Geifert, ihr Nonnen, ihr Exorzisten, ihr Menschen – Die Teufel (GB 1971)

Des Lebens Wirklichkeit ist zu mannigfaltig, um nur solche abstrakten
Gegensätze auszuweisen wie den zwischen einer Verzweiflung,
die vollkommen unbewußt ist, und einer, die sich des Zustandes völlig
bewußt ist. Meist freilich befindet sich der Verzweifelte, mit mannigfachen
Nuancierungen, in einem halbdunkel über seinen eigenen Zustand.

(Søren Kierkegaard)

Vor einigen Monaten hat das Britisch Film Institute The Devils von Ken Russell als aufwendige DVD-Edition mit hervorragender Bildqualität und mit einem Haufen an Boni auf den Markt gebracht. Jede Menge Arbeit haben sie sich gemacht, um den Zuschauer etwas nach dem Tod des Regisseurs zu bieten. Dokumentationen, Kurzfilme, Interviews – Informationen satt. Nur eines hat das BFI nicht geschafft: Warner dazu zu bewegen, die Lizenz für die wiederhergestellte Version von 2004 rauszurücken. Als der Film 1971 in die britischen Kinos kam, waren mehrere Szenen gekürzt worden und zwei Sequenzen entfernt. Im frankistischen Spanien wurde er verboten und in anderen Ländern (besonders der USA) noch stärker beschnitten. 2004 fand Mark Kermode eine der verschollen geglaubten Szenen und diverse andere Einstellungen. Statt nun die originalgetreuste Version zu veröffentlichen, kommt wieder nur ein altes Schwein in neuen Schläuchen auf den Markt. Bis heute scheint die Kermode-Version nur auf Festivals gezeigt worden zu sein.

Doch auch die britische X-rated Version hat es immer noch in sich und zog jede Menge Kontroversen nach sich. Nichts dergleichen war bis dahin im Kino zu sehen gewesen. Die Szenerien überschlagen sich förmlich. Eine bucklige Nonne leckt voll Lust die blutenden Wunden Christis. Eine bucklige Nonne, die sich unbewusst ein Kruzifix in die Handfläche bohrt, als sie krampfhaft versucht, ihre Leidenschaft aus sich herauszupressen, auf das ein reiner Geist zurückbleibe. Vor verdrängter Geilheit tropfende Exorzisten und Ärzte derwischen durch die irrealen Szenerien und verpassen vor Hysterie platzenden, nackt tanzenden Nonnen Einläufe, um sie vor Satan zu retten. Diese Geschichte, die auf realen Geschehnissen basiert, wird wie eine perverse Zirkusdarbietung behandelt. 8 Meter große Türen, die mit Popartkreuzen versehen sind, bestücken ein Gefängnis. Wohl nicht nur 1634 waren solche Pforten nirgends zu sehen. Viele letzte Ecken von Unschuld im Kino wurden aufs Gröbste geschändet. Für viele war es kaum auszuhalten. Anderen kam es einer Befreiung gleich. Als ich The Devils das erste Mal sah, war ich niedergeschmettert, angewidert und perplex. Ich hatte mit 18 erst angefangen zu begreifen, was es abseits des Mainstreams für Filme gab und dann landete ich in solch einem Film. Es war wundervoll. Nach diversen Sichtungen konnte ich die meisten Dialoge mitsprechen.

