10 Jahre // 15 Favoriten (3)

Im letzten Teil meines Dekaden-Specials geht’s etwas mainstreamiger (lies: amerikanischer) zu, als in den anderen beiden. Wer sich einen Überblick verschaffen will über die Konkurrenz, kann sich meine MyMovies Liste der gesehenen Filme bei der IMDb ansehen, die natürlich allerdings nicht vollständig ist. Was hat die Zusammenstellung der Liste mir gebracht? Vor allem eine Konfrontation mit all den Filmen, die ich noch nicht gesehen habe. Die von Apichatpong Weerasethakul („Syndromes and a Century“) und den Gebrüdern Dardenne („Lornas Schweigen“) beispielsweise. Aber gerade deswegen macht man Listen, liest die Listen anderer Leute und diskutiert darüber.


Children of Men (J/USA/GB 2005)

Die besten Dystopien erschüttern uns in Mark und Bein, zeichnen das Bild einer Zukunft, die wir keinesfalls erleben wollen und verweisen so auf die gefährlichen Wurzeln, welche dafür in der Gegenwart gelegt werden. In einem mit einigen Dystopien versehenen Jahrzehnt, stellte Alfonso Cuaróns „Children of Men“ zweifellos den Höhepunkt dar. Denn keiner der anderen Genre-Beiträge wie „V wie Vendetta“ oder „Equilibrium“ vermochte es, eine vergleichbare Verzweiflung und Aussichtslosigkeit angesichts der Zustände in unserer Zukunft zu suggerieren. Dabei bedient sich Cuarón in erster Linie nicht einmal bei dem bekannten Motiv des Überwachungsstaates, wie es so viele andere seit Samjatins „Wir“ getan haben. Nichts weniger als das drohende Aussterben der Menschheit hat die Gesellschaft in ein Chaos gestürzt, wie es nur durch das latente Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins entstehen kann. Wenn nach uns nichts mehr kommt, warum noch dem Handeln Grenzen setzen? Terroristen jeder Couleur, ein drohender Aufstand im Inneren und ein rücksichtsloser Polizeistaat am Rande des Kollaps… Vor dem Hintergrund dieser Kulisse fällt es ausgerechnet dem resignierten Theo (Clive Owen) zu, das schwach glimmende Licht er Hoffnung vor dem Verlöschen zu bewahren.

Die allseitige Bedrohung in dieser Welt, in der keine Kinder mehr geboren werden, setzt Cuarón mit beachtlicher Selbstsicherheit bei der Wahl der stilistischen Mittel (u.a. die berühmten Plansequenzen) um, ohne der Gefahr zu erliegen, sich in selbstverliebten Spielereien zu sulen.

Ratatouille (USA 2007)

Gut zu essen, das ist eine wunderbare Angelegenheit. Die komplexe Gewürz-mischung einer Sauce auf der Zunge zergehen lassen. Die Geschmacks-explosionen im Gaumen nachverfolgen, genießen, ihre Ingredienzen erahnen. Wenn der Widerstreit scheinbar nicht kombinierbarer Sinneseindrücke im Mund beigelegt, der Genießende eines besseren belehrt wird, findet dieser sich schon bald im siebten Himmel wieder. Gutes Essen gehört zu den schönen Seiten des Lebens und der Akt des (liebevollen) Kochens übrigens auch. Nicht die sklavische Verehrung von Rezepten, sondern die instinktive Mischung, die abwegigen Eingebungen. Deswegen ist Kochen die vergänglichste aller Künste und seine Freuden – sowohl auf Seiten des Künstlers als auch des Konsumenten – unheimlich schwer medial ausdrückbar. Zumindest solange es kein Geruchs-/Geschmackskino gibt. Dass nun ausgerechnet Pixar einer der besten Filme über das Thema gelungen ist, kann aus heutiger Sicht kaum überraschen. Die können ja so gut wie alles. Wenn es um die Aufnahme in Bestenlisten geht, hatte „Ratatouille“ in den letzten zehn Jahren viel Konkurrenz aus dem eigenen Stall. „Wall-E“ mag (anfänglich) radikaler sein, „Die Unglaublichen“ bieten mehr Unterhaltung und „Oben“ ist ein einziger Stich ins Herz. Doch „Ratatouille“ ragt mit einer nahezu perfekten und v.a. gleichmäßig hochwertigen Erzählung heraus und kreiert aus einfachen Zutaten eine unerwartete Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Kunst für Mensch und Ratte. Classical Hollywood Cinema eben, wie es kaum noch zu finden ist. Hauptsächlich aber macht „Ratatouille“ eines: Appetit.

