Peter Sellers [1964-1966]

Der letzte Teil meiner Peter Sellers-Retrospektive umfasste den Aufstieg des einstigen Radiokomikers vom Charakterdarsteller zum Superstar der internationalen Kinoszene. Passenderweise endete der Post mit Der Rosarote Panther, also Sellers‘ erstem Auftritt in jener Hassrolle des unfähigen Inspektors Clouseau, mit welcher der Brite noch heute allgemein assoziiert wird.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt, stellt sich das Jahr 1964 im Nachhinein als massiver Wendepunkt dar. Unter der Regie von Stanley Kubrick sichert sich Sellers mit Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben endgültig seinen Platz in der Filmgeschichte. Großbritannien erst einmal hinter sich lassend, dreht er mit George Roy Hill, Vittorio De Sica, Blake Edwards und… Billy Wilder.

Doch während der Dreharbeiten für Küss mich, Dummkopf erleidet Sellers, damals 38 Jahre alt, mehrere Herzinfarkte. Die ohnehin stürmischen Dreharbeiten des Films werden danach mit Ray Walston in der Rolle des Orville fortgesetzt. Der Film floppt. Sellers überlebt.

In dem Jahr, in dem die Beatles Amerika eroberten, erreicht der Ex-Goon seinen kommerziellen Zenit. Vielleicht konnte es nach zehn Jahren Aufstieg als Schauspieler in der Folge nur bergab gehen. Unbestritten ist jedoch, dass die Kombination des enormen Erfolges mit einer gewissen „psychischen Instabilität“ infolge eines Nahtoderlebnisses Sellers zu einer unberechenbaren Diva am Set machen. Seine fragwürdige Rollenwahl zementiert den Abstieg.


1. Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (GB 1964)

Das Talent des Mannes der tausend Stimmen aus den Radiozeiten verschmilzt in Kubricks Satire mit seinen Fähigkeiten als Charakterdarsteller zum ersten und letzten mal zu einem absolut perfekten Amalgam komödiantischer Schauspielkunst.

War sein Markenzeichen, mehrere Figuren in einem Film zu spielen, in „Die nackte Wahrheit“ noch unausgereift und in „Die Maus, die brüllte“ ungleichmäßig verteilt, herrscht in „Dr. Seltsam“ eine ideale Balance skurriler Details, treffender Spitzen und urkomischer Monologe.

Animiert durch Kubricks Anregungen zur Improvisation, gedeihen Merkin Muffley, Lionel Mandrake und Dr. Seltsam selbst zu einem einander gänzlich ebenbürtigen Figurentrio. Die Tatsache, dass alle drei durch den selben Mann gespielt werden, ist hier kein Gimmick, welches den Rest des Films überschattet. Vielmehr ist sie schlicht ohne Belang.

Unvergessen bleibt das Telefongespräch des verzweifelten Präsidenten mit seinem betrunkenen russischen Kollegen: „Well now, what happened is… ahm… one of our base commanders, he had a sort of… well, he went a little funny in the head… you know… just a little… funny.

Seine zweite und letzte Zusammenarbeit mit Stanley Kubrick bringt Sellers‘ beste komödiantische Leistung hervor. Kein leichtes Unterfangen, in dem Jahr als Jacques Clouseau zum Headliner wurde.

2. Ein Schuss im Dunkeln (GB/USA 1964)

Kaum zu glauben, aber die berühmte Pink Panther-Reihe ist sozusagen das ultimative Beispiel für ein Phänomen, das im Englischen akkurat als scene stealing bezeichnet wird. Dieses beschränkt sich meist nur auf wenige Szenen, in denen eine einprägsame Nebenfigur den Hauptdarsteller überschattet, etwa Alan Rickmans Sheriff von Nottingham in „Robin Hood“ oder aber Billy Nighy, der als alternder Rockstar das ganze Ensemble von „Tatsächlich Liebe“ hinter sich lässt.

In „Der Rosarote Panther“ geriet die Nebenfigur des trotteligen Inspektors Clouseau überraschend zum Star und Kassenmagnet des Films, während Hauptdarsteller David Niven unfreiwillig – aber mit Stil – deklassiert wurde. Prompt wurde eine Fortsetzung nachgeschoben und Sellers‘ ebenso französischer wie aufgeblasener Depp stand mitten im Rampenlicht.

Im Gegensatz zu den späteren Filmen ist „Ein Schuss im Dunkeln“ weitgehend an klassischen Krimis orientiert. Noch geht es nicht um die Weltherrschaft, sondern „nur“ um einen Mord, in den ein Horde zwielichtiger Figuren, allen voran George Sanders als reicher Snob, verwickelt zu sein scheint.

Ungeachtet des recht zurückhaltenden Slapsticks – Zeitlupenkämpfe zwischen Clouseau und Kato sucht man vergebens – werden erst hier die berühmten Zutaten der Serie zusammengefügt: Clouseaus französischer Akzent degeneriert Schritt für Schritt ins Unverständliche; Dreyfus und Kato werden eingeführt; Clouseaus schrecklicher, aber sinnloser Verkleidungswahn beginnt.

„Ein Schuss im Dunkeln“ ist wohl genau deswegen der beste Film der ganzen Reihe. Es mangelt  glücklicherweise am destruktiven Exzess der 70er. Zugleich erreicht die Hauptfigur ihre ideale Reife. Noch ist dem unfähigen Inspektor ein Funke Menschlichkeit zu eigen; also ein Funke Stan Laurel.

3. Was gibt’s Neues, Pussy? (F/USA 1965)

Sellers‘ Karriere zu verfolgen, bietet auch ein hervorragendes Anschauungsmaterial gesellschaftlicher und filmgeschichtlicher Veränderungen innerhalb eines Zeitraumes von rund dreißig Jahren. Das reicht von seinen ersten Rollen in den klassischen Ealing-Filmen und -Klonen der Fünfziger, über seine Kooperation mit  der Regie-Ikone Stanley Kubrick, bis hin zu seinem letzten großen Film, „Willkommen, Mr. Chance“, gedreht von einem New Hollywood-Regisseur.

Unübersehbar ist hierbei der Einfluss der Counter Culture und Hippie-Kultur auf seine Rollenwahl. „Was gibt’s Neues, Pussy?“, ein Hohelied auf Selbstbestimmung, Promiskuität und Individualität, darf als ein überdrehter Vorläufer von Filmen wie „I Love You, Alice B. Toklas“ und „Der Partyschreck“ begriffen werden.