Hysterie und Wahnsinn sind die zentralen Punkte von The Devils, mit denen wahrscheinlich jeder zuerst konfrontiert wird … in den Berichten und in der eigenen Wahrnehmung. Doch unter der Raserei und dem Gore, welche einen förmlich anspringen, liegt ein riesiger Reichtum verborgen. Die Oberschwester des Frauenklosters (Vanessa Redgrave) von Loudun denunziert aus Eifersucht einen charismatischen, promisken Priester (Naturgewalt Oliver Reed). Er sei ein Diener des Teufels. Kardinal Richelieu und seine Handlanger nehmen diese Anklage dankbar auf. Der Kardinal will Frankreich unter seinen Fittichen zentralisieren und in Loudun, dem Tor zu Westfrankreich, trifft er auf den Widerstand in Form dieses Priesters. Die intrigante Machtpolitik, die mehr auf Neid und Heuchelei baut, als auf reale Anschuldigungen, wird genauso entlarvt wie die weltfremde Vergnügungssucht des Hofes. Im Kloster herrscht der kalte Zwang zur Reinheit/Keuschheit und folglich zieht eine Atmosphäre von Geilheit und Selbstgeißelung durch die Gänge. Damit sind die Nonnen die Versinnbildlichung der Zustände in der Stadt und gleichzeitig deren Spiegel. Denn in der Stadt steht Priester Urbain Grandier den Eiferern und Quacksalbern im Weg und kann sie in Zaum halten. Sie fühlen sich in ihrem eitlen (Erfolgs-)Wahn unterdrückt. Der eintreffende Hexenjäger verändert das alles. Er schreit jeden nieder, der auch nur einen rationalen Gedanken äußert und damit nicht im Einklang mit seinem lüsternen Kampf gegen die Lüsternheit ist. Er hat Erfolg, weil er all diesen unterdrückten Sehnsüchten und Selbstgerechtigkeiten die Möglichkeit zum Ausbrechen gibt. Die Nonnen beginnen, sich in ihrer Lust zu suhlen. Da sie vom Teufel besessen seien, können sie ja auch nicht anders. Unter dem Deckmantel der göttlichen Gerechtigkeit kann jeder seinen privaten Begierden nachgeben. Aus den Menschen wird ein Haufen geifernder Schakale … zum Nachteil aller. Und mitten in diesem Karussell der ausbrechenden Lüste steht Ken Russell wie ein Hexenmeister. Die Dimension, die Politik, die Religion, die Suche nach Glück, die Unterdrückung, das Ausbrechen, Pest, Quacksalbertum, Liebe, Neid, Eifersucht, Phantasie, Realität und so weiter, diese Heuschrecken hält er an der Kette. Von außen sehen sie kompakt aus, wie eine Wand. Aber wehe jemand landet in seiner Meute. Mannigfaltig werden die Angriffe sein … in denen er selbst für die zarten Momente des Glücks Platz findet.

The Devils wird im Grunde durch einen einfachen Gegensatz zusammengehalten. Auf der einen Seite stehen die Menschen, die sich ihrer Hemmungen entledigen und gerade ihren schlimmsten Fehlern erliegen, weil sie sich ihre Fehlerhaftigkeit nicht eingestehen wollen. Wie sehr sie fehlen, wird aber erst durch Grandier sichtbar. Jesusgleich wandelt er durch die Geschehnisse und kämpft nicht nur für die Freiheit seiner Mitbürger, sondern auch für seine eigene innerhalb der (katholischen) Kirche. Ohne Berührungsangst schläft er mit den jungen Frauen der Stadt. Er vertraut auf einen vergebenden Gott und hat folglich keine erdrückende Zweifel an seinem Seelenheil. Kierkegaards Krankheit zum Tode hat bei ihm keine Chance. Er hält seiner prüden Umgebung einen Spiegel vor, in dem er seine Fehlerhaftigkeit akzeptiert und damit zum Besten aller Menschen wird, ein großartiges Charismamonster, an dessen Lippen jeder hängt, neben dem jeder kläglich erscheint. Wie fair das ist, möge jeder selbst entscheiden, auf jeden Fall ist es effektiv. Denn gerade wenn die Passionsgeschichte des Priesters beginnt, fängt der Zirkus seiner Mitmenschen erst an wirklich garstig zu wirken.

Grabrede für das Grauen – L’ultima orgia del III Reich (I 1977)

Es gibt keine richtige Subjektivität ohne die Vorstellung, dass ich aus
einer anderen Perspektive betrachtet bloß ein Stück Scheiße bin.

(Slavoj Žižek)

Leser! Cineasten! Von Google-Gestrandete! Hört mich an: Begraben will ich L’ultima orgia del III Reich, nicht es preisen. Wenn Filme ernste Tatbestände nicht kultiviert darstellen, dann wird das ihnen häufig nachgetragen. Sie seien Trash, stumpf oder ungebührliche Machwerke. Die spannenden, faszinierenden Aspekte werden mit ihnen oft begraben. So sei es auch mit L’ultima orgia del III Reich! Filme wie Schindlers Liste haben euch gesagt, wie schrecklich die Verbrechen der Nazis waren. Den Opfern der Konzentrationslager wurde so ein gebührliches Denkmal gesetzt, das ihnen wenigstens Ehre erweist, nachdem ihnen damals jede Menschlichkeit verwehrt wurde. Exakt wird die grauenhafte Realität porträtiert. Auf Klamauk, billige Verallgemeinerungen oder reißerische Lüsternheiten wird zum Glück verzichtet. L’ultima orgia del III Reich begeht fast alle diese Fehler und das ist ein schweres Vergehen. Schindlers Liste hingegen ist ein ehrenwerter Film.