Zodiac (USA 2007)

Die Urkatastrophe des Serienkiller-Motivs ist bekanntlich Jack the Ripper und was hat ihn dazu gemacht? Nicht die Brutalität. Nicht die Kaltblütigkeit. Nicht die Opfer. Nicht der Ort. Whitechapel gehört zu den Zutaten genau wie die Prostituierten, die ihm zum Opfer gefallen sind, doch Jack the Ripper ist aus einem einzigen Grund zum Mythos geworden: Bis heute ist seine Identität unklar, denn er wurde nie gefasst. Darin gleicht ihm der Zodiac-Killer, dessen Verfolgung David Fincher seinen zweiten Ausflug in das Genre widmet. Hinzu kommen die Briefe und mit ihnen die seltsame Symbiose zwischen Killer und Presse, die problematische Kanonisierung der Opfer und damit letztlich die Ungewissheit. Gab es den Zodiac-Killer überhaupt? War es ein Täter, waren es mehrere? Fragen über Fragen, die Robert Graysmiths (Jake Gyllenhaal) Obsession füttern. Der Karikaturist und spätere Buchautor bewegt sich zunächst an der Peripherie der Ereignisse, müssten die eigentlichen Helden des Serienkillerfilms in diesem Fall doch der Inspektor David Toschi (Mark Ruffalo) oder der waghalsige Journalist Paul Avery (Robert Downey Jr.) sein. Graysmith avanciert jedoch bald zum Pendant all jener Ripperologen, deren Suche nach dem Mörder auch die Zeit nichts anhaben konnte. Das Genre auf seine Wurzeln zurückführend, zeichnet Fincher gleichzeitig ein stellenweise erschütterndes Bild der Taten und ihrer Auswirkungen auf San Francisco. Weniger reißerisch als viele Genrebeiträge (auch sein eigener „Sieben“), aber dafür eben ganz nah. Ein einfaches Picknick am See wird danach nie wieder dasselbe sein.

Che – Revolución & Guerilla (F/E/USA 2008)

Wäre „Ocean’s Eleven“ ein ernsthafter Arthouse-Film, würde er wahrscheinlich so ähnlich aussehen wie „Che“. Ein Film über professionelle Räuber, der von der Zusammenstellung des Teams bis zum Gelingen des Coups jeden Schritt minutiös nachzeichnet, eben weil Soderbergh, der Analytiker, dafür verantwortlich zeichnet. Was also war zu erwarten, als sich der Mann mit der abwechslungsreichen Filmografie daran machte, Che Guevara auf der Leinwand zu begegnen? Kein Biopic, denn „Che“ gehört  nicht zur „Erin Brokovich“-Sorte, sondern  entspringt vielmehr dem augenscheinlich entfremdenden „The Good German“-Soderbergh, der die Marketingabteilung des jeweiligen Studios gerne vor unlösbare Aufgaben stellt. Zum Ausklang eines Jahrzehnts, das von einem ganzen Biopic-Hype überfallen wurde, stellte sich Soderbergh gegen den Strom und lieferte statt der Aufarbeitung des Lebens einer Legende die Analyse zweier revolutionärer Kämpfe. Damit ist „Che“ eine der ungewöhnlichsten Annäherungsweisen an eine historische Persönlichkeit, da der filmische Doppelschlag sich der klassischen Narrativisierung des Lebensweges widersetzt. Es ist wohl einer der abgeklärtesten Blicke auf eine Legende, den man in Filmform finden kann. „In seinem Zweiteiler wühlt sich Soderbergh durch die Barrieren, welche die Mythenbildung mit sich bringt, um eine vielleicht nicht neue, aber vormals verschüttete Sicht auf Guevara zu gewähren. Er nähert sich dem Selbstbild eines Soldaten an, eines argentinischen Arztes, der in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Revolutionär wurde und als solcher 1967 in Bolivien starb. „Guerilla“ beweist, dass Soderbergh der perfekte Regisseur für diesen Job ist.“

Inglourious Basterds (USA/D 2009)