Basierend auf Woody Allens erstem Drehbuch ist der Film zuallererst, wie wenig später „Casino Royale“, eine Ansammlung zeitgenössischer Stars, der man die geschriebene Vorlage kaum anmerkt. Das Chaos regiert im Lustreigen um Peter O’Toole, Romy Schneider und Allen selbst.

Passenderweise spielt Sellers den wohl unseriösesten Psychoanalytiker aller Zeiten. Fritz Fassbender spricht wie es nur Nazis in englischsprachigen Filmen vermögen, trägt eine Perücke, die wohl Richard III. entlehnt ist und seine fragwürdige Gruppentherapie sollte zum Wohle angehender Psychiater nicht näher beschrieben werden [You’ll like this group analysis, it’s a real freak show. If it gets dull, we sing songs.].

Clive Donners anarchische Sex-Komödie wird nie in die vorderen Ränge irgendeiner niveauvollen Top Ten vordringen. Neben allen Filmen von Sellers, die unter einem schwachen Regisseur oder einem fehlenden Konzept – man möchte nicht sagen: Sinn – leiden, ist „Was gibt’s Neues, Pussy?“ aber noch sein bester.

Die Figur des Therapeuten Fassbender, dessen Neurosen die seiner Patienten bei weitem übersteigen, ist wie seine Charaktere aus der Goon Show durch seine mehr oder weniger abartigen Eigenheiten an sich lustig. Die zunehmend manische Spielweise kann damit noch als Gewinn gesehen werden. Dazu muss man sich jedoch erstmal auf diese überbordende Form der Sixties-Komödie einlassen.

4. Jagt den Fuchs (USA/GB/I 1966)

Was beim Wiener Psychiater noch gelingt, läuft ausgerechnet in einer Parodie auf neorealistische und/oder europäische Arthouse-Streifen qualvoll ins Leere. Wie ein Regisseur namens Vittorio De Sica („Fahrraddiebe“) nach einem Drehbuch von Neil Simon („Ein seltsames Paar“) einen dermaßen uninteressanten, ja langweiligen Film in die Kinos bringen konnte, ist mir einigermaßen rätselhaft.

Sellers als Fellini-Parodie Frederico Fabrizi ist in Wirklichkeit ein Meisterdieb und wohl darin liegt eines der vielen Mankos eines Films, der das Zeug zu so viel mehr gehabt hätte. Stattdessen wirkt die Kombination aus Parodie und Gaunerkomödie unnötig überladen, so dass am Ende auf keiner Seite Erfolge zu verzeichnen sind.

Darüber hinaus ist Sellers hier leider nicht besser als sein Film. Was seine untalentierte, damalige Ehefrau Britt Ekland an seiner Seite als Schauspielerin zu suchen hat, ist ebenfalls eine Frage, welche nur die Produzenten beantworten können. Genutzt hat das Auftauchen einer hölzern agierenden Schwedin als  heißblütige Italienerin dieser internationalen Koproduktion nichts.

„Jagt den Fuchs“ ist der erste einer Reihe von Flops und Filmen, die nicht einmal ins Kino kamen. Sellers‘ Pechsträhne findet in der mittelmäßigen Produktion ihren Startschuss und sollte erst knapp zehn Jahre später zu einem Ende kommen.


Der nächste Teil wird sich um die Zeit zwischen 1967 und 1974 kümmern, auch bekannt als „absoluter Tiefpunkt einer Karriere, um den kein Schauspieler zu beneiden ist“. Nur ein Lichtblick ist in Sicht: „Der Partyschreck“.

Anthony Wong im Doppelpack: The Untold Story (HK 1993) + Colour of the Truth (HK 2003)

Anthony Wong Chau-Sang, inoffizieller König der Category III-Filme und in unseren Breitengraden bekannt durch seine Rolle des Inspektor Wong in der Infernal Affairs Trilogie [ich sage nur: „Autodach“], ist der Hauptgrund, warum ich mir die zwei sehr unterschiedlichen Filme The Untold Story (1993) und Colour of the Truth (2003) angeschaut habe.

Wong, neben Lau Ching-Wan und Francis Ng einer der wichtigsten Charakterdarsteller Hongkongs, gilt als bad boy der Industrie. Ob er nun bei den HK Film Awards im Freddy Krueger-Kostüm auftaucht; erklärt, er werde seinen Award mit aufs Klo nehmen oder über das nicht vorhandene Talent seiner Kollegen herzieht, er hegt und pflegt seinen Status als enfant terrible. Seine legendären Interviews variieren zwischen genervt einsilbig und zutiefst sarkastisch.

An Kritik für seine heimische Filmwirtschaft und die eigenen Werke spart er nie. Wem das „Wir waren am Set eine große Familie„-Gesülze nervt, sollte sich mal zu Gemüte führen, was der vielfach ausgezeichnete Wong über Größen wie John Woo oder Tsui Hark zu sagen hat.

An mehr als 140 Filmen hat der 46 Jährige mittlerweile mitgewirkt. Offenkundiger Müll, wie Gen-Y-Cops, findet sich ebenso in seiner Filmografie, wie Arthousekost von Ann Hui. Diese Vielfalt spiegelt sich auch in seinem Rollenrepertoire wieder.

Berühmt geworden durch wahnsinnige Mörder (The Untold Story, Ebola Syndrome) und gewissenlose Gangster (Hard Boiled), kann er den unauffälligen Normalo, der zum Berserker wird (Taxi Hunter, Beast Cops) ebenso glaubwürdig verkörpern, wie sympathische Vater- und Mentorfiguren (Infernal Affairs, Princess-D).

10 Jahre liegen zwischen The Untold Story und Colour of the Truth, die Unterschiede könnten kaum größer sein. Die bloße Präsenz dieser beiden Filme erzählt uns einiges über die Geschichte des Hongkong-Kinos.

The Untold Story (HK 1993)

Bei uns nennt man es FSK-18, in den USA NC-17, in Hongkong heißt es seit 1988 Category III, oder besser Cat. III. In anderen Ländern führt die Altersfreigabe „ab 18“ dazu, dass die Filmemacher versuchen dieses Etikett durch Schnitte zu vermeiden. Selbst ein Gewaltporno wie Saw IV (den ich gestern im Kino durchlebt habe) wurde aus kommerziellen Gründen so geschnitten, dass er nur ein R-Rating bekommen hat.