Vieles kann Schindlers Liste vorgeworfen werden. Er sei zu kitschig, die Nazis zu sehr als Ausnahme in der guten Menschheit porträtiert oder, wie Michael Haneke (seinen verbohrten Snobismus unterstreichend), er sei ein billiges Produkt für naive Amerikaner. Das stimmt vielleicht sogar alles. Schindlers Liste ist naiv und bewahrt sich so den größtmöglichen Grad an Unschuld im Angesicht solcher Verbrechen. Diese Unschuld ist L’ultima orgia del III Reich völlig fremd. Wer ihn anschaut, findet sich im Herzen der Verderbtheit wieder. Diese Phantasmagorie suhlt sich in der Verkommenheit. Es beutet Niederträchtigkeiten begierig aus, um den Zuschauer zu schocken, ihn anzuwidern. Das Grauen macht er zum Objekt einer perversen Peepshow, die auf die Geilheit der Zuschauer zählt. Vergewaltigung, Folter und Mord werden von sadistischen Wahnsinnigen ausgeführt … in diversen Variationen. Im Grunde ist L’ultima orgia del III Reich eine einzige große Widerlichkeit. Schindlers Liste hingegen ist ein ehrenwerter Film. Ein wichtiges Mahnmal.

In schönen Bildern, die klar sind, ausdrucksstark, ohne Fremdschämpotential, wird das Leid in Schindlers Liste eingefangen. In größter Sorgfalt werden die Kulissen nachgestellt, so dass dem Zuschauer an der Authentizität der Trostlosigkeit keine Zweifel kommen. So wird die Verderbtheit der Schandtaten der Nazis für jeden klar verständlich. Anders als in L’ultima orgia del III Reich gibt es kaum Falschheit, wovon es im italienischen Film von Regisseur Cesare Canevari nur so strotzt. Schlechte Szenerien, schlechte Kostüme, schlechte Schauspieler verdeutlichen dort nicht nur die Knappheit des Budgets, sondern auch die Billigkeit des ganzen Ansatzes. Ein billiger Film wird eben nie mit der realistischen Darstellung verwechselt werden. Aus diesem Grunde ist Schindlers Liste, nicht wie L’ultima orgia del III Reich, ein ehrenwerter Film.

Das größte Übel ist aber, dass sich L’ultima orgia del III Reich den Geschehnissen aus der Sicht der Nazis nähert. In Rückblenden werden großenteils die Erinnerungen eines SS-Offiziers an seine Zeit im KZ wiedergegeben, wie er, seine Geliebte und andere SS-Angehörige Gefangene aufs Abartigste misshandeln und antisemitische Wahnvorstellung von sich geben. Rauschhaft ignorieren sie jedes Erbarmen und zeigen auf, wozu Menschen fähig sein können. Das alles ist je nach Verrohungsgrad des Zuschauers mehr oder weniger abstoßend. Aber immer wieder kehren zwischendurch die Bilder eines Sees zurück. Eine ruhige, warm glitzernde Idylle nimmt die Leinwand ein und glitzert über sie. Die Sehnsucht des Offiziers nach der guten alten Zeit springt auf den Zuschauer zu. Unkommentiert. So poetisch wie verführerisch inszeniert, dass sie vielleicht das Gefährlichste und Ekligste von  L’ultima orgia del III Reich ist. Nicht nur das Leid der Opfer oder die kleinen Heldentaten der offenen oder verdeckten Oppositionellen stehen im Mittelpunkt, sondern auch die morbiden Begierden eines Mannes, der sein Paradies gefunden hatte, in dem ihn niemand davon abhält, seinen perversesten Neigungen nachzugeben. Vielleicht. Und Schindlers Liste ist ein ehrenwerter Film, der zum Glück nur Sympathien für die Opfer hat.