Mein persönliches Kinoereignis des Jahres. Nicht nur wegen Christoph Waltz und Mélanie Laurent. Nicht nur wegen des „Es war einmal…“ und der Konsequenz, mit der Quentin Tarantino diese Idee bis zum Ende führt. Nicht nur wegen großartiger Bilder, wie dem in Flammen aufgehenden Riesengesicht, der Aschenputtel-Szene und den zwei Männern, die sich in einer Holzhütte gegenüber sitzen und reden. Was als Nazi-Klopperei in den Trailern verkauft wurde, entpuppt sich als Tarantinos bei weitem ehrgeizigstes Projekt. In jeder Sequenz, jeder Einstellung spürt man seine Ambition, ein Werk epischer Proportionen auf die Leinwand zu bannen und es ist ihm gelungen. „Inglourious Basterds“ beweist, dass sich der einstige Posterboy der Postmoderne längst in eigenen Sphären mit einem unüberschaubaren System der (Selbst-)Referenzialität bewegt. Tarantinos Sprache – seine narrativen und metaphorischen Codes – ist das Kino und wo andere seiner Werke sich in Richtung semiotischer Spielereien, deren Strukturen interessanter sind, als die vermeintlichen Lebewesen, die sie verkörperten, bewegten, ist „Inglourious Basterds“ nicht „nur“ ein Film, sondern totales Kino geworden. Eines, das Gehirn ebenso anspricht wie das Herz. Ein wunderbares Werk, das dem amerikanischen und italienischen Western ebenso viel zu verdanken hat, wie der BRD-Trilogie Fassbinders und damit mal eben kinematografisch den Atlantik zu überspannen weiß.

10 Jahre // 15 Favoriten (2)

Nachdem ich die ersten fünf meiner Lieblinge der letzten zehn Jahre vorgestellt habe, geht es an dieser Stelle weiter mit dem zweiten Teil. Wie immer gilt: Diese Liste erhebt keinen Anspruch darauf, die „besten“ Filme herauszupicken, hingegen versteht sie sich eher als persönlicher Rückblick auf das ausgehende Jahrzehnt. Diskussionen sind natürlich trotzdem erwünscht!


Hero (HK/VRC 2002)

Ich gebe zu, meine Haltung zu „Hero“ ist eine zwiespältige. Hätte Zhang Yimou einfach nur kommerziellen Kitsch über die Gründung Chinas abgeliefert, würde die Antwort ganz klar lauten: Die Speerspitze der Fünften Generation hat sich dem Kommerz ergeben usw. Das Martial Arts-Epos „Hero“ ist aber bei weitem nicht so einfach abzuwatschen, wie es in den Feuilletons gern gepflegt wird. „Hero“ ist, anders als der nichtssagende Nachfolger „House of Flying Daggers“, ein Werk, dessen Subtext die Kontroverse geradezu herausfordert. Es geht um nichts geringeres als das Verhältnis des Bürgers zur staatlichen Autorität, sein Widerstandsrecht und die Verrechnung des Wohles des Einzelnen mit dem der Allgemeinheit. „Hero“ ist jedoch gleichzeitig ein Wuxia-Film, der gewissermaßen auf der „Tiger & Dragon“-Welle mitreitet, diese aber in eine andere Richtung führt. Die u.a. von King Hu geprägte Wuxia-Ästhetik der schwebenden Kämpfer wird aufgenommen, doch radikalisiert Zhang sie im Gegensatz zu Ang Lee, der sich auf die Integration moderner Spezialeffekte beschränkt hatte. Visuell ist „Hero“ ein bewegtes Gemälde, ein Farbenrausch, der am ehesten mit Wong Kar-Wais „Ashes of Time“ verglichen werden kann. Doch statt sich auf die Schauwerte zu beschränken, variiert Zhang die dem Wuxia-Genre innewohnende subversive Kraft auf diskussionswürdige Weise, indem er die staatliche Autorität in Gestalt des ersten Kaisers Qin Shihuangdi die Oberhand behalten lässt. Doch nicht nur das. Zhang lässt die Widerstandskämpfer, die wandernden Schwertkämpfer, im Grunde vor ihm niederknien, was angesichts des geschichtlichen Hintergrundes nicht nur der Einigung Chinas wegen getan wird, sondern auch noch einen autoritären Herrscher in seinem Amt und seinen Methoden bestätigt. In die Geschichte eingegangen ist der erste Kaiser schließlich nicht nur wegen der Reichseinigung, sondern  auch „legendärer“ Gräueltaten.

