Peter Sellers [1960-1963]

Nach Teil eins gibt’s nun die Fortsetzung meiner Einführung in das filmische Werk des vielleicht größten – und besten – Filmkomikers seit Charlie Chaplin:

In Folge des Gewinns des British Acadamy Awards für I’m All Right Jack und des internationalen Durchbruchs mit The Mouse that Roared beginnt die erfolgreichste Phase in der Karriere des Peter Sellers. Die Goon Show wird 1960 nach neun Jahren wöchentlicher Verrücktheiten eingestellt. Ein Abstecher auf die Theaterbühne in George Tabori’s Brouhaha bleibt eine Ausnahme. Mit dem steigenden internationalen Erfolg begrenzt sich sein Wirken auf die Kinoleinwand.
In nur vier Jahren wird er seine berühmtesten Rollen spielen, um wenig später (selbstverschuldet) in eine fast zehnjährige Phase von Flops hinein zu schlittern.

Die Zeit zwischen 1960 und 1963 ist die Übergangszeit vom beliebten Filmkomiker und Charakterdarsteller zum weltweiten Superstar. In diesen Jahren dreht er zwei seiner berühmtesten Filme: Stanley Kubrick’s Lolita und Blake Edwards‘ The Pink Panther.

Seiner Herkunft und seinen Ambitionen bleibt er dabei noch treu. So kennzeichnet diese Phase ein Ausflug in ernstere Rollen (mit unterschiedlichem Erfolg), sowie eine Reihe von Gaunerkomödien und Satiren, wie sie auch in den 50ern hätten entstehen können.

Noch hat die counter culture nicht auf die Leinwand abgefärbt und die 11 (!) Kinofilme, die er in dieser Zeit dreht, haben kaum etwas revolutionäres oder hippes in Machart und Thema an sich. Wäre da nicht eine gewisse Literaturverfilmung…


Eine Auswahl…

1. Never Let Go (1960) Regie: John Guillermin

Das Jahrzehnt beginnt mit einem Paukenschlag – oder einem Desaster, je nachdem, wen man fragt. Unter der Regie von Guillermin spielt Sellers zum ersten und letzten Mal in seiner Karriere (die immerhin mehr als 60 Filme umfasst) einen reinen, fiesen, unsympathischen, unkomischen, verrückten Bösewicht, wenn nicht gar Bastard, schließlich zertritt er in einer Szene die geliebten Schildkröten eines harmlosen alten Mannes.

Als Lionel Meadows fletscht Sellers 90 Minuten psychopathisch seine Zähne. Er ist kein stilsicherer Pate, sondern ein Ganove, der gern einer sein würde. Seine manische, unkontrollierbare Energie durchbricht bald seine legale Fassade und führt ihn zwangsläufig in den Untergang.

Die unscheinbare Story um einen Vertreter (Richard Todd), der sein gestohlenes Auto wieder haben will, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, war ein Flop und erhielt sogar ein X-Rating in Großbritannien. Die Zurückweisung von Publikum und Kritikern veranlasste Sellers dazu, nie wieder ein solches Risiko einzugehen.

Für mich bleibt Lionel Meadows eine seiner besten Rollen, auch wenn er sie leicht übertrieben hat. Jedweder Sellers-typischer Manierismus verschwindet hier, kein lustiger Akzent verwässert das monsterhafte Wesen, auch spielt er seinen Bösewicht nicht (wie etwa Basil Rathbone) elegant, trotz der angenommen Intelligenz.

Meadows ist kein Hannibal Lecter, auch kein Hans Gruber. Nein, er ist einfach nur ein abstoßendes Scheusal.

2. Only Two Can Play (1962) Regie: Sidney Gilliat

Kontrastprogramm! Wieder eine sehr gute britische Rolle für Sellers, doch der Unterschied zu Never Let Go könnte kaum größer sein. Inspiriert von den Innovationen der British New Wave erzählt Only Two Can Play die Geschichte des walisischen Bibliothekars John Lewis (Sellers), der durch die glamouröse Liz zum Ehebruch verleitet wird.