Ich muss gestehen, dass ich Schindlers Liste erst ein einziges Mal gesehen habe. Vor vielen Jahren als er das erste Mal auf ProSieben lief und es eine riesige Diskussion gab, ob ein so ehrenwerter Film, ein so wichtiges Mahnmal von Werbung unterbrochen werden dürfte. Bis heute bin ich überzeugt, dass Werbung bei einem solchen Film eine noch größere Geschmacklosigkeit ist, als es Unterbrechungen eh schon sind. Interesse, diesen ehrenwerten Film wiederzusehen, habe ich aber nicht, weil ich nicht denke, dass er mir noch etwas zu sagen hat. Dass Nazismus, Faschismus, Progrome oder Massenmord, an wem auch immer, schlecht sind und hoffentlich nie wieder auftreten (vielleicht ein irrationale Hoffnung), sagt einem der gesunde Menschenverstand … was auch immer das heißt. Ich denke wirklich, dass Schindlers Liste ein wichtiger Film ist. Als Mahnmal tendiert er aber dazu, Menschen in süßlichem Mitleid und dem zweifelhaften Gefühl, dass jeder selbst in einer solchen Situation wie Schindler handeln würde, erstarren zu lassen.

L’ultima orgia del III Reich ist kein ehrenwerter Film. Zwischen all den Widerlichkeiten, zieht er einen verführerisch auf eine Seite, auf der niemand sein wollen sollte. Er kann einen anekeln und vor allem mit schrecklichen Dingen konfrontieren, die in einem schlummern, egal wie sehr sie verdrängt werden. Das vermittelte Bild der Menschheit ist schrecklich. Die Angst vor den Mitmenschen und den eigenen verborgenen Potentialen werden bis zur Schmerzgrenze ausgereizt. Horrorfilm und Melodrama gehen eine infernalische Verbindung ein. Im Melodrama kämpfen die Protagonisten gegen die Fesseln der Gesellschaft. Hier haben sie ausnahmsweise gesiegt und unterwerfen jeden, der ihrem Glück im Weg steht, machen jeden zum Werkzeug ihrer pervertierten Lust … und schmachten Jahre später nach ihrem verlorenen Paradies. Der Wahnsinn und das Dämonische ist menschlich wie unerträglich. Durch die Unfertigkeiten werden einem aber genügend Distanz geboten, um nicht von ihnen verschlungen zu werden (neben dem ambivalenten Melodrama um eine Lagerinsassin, aber das würde den Rahmen hier sprengen). „Man soll mit Filmen nicht die Welt retten wollen“ hat einmal jemand geschrieben. Nichts lag Cesare Canevari ferner. Stattdessen hat er einen schändlichen, erschreckenden, aber mitunter auch erschreckend schönen Film gemacht, der einem sehr viel über einen selbst sagen kann. Immer wieder.

ERSTER BÜRGER. O kläglich Schauspiel.
DRITTER BÜRGER. O jammervoller Tag.

 

Somnambule Strangeness – Herbstromanze (BRD 1980)

Unfassbar. Im wörtlichen Sinne. Es ist rational nicht zu fassen, was in diesem Film passiert. Herbstromanze als einen riesigen Haufen Dreck abzutun, ist vielleicht die beste und nachvollziehbarste Haltung gegenüber diesem Machwerk. Wer sich aber diesem unwirklichen, irrealen Film auch nur ein klein wenig öffnet, der wird wahrscheinlich weggeblasen, denn er ist eben u n – f a s s – b a r.