Elephant (USA 2003)

„Elephant“ ist ein Film, den ich wohl niemals vergessen werde. Es ist ein Film, den ich nur im Abstand von Jahren sehen kann und will. So geht es natürlich nicht jedem. Es gibt sicher genügend Menschen, die mit halbwegs objektivem Blick auf die Fehler und Vorzüge verweisen können, die ihn einordnen können in das Werk Gus van Sants, die sagen können, dass „Elephant“ das Mittelstück seiner Todestrilogie ist, mit der er sich selbst aus dem künstlerischen Niemandsland gezogen hat. Das alles ist schön und gut. Doch für mich ist „Elephant“ zuallererst eine Sammlung von Gefühlen und Reaktionen, die sich eingebrannt haben, deren Narben aber nicht verschwinden. Es sind Narben, die sich in den letzten Jahren verwoben haben mit Erinnerungen an den 26. April 2002 und die Tage danach. Als  an einem Freitag Nachmittag die Nachrichten aus Erfurt im Radio liefen und es am Montag darauf wieder in die Schule ging; man Leute traf, die jemanden kannten, der jemanden kannte, der auch das Gutenberg-Gymnasium besucht. Thüringen ist klein. Als die Lehrer wie erstarrt die Klassenräume betraten und im Grunde genauso ratlos waren wie wir, die wir da auf den Latein-, Mathe-, Deutschunterricht warteten und doch nur eine Antwort auf die Frage wollten: Was sollen wir jetzt tun?

Im ersten Semester an der Uni habe ich „Elephant“ zum ersten Mal gesehen. Allein zu Hause. Davor lag er von Staub benetzt mehrere Monate im Regal. Natürlich nicht, weil ich keine Zeit hatte. Und da waren sie wieder, diese Gefühle, denn „Elephant“ ist keine dokumentarische Wiedergabe eines Amoklaufs, sondern eine Film gewordene Verstörung.

Memories of Murder (ROK 2003)

Nachdem der Serienkillerfilm in den 90er Jahren durch „Das Schweigen der Lämmer“ und „Sieben“ in neue Höhen getrieben wurde, sah die Zukunft des Genres im neuen Jahrtausend eigentlich recht mau aus. Schließlich konnte einem manchmal schon das Gefühl beschleichen, dass es sich in einer langweilenden Endlosschleife nicht abbrechender Kopiervorgänge befindet. Dass „Memories of Murder“ nun als einer der wegweisenden Beiträge auf der Bühne erschien, liegt nicht daran, dass Bong Joon-ho („The Host“) etwas völlig neues, bisher ungesehenes erschaffen hat. Bong nimmt stattdessen etablierte Topoi der Vorgänger auf und formt daraus ein spezifisch koreanisches Endprodukt, welches sich letztendlich um die südkoreanische Militärdiktatur der 80er Jahre dreht, dieses Thema aber nie ins Rampenlicht stellt. Während die genannten wegweisenden Beiträge zum Genre ihre  am Anfang geradezu unschuldig wirkenden Inspektoren mit der Devise „Schaust du zu lange in den Abgrund…“ konfrontieren, ist den zwei Ermittlern (u.a. Song Kang-ho) in „Memories of Murder“ von Anfang an jedes Mittel recht, um zu einem Ergebnis zu kommen. Folter eingeschlossen. Erst als ein junger Kollege aus Seoul „moderne“ Methoden einbringt, kommt die Untersuchung langsam in Gang. Oder doch nicht?

Auf den kräftigen Schultern von Song Kang-ho ruht der Film, handelt es sich bei Song doch um einen Schauspieler, der wie kaum ein anderer das Gewöhnliche an seinen Figuren mit dem unzweifelhaft vorhandenen Charisma eines Stars verbinden kann. Ganz auf dessen Gesicht vertraut Bong Joon-ho in den letzten Minuten des Films und beweist damit auch, dass weniger manchmal mehr ist. Ein Film, den sich Park Chan-wook des öfteren anschauen sollte.

