Videoessay: Jim Emerson, Salt & die Kohärenz in Actionszenen

Letzte Woche hat Jim Emerson eine Actionsequenz aus The Dark Knight auseinandergenommen, um aufzuzeigen, dass es Christopher Nolans Inszenierung an räumlicher Kohärenz mangelt. Dass das „Gemecker“ über den Zustand des modernen Actionfilms aus Hollywood nicht auf alle Vertreter zutrifft, zeigt nun der zweite Teil der Videoessay-Reihe „In the Cut“. In der verhandelt Jim Emerson an Hand einer beeindruckenden Sequenz aus Salt von Phillip Noyce, wie kohärente Action funktionieren kann und was Kohärenz (nicht) mit Realismus zu tun hat.

Kontrapunkt: Kino pur VII

Mangels Kreativität schwillt die Zahl hinter dieser fast schon als Unterrubrik zu bezeichnenden Reihe immer weiter an und es sei im Folgenden das ein oder andere Mal auf die eine oder andere Kritik verwiesen. „Postmodern, aber ohne Zitat – geht das?“, fragte er. „Keine Ahnung“, entgegnete ich.

Monsters (GB 2010)

Ein fieses, kleines Monsterfilmchen, das sein bescheidenes Budget effektiv nutzt und unter anderem Effekte zaubert, die den Vergleich mit der Genrekonkurrenz im „Aliens auf der Erde“-Subgenre à la „District 9“ nicht zu scheuen braucht. Die Story um ein Mann und Frau, die sich durch das von gefährlichen Aliens bevölkerte Mexiko zurück in die USA begeben müssen, hält mit Seitenhieben zur us-amerikanischen Außenpolitik nicht hinterm Berg und enttäuscht nur am abrupten Ende etwas, da dann so etwas wie Originalität ziemlich fehlt. Insgesamt aber trotz ein paar Logiklöchern spannend und stimmungsvoll, wie man auch in meiner Kritik beim MANIFEST nachlesen kann.

The Tourist (USA/F 2010)

Es war einmal ein deutscher, hünenhafter Regisseur, der nach Hollywood kam, um seinen Oscar abzuholen. Das fand er so geil, dass sich sein blaues Blut rot färbte und er gleich mal mit Tom Cruise und seinen Kiddies Plätzchen gebacken hat. Doch nachdem ihm mieser Stoff um miesen Stoff unter die Nase gerieben wurde (hoffentlich kein Koks!), entschied er sich dafür, ein schon durch viele Hände gegangenes Drehbuch und zugleich Remake eines französischen Films, den keiner kennt, zu inszenieren. Das tat er dann, mit Angelina Jolie und Johnny Depp, die entsprechend ihres Nachnamens besetzt wurden. Sie: très jolie und er als der Depp. Die entfesseln eine leidlich unterhaltsame Hatz durch Venedig, stets mit hübschen Schauplätzen garniert, aber trotzdem vollkommen farblos. Der Regisseur fand das aber so strahlend, so leicht, so glänzend… – wie Taubenschiss auf dem Markusplatz. Adliger Edelmut tut halt selten gut. Ein bekannter Berliner Filmblogger-Kollege hat es hier noch pointierter auf dem Punkt gebracht, ich war bei MovieMaze hingegen etwas milder.

Der General (USA 1926)

Ähnlich wie „Metropolis“ galt der von Buster Keaton selbst finanzierte „Der General“ zunächst aufgrund riesigen Budgets und niedriger Einspielergebnisse als Flop, doch wurde er später als ein Meisterwerk rehabilitiert. Der Film, den ich am Sonntag im Lichtspielhaus in Weimar mit Live-Klaviermusik genießen durfte, überzeugt mit seinem Tempo und seiner aufwendigen Inszenierung (Highlight: ein Zug – kein Modell! – stürzt von einer Brücke in einen See) bis heute. Bedenkt man, dass sich ein Großteil der Handlung auf fahrenden Zügen abspielt, ist die Ruhe der Kamera für die damalige Zeit ebenso bemerkenswert wie die finale Schlacht. Keaton spielt den Lokomotivführer Johnnie Gray, der zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs unter zahlreichen Verwicklungen seine Geliebte Annabelle Lee aus den Klauen der Nordstaatler befreit. Dies tut er natürlich nicht ohne eine Vielzahl von Slapstickeinlagen, die er mit seiner gewohnt eisernen Mine vorträgt. Ein großartiger, bisweilen köstlicher Film!