Pferde reiten in Zeitlupe zu schmachtender Musik durch eine idyllische Landschaft. Glück und Liebe triefen dabei in grenzenlos naiver Berechnung von der Leinwand respektive aus dem Bildschirm. Jürgen Enz, bekannt oder eher berüchtigt für seine infernalischen Sexfilme, hatte gegen Ende seiner Karriere als Regisseur diesen Heimatfilm gedreht. Der Sex ist hierbei fast vollständig an den Rand gedrängt. Aber er ist auch noch da und gibt der schmierigen, durchgedrehten Atmosphäre in dem von Enz eingefangenen Bad Berleburg im Sauerland den letzten Stoß. Wobei durchgedreht hier nicht mit Hektik verwechselt werden sollte. Es ist ein Wahnsinn, der alle zehn Minuten rein „zufällig“ Welpen vor der Kamera landen lässt, Welpen, die in ihrer Knuddeligkeit seelenruhig präsentiert werden und einem das Herz aufgehen lassen (sollen), Welpen, die nichts zu der Geschichte beitragen, aber alles über den Film und seine Machart sagen. Es ist ein Wahnsinn, der entweder wirklich so grenzenlos naiv ist, dass er kleine süße Hundejunges zeigt, weil sie bei Enz das Herz schmelzen lassen und in seiner wunderschönen, relaxten Welt einfach das Schönste sind, oder es ist ein Wahnsinn, der jede nachgiebige Sicht auf die verlogene Idylle des Heimatfilms verlacht und sie mit ätzenden Sarkasmus in Form von jungen Kläffern vorführt. Die verrückte Herzlichkeit und die totale Entspannung der Welpen ist die des ganzen Films, eines radioaktiven Heimatfilms, der einen Malstrom aus unlösbaren Widersprüchen entfacht und so einen abstrusen Reichtum entwickelt.

Auf dem Landgut eines Freundes und Ex-Liebhabers macht eine Frau mit ihrer Tochter Urlaub. Diverse amouröse Skizzen hat Jürgen Enz in petto, die herrlich undramatisch verlaufen. Hofbesitzer und Mutter schrammen fast nebenher an einer Beziehung vorbei. Die Subtilität, die er gerade hier bereithält, steht im schreienden Gegensatz zum Rest des Filmes, der sonst eher plump und berechnend daherkommt. Die Beziehung zwischen ihren jeweiligen Kindern begrenzt sich auf die sexuelle Belästigung und Nötigung des Sohnes des Landgutsbesitzers gegenüber der Tochter. Letztere beginnt eine zarte Romanze mit einer stummen Magd eines Nachbarhofes. Dabei ist Herbstromanze vor allem Rosamunde Pilcher hoch 10.000, wobei ich gestehen muss, dass ich noch nie einen Rosamunde Pilcher-Film gesehen habe und beziehe mich nur auf ein ungutes Magengefühl gegenüber diesen Filmen mit ihrem gut inszenierten Kitsch, der ein keimfreies menschliches Leben propagiert, das nur in künstlichen, klischeebeladenen Herz-Schmerz-Dramen Gefühle und Lebensinhalt entwickeln zu können scheint. Doch wo bei diesen Filmen wohl noch ein gewisser Grad an Dezenz und Realismus gewahrt wird, da herrscht bei Enz ungehemmte, bis zum Anschlag aufgedrehte Künstlichkeit. Alles ist falsch, daneben und schlecht … teilweise bis zu einem leichten körperlichen Unbehagen.

Fast könnte man meinen, es handelt sich bei Herbstromanze um die Studie einer außerirdischen Spezies über Gefühle und Erotik. Sie können die Oberfläche der Menschen und ihre Handlungen wahrnehmen. Nachvollziehen können sie diese aber nicht. Alle Figuren in diesen atemraubenden 80 Minuten scheinen gerne wie Menschen wirken zu wollen, aber es sind nur schreckliche Karikaturen in Karikaturen von lebensnahen Situationen. Wie Marionetten bewegen sie sich durch die Heimatfilmkulissen und sagen Dinge, die vielleicht tatsächlich mal Menschen gesagt haben, aber nie in diesen Kombinationen. Das Publikum auf dem Heimatplaneten wird vielleicht denken, die fremde Rasse Mensch durch diese „ethnografische Studie“ gut dargestellt zu haben. Aber hölzern und irreal ist gar kein Ausdruck für den Wahnsinn, der hier zusammengeschustert wurde. Brecht’sche Epik in unfassbarer Virtuosität, die sich selbst überschlägt. Dazu kommen Szenen von so ausgesuchter Absurdität, dass einem Helge Schneider-Filme plötzlich wie Hollywood vorkommen.