Throw Down (HK/VRC 2004)

„Throw Down“, Johnnie Tos persönliche Hommage an Akira Kurosawa („The greatest filmmaker“, wie es in den credits heißt), ist ein Film über Judo und wie in vielen anderen Sportfilmen auch stehen Träume und deren Verwirklichung im Mittelpunkt. Doch nicht irgendeinen Wettkampf muss Szeto (Louis Koo) gewinnen, sondern – und da gleicht er David Dunn in „Unbreakable“ – eigentlich sich selbst. Auf kaum einen Film trifft der Ausdruck „Der Weg ist das Ziel“ deshalb so gut zu, wie auf „Throw Down“, Tos,  neben „Sparrow“, verspieltesten und bisher wohl optimistischsten Film. In dessen Universum gibt es keine Waffen und auch keine (richtig) Bösen. Alle Konflikte werden durch ein paar Judo-Griffe gelöst. Im Verlauf von Szetos symbolischer Wiedergeburt verbeugt sich das farbenfrohe Märchen vor der Freundschaft und preist das existenzielle Bedürfnis, einen Traum zu haben, an. Ein Bedürfnis, das ist die Lehre des Films, welches selbst vom Scheitern nicht ausgelöscht werden darf. Es ist der rote Ballon in den Baumwipfeln, der verlorene Schuh auf der Straße und das vom Adrenalin hervorgerufene, breite Lächeln auf den Gesichtern der Kämpfer, als sie erschöpft auf der Matte liegen. Es sind unzählige solcher Momente, welche To hier aneinanderreiht, die „Throw Down“ zu nichts weniger als seinen schönsten und gleichzeitig erhabensten Film machen.

München (USA/CDN/F 2005)

Das war sicher nicht Steven Spielbergs Jahrzehnt! Große Filme hat er ja gedreht, deren Mängel aber kaum zu verbergen sind. „A.I.“ wird ungeachtet einiger Qualitäten immer die Frage anhängen, wie Stanley Kubricks Version ausgesehen hätte. „Minority Report“ hat trotz einiger netter Ideen den Science Fiction-Film auch nicht gerade neu erfunden und „Krieg der Welten“, so gut mir der auch gefallen mag, leidet an seinem fluffigen und typisch Spielberg’schen Ende. Von „Terminal“ und „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ gar nicht zu reden! Sonderlich aussagekräftig ist das Argument, „München“ sei Spielbergs bester Film der Dekade, also nicht. Im Rahmen des (Agenten-) Thrillers bewegt sich die Geschichte über die israelischen Vergeltungsaktionen nach der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972. Ohne (damals) große Stars gedreht, schreit „München“ weder als Blockbuster nach Aufmerksamkeit, noch ist der Film Spielbergs „Schindler’s Liste“ des neuen Jahrtausends. Doch Spielbergs unauffälligster Film der letzten zehn Jahre greift über seine Genrebarrieren hinaus, wird Kommentar zum Nahost-Konflikt, den er unmittelbar behandelt, und auch der amerikanischen Außenpolitik nach dem 11. September. Subtil ist das zu keiner Zeit, aber notwendig und auch noch hochspannend. Belehrt werden wir von „München“ nicht, denn eigentlich ist Spielbergs Thriller keine didaktische Abhandlung, sondern ein Blick der Trauer und Resignation auf die Vergangenheit und die Gegenwart, der von dem großen Filmemacher in dieser Form nicht zu erwarten gewesen war.

10 Jahre // 15 Favoriten (1)

Das Jahrzehnt ist zwar nicht vorbei, aber da ich in den nächsten Wochen dank meiner Magisterarbeit sowieso nicht wirklich viel Zeit für Kino/Videoabende/Sozialleben habe, gibt es jetzt schon einen äußerst subjektiven Rückblick auf die vergangene Dekade. Betont wird, dass es sich hierbei um eine Art Lieblings-, nicht Bestenliste handelt. Die ausgewählten 15 Filme haben das ausgehende Kinojahrzehnt für mich in vielerlei Hinsicht geprägt. Größtenteils handelt es sich um Werke, die seit Jahren in meiner ewigen Bestenliste Staub fangen und diesen Status auch nach unzähligen Sichtungen – im Gegensatz zu anderen – nicht verloren haben. Wieder andere mögen noch jung im Gedächtnis sein, haben dort aber einen beträchtlichen Eindruck hinterlassen, von dem natürlich nicht sicher ist, ob er auf Dauer bestehen wird. Für den ein oder anderen gibt es hier vielleicht ein paar Empfehlungen zu entdecken oder einfach eine Anregung, sich selbst mal Gedanken über die Filme der letzten Jahre zu machen und der Welt seine Lieblinge mitzuteilen. Über unverständliche Platzierungen darf natürlich trotzdem diskutiert werden.