In Hongkong führte die Klassifizierung dazu, dass Produzenten begannen, bewusst das „Label“ Cat. III bis zum äußersten auszureizen. Wieviel Gewalt, Sex oder Gewalt und Sex kann man zeigen, bevor die Zensur einschreitet? Für wenige Jahre entwickelte sich so ein Genre, dessen Existenzberechtigung vielleicht fraglich, dessen Trashfaktor dafür erfreulich hoch ist. Viel Geld stand nie zur Verfügung. Warum auch, ging es doch vordergründig nur darum, für Freunde des schlechten Geschmacks möglichst viel Blut, Gedärm und nackte Haut in neunzig sinnfreie Minuten zu packen.

The Untold Story ist einer der Klassiker des Genres, was nicht nur an der extremen Natur des Films liegt. Der ein oder andere Zuschauer wird sich vielleicht hinterher wünschen, die titelgebende Geschichte wäre unerzählt geblieben.

Restaurantbesitzer Wong Chi-Hang (Anthony Wong) neigt dazu, seine köstlichen Fleischbällchen mit den Überresten ungeliebter Mitbürger zu füllen. Das ist auch kein Wunder, schließlich betrügt der Mann regelmäßig beim Mahjong. Einem solchen Menschen kann man alles zutrauen! Als die Polizei ihn festnimmt und ein Geständnis erpressen will, beginnt ein brutaler Foltermarathon.

Im Grunde hat Regisseur Herman Yau mit diesem überraschend logischen Schocker zwei verschiedene Filme gedreht, die zuerst parallel ablaufen und sich ab einem bestimmten Zeitpunkt zu einem Film vereinigen. Mit einem seltsamen Ergebnis.

Der eine Teil erzählt in dreckigen Farben die Geschichte eines Serienmörders, dessen Metzgertätigkeiten vor keiner Altersgruppe halt machen. Wong spielt diesen geldgierigen Misanthropen so abstoßend und widerwärtig, wie man es nur selten bei einer Hauptfigur sieht.

Andere Psychopathen der Filmgeschichte gewinnen die Herzen des Zuschauers durch ihre charismatische Intelligenz und Überlegenheit (Hannibal Lecter? John Doe? Jigsaw?). Wong Chi-Hang ist nicht besonders schlau, hat schlechte Umgangsformen und ist die Unfreundlichkeit in Person.

Er wäre schon abstoßend genug, wenn er keine Frauen vergewaltigen und Kinder ermorden würde. Auch verweigert der Film eine Erklärung für diesen abscheulichen Charakter. Nein, es wird keine von einer dominanten Mutter kontrollierte Kindheit gezeigt oder irgendeine Ideologie, irgendein höheres Ziel angegeben, für das er all die Schandtaten vollbringt. Er ist einfach nur da und wir müssen damit leben.

Anthony Wong hat für die intensive Darstellung seinen ersten Hongkong Film Award bekommen, damals ein Novum für einen Cat. III-Film. Mir persönlich gefallen seine späteren Rollen besser, da in The Untold Story wenig Platz für Subtilität und Zurückhaltung geboten wird.

Trotzdem könnte sich in diesem Erzählstrang das Potenzial für einen – trotz seiner unglaublichen Brutalität – guten Film verstecken, sozusagen als frischer Wind im Serienkillergenre. Ein Film der seinen Killer mal realistisch anpackt.

Wären da nicht die Cops, also der bereits erwähnte „zweite Film“. Danny Lee (The Killer) führt sie an als etwas fragwürdige Autoritätsfigur. Er bringt ständig Nutten mit aufs Revier. Seine Untergebenen sind nicht viel besser und vertreiben die meiste Zeit damit, ihre einzige Kollegin zu hänseln. Was hier zwischen den unfähigen Ermittlern abläuft, trägt in großen roten Lettern mit Ausrufezeichen den Titel COMIC RELIEF! vor sich her und es passt überhaupt nicht in diese Serienkillerstory, die höchstens schwarzen Humor aufblitzen lässt, aber nicht viel mehr.

So kann der Zuschauer nach blutigen Zerstückelungen hin und wieder befreit aufatmen. Die düstere Atmosphäre ist aber dahin. Diese beiden Stränge treffen nach der Gefangennahme des Mörders zusammen. Die hölzern agierenden Darsteller der Polizisten und der in der Story angelegte unbarmherzige Umgang mit Wong Chi-Hang, der mit dem auf Rache versessenen Bruder eines seiner Opfer eingesperrt wird, führen am Ende sogar dazu, dass wir Mitleid mit dem Widerling empfinden.

The Untold Story darf sich aufgrund der schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers und der technisch versierten Regie von Herman Yau als Höhepunkt seines Genres feiern. Seine disparate Natur verhindert aber, dass ein wirklich guter Film im DVD-Player landet. So bleibt am Ende eher der Trashfaktor, der zugegebenermaßen abgestumpfte Zuschauer – wie mich – sehr gut unterhalten kann.

Colour of the Truth (HK 2003)

Nach der Rückgabe Hongkongs an China wurde der Untergang des Kinos der Sonderverwaltungszone überall vorausgesagt. Die großen Regisseure waren ins Ausland gegangen (John Woo, Ringo Lam, nun auch Wong Kar-Wai), die Zensur machte dem Cat. III-Genre ein Ende und die Filme zielten von Jahr zu Jahr immer mehr auf den Markt Festlandchinas ab.

Man geht davon aus, dass Hongkongs Filmindustrie früher oder später mit der Chinas verschmelzen wird. Das sind traurige Gedanken angesichts der Tatsache, dass kaum ein wegweisender Film, ob Drama oder Krimi, in China überhaupt gezeigt werden darf. Sozusagen als Schlag für die dahinsiechende Filmindustrie muss noch festgehalten werden, dass die Ticketverkäufe und Filmproduktionen Hongkongs pro Jahr stetig zurück gehen.

Es ist also kein Wunder, wenn man dort gnadenlos bekannte Erfolgsrezepte kopiert. Infernal Affairs und seine Ableger waren ein unerwarteter Hit an den Kinokassen gewesen, d.h. früher oder später wurden Undercoverdramen und Triadenfilme en masse produziert, die vom Hype profitieren wollten.