Herbstromanze kann einem das Gefühl geben, dass der eigene IQ nur noch bei 5 liegt. Aber nicht weil einen der Film lobotomisiert, sondern weil sich Intellekt sprengende Möglichkeiten auftun. Eine bitterböse Satire auf Kitsch? Ein Essay über das Verhältnis von Realität und ihrer Darstellung (oder einfach Kunst)? Ein Kunstwerk, das auf schmerzliche Weise die Künstlichkeit der Selbstdarstellung offenlegt und so Fragen zur Wahrhaftigkeit des eigenen Handelns aufwirft (und ob ein solches überhaupt möglich ist)? Eine Studie über den Mief einer abgekapselten, kleinbürgerlichen Welt? Ein seltsam absurder Heimatfilm, der jede Form von Klischee umgeht, indem er sie zu riesigen Türmen häuft? Einfach nur ein riesiger Haufen Mist? Im Grunde ist dieses Meisterwerk von Jürgen Enz (niemand geringeren) all das und noch viel mehr. Kurz ein Erlebnis, das einem manchmal fast den Kiefer ausrenkt, wenn der Unglaube über das zu Sehende einem wieder die Kinnlade runterfahren lässt. Lachen, Weinen, Euphorie, Zauber. Alles hält er bereit. Aber vor allem ist er, wie gesagt, unfassbar.

Oh Shit – Total Recall (USA 2012)

Jeff Murdock erklärt in einer Folge von Coupling drei Phasen, durch die sich offensichtliche Lügen verraten. Eine ist das Plappern. Nervös ergibt sich der Schwindler in Wortschwalle, die jeden möglichen Einspruch entkräften sollen, aber nur den Täuschungsversuch unterstreichen. In Total Recall gibt es Unmengen von Geplapper. Während sich große Teile des Publikums fragen, warum ein Remake des Schwarzenegger Films nötig sei, haben sich die Drehbuchautoren dieser Frage wohl nie gestellt. Im Grunde kann niemand der Beteiligten etwas mit der Grundidee anfangen. Zu Beginn fragt Douglas Quaid (Colin Farrell*) einen Arbeitskollegen, ob er sich falsche Erinnerungen bei der Firma Rekall einpflanzen lassen soll. Da weder das Drehbuch noch die Schauspieler eine Ahnung haben, warum er das machen sollte, plappern beide leeren Phrasen vor sich hin. Ihre Überzeugungsversuche, welche Autoren und Darsteller wohl auch zu einem großen Teil an sich selbst richten, sind so kläglich wie ausufernd. Keiner der Beteiligten hat genügend Überzeugungskraft, um Eis in der Wüste zu verkaufen, geschweige denn so komplexe Problematiken, wie dass ein unterbezahlter Arbeiter mit der Realität unzufrieden ist.

Aber auch das Spiel damit, ob sich Douglas Quaid nach seinem Rekallbesuch in einem Traum oder doch in der Realität befindet, wird ohne Verständnis oder Interesse abgearbeitet. Oder anders gesagt, Total Recall ist unter der Ägide von Len Wiseman zu einer einzigen langen Verfolgungsjagd verkommen, die ab und zu mal kurz unterbrochen wird, um dem Zuschauer pflichtbewusst etwas von einer Geschichte zu bieten. Es gibt immer mal wieder Anspielungen auf den Vorgänger, wie eine Frau mit drei Brüsten, eine, die 2 Wochen Urlaub macht, ein abgetrennter Arm oder zart eingestreute „Oh shits“. Diese bleiben aber leere Gesten, die nicht überspielen können, dass die Neuverfilmung gerade da vom Original abweicht, wo es zählt … nämlich bei Esprit und Glaubwürdigkeit.

In Total Recall geht es nur noch um Geschehen, Körperlichkeit und Hektik … lieblos mit einem total verschenkten Plot zusammengeschustert. Der Kopf des Zuschauers wird gerademal zum Staunen gebraucht. Douglas Quaid fällt ständig aus ungesunden Höhen auf Böden und auf Autos. Menschen und Roboter werden waghalsig und artistisch getötet. Und die nicht enden wollenden Verfolgungsjagden sind so konstant nervenzerreißend, dass sie nur noch unendlich öde sind. Die vereinzelten Änderungen im Tonfall – weg von der Hektik – bringen keine Erlösung mit sich, sondern nur Dummheit und Unfähigkeit. Bezeichnend für den ganzen Film ist vielleicht die Szene, in der Douglas Quaid von einer Videoaufnahme seiner selbst erfährt, dass er eben nicht Douglas Quaid sei, sondern ein Agent in der Mitte einer riesigen Verschwörung. Dieser Total Recall hat kein Vertrauen in die irre Situation und es wird nicht einmal versucht, den Verstand der Zuschauer mit Futter für Spekulationen auszuhebeln. Der Fokus wird auf Soldaten gelegt, welche das Labor stürmen wollen, in dem Quaids eigentliches Ich mal wieder plappert. Hektik und halbgarer Suspense werden vorgeschoben, anstatt das auch nur einer einen Finger krumm macht und die Geschichte etwas mehr ausgearbeitet wird.