Auf geht’s mit Teil 1!


In the Mood for Love (HK/F 2000)

Ob Wong Kar-Wai nach seinem ge- scheiterten Amerikaausflug „My Blueberrry Nights“ zu alter Form zurückfindet, wird die Zeit und sein Ip Man-Biopic „The Grand Master“ zeigen. Unbestritten ist jedoch, dass sein Einstand zum neuen Jahrtausend, „In the Mood for Love“, ihn auf dem Höhepunkt seiner Kunst zeigt. Wongs Vorliebe für die – nicht nur chinesische – Popkultur, fast ausnahmslos tragische Liebesgeschichten und das Hongkong seiner Jugend, welches er bereits im inoffiziellen Vorgänger „Days of Being Wild“ besucht hatte, werden hier noch einmal rekapituliert. Doch anstatt sich in der Reflexion des eigenen Werkes zu verlieren, lässt Wong seine gehetzte Großstadtromantik fallen und erzählt auf geradezu spartanisch engem Raum von zwei Gefangenen, die die offen stehenden Türen ihrer Zellen einfach nicht durchschreiten können. Stilistisch ein großartiger Beweis für die gern übersehene Vielfalt in Wongs Oeuvre. Schauspielerisch ausgezeichnet mit einem der schönsten unter den ikonischen Liebespaaren der Filmgeschichte: Maggie Cheung und Tony Leung.

Unbreakable (USA 2000)

Die Geschichte von M. Night Shyamalans Aufstieg und Niedergang ist schon ein alter Hut. Abnutzungsspuren, die daher rührten, dass das damalige Wunderkind sich selbst mangels abwechslungsreicher Filmauswahl unter eine Tonne Klischees und Erwartungen (Wo bleibt der Twist?) hat begraben lassen, wurden spätestens bei „Signs“ sichtbar. Doch davor wandte er sich einem Genre zu, welches das Jahrzehnt auf damals ungeahnte Weise dominieren sollte. „Unbreakable“ ist ein Film über Superhelden und das Medium, in dem sie groß geworden sind: Comics. Doch es ist eine Heldengeschichte, deren Wurzeln weniger in einem alternativen Universum als dem grauen, größtenteils ereignislosen Alltag liegen. David Dunn (Bruce Willis) steckt immherin in einer betäubenden Midlife Crisis, die von unerfüllten Träumen und einer zerütteten Ehe genährt wird. Shyamalan folgt bei der Schilderung der Genese des Superhelden der bekannten Konstruktion des Initiationserlebnisses, dem die widerwillige Entdeckung der eigenen Kräfte folgt und schließlich die Erkenntnis und Verwirklichung der eigenen Berufung. Doch „Unbreakable“ ist eben auch ein Film über einen Mann, der den Sinn seines eigenen Lebens vergessen hat und neu entdecken muss. Der eingängige Score von James Newton Howard, sowie die Shyamalan-typische, auf erfrischender Statik aufbauende Kameraarbeit von Eduardo Serra mit einem Hang zum Formalismus, bilden weitere Pluspunkte des Films. Ohne Fehler ist dieser bestimmt nicht; das Ende ist überstürzt, der Plot bewegt sich auf dünnstem Eis. Aber auch mit zehn Jahren Abstand bleibt „Unbreakable“ eine der ungewöhnlichsten Umsetzungen eines in den Jahren danach (zu) oft beackerten Genres.

Donnie Darko (USA 2001)