Colour of the Truth geriet schnell in den Verdacht ein solcher Abkömmling zu sein, nicht zuletzt wegen seiner Besetzung. Bedenkt man, dass Wong Jing, der Albtraum aller geschmackvollen Kritiker, diesen Film in die Wege geleitet hat, kann man davon ausgehen, dass Colour of the Truth auch so gedacht war. Die Story ähnelt Infernal Affairs aber nicht wirklich:

Die beiden Cops Wong (Anthony Wong) und Seven Up (Lau Ching-Wan) stehen sich auf einem Dach gegenüber, als Wong den Triadenboss „Blind“ Chui (Francis Ng) festnehmen will. Nach dem Ende der Konfrontation ist Wong der einzige Überlebende der Drei. 10 Jahre später kommt Neuling Cola (Raymond Wong) in die Einheit Wongs. Er ist der Sohn Seven Ups und will Rache am Mörder seines Vaters üben.

Den inszenatorischen Fähigkeiten des Co-Regisseurs Marco Mak ist es wohl zu verdanken, dass Colour of the Truth so gut geworden ist. Der stylische, in ausgebleichten Farben gehaltene Film ist temporeich und spannend, trotz der fehlenden Motivation der Hauptfigur; die Figur Wongs ist viel zu sympathisch, als dass wir glauben könnten, der junge Cop könne sie töten.

Anthony Wong möchte man zwar hin und wieder zuflüstern, er solle mal seine Sonnenbrille abnehmen, damit wir sein Spiel besser verfolgen können. Seine Fähigkeit, innerhalb weniger Filmminuten einen glaubwürdigen, vielschichtigen Charakter auf Zelluloid zu bannen, erbringt allerdings einen nicht zu unterschätzenden Mehrwert für den Thriller.

Trotz der Storymängel ist Colour of the Truth ein spannender Thriller, dessen Actionszenen nicht enttäuschen. Selbst die eher ruhigen Momente – so pflegt Wong in einer Szene seinen gelähmten Vater – überzeugen dank der Besetzung. Groß ist Colour of the Truth aber nur in der Auftaktsequenz, die den Rahmen des Films bildet: Lau Ching-Wan, Francis Ng, Anthony Wong auf einem Dach, das ist sehenswertes Kino!


Mehr zum Thema Cat. III.

Ein lesenswerter Artikel über die Karriere Anthony Wongs.

Kritiken zum Hongkong Kino, inkl. Infernal Affairs.

Die Top Ten des Jahres 2007 oder: Wie ich lernte, die Liste zu lieben

Wie es sich für einen anständigen (oder ideenlosen?) Filmblog gehört, darf eine Top Ten-Liste zum Ausklang des Kinojahres natürlich nicht fehlen. Was wäre die Welt auch ohne Listen? Sicher ein wesentlich langweiligerer Schauplatz von Krieg, Zerstörung und Talentwettbewerben, als sie es jetzt schon ist.

Auf der anderen Seite des großen Teiches drehen sich die Endjahreslisten meist um die Frage, welcher Film als nächstes seinen Machern einen vergoldeten Muskelprotz samt Schwert einbringt (und ich rede hier nicht von Gerard Butler).

Da die besten Filme des Herstellungsjahres 2007 hierzulande wohl noch gar nicht angelaufen sind, d.h. so ziemlich alle Kandidaten für besagtes Goldmännchen, wird das Auswahlkritierium für die folgende Liste der deutsche Starttermin sein. Was hatte das Kinojahr 2007 also den deutschen Cineasten und Gelegenheitskinogängern zu bieten?

Bei der Beurteilung dieser Liste sollte beachtet werden, dass 1. mir trotz meiner wöchentlichen Kinobesuche der ein oder andere Film entgangen ist (in diesem Fall bin ich für Vorschläge immer offen). Und 2. Komödien und Actionfilme (also U-Filme) nicht grundsätzlich weniger wert sind als anspruchsvolle E-Filme.


Auf geht’s…

10. Reprise

Dt. Titel: Auf Anfang

R.: Joachim Trier D.: Anders Danielsen Lie, Espen Klouman-Høiner

Mal wieder ein originelles Debüt aus Europas Norden, das den narrativen Elan des frühen Godard mit dem Einfühlvermögen der besten Coming of Age-Storys verbindet. Nach dem Abspann hätte ich am liebsten den Vorführer k.o. geschlagen und die Filmrollen gleich nochmal eingelegt.

09. Se, jie

Dt. Titel: Gefahr und Begierde

R.: Ang Lee D.: Tony Leung, Tang Wei

Ang Lee präsentiert sich auch hier auf dem Höhepunkt seiner Kunst und beweist mit diesem Spionagethriller, dass kein Genre vor ihm sicher ist. Wie wärs mal mit einer Teeniekomödie? Die Hauptdarsteller: Jonathan Rhys Meyers und Abbie Cornish. Wahrscheinlich würde der Kameramann bei all der Schönheit erblinden und die Linse vor Schreck bersten…

08. Live Free or Die Hard

Dt. Titel: Stirb Langsam 4.0

R.: Len Wiseman D.: Bruce Willis, Timothy Olyphant

Ganz einfach der beste Actionfilm des Jahres, die beste Fortsetzung eines sequelreichen Jahres und die beste Glatze des Jahres, die auch kein Oger schlagen kann. Zwar ist der Bösewicht charismalos und nichtssagend, dafür kombiniert Teil Vier der Saga um den vom Pech und internationalen Terroristen verfolgten Cop John McClane die besten Actionsujets aus Teil Eins und Drei: Klaustrophobisch enge, eiskalt aussehende Räume und lange Straßen mit vielen, dem Untergang geweihten Automobilen/ Hubschraubern/ Jets/ FBI-Agenten.

07. Hot Fuzz

Dt. Titel: Hot Fuzz

R.: Edgar Wright D.: Simon Pegg, Nick Frost, Jim Broadbent

Nach Shaun of the Dead liefert das Team Edgar Wright/Simon Pegg wieder eine zum Schreien komische Parodie ab, die frischen Wind in das Genre bringt. Die übertriebene Michael Bay-Ästhetik trifft auf das englische Dorfleben á la Miss Marple und das Resultat ist herrlich.

