzugehen. Als ich ihn vor inzwischen schon über 2 Wochen hier entdeckte, lief mir natürlich das Wasser im Munde zusammen, und ich hatte zittrige Hände: Wer will so etwas nicht lesen – ein Geständnis eines bekannten Filmenthusiasten!?

    Du hast natürlich recht, dein text ist banal. Aber genau das macht ja, wie Christoph es so treffend beschreibt einen großteil seines Zaubers aus:

    “aber in jedem Fall besitzt du, denke ich, die wundersame Gabe, dich gehen zu lassen, dich von deinem inneren Strom treiben zu lassen, also loszulassen von dieser inneren Kontrolle. Du hast den Mut, das, was ich gegenüber Silvia Szymanski vor Kurzem, auf meine eigene Hilflosigkeit bezogen, als “kindisches Gebrabbel, das am Ende übrigbleibt” beschrieb, aufzuschreiben und genau aus dieser Furchtlosigkeit heraus kann sich die grundsätzliche Weisheit und Ausgeglichenheit darin offenbaren.”

    Christoph trifft hiermit mal wieder den Nagel auf den Kopf. Du hast wirklich an diesem Text rumgefeilt und ihn dir abgerungen? Gratuliere, man/ich merkt davon nichts, sprich dein Text liest sich wunderbar natürlich. Vielleicht spricht Christophs Frustration über seine eigenen Texte daher aus der schon oft geäußerten Tatsache, dass er selbst wohl nicht mehr an seinen Texten rumwerkeln kann, so sie mal herausgeflossen sind, ohne sie zu verschlimmbessern. Ich kenne beides. Texte die nur aus dem Fluss heraus gelungen sind, weil man sie genauso runtergeschrieben hat ohne nachzudenken – und solche die nach einem Jahr rumliegen und 3 Überarbeitungen erst richtig gut wurden.

    Natürlich hast du mit deiner Befürchtung recht, das hier könnte potentiell auch langweilen und “niemanden” interessieren. Aber ds ist halt denke ich immer die Krux bei Texten: Interessiert man sich für den Autor, kann es kaum etwas besseres geben als diese Erinnerungsarbeit. Interessiert man sich hingegen nicht für die Menschen hinter den Texten(/Filmen, Bildern, etc.)… naja. So ist das eben, damit muss man leben.

    Jedenfalls danke auch ich dir sehr für diesen Text. Selbst traue ich mich auch nur selten an diese Art des Schreibens heran, weil ich mir auch oft denke: Banal und wen interessierts überhaupt? Andererseits sollte man sich bei solchen Zweifeln ja eigentlich an den Kopf fassen, wenn es bei den Mitmenschen oft genau diese Art von Herangehensweise ist, die man mit am Meisten schätzt und wünscht. Nicht immer und überall. Aber doch wesentlich öfter, als man sie antrifft.

    Ich selbst finde mich in deinen Ausführungen auch oft wieder, wenn auch bei mir vieles in Teilen erstaunlich anders (bzw. zeitlich vermischt) ablief. Aber ich denke Subjektives fordert Subjektives heraus (und zutage).
    Auf jeden Fall mache ich bei meiner nächsten Top 100 (ich sollte auch mal wieder; mein letzter Versuch vor einem Jahr ist ja nach Monaten der Quälerei gnadenlos gescheitert) vielleicht auch so einen schönen Rückblick. Nur würde das vermutlich völlig ausufern. Was es da zu erzählen gibt (was man sich also selbst zu erzählen hat) und was man wahrscheinlich nicht alles hervorkramt und wiederentdeckt, das man inzwischen völlig vergessen zu haben glaubte. Ich schreibe ja zwar sonst auch immer und grundsätzlich sehr persönlich, mir gelingt es aber denke ich doch recht gut mich auch hinter den Texten zu verstecken. Wer also nicht genaus hinschaut (bzw. wen das nicht interessiert), der kann auch “nur” den Text genießen (hoffe ich zumindest).

    “Wer schreibt, legt sich fest … oder besser, die Wörter legen einen fest. Die schwammigen, labyrinthischen, durchdrehenden Möglichkeiten im Kopf können nicht beibehalten werden. Ich jedenfalls habe beim Schreiben dauernd diese aha-Effekte, wenn ich plötzlich verstehe, warum ich einen Film mag oder nicht mag, oder das ein Film gar nicht so ist, wie ich dachte … weil es plötzlich schwarz auf weiß vor mir steht. Es kann einem neue Perspektiven liefern. Aber durch das Schreiben werden auch die jugendlichen, springenden Möglichkeiten in dement brabbelnde, verknöcherte Greise eines Textes, welche die Dinge profan machen können. Es kann auf jeden Fall so einflussreich sein, wie über Filme zu lesen und über sie zu reden … oder sie einfach zu schauen.”