Die Legende von Beowulf (USA 2007)

Einen Film aus Robert Zemeckis‘  Digitalschmiede im Anschluss an den visuellen Genuss des Billion Dollar Babies „Avatar“ vorgesetzt zu bekommen, ist ein schwieriges Los. Liest man die vielen positiven Kritiken über Die Legende von Beowulf, fällt es aus heutiger Sicht schwer, die geäußerte Begeisterung für die fortschrittlichen Effekte nach zu empfinden. „Beowulf“ ist nämlich mehr noch als viele andere Effekt-schwangere Werke ein historisches Erlebnis, ganz einfach weil der Film so schnell überholt wurde von der Zeit. Man könnte sagen, er sei schlecht gealtert, man könnte aber auch einwerfen, dass bereits zu seiner Veröffentlichung vor rund drei Jahren „Beowulf“ ein technisch gescheitertes Werk gewesen ist. Im Gegensatz zum „Polarexpress“ und der späteren „Weihnachtsgeschichte“ von den selben Machern, ist Zemeckis‘ „Beowulf“ ein Film für Erwachsene, keinesfalls ein Abenteuer für Jung und Alt. Die Altersfreigabe (FSK 12) mag dem widersprechen, doch die erotisierte Stimmung im Film, deren Personifizierung – ja sinnbildliche Verkörperung – Angelina Jolies wohlgeformter Wasserdämon darstellt, wird durch eine für  den Animationsfilm überraschende Brutalität ergänzt. Psychoanalytisch ausgedrückt: Eros und Thanatos, Lebens- und Todestrieb, machen in diesem Falle jedes unschuldige Märchen zu Nichte.

All das ist natürlich von den Verantwortlichen gewollt. Durch die Schilderung des ausschweifenden Lebens der Krieger und ihrer unzähligen Frauen führt der Film uns ein in die Welt um 600 n. Chr., in welcher der betrunkene König (Anthony Hopkins) halbnackt zur Freude aller vor seinem Thron hin uns her wankt. Das laszive heidnische Leben wird natürlich in der selben Sequenz bestraft durch den brutalen Angriff des Monsters Grendel (Crispin Glover), welches von den lauten Feierlichkeiten in Rage versetzt wird. Grendel ist einerseits ein Sagenwesen, für welches das sich annähernde Christentum keinen Platz hat außer jenem im Grab, doch im selben Moment fungiert es als Racheengel für eine moralische Übertretung, für eine Versündigung. Denn einst hatte der König Grendel gezeugt mit einer Hexe (Jolie). Er war der Verführung der Frau (Eva und Schlange zugleich) verfallen. In seiner Not ruft der Schuldige nach einem Helden, der sein Volk befreit von dem Monster und siehe da! Beowulf (Ray Winstone – digital geliftet und leider kaum wiederzuerkennen) kommt mit seinen Mannen (u.a. Brendan Gleeson), um sich diesem zu stellen. Beowulf ist ein nordischer Krieger durch und durch, ein jüngeres Abbild des Königs. Zemeckis‘ Film treibt diesen Aspekt weiter als die Vorlage, um eine im Mainstream-Kino obligatorische erzählerische Einheit zu schaffen. Zwar erlegt Beowulf Grendel, doch damit ist das Übel längst nicht ausgestanden.

In der mitleidigen Darstellung des deformierten Grendel findet sich eine nachvollziehbare Modernisierung des Stoffes, sind wir doch heutzutage nach ambivalenten Widersachern scheinbar süchtig. Die gleiche Vielschichtigkeit kommt auch dem Helden in der zweiten Hälfte des Films zu, so dass die Story etwas Vertiefung erlangt abseits des klassischen Held-erschlägt-Monster-Motivs, welches an dem Heiligen Georg denken lässt. Die Drehbuchautoren Neil Gaiman und Roger Avary betonen außerdem mit Hilfe erzählerischer Freizügigkeiten die christliche Moral des Films. Nicht von ungefähr steht der verführerischen Hexe (lies: Hure), deren Höhle vor Sexualmetaphern nur so strotzt, die unter ihren wollüstigen Männern leidende Königin (Robin Wright Penn) gegenüber, welche gegen Ende des Films, von einem Geistlichen begleitet, zum Symbol christlicher Tugend, zur symbolischen Mutter ohne Kind wird. Im Aussehen Grendels zeigt sich, wo der Samen des Mannes hingehört hätte.

„Beowulf“ ist dank des Drehbuchs nicht nur auf Schauwerte aus, wenn auch die Technik mit jeder Speerspitze, jeder Träne auf den Wangen der animierten Figuren in den Vordergrund gerückt wird. Doch all das nützt nichts, denn die „Legende“ kommt nie über den Widerspruch zwischen jenen technischen Kinderschuhen, in denen sie steckt und ihrer, wenn auch mit Action geladenen, vor allem ernsten Thematik hinweg. Abseits der Großaufnahmen herrscht in dem Film das Gewusel lebloser Augen, unglaubwürdiger Oberflächen (Diese schreckliche aufgemalte Haut!) und unnatürlich langsam gleitender Bewegungen. Als hätte Zemeckis 1907 ein Musical gedreht, ist sein Film ein dramaturgisch-technisches  Himmelfahrtskommando. Animierte Drachen, Stop-Motion-Drachen, gezeichnete Drachen bergen in sich allenfalls ein Problem des Bedrohungspotenzials für den Zuschauer. Menschen aber, die müssen durch Menschen als Menschen akzeptiert werden. Kein Wunder eigentlich, das Jolies Wasserdämon in Frauengestalt hier noch das glaubwürdigste Geschöpf auf zwei Beinen ist.