Unterstützt werden Simon Pegg und Nick Frost vom hübsch unernsten Jim Broadbent, diversen Cameos britischer Schauspiel- und Comedygrößen (u.a. Steve Coogan und Bill Nighy) und dem einfach nur verrückten Timothy Dalton („I’m a slasher! I must be stopped!“).

06. The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford

Dt. Titel: Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

R.: Andrew Dominik D.: Brad Pitt, Casey Affleck

Abgesehen davon, dass Dominiks Film wohl von einen der coolsten Titel der letzten Jahre gesegnet wird, gibt der Western auch noch einiges her. Eine kühle Charakterstudie, ein Spätwestern, eine Elegie auf eine verlorene Zeit großer Abenteuer. Noch dazu Brad Pitt und Casey Affleck, die sich gegenseitig an die Wand spielen. Einen Oscar für den besten Zugüberfall hätte der Film bei mir sicher.

05. El laberinto del fauno

Dt. Titel: Pans Labyrinth

R.: Guillermo Del Toro D.: Ivana Baquero, Sergi Lopez

Alice im Wunderland trifft auf die Francodiktatur. Keine leichte Kost bietet Del Toro uns hier an, aber vitaminreiches Gedankenfutter braucht die Welt. Pans Labyrinth ist nicht nur ein Märchen kindlicher Unschuld und Vorstellungskraft im Rahmen des Faschismus, sondern auch eine längst fällige Würdigung der Widerständler.

04. Little Children

Dt. Titel: Little Children

R.: Todd Field D.: Kate Winslet, Patrick Wilson, Jennifer Connelly

Einen Oscar für den besten Trailer hätte Little Children verdient, aber man kann ja nicht alles haben. Einigermaßen erbarmungslos wirft Field seinen Vorstadtprotagonisten die ungelebten Träume vor die Füße. Ebenso verfährt er mit dem Pädophilen Ronnie, der, aus dem Gefängnis entlassen, in den Kreis biederer Mütter und Väter zurückgespuckt wird.

Die unheilvolle Spannung und visuelle Komposition erinnert nicht selten an American Beauty, doch die Schönheit dieser Vorstadt ist faulig.

03. Ratatouille

Dt. Titel: Ratatouille

R.: Brad Bird, Jan Pinkava D.: Patton Oswalt, Ian Holm

Wer glaubte, eine Steigerung sei nach Findet Nemo und Die Unglaublichen nicht mehr möglich, der hat sich getäuscht. Die in ihren Grundzügen eigentlich grauenhaft eklige Story einer kochenden Ratte direkt aus der Kanalisation ist wider Erwarten der Höhepunkt bisheriger Pixarwerke geworden. Vor dem Hintergrund des frankophilen Settings dreht sich Ratatouille um die Kunst, die alle (zoologischen) Grenzen überwindet.

Die Ratten möchte man am liebsten daheim halten, das Essen lässt einem das Wasser im Munde zusammen laufen und Anton Ego kann sich getrost in die Pixar Hall of Fame der besten Charaktere einreihen.

02. Zodiac

Dt. Titel: Zodiac

R.: David Fincher D.: Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Robert Downey, Jr.

Das Serienkillergenre hat schon einiges durchmachen müssen, aber einen Killer, dessen Identität nie geklärt, der nicht einmal gefasst wird? Genreexperte Fincher hat sich davon nicht abschrecken lassen und spielt genau damit in seinem Ensemblefilm.

Zodiac beweist, dass man das „Grauen“ allein mit einem geschickten Sounddesign in den Zuschauerraum transportieren kann. Mehr Krimi als Thriller ist der Film, eine spannende Schnipseljagd, die am Ende keine Tat, kein Motiv erklären kann, was alles noch grauenvoller macht.

01. Atonement

Dt. Titel: Abbitte

R.: Joe Wright D.: Keira Knightley, James McAvoy

Ganz einfach Perfektomundo.

Immer Ärger mit Potter: Fünf Filme im Vergleich

Dank der DVD-Veröffentlichung von „Harry Potter und der Orden des Phönix“ und einer erneuten Sichtung des Films, habe ich mich mal zu einem Rating der bisherigen fünf Verfilmungen der Bücher von Joanne K. Rowling aufgerafft.

Das Bewertungskriterium ist hierbei weniger der Grad der wortwörtlichen Wiedergabe des Rowling’schen Werks (sind auch alle Handlungsstränge enthalten?…), sondern die Frage, inwiefern der besagte Film im Rahmen seines Mediums funktioniert (Gibt’s einen ordentlichen Spannungsbogen? Etc.).

Ein Vergleich mit dem jeweiligen Buch ist hier unumgänglich, dieser soll sich jedoch auf die Diskussion vergebener und genutzter Chancen beschränken.

5. Harry Potter and the Goblet of Fire (2005)

Dt. Titel: Harry Potter und der Feuerkelch

Regie: Mike Newell

Vielleicht liegt es daran, dass der Plot einer der besten der Serie ist (Vom Auftritt der Todesser bei der Quidditch-WM bis zum Finale auf dem Friedhof) und die Wendung am Ende nur noch von Teil Sechs übertoffen wird. Vielleicht habe ich auch nur eine unheilbare Allergie gegen Mike Newell-Filme. Oder der Film ist einfach nur schlecht.

Wie dem auch sei, Fakt ist, die Wendung um die wahre Identität des Professor Moody wird ziemlich derb und offensichtlich angedeutet. Sie „züngelt“ sich geradezu durch den ganzen Film, der doch für begriffsstutzige Kinder gar nicht geeignet ist.

Bis zur dritten Aufgabe (dem Labyrinth) und dem Auftauchen von Ralph Fiennes alias Lord Voldemort alias Tom Riddle, passiert hinsichtlich der Spannung absolut gar nichts. Einzelne Episoden werden aneinandergekleistert, Charaktere vergessen (Snape? Sirius Black?) oder gar deformiert.

Der schrullig mächtige Dumbledore wird mal eben zum nervösen, alle-Leute-in-seiner-Umgebung-an-den-Schultern-packenden-und-schüttelnden Schreihals.

Abgesehen von einer mit mittelmäßigen C.G.I.-Effekten überladenen Inszenierung bringen die Macher weder Innovation, noch Individualität in die Produktion. Teil Vier ist leider nur ein Rückschritt.