Die Story an sich gibt nicht viel her, dafür glänzt der Film mit einer beeindruckend subtilen Leistung von Sellers und einigen kautzigen Provinzlern (u.a. Richard Attenborough und Kenneth Griffith). Dazu gibt’s dieses undefinierbare wohlige Gefühl, das einem nur britische Filmkomödien verschaffen.

3. Lolita (1962) Regie: Stanley Kubrick

Ein Standout wäre dieser Film in jeder Schauspielerkarriere, doch Sellers‘ Clare Quilty brennt sich ins Zelluloid der Filmgeschichte auf ewig ein. Muss ich noch anmerken, das ich diesen Film toll finde? Trotz seiner Überlänge. Trotz des abrupten, unbefriedigenden Endes. Kubrick lieferte eine geniale, skandalträchtige Literaturverfilmung mit satirischen Untertönen ab. Das war nach Spartacus ein Befreiungsschlag erster Güte (Nimm das, Kirk Douglas!).

James Mason und Shelley Winters (keine spielt hysterische Frauen, wie sie!) präsentieren sich auf dem Höhepunkt ihres Könnens und was tut Sellers? Kubrick, der Egomane, der Kontrollfreak, der Take-after-Take-Foltermeister, er lässt Sellers tun, was er will.

Die Freiheit, mit der er improvisiert, sagt mehr über das Können Kubricks als Filmemacher aus, als irgendein fliegender Knochen. Er wusste, wann er Gold in den Händen hielt und wie es zu nutzen war. Kaum ein Regisseur hat Sellers in solche Höhen navigiert.

4. The Pink Panther (1963) Regie: Blake Edwards

Zwei Wochen vor Drehbeginn hatte Peter Ustinov keine Lust mehr, also nahm man einen anderen Briten. Der Rest ist Filmgeschichte. Sellers stiehlt den Film, er ist die einzige, beeindruckende Auffälligkeit abgesehen von Henry Mancini’s Musik. Warum liste ich den Film überhaupt auf?
Ganz einfach weil die ersten beiden Teile der Franchise sich durch die Zurückhaltung im Spiel des Hauptdarstellers auszeichnen. Ein überdrehter Sellers ist durchaus witzig, aber ein subtiler – mit anderen Worten „normaler“ – Sellers macht mehr Spaß. Bevor die Pink Panther-Filme zu comicartigen Slapstickkomödien wurden, hatten sie Stil.

Der melancholische Kleinbürger Clouseau aus Teil eins und zwei wird nur noch durch Chance the Gardener und Hrundi V. Bakshi übertroffen. Sellers ist hier mehr Schauspieler als Komödiant. Vergleiche mit Stan Laurel sind angemessen.


Teil drei wird sich um die Jahre 1964-1966 drehen. Vom Höhepunkt Dr. Strangelove bis zum Flop Caccia alla volpe.


Peter Sellers [1955-1959]

Denkt man an Peter Sellers so werden die Swinging Sixties immer das Jahrzehnt sein, welches zuerst in den Assoziationen auftaucht. Mit Filmen, wie Dr. Strangelove (1964), Lolita (1962) oder The Pink Panther (1963) wurde er nicht nur zum erfolgreichsten Komiker dieser Jahre neben Jerry Lewis.

Er schuf auch die Figuren, die noch heute seine Unsterblichkeit zementieren: Den unfähigen Inpektor Clouseau, den verdorbenen Clare Quilty und natürlich den manischen Dr. Strangelove himself. Betrachtet man den Verlauf seiner Karriere von der anonymen Radiostimme zum Superstar dutzender Kinofilme, so liegen alle entscheidenden Ereignisse, die ihn vom Erfolg in einem Medium zum Erfolg im nächsten führten, in den langweiligen, prüden, die Welt mit identischen Vororten verseuchenden Fünfziger Jahren.

Zwischen 1951 und 1960 revolutionierte er zusammen mit Spike Milligan und Harry Secombe die britische (Radio-)Comedyszene mit der ebenso verrückten, wie satirischen Welt der Goon Show.
Zur gleichen Zeit entwickelte er sich vom klassischen britischen Charakterdarsteller, der dem „Hintergrund“ eines Filmes Farbe verleiht, zum Star internationaler Produktionen.