Aber eben auch bei der Action schafft es Len Wiseman nicht, irgendwelche Alleinstellungsmerkmale zu bieten, die Total Recall wenigstens zur Meterware machen würden. Zu ermüdend ist die substanzlose Rastlosigkeit. Vor allem verschenkt er sich dabei aber seine Schauwerte. Jessica Biel zum Beispiel, die Quaids Geliebte Melina spielt, hat schauspielerisch nicht viel zu bieten. Ihre „Fähigkeit“ ist das Gutaussehen und genau dessen wird sie beraubt. In nervös geschnittenen Bildern verkommt sie zu einem Schemen, der hölzern vor sich hin agiert. Sicherlich haben die Musikvideos seit den 90ern gezeigt, dass gerade durch den unbefriedigend kurzen Blick auf das Objekt der Begierde Aufmerksamkeit und Verlangen erzeugt werden können, aber wenn das zu Sehende so schwammig und redundant bleibt, dann hilft der getriebenste Schnitt nichts. Und der Umgang mit Jessica Biel ist eben keine Ausnahme. Die recht gelungenen Ansichten der zukünftigen Welt, das Geschehende, der Spaß, alles kommt zu kurz.

*der die Rolle so verbissen ernsthaft ausfüllen möchte, dass er eine mitleidserregende Version von Schlaubi Schlumpf wird, der gerne Schauspieler wäre.


Übersicht der Kritiken zu Total Recall bei Film-Zeit.de.

Schlamm und Zufall – Prometheus (USA 2012)

Vor 7 Jahren war es Königreich der Himmel, welcher sich nicht entscheiden konnte. Immer wieder wurden Heldentum und Heldenverehrung als protofaschistische Sackgassen deklariert. Immer wieder endete alles in großangelegten Feiern von Heldenmut und Führerpersönlichkeiten. So stellt er sich mehr als einmal selbst das Bein und landete schlussendlich vor der Wand. Prometheus kann sich anscheinend ebenfalls nicht entscheiden. Doch da wo es Königreich der Himmel zum Verhängnis wird, öffnet sich hier der Film und begeht erst gar nicht den Versuch, den Zuschauer belehren zu wollen. In Zeiten, in denen sich Busse mit Botschaften über die Existenz und Nichtexistenz Gottes verfolgen, sucht Prometheus nicht die Konfrontation, sondern taumelt unentschlossen und suchend zwischen den Positionen hin und her.

Damit ist die Katze aus dem Sack. Wenn sich das Raumschiff Prometheus in die Weiten des Weltraums begibt, befindet es sich auf der Suche nach dem Ursprung der Menschheit und deren Schöpfer. Die Weyland Corporation („die Firma“) schickt es los, um Archäologin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) auf der Suche nach Schöpferwesen zu unterstützen, die sie auf Sternenkarten untergegangener Kulturen abgebildet gefunden hat. Doch anders als Shaw, die Gott und Sinn sucht, will der uralte Vorstand der Firma, Peter Weyland (Guy Pearce), einfach nur den Tod überwinden. Ridley Scott ist dabei wenig an der Vorgeschichte von Alien interessiert oder an der Richtigstellung der Uminterpretationen dieses unheimlichen Wesens aus dem All in den folgenden Teilen. Er begibt sich stattdessen auf einen holprigen Parallelpfad zu 2001 – Odyssee im Weltall, der Klaustrophobie und Sex (Alien) beziehungsweise ausufernde Ästhetik und Psychedelik (2001) gegen Epik, Thrill und Abenteuer eintauscht. Doch da wo Kubrick die Lücke zwischen Tier, Mensch und Maschine mit einem schwarzen Quader füllt, da findet Scott den Ursprung des Lebens in schwarzem Schlamm. Schwarzem Schlamm, der in außerirdischen Tempeln aus Urnen tropft und wie konzentrierte Evolution wirkt. Er zerstört brutal und ist der Tod. Er dringt in einen ein, frisst einen auf und verändert die Zusammensetzung jedes Lebewesens bis am Ende etwas komplett anderes ausgespuckt wird. Er erschafft Neues, Erschreckendes und taucht die Furcht vor unaufhaltsamer Veränderung/Entwicklung in totale Düsternis.