Das Highlight: Prof. Moody (Brandon Gleeson) verwandelt Draco Malfoy als Erziehungsmaßnahme in ein Frettchen.

McGonagall: Professor Moody! Is that a student?
Moody: Technically, it’s a ferret.

4. Harry Potter and the Philosopher’s Stone (2001)

Dt. Titel: Harry Potter und der Stein der Weisen

Regie: Chris Columbus

Chris Columbus-Bashing ist ja in Cineasten- und Potterkennerkreisen sehr beliebt und auch ich fröhne diesem Hobby gern und häufig. Man muss dem Amerikaner aber zu Gute halten, dass die Einführung in Rowlings Welt in Teil Eins letztendlich gelungen ist.

Die Potterserie richtet sich hier noch an Kinder und auf der Ebene eines Kinderfilms bewegt sich auch die konventionelle Inszenierung.

Die vielen Totalen überfordern Daniel Radcliffes Gestik und mehr als geweitete Augen bekommen wir von seiner Mimik nicht zu sehen. Dafür glänzt Emma Watson als Hermine noch mit charmant streberischer Natürlichkeit.

Der Climax kommt und geht ohne viel Trara, dafür setzt das fantasievolle Set-Design mit all seinen Details, die britische Darstellerriege und der Score von John Williams (besonders das Hedwig’s Theme) für alle kommenden Fantasymärchen Maßstäbe.

Der Stein der Weisen ist kein Kinderfilmklassiker in der Liga der Unendlichen Geschichte. Er ist nicht einmal besonders sehenswert, dank des Fehlens jeder persönlichen Note von Seiten der Regie oder Kamera. Zuviel muss erklärt werden, um eine ergreifende Geschichte zu präsentieren. Die belustigend altmodischen (d.h. an Romane des 19. Jahrhunderts erinnernden) Nebencharaktere und die Fantasie im Detail machen ihn noch immer ansehbar.

Das Highlight: Potions, potions, potions…

Professor Snape: Mister Potter. Our new… celebrity.

3. Harry Potter and the Chamber of Secrets (2002)

Dt. Titel: Harry Potter und die Kammer des Schreckens

Regie: Chris Columbus

„Wow, der Farbfilter wird entdeckt! Ein Basilisk wird mitleidlos gekillt und alle schreien: Mein Gott, die Reihe wird immer düsterer. Bald sehen wir gar nichts mehr!“

Diese minimal zugespitzen Sätze geben in etwa die zeitgenössische Reaktion auf „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ wieder. In Deutschland kam der Film sogar nur geschnitten in die Kinos, um ihn noch ab sechs laufen zu lassen.

Bis zum vor sich hin plätscherndem Finale, dessen Schnitt und visueller Gestaltung man wenigstens anmerkt, dass Columbus versucht hat, den Ton der Vorlage zu treffen, fallen eher thematische als inszenatorische Unterschiede zu Teil Eins auf.

Die „Schlammblut“-Thematik wird eingeführt, Kinder werden in erschrecknden Posen versteinert und mit der Einführung von Lucius Malfoy (Jason Isaacs) gibt es erstmals deutlichere Hinweise auf lebende und damit bedrohliche Voldemort-Anhänger. Alles in allem erscheint die Zaubererwelt nicht mehr ganz so wunderbar rosa.

Columbus handhabt die Action-gesättigten und schauspielerisch anspruchsvollen Sequenzen schwerfällig. Die animierten Quidditchspieler schauen immer noch nach mit Pudding gefüllten Gummipuppen aus.

Die jugendlichen Darsteller übertreiben entweder maßlos (Rupert Grint) oder tun gar nichts (Daniel Radcliffe). Einzig Tom Felton als Draco Malfoy bleibt, wie in allen Filmen der Reihe, auch in diesem ein konstant akzeptabler, fieser Feigling.

Großes Kino ist die Kammer des Schreckens auch nicht. Wer sich die Filme wegen den über zwöljährigen Schauspielern anschaut, wird hier enttäuscht werden. Nur Jason Isaacs und Kenneth Branagh (Gilderoy Lockhart) haben Zeit und Raum ihre unterhaltsam übertriebenen Charaktere vor unserer Nase auszubreiten.

Das Highlight: So ziemlich jede Szene mit Gilderoy Lockhart, besonders der Duellierclub und das „Heilen“ der Quidditch-Verletzung Harrys:

Gilderoy Lockhart: As you can see the bone is no longer broken.
Hagrid: Broken? There’s no bones left!

2. Harry Potter and the Order of the Phoenix (2007)

Dt. Titel: Harry Potter und der Orden des Phönix

Regie: David Yates

Eine Eins hätte auch vor dem Filmtitel stehen können, doch was nützt ein Rating, wenn man unfähig ist, eine Entscheidung zu treffen.

Nach dem enttäuschenden vierten Teil war die Nachricht, ein TV-Regisseur werde den nächsten Potter drehen, durchaus Besorgnis erregend. The Girl in the Café war ein guter kleiner Film gewesen, aber ein Potterspektakel in den Händen dieses Mannes? Auch noch das längste und langweilligste Buch galt es zu verfilmen…

Die Schwächen des Buches musste Yates (und der Drehbuchautor Michael Goldenberg) erkannt haben, schließlich zieht er das Tempo an, verzichtet auf unnötige Subplots und filtert die zentralen Themen heraus.

Die Pubertät ist in keinem anderen Film dermaßen Hauptdarsteller, wie hier. Sie zieht sich durch Harrys Kampf mit sich selbst und seiner wahren Natur und gleißt schmerzhaft im unfreiwilligen Flashback des Severus Snape (Alan Rickman) wieder auf.

Mit Dolores Umbridge (gespielt von Imelda Staunton) wird einer der stärksten, weil überdrehtesten, Charaktere der Serie eingeführt. Jede Szene, jeder Ton Stauntons ist eine Wonne. Alle anderen Nebenfiguren erhalten entweder längere Szenen – Sirius Black (Gary Oldman) wird zur Vaterfigur – oder aussagekräftigere (McGonagall, Snape).

Plötzlich ist nicht nur comic relief das Ziel, wie noch im Feuerkelch. Charakerisierung wird groß geschrieben. Eine Aufgabe, die auch Cuarón nicht besser lösen konnte.