5 Filme, die diese Phase seiner Karriere definieren:

1. The Ladykillers (1955) Regie: Alexander Mackendrick

Die letzte große Komödie, die den Zusatz „Ealing-“ verdient. Fünf Gangster ziehen bei einer alten Dame ein, um einen Überfall zu planen. Alles scheint glatt zu gehen, doch Mrs. Wilberforce hat da noch ein Wörtchen mitzureden…
Angeführt vom genialen Alec Guinness, glänzt Sellers in seiner ersten größeren Nebenrolle als Teddyboy Harry in diesem Klassiker der schwarzen Komödien.

2. The Smallest Show on Earth (1957) Regie: Basil Dearden

Ein, im besten Sinne des Wortes, „sentimentaler“ Film, in dem ein Ehepaar ein altes Kino – inkl. der drei Angestellten – erbt und es wieder auf Vordermann bringt. Die drei mürrischen älteren Herrschaften werden gespielt von Sellers, Bernard Miles und Margaret Rutherford. Eine Ensemblekomödie ohne Stars, im Geiste der Ealingfilme. Kein Klassiker, aber eine der erinnerungswürdigeren Komödien dieser Zeit.

3. The Naked Truth (1957) Regie: Mario Zampi

Entertainer Wee Sonny MacGregor (Sellers) wird vom Herausgeber eines Skandalmagazins erpresst. Zusammen mit anderen „Opfern“ versucht er sich des Erpressers (Dennis Price) zu entledigen. Der Erfolg ist nicht gerade vorprogrammiert.
Sellers übernimmt in dieser Krimikomödie erstmals den Part des Protagonisten und spielt sogleich (und nicht zum letzten Mal) seinen Filmpartner Terry-Thomas an die Wand.

Eine weitere Neuheit: Sein Charakter schlüpft von Mordversuch zu Mordversuch in immer neue Rollen, um seinen Gegner zu überlisten. Sellers legt hier die – noch nicht gänzlich erfolgreiche – Grundlage für sein späteres Markenzeichen: Mehrere Charaktere in einem Film zu spielen.

4. I’m All Right Jack (1959) Regie: John Boulting

Der erste wirkliche Höhepunkt in der Filmkarriere des Peter Sellers. Einen BAFTA-Award gabs für die Rolle des inkompetenten sozialistischen Gewerkschaftlers Fred Kite in dieser Satire der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen der Fünfziger. Kite wird mit einem etwas zu fleißigen, weil naiven Arbeiter (Ian Carmichael) aus der Oberschicht konfrontiert, dessen Arbeitsmoral die Fabrik in den Streik stürzt. Der korrupten Geschäftleitung kommt dieser nicht ungelegen.

Der überragende Sellers wird mit der nuancierten Darstellung des Fred Kite in die erste Liga der britischen Schauspieler katapultiert. Anstatt den Gewerkschafter zum karikaturartigen Hassobjekt verkommen zu lassen, spielt Sellers ihn sympathisch menschlich.
Mit von der Partie sind Dennis Price, Richard Attenborough, Margaret Rutherford und Terry-Thomas.

5. The Mouse that Roared (1959) Regie: Jack Arnold

Sellers‘ internationaler Durchbruch ist diese Satire auf den Kalten Krieg. Ein Zwergstaat erklärt den USA den Krieg, um an finanzielle Hilfe zu gelangen (beim Marshall-Plan hat’s doch auch funktioniert!) und … gewinnt.
Sellers mimt erstmals drei vollkommen verschiedene Charaktere in einem Film: Großherzogin Gloriana, Premier Mountjoy und Tully Bascombe, den eigentlichen Protagonisten. Erstere ist allerdings der heimliche Star des Films. Natürlich fehlt diesem Film der Biss und (noch) die schauspielerische Perfektion eines Dr. Strangelove, unterhaltsam ist er jedoch allemal.


Teil Zwei [1960-1963]