    So ähnlich geht es mir auch, und ich denke du bringst hier das Dilemma (von dem dann auch Christoph in seinem Kommentar spricht) gut auf den Punkt: Schreiben als Filmbetrachtung, als kreativer Prozess, der im Idealfall einen Genuß der (neu)entdeckung des Films bietet. Aber natürlich immer auch zwangsweise die Eindrücke und Erlebnisse während der Sichtung verdrängt und überlagert. Ich sehe das aber nicht ganz so kritisch wie Christoph. Klar, ich habe auch während dem Filmeschauen oft (wenn auch inzwischen weit seltener als noch vor 5 Jahren und davor) intellektuelle und emotionale Erlebnisse SSondergleichen, aber den Versuch diese schrifltich wiedergeben zu wollen, habe ich schon vor langer Zeit aufegegeben. Es geht eben einfach nicht. Schreiben (und das Denken und fühlen beim Schreiben) funktionier eben anders und ist auch ein anderer Vorgang, als derjenige der sich während der Begegnung mit einem FIlm abspielt. Dort ist es ein Dialog. Beim Schreiben eher ein monolog. man hat nur noch sich selbst, nur noch die EIGENEN Eindrücke des Films und eben nicht mehr die direkte Spiegelung. Schreiben ist dann für mich eher wie eine Zweitsichtung. Im idealfall setzt man sich gleich nach dem Film hin und erschafft zumindest einen müden Abklatsch der Erlebnisse (oder schreibt über das, was nach dem Film in einem vorgeht). Aber meist lasse ich den Film lieber noch etwas nachwirken, gerne auch mehrere Tage, und dann, wenn ich das Gefühl habe noch einmal etwas hervorholen zu müssen, oder wenn ich den Fluss der Ideen und Assoziationen auch einfach beenden will (um auch anderen Filmen wieder mehr raum geben zu können oder schlicht andere gedanken eindringen zu lassen) passiert eben hoffentlich das von dir geschilderte. Manchmal ist das Schreiben für mich auch die letzte Möglichkeit, dass der Film endlich Ruhe gibt. Und du hast vollkommen recht: Der Leser macht dann wiederum was eigenes aus einem Text. Man weiß eben nie wie etwas individuell verarbeitet wird. Gottseidank.

    Ansonsten muss ich noch gestehen, dass ich mir die 15 Minuten aus DIE ROTEN SCHUHE nicht angesehen habe, da ich den Film noch nicht kenne, und befürchtet habe, dass das eventuell die berühmt-berüchtigte Schlusssequenz sein könnte. Zu Terence Hill und der Hängematte: Auch ein Held meiner Kindheit (und innerhalb der Filmrollen immer noch ein großes Vorbild) und ein großer Anhänger der Faulheit bin ich auch. Aber bei dem von dir verlinkten Ausschnitt kommt bei mir keine Entspannung auf. Ich finde es immer noch schlimm, wenn andere Arbeiten müssen, während ich mich auf ihre Kosten ausruhe. Daher gibt’s von mir nur ein: Das arme Pferd… ;-)

    Jammern muss ich jetzt aber doch noch: Cliffhanger auf Platz 100? Ich dachte großartig, einer meiner Lieblingsfilme, und ein Film der es definitiv verdient auf jeder Hunderterliste aufzutauchen. Aber dann…

    PS: So eine Liste DER Lieblingsfilme (beziehungsweise der einflussrechsten FIlmerlebnisse) ist wirklich Gold wert. Werde ich dann auch nochmal versuchen. Habe das dieses Jahr hierfür mal versucht (du findest meine Liste sicher :D ): http://mubi.com/lists/ten-films-that-saved-your-life
    Und der Sprecher von Belmondo bei Pierrot le fou hat ja eine traumhafte Stimme. Könnte ihm ewig zuhören. Ich mag es kaum aussprechen, aber da ich den Film diese Woche noch für die uni gucken wollte, bin ich nun versucht, es auf deutsch zu tun…
    Und noch ein Geständniss: Von deinen abschließend genannten 18 Filmen kenne ich auch nur 8.

  • @Sano: der Sprecher ist übrigens Klaus Kindler. Neben Peer Schmidt (dessen knarzende Stimme ich auch mag) und Rainer Brandt der häufigste Belmondo-Sprecher.

  • Beeindruckend, wen in was der Mann alles gesprochen hat. Seine Stimme umschmeichelt jedenfalls mein Ohr. Da sieht man mal, was man alles verpasst, wenn man (fast) keine Synchronisationen mehr schaut. ;-)

  • avatar vannorden

    “Auf jeden Fall mache ich bei meiner nächsten Top 100 (ich sollte auch mal wieder; mein letzter Versuch vor einem Jahr ist ja nach Monaten der Quälerei gnadenlos gescheitert) vielleicht auch so einen schönen Rückblick. Nur würde das vermutlich völlig ausufern. Was es da zu erzählen gibt (was man sich also selbst zu erzählen hat) und was man wahrscheinlich nicht alles hervorkramt und wiederentdeckt, das man inzwischen völlig vergessen zu haben glaubte.”

    Das fände ich wirklich spannend. Und das mit dem ausufern, dass hier ist ja auch so dermassen gerafft. Ich habe soviel wieder gestrichen und erst gar nicht aufgeschrieben. Deswegen habe ich das ja auch mit dem Buch geschrieben, weil ich noch ewig so hätte weiter machen könne. :) Aber das wollte ich dann doch nicht.

    Und es ist wirklich spannend, was wieder auftaucht und was einem total entgeht. Ich habe letzten Donnerstag den Anfang von “Highlander” gesehen, den ich ja nur ganz kurz erwähne und gar nicht so in Erinnerung hatte, als bedeutenden Film für mich, aber als ich das sah … es war der Wahnsinn, ich kannte die Schnitte, die Bilder, die Gesten auswendig. Die ganze Liebe kam wieder hoch und ich erinnerte mich plötzlich wie oft ich den gesehen habe, bis ich ihn nicht mehr ertragen habe. Wegen ihm habe ich überhaupt angefangen Musik bewußt zu hören, als ich mir “A Kind of Magic” von Queen kaufte. Alles schwappte wieder hoch. Faszinierend.

    PIERROT LE FOU würde ich in frz. schauen, mag ich inzwischen mehr, aber diese Szenen kann ich nur in dt genießen. Falls du den nicht schon gesehen hast.

    Und die Szene aus THE RED SHOES ist die zentrale Tanzszene aus der Mitte…

  • [...] und absolut lesenswert: Auf the gaffer hat vannorden einen schönen, persönlichen Text über seine Top 100 Filme geschrieben. Seine Top 100 Liste finde sich dann [...]

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