Yates nimmt einige Bilder und Symbole (z.B. die Fenster) seines mexikanischen Vorgängers subtil wieder auf und zeigt deutlich in welcher filmischen Kontinuität er sich bewegt. Die Dialoge drehen einem hin und wieder den Magen um (He’s really out there isn’t he?), doch aus den Büchern kann man keine Wunder zaubern.

Den Kampf zwischen Gut und Böse, der am offensichtlichsten im Duell des Ordens mit den Todessern ausgefochten wird (schwarz gegen weiß, Feuer gegen Wasser), unterlegt Yates mit einer metaphorischen Ebene, er trägt sich in den „Visionen“ Harrys aus. Das und der fließende Übergang zwischen Zeitungsartikeln und Wirklichkeit, der die Erzählung bereichert und beschleunigt, sind die auffälligsten kreativen Geschenke, die der Orden des Phönix an die Serie macht.

Trotz aller Effekte und der leider nur an einen MacGuffin erinnernden Prophezeiung, welche die Handlung antreibt, führt Yates die Charaktere und den Plot schon in die Richtung des nächsten Teils.

Das Highlight: Der finale Kampf zwischen dem Orden des Phönix und Voldemorts Todessern. Erstmals ordnen sich alle filmischen Komponenten der dynamischen Action unter. So muss Magie aussehen!

Cornelius Fudge: He’s back!

1. Harry Potter and the Prisoner of Azkaban (2004)

Dt. Titel: Harry Potter und der Gefangene von Azkaban

Regie: Alfonso Cuarón

Harry Potter und der Gefangene von Azkaban ist ein Quantensprung im Potterverse. Ein eigener Stil war Chris Columbus‘ Sache nie, doch was Cuarón an Ideenreichtum und Willen zur Symbolik (in einem Jugendfilm!) in die Reihe brachte, hat wohl nicht nur mir die Freude an den Verfilmungen wieder nah gebracht.

Das wohl beste Buch der Serie gipfelt in einem verschleppten Climax, der in keinem anderen Teil so zu finden ist. Das retardierende Element des die-Zeit-zurück-drehens macht auch den Film nicht spannender und hier und da wäre etwas mehr Backstory zum Verständnis hilfreicher gewesen (der ganze Marauders-Subplot wird bis auf ihre Karte ignoriert).

All das gilt es zu akzeptieren, doch Cuarón weiß, wie man intelligent unterhält. Und er weiß, wie man Schauspieler vorteilhalft in Szene setzt. Das betrifft natürlich die Judendriege. Radcliffe wird wohl nie ein Großer werden, doch im Gefangenen von Azkaban stimmt einfach alles: Sein Look, die Chemie mit seinen Co-Stars, seine Co-Stars selbst.

Während Columbus‘ Filme selten über eine episodische Darstellung des Schuljahres hinaus kamen, nutzt Cuarón seine auffällige Fenster- und Zeitsymbolik zur Gestaltung fließender Übergänge.

Allein die im ganzen Film zu findenden Kamerafahrten durch diverse Fenster – oft aus der Sicht Harrys oder die Außenwelt mit Harry verbindend – bieten gleichzeitig eine Rahmung und ein Hilfsmittel für die nahtlose Narration.

Die Kameraführung des Michael Seresin ist betont realistisch, eine Sequenz im Leaky Cauldron deutet schon Cuaróns Hang zu Tracking Shots an. Trotz ihrer Verspieltheit zielt die Inszenierung primär darauf ab, den Kontrast zwischen dem rauen Leben Harrys bei den Dursleys und der in all ihren kleinen Details spannenden Zaubererwelt herauszuarbeiten. Letztere wird schließlich gerade in diesem Teil Harrys wahres Zuhause.

Die Düsternis des Films – der im Titel angedeutete Gefangene ist aus Azkaban ausgebrochen und will anscheinend Harry töten – wird nicht auf einen Farbfilter reduziert. Die Gegenwart der alle Freude aus ihren Opfern saugenden Dementoren färbt auf das Leben in Hogwarts ab. Das obligatorische Quidditchspiel findet nicht zuletzt deswegen erstmals im Regen statt.

Die Naturaufnahmen sind romantisch, versetzt mit einer Prise Melancholie. Harrys Positionierung im Bild erinnert oftmals an die Werke Caspar David Friedrichs. Die Welt ist erwachsener geworden, so ergeht es auch ihrem Held, der sich in Folge dessen mit dem Tod seiner Eltern auseinander setzen muss.

Das dritte Buch ist gleichzeitig ein Höhepunkt (als letztes „Kinderbuch“ der Serie) und ein Übergang (die Ansätze zur Rückkehr Voldemorts im vierten Teil werden hier gelegt) zu ernsteren Gefilden. Die Verfilmung von Alfonso Cuarón wird diesen Aufgaben gerecht. Das Märchen ist noch immer sichtbar, während der Fokus Schritt für Schritt auf die Coming-of-Age- und heilgeschichtlichen Aspekte der Story verlegt wird.

Das Highlight: Das Finale in der Shrieking Shack. Ein Zusammentreffen der Generationen (Harry, Ron, Hermine vs. Black, Lupin, Pettigrew, Snape), in dem die Rollen nur scheinbar klar verteilt sind.

Hermione: If you’re going to kill Harry, you’ll have to kill us, too.
Sirius Black: No, only one will die tonight.


Die Serie deutet einen qualitativen Aufwärtstrend an. Für den sechsten Teil, Harry Potter and the Half-Blood Prince (Harry Potter und der Halbblutprinz) wurde wieder David Yates engagiert.

Der Neuzugang Bruno Delbonnel (Kameramann bei Die Fabelhafte Welt der Amelie und Across the Universe) verspricht neue Akzente in der visuellen Gestaltung und bestätigt die Erfahrung, dass das erwachsene Personal immer ein Grund ist, sich diese Jugenfilme anzuschauen.

Ob einer der Filme jemals seiner Qualität wegen in die Filmgeschichte eingehen wird, ist noch abzuwarten.

Gefühl und Verstand: Ang Lee

Meinen gestrigen Besuch einer Vorstellung von „Se, jie“ (Gefahr und Begierde) im örtlichen Lichtspielhaus habe ich mal zum Anlass genommen, das filmische Werk meines Lieblingstaiwanesen unter die Lupe zu nehmen.