Ein Kultfilm via DVD, speist sich die Faszination um Richard Kellys am- bitioniertem Erstling natürlich zunächst einmal aus der Deutungsvielfalt der stellenweise kryptischen Geschichte, für deren Verständnis Grundkenntnisse in der Zeitreisephilosophie nicht gerade störend sind. Nachdem ich mir damals den Film mühsam als UK-Import besorgt und mich durch die englischen Untertitel noch mit Hilfe eines Wörterbuchs gequält habe, wurden erstmal die Message Boards bei der IMDb konsultiert, um die Verwirrung zu lindern. Die Geschichte um einen psychisch labilen Jugendlichen (Jake Gyllenhaal), dem das Ende der Welt prophezeit wird, ist eine seltsame Sci Fi-Mischung aus „Die letzte Versuchung Christi“ und „Der Fänger im Roggen“ und gleichzeitig etwas ganz anderes, monumentales, unbeschreibliches. Kellys Entscheidung, die späten 80er Jahre als Hintergrund zu nehmen, erweist sich nicht nur dank des großartigen Soundtracks (Echo & the Bunnymen, Joy Division, Duran Duran) als Geniestreich. So unwirklich und verträumt die damalige Vorstadtwelt im Film wirkt, überzeugt dieser v.a. durch seinen Coming of Age-Hintergrund, was ihn zu einem düsteren Bruder der John Hughes-Filme macht. Anders als Kellys überladener Nachfolger „Southland Tales“ verharrt „Donnie Darko“ trotz der komplexen Geschichte nicht auf dem Status eines sterilen Forschungsobjekts, ist stattdessen vielmehr einer der besten Teenagerfilme der letzten Jahre.

Lantana (AUS/D 2001)

Eine Frau liegt tot in den Büschen von Sydney. Ihr Gesicht sehen wir nicht. Das ist der Auftakt von „Lantana“, einem Beziehungsfilm mit einem Krimigerüst. Denn in den nächsten zwei Stunden wird uns Regisseur Ray Lawrence einige Paare mit all ihren Problemen und Geheimnissen vorstellen, uns raten und bangen lassen, wer da am Ende in den Sträuchern liegen wird. Unspektakulär, aber mit einer unheilschwangeren Stimmung versehen, lässt uns Lawrence die von Fehlern gepflasterten Irrwege seiner Hauptfiguren folgen, von denen nur manche am Ende eine zweite Chance erhalten werden. Mittelpunkt des Ensemblefilms ist Anthony LaPaglia, der, wenn er mal nicht das Fernsehen in „Without A Trace“ mit seiner Anwesenheit beehrt, im Kino nur selten Gelegenheit hat, zu beweisen, was in ihm steckt. LaPaglia spielt den in die Jahre gekommenen Cop Leon, der sein Familienleben mit einer Affäre auf’s Spiel setzt und aus Frust Verdächtige schon mal zusammenschlägt. Unzufriedenheit und wohl auch Schuldgefühle scheinen diesen Mann von innen dermaßen zu verzehren, das jederzeit die Implosion droht. Es ist die Meisterleistung LaPaglias, dass wir Leons abstoßende Seite zuerst präsentiert bekommen, diese auch nie ganz verschwindet und er uns dennoch nicht vom Geschehen entfremdet. Leon ist eben, wie die anderen Figuren in „Lantana“ auch, ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Der Herr der Ringe: Die Gefährten (USA/NZ 2001)

„Die Gefährten“ habe ich viermal im Kino und zwischen fünfzehn und zwanzig Mal auf Video, im Fernsehen und auf DVD gesehen. Von den anderen beiden Teilen kann ich das nicht behaupten. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Bücher von J.R.R. Tolkien erst nach Kenntnis dieses Films gelesen habe und die Überwältigung des ersten Kinobesuchs einfach nicht reproduzierbar ist, wenn man die ganze Geschichte kennt, anfängt über Auslassungen nachzudenken usw. Vielleicht ist „Die Gefährten“ aber auch der beste Teil der Filmreihe von Peter Jackson. Howard Shores Score ist gepflastert von  Melodien für die Ewigkeit. Die Gefährten sind noch neun an der Zahl. Wir sehen Bilbo, das Auenland, das von den Ringgeistern heimgesucht wird, Bruchtal, das Nebelgebirge, Moria, Galadriel, bis hin zum Blick auf das ferne Mordor, das den Zuschauer als dunkle Bedrohung in den Abspann geleitet. Es ist der Teil mit dem geringsten Pathos, den wenigsten Schlachten, dem kleinsten Arwen-Aragorn-Anteil und der längsten Reise. Eine, die uns Mittelerde mit all seinen Völkern, ob gut oder böse, kennen und lieben lernen lässt. Peter Jackson hat mit diesem Film das Fantasy-Kino wieder salonfähig gemacht und zu Beginn des neuen Jahrtausends bewiesen, dass der Umgang mit digitalen Effekten auch anders funktionieren kann als beim leblosen Kitsch eines George Lucas. Mittelerde ist zum Anfassen nah und vielleicht macht es ja auch deswegen soviel Spaß, immer wieder dorthin zurück zu kehren.