Vor allem ist dieser Schlamm aber extrem eigenwillig. Die Crew der Prometheus ist auf der Suche nach Schöpfern mit einem Plan. Sie wollen Fragen stellen. Warum sind wir hier? Auf dem Planeten angekommen, den die Karte als Ziel angibt, entdecken sie einen Tempel, der sich in einer kaninchenbauartigen Anlage befindet. Sie finden aber keine höheren Wesen, zumindest keine lebenden. In den Gängen liegen höchstens Leichen. Und Hologramme der Vergangenheit zeigen der Mannschaft wie die außerirdischen Schöpfer vor etwas davonlaufen. Zunehmend soll ihnen klar werden, dass niemand den Schlamm kontrollieren kann. Wie die Schöpfer muss die Crew bald vor Wesen davonlaufen, die aus der Tiefe des Schlamms hervorkommen. Prometheus lässt einem alle Vorstellung von Planung wie Sand zwischen den Händen zerrinnen. Jeder ist dem Leben ausgesetzt und niemand kann es kontrollieren. Alles prallt aufeinander und nur der Stärkste überlebt. Auf dem Planeten findet sich kein Gott, sondern nur kondensierte, brutale Evolution.

Aber Gott ist eh nicht von dieser Welt, weshalb Elizabeth Shaw und der Zuschauer keine Antworten bekommen, sondern nur Fragen. Was größenteils aber nicht am Konzept zu liegen scheint, sondern an der Unentschlossenheit von Drehbuch und Regie. Wie so oft in den letzten Jahren gibt Scott den epochalen Geschichtenerzähler, aber verhaspelt sich immer wieder in seinen Ansprüchen und seiner, wie es manchmal scheint, Angst auf etwas festgenagelt zu werden. Teilweise wirkt das Drehbuch von John Spaihts und Damon Lindelof auch extrem hölzern, wenn in schaurig offensichtlichen Dialogen* der Zuschauer für religiöse Themen sensibilisiert werden soll. Aber sobald Ridley Scott und Kameramann Dariusz Wolski die Bilder sprechen lassen und einfach die Handlung vorantreiben, dann ist Prometheus nicht nur interessant, sondern auch ein mitreißender Sci-Fi-Thriller, der das Beantworten aller aufgeworfenen Fragen aus der Hand verliert/gibt.

Gott und Evolution sind aber nicht die einzigen, die Schrecken und Probleme verbreiten werden. Viel ruhiger, subtiler und effektiver ist da die Figur des Androiden David (Michael Fassbender). Im Gegensatz zu Ash wissen diesmal alle, dass er eine Maschine ist und behandeln ihn dementsprechend. Er möchte sich den Menschen anpassen, erntet dafür aber nur Hohn und Verachtung. Er wird zunehmend grimmiger unter seiner ausdruckslosen Fassade. Jedenfalls lassen das seine Handlungen und Anspielungen vermuten, da nie mit Sicherheit geklärt wird, was in ihm vorgeht. Wie HAL 9000 deutet er an, dass es kein Selbstbewusstsein ohne Gefühle geben kann und dass es aber umso verstörender wird, wenn eine scheinbar gefühllose Maschine einem mit Sarkasmus, Verbitterung und Verschlagenheit begegnet. Er ist es, der zwischen all dem wirren Gore, fahrigen Anspruch und unausgegorenen Suspense den bedrohlichen Ruhepol bildet. Er steht vielleicht nicht im Zentrum der Geschichte, aber innerhalb der ganzen genre-inhärenten Konflikte zwischen den Teammitgliedern der Prometheus und dem ganzen metaphysischen Klimbim entwickelt er eine sachte Gravitation, welche die losen Enden zusammenhält.

*Schrecklich offensichtliche Dialoge sind natürlich auch oft einfach nur realistische Dialoge.