Da ich die ersten drei Filme von Ang Lee noch nicht gesehen habe, beschränkt sich der Streifzug durch seine Filmografie auf die Spielfilme, die er nach Eat Drink Man Woman gedreht hat. Das ganze Rating ist natürlich höchst subjektiv.


7. Ride with the Devil (1999)

Der einzige Film, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Die Besetzung ist im Vergleich zu denen seiner anderen Filme in den Hauptrollen nur mittelmäßig (Skeet Ulrich? Jewel?).

Der Bürgerkriegswestern ist sicher immer noch besser als die meisten anderen Versuche in diesem Subgenre in den letzten Jahren – z.B. dem Minghella-Tiefpunkt Cold Mountain – doch dafür glänzt Ride with the Devil mit eklatanten Längen und zumindest in der deutschen Version einer schrecklich weinerlich-quietschenden Synchro von Toby Maguire, der man nur schwer zuhören kann.

6. Hulk (2003)

Von allen Comicverfilmungen der letzten Jahre (also seit Blade) gefällt mir diese neben Sin City noch am besten. Von Kritikern und Fans wird der Film noch immer gedisst (was für ein tolles Denglish!) und im nachhinein bleibt die Wahl des Regisseurs verwunderlich.

Das Ende ist unspektakulär vermurkst, Nick Nolte ist kein erinnerungswürdiger Bösewicht und ein Höhepunkt der CGI-Kunst ist der Hulk auch nicht. Dafür bleibt Ang Lees Konzept das radikalste aller Big-Budget-Blockbuster-Comic-Adaptionen. Mithilfe von Splitscreens, Freeze-Frames und dem ideal besetzten Eric Bana greift Hulk Lees Lieblingsthemen im Comicstil auf: unterdrückte Gefühle, garniert mit Generationskonflikten.

5. Wo hu cang long [Tiger and Dragon] (2000)

Allein mein – nach drei Jahren Studium überraschenderweise noch immer vorhandener – gesunder Menschenverstand hält mich davon ab, diesen Film auf Platz sechs hinter Hulk zu schieben. Tiger and Dragon hat poetisch choreografierte Kampfszenen, beeindruckende Spezialeffekte, eine twistreiche Story und die Schaupielergarde Chinas auf der Pro-Seite. Wo bleibt das Contra?

Unbestreitbar ein Höhepunkt im wuxia-Genre ist Tiger and Dragon, dennoch werde ich den Film auf ewig mit Zhang Yimou’s Hero vergleichen. Dabei zieht Ang Lees Film den kürzeren.

4. Se, jie [Gefahr und Begierde] (2007)

Ganz frisch ist noch das Kinoerlebnis und die Einordnung fällt schwer. Wieder haben wir Lees Lieblingsthemen, diesmal personifiziert durch die Beziehung der Spionin-im-Widerstand-gegen-die-japanischen-Besatzer (Tang Wei) mit dem Kollaborateur und Geheimdienstler (Tony Leung). Diesmal verhindern die politischen Umstände eine Flucht aus den angestammten Rollen. Sie prägen den Umgang der beiden „Feinde“.

Am stärksten ist Gefahr und Begierde, wenn die Blicke mehr sagen, als die Dialoge. Tang Wei ist eine Entdeckung, Tony Leung zeigt mit seinem fliegenden Wechsel zwischen Charme, brutaler Eiseskälte und Melancholie die beste Leistung seiner Karriere. Das fatale Spiel der beiden Hauptfiguren, das eher einer Tortur gleicht, lässt den Zuschauer gegen Ende wirklich gespannt auf der Kante des Kinosessels verharren.

3. Brokeback Mountain (2005)

Dass dieser Film bei den Oscars gegen Crash verloren hat, wird für immer ein Schandfleck auf der reichlich verdreckten Weste der Academy bleiben. Zum wiederholten Male beweist Ang Lee sein Können in der Darstellung der Natur als Gefühlslandschaft.

Das besondere ist nicht, dass Lee eine Geschichte von schwulen Cowboys erzählt. Er behandelt sie wie jede andere Liebesgeschichte, in der Charaktere gegen eine repressive Gesellschaft ankämpfen. Darin liegt eine Stärke des Films, der vom Gegensatz zwischen dem wortkargen Ennis (Heath Ledger) und dem sensiblen Jack (Jake Gyllenhaal) lebt. Episches Kino, das seine Figuren nicht vergisst.

2. Sense and Sensibility [Sinn und Sinnlichkeit] (1995)

Ang Lees erster westlicher Film wird gleich zur besten Jane Austen-Adaption fürs Kino (oder kann jemand das Gegenteil beweisen?). Das Drehbuch von Emma Thompson bewahrt den humorigen und den gesellschaftskritischen Geist der Vorlage, während Lees Bildsprache auch nach der x-ten Sichtung noch beeindruckt.

Sense and Sensibility ist bis in die Nebenrollen treffend besetzt, neben Thompson, Winslet und Rickman glänzen besonders die Palmers (Hugh Laurie und Imelda Staunton). Selbst Hugh Grant passt irgendwie in das Ensemble, ohne den Film in eine RomCom zu verwandeln.

Dazu gibt’s einen der besten Soundtracks von Patrick Doyle (Henry V) und die Regie Lees, die, anstatt sich in romantischen Naturaufnahmen zu verlieren, die gesellschaftlichen Konventionen des frühen 19. Jahrhunderts und deren Auswirkungen visualisiert, fast schon anfassbar macht.

1. The Ice Storm [Der Eissturm] (1997)

Die Wahl von The Ice Storm zur Nummer eins mag den ein oder anderen verwundern, haben doch Filme, wie Tiger and Dragon oder Brokeback Mountain auffälligere Merkmale, die für diese Position sprechen. Tja, Pech gehabt!

So einfach geht’s natürlich nicht.

The Ice Storm funktioniert auf allen Ebenen. Ob als kritischer Blick auf das Amerika der 70er Jahre oder als tragisches Familiendrama. Das komplizierte Beziehungsgeflecht wird von Lee erbarmungslos, wie eine blutige Wunde, offen gelegt. Das ist hart mit anzusehen. Wenn schließlich der Abspann läuft, spürt man diesen nagenden Phantomschmerz, als gehöre man selbst zu den Familien Carver oder Hood.